Hermann von Neuenahr

Graf von Moers (1520-1578)

Martin Bock (Frechen)

Hermann von Neuenahr, Skulptur am Kölner Rathausturm, 1991, Bildhauer: Karl Josef Dierkes. (Stadtkonservator Köln)

Graf Her­mann von Neue­nahr war ei­ne der ein­fluss­reichs­ten Per­sön­lich­kei­ten Kur­k­ölns im 16. Jahr­hun­dert. Sein Bio­graph Hei­ner Fau­len­bach nann­te ihn die „mar­kan­tes­te Ge­stalt un­ter den deut­schen Gra­fen“, der rö­mi­sche Nun­ti­us Bar­to­lo­meo Por­tia (1525-1578) be­rich­te­te, es ge­be „kein[en] ge­fäh­r­er­li­che­re[n] Hä­re­ti­ker in ganz Deutsch­lan­d“. Her­mann ver­kör­per­te ei­nen im 16. Jahr­hun­dert lang­sam aus­ster­ben­den Ty­pus des Ad­li­gen: oh­ne im Kur­fürs­ten­tum mit ei­nem for­mel­len Amt am oder Man­dat aus­ge­stat­tet ge­we­sen zu sein, nahm er al­lei­ne auf­grund sei­nes Sta­tus, vor al­lem aber auf­grund sei­ner Per­sön­lich­keit und sei­nes aus­ge­dehn­ten fa­mi­liä­ren und po­li­ti­schen Netz­werks er­heb­li­chen Ein­fluss auf die Po­li­tik im Erz­stift. Und auch sein Er­be soll­te noch weit über sei­nen Tod hin­aus für ein ho­hes Kon­flikt­po­ten­ti­al sor­gen.

Her­mann wur­de am 28.10.1520 ge­bo­ren. Als Sohn des kur­k­öl­ni­schen Erb­hof­meis­ters, Graf Wil­helm II. von Neue­nahr (1497-1552), und der Grä­fin An­na von Wied (1500-1528) ge­hör­te er nicht nur zum erz­stif­ti­schen Gra­fen­kol­le­gi­um, das ne­ben Dom­ka­pi­tel, Rit­tern und Städ­ten ei­ne mäch­ti­ge Land­stand­schaft bil­de­te, son­dern ver­füg­te auch über ein aus­ge­zeich­ne­tes fa­mi­liä­res Netz­werk in der Re­gi­on, das ihm zu sei­ner über­aus ein­fluss­rei­chen Rol­le ver­half. Über sei­ne Gro­ß­mut­ter, Wal­bur­ga von Man­der­scheid (1460-1526), der Ehe­frau des Gra­fen Wil­helm I. von Man­der­scheid (1433-1499), war Neue­nahr mit der mäch­ti­gen und weit ver­zweig­ten Ei­fel­dy­nas­tie ver­wandt. Sei­ne Mut­ter, bei­läu­fig ei­ne Nich­te des Erz­bi­schofs Her­mann von Wied, brach­te als Erb­teil die nie­der­rhei­ni­sche Graf­schaft Mo­ers mit.

 

Her­manns gleich­na­mi­ger On­kel (1482-1530) zähl­te zu den füh­ren­den in­tel­lek­tu­el­len Köp­fen Kur­k­ölns. Durch sei­ne Über­set­zun­gen und Um­dich­tun­gen an­ti­ker Schrif­ten und bib­li­scher Psal­men ge­noss er den Ruf ei­nes an­er­kann­ten klas­si­schen Ge­lehr­ten. Als ei­ner der we­ni­gen ad­li­gen Dom­her­ren sei­ner Zeit hat­te er in­ten­si­ve hu­ma­nis­ti­sche Stu­di­en un­ter an­de­rem bei Jo­han­nes Cae­sa­ri­us (1468-1550) ab­sol­viert und un­ter­hielt en­ge Kon­tak­te et­wa zu Eras­mus von Rot­ter­dam (1465-1536), Ul­rich von Hut­ten (1488-1523) oder Jo­hann von Vlat­ten (1498-1562). An der Aus­bil­dung sei­nes Nef­fen nahm er of­fen­bar in­ten­siv An­teil und be­grün­de­te des­sen eras­mia­ni­sche Geis­tes­hal­tung mit. Über den kon­kre­ten Ver­lauf sei­ner Aus­bil­dung ist je­doch nichts be­kannt. Mög­li­cher­wei­se hielt er sich zu Stu­di­en­zwe­cken auch in Frank­reich auf, je­den­falls fie­len im­mer wie­der sei­ne her­vor­ra­gen­den Sprach­kennt­nis­se auf. Erst 1535/1536 er­scheint er als Ver­tre­ter des Köl­ner Erz­bi­schofs bei den Ver­hand­lun­gen zwi­schen Kur­k­öln und Jü­lich-Kle­ve über Fra­gen der Kir­chen­re­form. Von 1542 bis 1544 dien­te er in der kai­ser­li­chen Ar­mee und be­glei­te­te Karl V. (Re­gie­rungs­zeit 1519-1556) in sei­nem drit­ten Feld­zug ge­gen den fran­zö­si­schen Kö­nig Franz I. (1494-1547). Spä­ter reis­te er mit dem Kai­ser auch nach Ni­j­me­gen und Brüs­sel, wo er sei­ne hö­fi­schen Um­gangs­for­men ver­voll­komm­ne­te.

Nach dem Tod des Va­ters trat Her­mann im Jahr 1552 die Re­gie­rung an. Ne­ben Si­che­rungs­maß­nah­men ge­gen die re­gel­mä­ßi­gen Über­flu­tun­gen des Rhei­nes galt sein Haupt­au­gen­merk der Durch­füh­rung der Re­for­ma­ti­on, die sein Va­ter be­reits be­gon­nen hat­te. Für die Lan­des­her­ren des 16. Jahr­hun­derts be­deu­te­te die Re­for­ma­ti­on vor al­lem auch die po­li­ti­sche Mög­lich­keit, Kir­chen­gü­ter ein­zu­zie­hen und als Lan­des­bi­schof viel­fäl­ti­ge Ein­fluss­mög­lich­kei­ten auf die Un­ter­ta­nen zu ge­win­nen. Wil­helm II. war da­bei eher vor­sich­tig vor­ge­gan­gen, und auch Her­manns Kir­chen­po­li­tik war eher mo­derat, wenn auch ziel­stre­bi­ger und gründ­li­cher. So nahm er bei­spiels­wei­se die Sä­ku­la­ri­sa­ti­on meh­re­rer Klös­ter vor, ein Schritt, vor dem sein Va­ter noch zu­rück­ge­schreckt war und der Her­mann die ein­gangs zi­tier­te har­sche Kri­tik Por­ti­as ein­brach­te. 1560/1561 er­ließ er für die Graf­schaft Mo­ers und sei­ne Herr­schaft Bed­burg ei­ne lu­the­risch-me­lan­chtho­ni­sche Kir­chen­ord­nung, die in der Tra­di­ti­on sei­nes Gro­ßon­kels Her­mann von Wied und des­sen ge­schei­ter­ten Re­for­ma­ti­ons­ver­su­ches im Erz­stift stand. Schon die­ses Be­mü­hen hat­te Her­mann als jun­ger Mann un­ter­stützt und über die Fa­mi­lie sei­ner Frau, Mag­da­le­na von Nas­sau-Dil­len­burg (1522-1567), die er 1538 ge­hei­ra­tet hat­te, be­ein­flusst.

Ob­wohl er sich da­mit öf­fent­lich zur Con­fes­sio Au­gustana be­kann­te, blieb Her­mann zeit­le­bens in kai­ser­li­chen Diens­ten und ein wich­ti­ger Be­ra­ter ins­be­son­de­re Ma­xi­mi­li­ans II. (Re­gie­rungs­zeit 1562-1576), der wohl ins­ge­heim selbst zum Pro­tes­tan­tis­mus neig­te und nur der po­li­ti­schen Ord­nung hal­ber ka­tho­lisch blieb. In des­sen Auf­trag nahm er et­wa an den Reichs­ta­gen zu Spey­er im Jahr 1570 so­wie in Re­gens­burg im Jahr 1576 teil, er­füll­te aber vor al­lem wich­ti­ge Auf­ga­ben als Kom­mis­sar im Nie­der­rhei­nisch-West­fä­li­schen Reichs­kreis. In die­ser Funk­ti­on hat­te er es auch im­mer wie­der mit dem weit über das ei­gent­li­che Erz­stift hin­aus ver­streu­ten Grund­be­sitz des Erz­bi­schofs und des Köl­ner Dom­ka­pi­tels zu tun und pfleg­te von da­her in­ten­si­ve Kon­tak­te in die Füh­rungs­zir­kel des Kur­fürs­ten­tums. Dass er die­se zur Durch­set­zung ei­ge­ner In­ter­es­sen nutz­te, ge­hört bei­na­he selbst­ver­ständ­lich zum We­sen des früh­neu­zeit­li­chen Ad­li­gen. So soll Her­mann et­wa 1562 die Wahl Fried­richs von Wied zum Köl­ner Erz­bi­schof for­ciert ha­ben; die ge­le­gent­lich zu le­sen­de Be­grün­dung, Her­manns En­ga­ge­ment in die­ser Sa­che sei auf Fried­richs an­geb­li­che evan­ge­li­sche Ge­sin­nung zu­rück­zu­füh­ren, er­scheint je­doch nicht zu­tref­fend. Viel­mehr war Wied ein On­kel Her­manns von Neue­nahr, was zum ei­nen die Rol­le ver­wandt­schaft­li­cher Ver­flech­tun­gen für ad­li­ges Han­deln in der Frü­hen Neu­zeit un­ter­streicht. Zum an­de­ren wird im Ge­samt­zu­sam­men­hang deut­lich, dass die Rol­le der Kon­fes­si­on zu­min­dest als tren­nen­des Ele­ment im 16. Jahr­hun­dert schwä­cher war als von der For­schung lan­ge Zeit an­ge­nom­men.

Über Her­manns ei­ge­ne Re­li­gio­si­tät gibt ein Zi­tat des spa­ni­schen Hof­pre­di­gers Lo­ren­zo de Vil­la­vicen­cio (1501-1581) Auf­schluss: „Wenn er mit Ka­tho­li­ken ver­kehrt, ist er in Wor­ten und Ta­ten ein Lu­the­ra­ner, und wenn er mit Lu­the­ra­nern ver­kehrt, ist er in glei­cher Wei­se Ka­tho­lik, und wenn er be­trun­ken ist, glaubt er we­der an Gott noch an den Teu­fel.“ Die Be­wah­rung grö­ßt­mög­li­cher kon­fes­sio­nel­ler Neu­tra­li­tät nach au­ßen soll­te die Hand­lungs­spiel­räu­me des stets vom be­nach­bar­ten spa­ni­schen-nie­der­län­di­schen und da­mit ka­tho­lisch-pro­tes­tan­ti­schen Kon­flikt be­droh­ten Ter­ri­to­ri­ums of­fen hal­ten. Gleich­zei­tig wird die in­ne­re Un­ge­bun­den­heit, ja viel­leicht so­gar ein im emo­tio­na­len Sinn re­li­giö­ses Des­in­ter­es­se deut­lich, wie es bei vie­len sei­ner Stan­des­ge­nos­sen auch in den kirch­li­chen Gre­mi­en wie den Dom­ka­pi­teln an­zu­tref­fen war.

Die kon­fes­sio­nel­le Di­men­si­on frei­lich gab bei ei­ner spä­te­ren Bi­schofs­wahl durch­aus den Aus­schlag für Her­manns en­er­gi­sches Ein­grei­fen. Als Sa­len­tin von Isen­burg als Kur­fürst und Erz­bi­schof re­si­gnier­te, setz­te Neue­nahr al­les dar­an, den Her­zog Ernst von Bay­ern als Nach­fol­ger zu ver­hin­dern. Schwer von der Gicht ge­plagt, ließ er sich mehr­fach auf ei­ner Sänf­te ins Dom­ka­pi­tel tra­gen und rang den Ka­pi­tu­la­ren die Wahl des zwar ka­tho­li­schen, aber li­ber­tär ge­sinn­ten Geb­hard Truch­sess von Wald­burg mit ei­ner Stim­me Mehr­heit ab. Die aus des­sen zwei­tem kur­k­öl­ni­schen Re­for­ma­ti­ons­ver­such 1582/1583 re­sul­tie­ren­den Ver­stri­ckun­gen und Aus­ein­an­der­set­zun­gen er­leb­te Her­mann nicht mehr. Er starb am 12.10.1578. Da sei­ne Ehe kin­der­los ge­blie­ben war, ging sein nicht un­er­heb­li­ches Er­be an sei­ne Schwes­ter Wal­bur­ga (1522-1600) und de­ren zwei­ten Ehe­mann Adolf von Neue­nahr (1554-1589), ei­nen Ver­wand­ten aus ei­ner an­de­ren Sei­ten­li­nie von Her­manns ei­ge­nem Ge­schlecht. Die­ser starb 1589 im Lau­fe des Köl­ni­schen Krie­ges als nie­der­län­di­scher Statt­hal­ter, wes­halb die Ge­ne­ral­staa­ten bis zum En­de des Kon­flik­tes die In­ter­es­sen sei­ner Wit­we ver­tra­ten und da­mit ei­nen Ne­ben­schau­platz des Köl­ni­schen be­zie­hungs­wei­se Spa­nisch-Nie­der­län­di­schen Krie­ges er­öff­ne­ten.

Her­mann von Neue­nahr selbst ge­hör­te je­doch si­cher­lich zu den­je­ni­gen Fürs­ten, die den Frie­den im Reich tru­gen und am Le­ben hiel­ten. Zwar war er im­mer wie­der mit Ve­he­menz für die Vor­rech­te sei­nes Stan­des ein­ge­tre­ten; al­ler­dings küm­mer­ten ihn kon­fes­sio­nel­le Kon­flik­te nur in­so­fern, als wie sie die­se Ei­gen­in­ter­es­sen be­rühr­ten. Die Zu­spit­zung des Re­li­gi­ons­kon­flikts in der ers­ten Hälf­te des 17. Jahr­hun­derts muss der nach­fol­gen­den Fürs­ten­ge­ne­ra­ti­on zu­ge­schrie­ben wer­den, die be­mer­kens­wer­ter­wei­se häu­fig auch we­ni­ger ge­bil­det im hu­ma­nis­ti­schen Sin­ne war.

Literatur (Auswahl)

Be­cker, Tho­mas P., Mo­ers im Zeit­al­ter der Re­for­ma­ti­on, in: Wens­ky, Mar­g­ret (Hg.), Mo­ers. Die Ge­schich­te der Stadt von der Früh­zeit bis zur Ge­gen­wart, Band 1, Köln/Wei­mar/Wien 2000, S. 159-269.

Bock­mühl, Pe­ter, Her­mann und Wal­bur­gis von Nu­e­nar und der Abt Hein­rich V. von Ver­den, in: Mo­nats­hef­te für Rhei­ni­sche Kir­chen­ge­schich­te 4 (1910), S. 193-203.

Fau­len­bach, Hei­ner, Her­mann von Neue­nahr (1520-1578), in: Rhei­ni­sche Le­bens­bil­der 8 (1980), S. 105-123.

Mül­ler, Carl, Die letz­ten Gra­fen von Neue­nahr-Mo­ers, in: Hei­mat-Jahr­buch für den Land­kreis Ahr­wei­ler 1965, S. 89-93.

Schnei­der, An­dre­as, Der Nie­der­rhei­nisch-West­fä­li­sche Reichs­kreis im 16. Jahr­hun­dert. Ge­schich­te, Struk­tur und Funk­ti­on ei­nes Ver­fas­sungs­or­ga­nes des al­ten Rei­ches, Düs­sel­dorf 1985.

Online

Alt­mann, Hu­go, Neue­nahr, Her­mann der Jün­ge­re von Neue­nahr und Mo­ers, in: NDB 19 (1999), S. 109.

Wa­me­cke, Hans, Die Gra­fen von Neue­nahr und die kon­fes­sio­nel­le Glie­de­rung im Ahr­tal.

Hermann von Neuenahr, Skulptur am Kölner Rathausturm, 1991, Bildhauer: Karl Josef Dierkes. (Stadtkonservator Köln)

 
Zitationshinweis

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Bock, Martin, Hermann von Neuenahr, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hermann-von-neuenahr/DE-2086/lido/57c82cbe519835.03720710 (20.10.2018)