Jürgen Rühle

Journalist, Lektor und Fernsehredakteur (1924-1986)

Birgit Bernard (Heidelberg)

Porträtfoto von Jürgen Rühle, undatierte Aufnahme. (WDR im Bild)

Jür­gen Rüh­le war Jour­na­list und Kul­tur­re­dak­teur, Ex­per­te für den ost­eu­ro­päi­schen Kom­mu­nis­mus, Ver­lags­lek­tor bei Kie­pen­heu­er und Witsch in Köln und Fern­seh­re­dak­teur beim West­deut­schen Rund­funk.

Jür­gen Rüh­le wur­de am 5.11.1924 in Ber­lin als Sohn des evan­ge­li­schen Bank­be­am­ten und ehe­ma­li­gen Of­fi­ziers Theo­dor Rüh­le ge­bo­ren. Von 1931 bis 1935 be­such­te er die Grund­schu­le in sei­ner Hei­mat­stadt und im An­schluss dar­an die Men­zel-Ober­schu­le in Ber­lin-Moa­bit. Nach dem Ab­itur im Jah­re 1942 wur­de Rüh­le zur Wehr­macht ein­ge­zo­gen und 1944 zum Leut­nant be­för­dert. Im Mai 1945 ge­riet er in so­wje­ti­sche Kriegs­ge­fan­gen­schaft. Nach Rüh­les An­ga­ben wur­de sein Va­ter im Früh­jahr 1945 von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten des Hoch­ver­rats an­ge­klagt, weil er sich als Volks­sturm­kom­man­dant ge­wei­gert hat­te, den Nor­den Ber­lins ge­gen die vor­rü­cken­de So­wjet­ar­mee zu ver­tei­di­gen.

Von 1945 bis 1949 be­fand sich Jür­gen Rüh­le in ei­nem so­wje­ti­schen Ar­beits­la­ger in Schel­ja­b­insk im Ural. Hier wirk­te er als Do­zent der An­ti­fa-Schu­le und un­ter­rich­te­te zur Ge­schich­te der Ar­bei­ter­be­we­gung. Nach sei­ner Ent­las­sung aus rus­si­scher Kriegs­ge­fan­gen­schaft kehr­te Rüh­le nach Ber­lin zu­rück und im­ma­tri­ku­lier­te sich an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät in Ost­ber­lin. Hier stu­dier­te er Phi­lo­so­phie, Ger­ma­nis­tik, Thea­ter­wis­sen­schaft und Kunst­ge­schich­te. Sei­ne aka­de­mi­schen Leh­rer wa­ren un­ter an­de­rem Hans May­er (1907-2001), Ri­chard Ha­mann (1879-1961), Vic­tor Klem­pe­rer (1881-1960), Wolf­gang Ha­rich (1923-1995) und Al­fred Kan­to­ro­wicz (1899-1979).

Par­al­lel da­zu be­gann er ein Vo­lon­ta­ri­at bei der „Ber­li­ner Zei­tun­g“. Am 1.4.1950 wur­de er Re­dak­teur und kom­mis­sa­ri­scher Lei­ter des Kul­tur­res­sorts, ab Herbst 1952 ar­bei­te­te er zu­dem re­gel­mä­ßig als Thea­ter­kri­ti­ker für die Wo­chen­zei­tung „Sonn­ta­g“.

Als Thea­ter­kri­ti­ker und Feuille­ton­re­dak­teur ver­füg­te Rüh­le über aus­ge­zeich­ne­te Kon­tak­te zur Schrift­stel­ler­sze­ne Ost­ber­lins und In­tel­lek­tu­el­len wie Jo­han­nes R. Be­cher (1891-1958), Bert Brecht (1898-1956), Ar­nold Zweig (1887-1968), Ernst Bloch (1885-1977) oder Ge­org Lu­kacz (1885-1971). In die SED trat Rüh­le nicht ein. Als Prot­ago­nist des „Neu­en Kur­ses“ in der DDR-Kul­tur­po­li­tik und Teil­neh­mer am Auf­stand des 17. Ju­ni 1953 wur­de er vom Mi­nis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit be­spit­zelt. Als Un­ter­su­chungs­ver­fah­ren ge­gen ihn ein­ge­lei­tet wur­den, floh Rüh­le im Früh­jahr 1955 in den Wes­ten. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Kom­mu­nis­mus soll­te sich als ro­ter Fa­den durch sein Le­bens­werk zie­hen, an­ge­fan­gen mit den frü­hen Mo­no­gra­phi­en „Das ge­fes­sel­te Thea­ter“ (1957) und „Li­te­ra­tur und Re­vo­lu­ti­on“ (1960), die sei­ner­zeit zu den Stan­dard­wer­ken ge­hör­ten.

Rüh­le ließ sich in Köln nie­der und ar­bei­te­te in den fol­gen­den Jah­ren als Frei­be­ruf­ler für zahl­rei­che Print­me­di­en wie „Die Welt“, die „Neue Zür­cher Zei­tun­g“, den „Spie­gel“, die „Pro­blems of Com­mu­nis­m“ in Wa­shing­ton und nicht zu­letzt auch für die BBC in Lon­don. Am 1.11.1956 trat Rüh­le als haupt­amt­li­cher Lek­tor in den Ver­lag Kie­pen­heu­er und Witsch in Köln ein. Als Lek­tor be­treu­te er un­ter an­de­rem den Au­tor Manès Sper­ber (1905-1984) oder ver­ant­wor­te­te deut­sche Erst­aus­ga­ben von rus­si­schen Au­to­ren, so zum Bei­spiel im Jah­re 1958 den Ro­man „Wir“ des so­wje­ti­schen Dis­si­den­ten Je­w­ge­ni Samja­tin (1884-1937). Dar­über hin­aus war Rüh­le Re­dak­teur der Zeit­schrift „SBZ-Ar­chi­v“ und ge­hör­te 1961 zu den Mit­be­grün­dern von „am­nes­ty in­ter­na­tio­nal“ Deutsch­land.

Zum 1.1.1963 wech­sel­te Rüh­le zum West­deut­schen Rund­funk, und zwar zum jun­gen Me­di­um Fern­se­hen, das sich in den 1960er Jah­ren zum neu­en Leit­me­di­um ent­wi­ckel­te. In der Fern­seh­di­rek­ti­on über­nahm er in­ner­halb der Haupt­ab­tei­lung Zeit­ge­sche­hen un­ter Chef­re­dak­teur Franz Wör­de­mann (1923-1992) die Lei­tung der Re­dak­ti­on „Dies­seits und jen­seits der Zo­nen­gren­ze“. Rüh­les Re­dak­ti­on – fak­tisch bis zur Ein­stel­lung von Klaus Lie­be im No­vem­ber 1963 ein Ein-Mann-Be­trieb – lie­fer­te Bei­trä­ge zur gleich­na­mi­gen Sen­de­rei­he, die ge­mein­schaft­lich von den Sen­dern NDR, SFB und dem WDR pro­du­ziert wur­de. Wie der Ti­tel schon an­deu­te­te, ging es da­bei in ers­ter Li­nie um in­ner­deut­sche The­men und die DDR-Be­richt­er­stat­tung, un­ter an­de­rem in Zu­sam­men­ar­beit mit frei­en Au­to­ren wie Ralph Gior­da­no (1923-2014). Die Pro­duk­ti­on „Die Schrift­stel­ler und die SE­D“ (15.5.1963) rea­li­sier­te Rüh­le zu­sam­men mit Co-Au­tor Hans-Ul­rich Barth.

Als Nach­fol­ge­rin der im April 1965 ein­ge­stell­ten Ge­mein­schafts­sen­de­rei­he „Dies­seits und jen­seits der Zo­nen­gren­ze“ wur­de die Sen­de­rei­he „Ost und Wes­t“ aus der Tau­fe ge­ho­ben, die nicht nur ge­samt­deut­sche Fra­gen the­ma­ti­sier­te, son­dern um­fas­sen­der über „Pro­ble­me des Kom­mu­nis­mus und da­mit zu­sam­men­hän­gen­de As­pek­te“in­for­mie­ren woll­te. Jür­gen Rüh­le und Klaus Lie­be er­wei­ter­ten nun das Spek­trum an The­men, in­dem sie ih­re Be­richt­er­stat­tung auf den gan­zen Ost­block aus­wei­te­ten. Rüh­le setz­te sich da­bei de­zi­diert für die „Neue Ost­po­li­ti­k“, die An­er­ken­nung der Oder-Neis­se-Li­nie und ei­ne Ver­stän­di­gung mit Po­len ein, die im We­sent­li­chen auch die Auf­ar­bei­tung der NS-Dik­ta­tur vor­aus­setz­te. Pro­gram­ma­tisch lau­te­te des­halb das Plä­doy­er der Pro­duk­ti­on von Rüh­le und Lie­be vom 6.3.1968, „Wem ge­hört der Os­ten?“, er ge­hö­re den „Men­schen, die ihn be­woh­nen, heu­te be­woh­nen“.

In ei­nem nächs­ten Schritt öff­ne­te sich die Ost-West-Re­dak­ti­on Fra­gen des Welt­kom­mu­nis­mus, der Be­schäf­ti­gung mit Chi­na und schlie­ß­lich auch mit Pro­ble­men der Drit­ten Welt, be­gin­nend 1974 mit ei­nem Fea­ture über das Schwel­len­land Al­ge­ri­en. Ex­klu­si­ve Erst­dreh­ge­neh­mi­gun­gen für west­li­che Ka­me­ra­teams in Dritt­welt­staa­ten wie Je­men, Ku­ba oder Nord­ko­rea ver­dank­te der WDR da­bei der Zu­sam­men­ar­beit mit der aus Pa­kis­tan stam­men­den Au­to­rin Ros­han Dhun­jib­hoy (1931-2011). 35 zum Teil hoch­ka­rä­ti­ge Prei­se spre­chen für den Er­folg der re­dak­tio­nel­len Ar­beit von Jür­gen Rüh­le und Klaus Lie­be - die bei ih­rem Ein­tritt in den WDR nicht ein­mal ei­nen Fern­se­her be­ses­sen hat­ten.

 

En­de der 1960er Jah­re be­gann Rüh­le, den Ost-West-Kon­flikt in den Kon­text län­ger dau­ern­der his­to­ri­scher Pro­zes­se zu stel­len. Fol­ge­rich­tig er­wei­ter­te die Re­dak­ti­on jetzt ihr The­men­spek­trum hin zur Ge­schich­te des 19. und 20. Jahr­hun­derts. Die Re­dak­ti­on wech­sel­te nun vom Pro­gramm­be­reich Po­li­tik in den Pro­gramm­be­reich Kul­tur und Wis­sen­schaft. Der neue An­satz schlug sich in Sen­de­rei­hen wie „Spu­ren“ (Erst­sen­de­da­tum 4.1.1973) oder „Ges­tern“ nie­der, es war der Be­ginn des in­sti­tu­tio­na­li­sier­ten Ge­schichts­fern­se­hens des WDR. Ge­lei­tet wur­de Rüh­le vom An­spruch ei­ner strik­ten Sach­lich­keit der Be­richt­er­stat­tung oh­ne mo­ra­li­sie­ren­de Wer­tung der dar­ge­stell­ten Su­jets. Das be­wuss­te Of­fen­las­sung der Be­wer­tung be­deu­te­te für ihn ei­nen de­mo­kra­ti­schen Pro­zess der frei­en Mei­nungs­bil­dung der Zu­schau­er.

Im Au­gust 1985 ver­ließ Jür­gen Rüh­le die Re­dak­ti­on aus Krank­heits­grün­den. Er starb am 29.6.1986 in Bonn.

Werke

Das ge­fes­sel­te Thea­ter, Köln 1957.

Li­te­ra­tur und Re­vo­lu­ti­on. Die Schrift­stel­ler und der Kom­mu­nis­mus, Mün­chen 1963.

[zu­sam­men mit] Gun­ter Holz­wei­ßig, 13. Au­gust 1961: die Mau­er von Ber­lin, hg. von Il­se Spitt­mann, Köln 1981. 

Literatur (Auswahl)

Ber­nard, Bir­git „Wem ge­hört der Os­ten?“ Jür­gen Rüh­le und die Ost-West-Re­dak­ti­on Fern­se­hen des West­deut­schen Rund­funks 1963-1985, in: Rund­funk und Ge­schich­te 37 (2011), Heft 3-4, S. 96-101.

Jürgen Rühle im Jahr 1985. (WDR im Bild)

 
Zitationshinweis

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Bernard, Birgit, Jürgen Rühle, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/juergen-ruehle-/DE-2086/lido/60c083743a0962.40940710 (abgerufen am 18.05.2022)