Wilhelm Schneider-Clauß

Kölner Mundartautor (1862-1949)

Ingeborg Nitt (Köln)

Hartzenbach, H.; Porträt des Kölner Mundartdichters Wilhelm Schneider-Clauss vom 10.03.1931, Kölnisches Stadtmuseum. (Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_L012799_05, https://www.kulturelles-erbe-koeln.de/documents/obj/05110033)

Wil­helm Schnei­der-Clauß war Au­tor und Her­aus­ge­ber hoch­deut­scher und mund­art­li­cher Wer­ke. Sei­ne Stär­ke lag ein­deu­tig auf der Mund­art; bis heu­te gilt er als ma­ß­geb­li­cher Ver­tre­ter die­ser Gat­tung.

Wil­helm Schnei­der-Clauß, ur­sprüng­lich Wil­helm Schnei­der, wur­de am 29.1.1862 in Köln, in der Gro­ßen Witsch­gas­se Nr. 14, ge­bo­ren. Sein Va­ter Lud­ge­rus Rü­di­ger Schnei­der (1830-1918), ein Schmie­de- und Schlos­ser­meis­ter, stamm­te aus Her­mül­heim (heu­te Stadt Hürth), sei­ne Mut­ter Ka­tha­ri­na Schnei­der (1834-1912), ge­bo­re­ne Seg­schnei­der, aus Gym­nich (heu­te Erft­stadt). Er war das ein­zi­ge Kind sei­ner El­tern.

Nach dem Be­such der Ele­men­tar­schu­len in Köln in der Wai­sen­haus­gas­se und an St. Mau­ri­ti­us wech­sel­te er auf das Fried­rich-Wil­helm-Gym­na­si­um. 1882 nahm er in Hei­del­berg das Stu­di­um der Me­di­zin auf. Nach ei­ner Un­ter­bre­chung we­gen des Mi­li­tär­diens­tes im Leib­re­gi­ment des Kö­nigs von Bay­ern ent­schloss er sich, in Straß­burg Phi­lo­lo­gie zu stu­die­ren. Die­ses Stu­di­um schloss er 1888 mit dem Staats­ex­amen und der Pro­mo­ti­on ab. In sei­ner Dok­tor­ar­beit be­fass­te er sich mit dem Werk des rö­mi­schen Dich­ters Pro­perz (um 48 v.-15 n. Chr.). An­schlie­ßend ab­sol­vier­te er ein Jahr als Kan­di­dat des hö­he­ren Lehr­am­tes am Kai­ser-Wil­helm-Gym­na­si­um in der Hein­rich­stra­ße in Köln.

Dann über­nahm er für 17 Jah­re als Schul­lei­ter und Pri­vat­un­ter­neh­mer die Rek­to­rats­schu­le für Kna­ben mit Pen­sio­nat in Ker­pen. 1906 wech­sel­te er als Ober­leh­rer an das Städ­ti­sche Pa­ri­tä­ti­sche Pro­gym­na­si­um in Eu­pen. 1907 wur­de er zum Pro­fes­sor er­nannt. Er war ver­hei­ra­tet mit Agnes Frie­del Schnei­der-Clauß (ge­stor­ben 1967), die al­ler­dings kaum Er­wäh­nung fin­det. 

1913 kehr­te er nach Köln zu­rück. Bis zu sei­ner Pen­sio­nie­rung 1927 un­ter­rich­te­te er als Ober­leh­rer be­zie­hungs­wei­se Stu­di­en­rat am Städ­ti­schen Re­al­gym­na­si­um in Köln-Lin­den­thal. Er wohn­te in Köln-Jun­kers­dorf und be­nann­te sein Haus nach dem Ti­tel sei­nes ers­ten Thea­ter­stücks „Heim­ge­fun­ge“.

Wil­helm Schnei­der-Clauß war Mit­glied des 1902 ge­grün­de­ten Ver­eins Alt-Köln, heu­te Hei­mat­ver­ein Alt-Köln, der ihn 1909 zum Eh­ren­mit­glied er­nann­te. 1912 rich­te­te der Ver­ein zu sei­nem 50. Ge­burts­tag ei­nen „Schnei­der-Clauß-Aben­d“ aus, 1932 zum 70. Ge­burts­tag ei­ne Aus­stel­lung. Er war - mit dem Spitz­na­men „Rut­stef­f“ - Mit­glied der Ro­ten Fun­ken, de­ren Prä­si­dent­schaft er zwei­mal für kur­ze Zeit (1923, 1931-1932) in­ne­hat­te. Der of­fi­zi­el­le Na­me „Köl­sche Fun­ke rut-wieß vun 1823 e.V." geht auf ihn zu­rück.

Seit 1889 ver­öf­fent­lich­te er Tex­te, zu­nächst un­ter ei­nem Pseud­onym, da er Schwie­rig­kei­ten mit sei­nen Vor­ge­setz­ten be­fürch­te­te. Als A. Kes­tes schrieb er sei­ne ers­ten Kar­ne­vals­lie­der, spä­ter ver­wen­de­te er den Na­men Dr. Wil­helm Clauß. Der Er­folg sei­ner Bü­cher führ­te schnell zur Auf­de­ckung sei­ner wah­ren Iden­ti­tät. Seit­dem be­nutz­te er den Na­men Wil­helm Schnei­der-Clauß, der spä­ter auch amt­lich an­er­kannt wur­de. Er selbst hat die Ge­schich­te „Wie ich an der Na­me Schnei­der-Clauß kum­men ben?“ auf­ge­schrie­ben.

Wil­helm Schnei­der-Clauß be­gann sei­ne li­te­ra­ri­sche Lauf­bahn mit hoch­deut­schen und köl­schen Kar­ne­vals­lie­dern für die „Gro­ße Kar­ne­vals-Ge­sell­schaf­t“, zu de­ren 50-jäh­ri­gem Ju­bi­lä­um er 1894 au­ßer­dem ei­nen Fest­be­richt und ei­ne ge­schicht­li­che Skiz­ze „Un­se­re Gro­ße, wie sie ward und war“ ver­fass­te. Zwei Jah­re spä­ter gab er das „Köl­ner Kom­mers­buch“ die­ser Ge­sell­schaft her­aus, wel­ches Lied­tex­te aus 72 Jah­ren ent­hält. Zwi­schen 1893 und 1897 ver­öf­fent­lich­te er sei­ne ers­ten li­te­ra­ri­schen Mund­art­tex­te, die vier Er­zäh­lun­gen „Us un­se Lot­ter­bo­vejoh­re“, die in Köln zwi­schen 1870 und 1880 spie­len. Wei­te­re Samm­lun­gen mit Ge­dich­ten und Er­zäh­lun­gen folg­ten, dar­un­ter „Em ah­le Po­ßhoff. Veer Ver­zäll­cher üv­ver ein­fa­che Lück“ und „Flet­ten un Blots­dröpp­cher“ (bei­de 1907).

1908 er­schien sein Ro­man „Alaaf Köl­le. En Schel­de­rei us gro­ßer Zick“, der als Hö­he­punkt sei­nes Schaf­fens gilt. Die Hand­lung spielt im Köln der Grün­der­zeit und be­ginnt an Grün­don­ners­tag 1880 und en­det an Weih­nach­ten 1885. Be­deu­ten­de stadt­ge­schicht­li­che Er­eig­nis­se und Ent­wick­lun­gen bil­den den Rah­men. So schil­dert der Au­tor aus­führ­lich die Fei­er­lich­kei­ten zur Voll­endung des Do­mes 1880, the­ma­ti­siert den Ab­bruch der mit­tel­al­ter­li­chen Stadt­mau­er und die Pla­nun­gen zum Bau der Neu­stadt so­wie zur Stadt­er­wei­te­rung. „Alaaf Köl­le“ ist bis heu­te der ein­zi­ge Ro­man, der in köl­ni­scher Mund­art ge­schrie­ben wur­de. Er stellt die Fül­le und den Reich­tum die­ser Mund­art mit ih­ren Re­de­wen­dun­gen und Sprich­wör­tern so­wie ih­rer bild­li­chen Aus­drucks­wei­se ex­em­pla­risch un­ter Be­weis.

Nach 1910 wand­te er sich, an­ge­regt durch sei­ne Er­fah­run­gen bei Le­sun­gen, dem köl­ni­schen Volks­schau­spiel zu, und be­gann, Thea­ter­stü­cke in Mund­art zu ver­fas­sen. Sein ers­tes Stück „Heim­ge­fun­ge“ hat­te am 1.6.1912 im Städ­ti­schen Schau­spiel­haus Pre­mie­re, auf­ge­führt von Be­rufs­schau­spie­lern. Schon ei­ne Wo­che spä­ter stell­te Schnei­der-Clauß sein zwei­tes Volks­schau­spiel „De Ei­er­kö­ne­gin“ vor, fünf wei­te­re folg­ten in den nächs­ten Jah­ren: „Un­ger der Krütz­blom“ (1913), „D’r wirk­li­che Ge­hei­me...“ (1914), „Et gro­ße Lo­ß“ (1916), „D’r Schud­der­ho­t“ (1919) und „Aa­chun­vee­zi­g“ (1920). Nach dem Ers­ten Welt­krieg reg­te Wil­helm Schnei­der-Clauß an, dass zu­künf­tig statt Be­rufs­schau­spie­lern Lai­en sei­ne Stü­cke spie­len soll­ten und grün­de­te 1919 die „Schnei­der-Clauß-Büh­ne“. Sie nahm auch Wer­ke von Hans Jo­nen (1892-1958) in ihr Re­per­toire auf. So­lan­ge es die po­li­ti­sche und fi­nan­zi­el­le Si­tua­ti­on er­laub­te, fan­den Auf­füh­run­gen statt, auch nach dem Zwei­ten Welt­krieg nahm sie ih­re Spiel­tä­tig­keit mit den Stü­cken „Heim­ge­fun­ge!“ und „D’r Schud­der­ho­t“ wie­der auf.

Für die „Cä­ci­lia Wol­ken­bur­g“, die Büh­nen­spiel­ge­mein­schaft des Köl­ner Män­ner-Ge­sang-Ver­eins, schrieb Wil­helm Schnei­der-Clauß das Di­ver­tis­se­ment­chen „Vun Med­der­naaks bes Mor­gen­s“, das 1929 zur Mu­sik von Jo­sef Bo­den (1873-1941) auf­ge­führt wur­de. Für das Hän­neschen-Thea­ter ver­fass­te er zehn Pup­pen­spie­le, zum Bei­spiel „D’r Dü­xer Bock“ oder „Wann ahl Schö­re bren­ne“. 

Ein wei­ter Band mit Er­zäh­lun­gen er­schien 1925 „Alt­frän­s­che Lück. Fünf ähn­ze Stö­ckel­cher“. In den Fol­ge­jah­ren ver­öf­fent­lich­te er sei­ne Wer­ke nur in Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten. Erst in den 1940er Jah­ren pu­bli­zier­te er noch zwei schma­le Bänd­chen mit Er­zäh­lun­gen. Er war au­ßer­dem als Her­aus­ge­ber tä­tig und stell­te mit dem „Köl­ni­schen Vor­trags­buch“ 1920 die ers­te ma­ß­geb­li­che An­tho­lo­gie in Köl­ner Mund­art zu­sam­men. Wil­helm Schnei­der-Clauß schrieb auch hoch­deut­sche Ge­dich­te und Ro­ma­ne, wie „Der Gym­ni­cher Ritt. Ei­ne ro­man­ti­sche Er­zäh­lun­g“ (1894) oder den Ro­man „Auf dem plat­ten Lan­de“ (1902).

Für sei­ne Ge­dich­te in Köl­ner Mund­art ge­wann er vier­mal den Preis der Fas­ten­rath-Stif­tung bei den „Köl­ner Blu­men­spie­len“ (1902, 1903, 1904 und 1911). Au­ßer­dem er­hielt er zwei au­ßer­or­dent­li­che Prei­se für sei­ne hoch­deut­schen Ge­dich­te.

Wil­helm Schnei­der-Clauß starb am 7.11.1949 in Köln-Jun­kers­dorf und wur­de auf dem dor­ti­gen Fried­hof be­gra­ben. Ihm zu Eh­ren hat die Stadt Köln am Fried­hofs­ein­gang ei­nen Ge­denk­stein an­brin­gen las­sen, auf dem zwei Grie­lä­cher das Köl­ner Wap­pen tra­gen und der Spruch „Herr, ich dan­ke dir für das, was du mir gab­st“ zu le­sen ist. In Köln-Jun­kers­dorf, in Köln-Nip­pes so­wie in Hürth sind Stra­ßen nach ihm be­nannt.

Werke (Auswahl)

Us un­se Lot­ter­bo­vejoh­re, Köln 1893-1897.
Kölsch Ge­mööt. Ver­zäll­cher un Bild­cher en Rüüm­cher, Köln 1903.
Em ah­le Po­ßhoff. Veer Ver­zäll­cher üv­ver ein­fa­che Lück, Köln 1907.
Flet­ten un Blots­dröpp­cher, Köln 1907.
Alaaf Köl­le. En Schel­de­rei us gro­ßer Zick, Köln 1908.
Zwe­sche Vrings­pooz un Ei­gel­stein. Köl­sche Bild­cher un Ver­zäll­cher, Köln 1909.
Köl­ni­sches Vor­trags­buch, hg. von Wil­helm Schnei­der-Clauß, Köln 1920.
Von köl­ni­scher Mund­art und Dich­tung, in: Hand­buch von Köln, hg. von Her­mann Wie­ger, Köln 1925, S. 376-389.
Alt­frän­s­che Lück. Fünf ähn­ze Stö­ckel­cher, Köln 1925.
Hus­manns­koß. Lück un Lev­ve us dem ale Köl­le en Ver­zäll­cher, Köln 1941.
Noh­bersch-Kin­der. Sibben Bild­cher us dem Min­sche­lev­ve, Es­sen 1947.
Ge­samt­aus­ga­be der Wer­ke in köl­ni­scher Mund­art, 7 Bän­de, hg vom Hei­mat­ver­ein Alt-Köln, Köln 1967-1992. 

Literatur (Auswahl)

Faul­ha­ber, Ga­brie­le, Zum Ge­den­ken an Wil­helm Schnei­der-Clauß zum 150. Ge­burts­tag am 29. Ja­nu­ar 2012, in: Kru­ne un Flam­me – Mit­tei­lun­gen des Hei­mat­ver­eins Alt-Köln, Heft 60, Fe­bru­ar 2012, S. 22-23.
Goet­tert, Klaus, Vor­wort, in: Wil­helm Schnei­der Clauß, Us un­se Lot­ter­bo­vejoh­re, Ge­samt­aus­ga­be der Wer­ke in köl­ni­scher Mund­art, Ban­d1, hg. vom Hei­mat­ver­ein Alt-Köln e.V., Köln 1967, S. 5-12.
Hil­gers, He­ri­bert A., Schnei­der-Clauß, Wil­helm, in: Köl­ner Au­to­ren-Le­xi­kon 1750-2000, Band 1: 1750-1900, be­arb. von En­no Stahl, Köln 2000, S. 205-207.
Nitt, In­ge­borg, Alaaf Köl­le – Wil­helm Schnei­der-Clauß zum 150. Ge­burts­tag, in: Klaaf – Ma­ga­zin der Aka­de­mie för uns köl­sche Sproch, Heft 1/2012, Köln 2012, S. 32-35.
Oels­ner, Wolf­gang, Schnei­der-Clauß, Wil­helm, Dr., in: Soé­ni­us, Ul­rich S./Wil­helm, Jür­gen (Hg.), Köl­ner Per­so­nen-Le­xi­kon, Köln 2008, S. 483.
Salm, Carl (Hg.), Das Schnei­der-Clauß-Buch – Fest­ga­be zum 60. Ge­burts­ta­ge des Dich­ters Wil­helm Schnei­der-Clauß, Köln 1922.
Schnei­der-Clauß, Wil­helm, „Jet vu‘ meer“ und „Wie ich an der Na­me ‚Schnei­der-Clauß‘ kum­men ben?“, in: Wil­helm Schnei­der Clauß, Us un­se Lot­ter­bo­vejoh­re, Ge­samt­aus­ga­be der Wer­ke in köl­ni­scher Mund­art, Ban­d1, hg. vom Hei­mat­ver­ein Alt-Köln e.V., Köln 1967, S. 15-21. 

 
Zitationshinweis

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Nitt, Ingeborg, Wilhelm Schneider-Clauß, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/wilhelm-schneider-clauss/DE-2086/lido/6024d9b9edf133.80040928 (abgerufen am 06.12.2021)