Adolf Althoff

Zirkusdirektor (1913-1998)

Christoph Kaltscheuer (Bonn)

Circus Adolf Althoff, Plakat von 1965.

Adolf Alt­hoff gilt als ei­ner der letz­ten gro­ßen Di­rek­to­ren des tra­di­tio­nel­len Zir­kus. Der am Nie­der­rhein ge­bo­re­ne Ar­tist und Domp­teur führ­te über Jahr­zehn­te den in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ten „Cir­cus Adolf Alt­hoff". Be­ach­tung und weit­rei­chen­de An­er­ken­nung fand dar­über hin­aus sein En­ga­ge­ment für die jü­di­sche Ar­tis­ten­fa­mi­lie Ben­to, die er wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges in sei­nem Be­trieb ver­steck­te und be­schäf­tig­te. 

Adolf Alt­hoff ent­stamm­te ei­ner der äl­tes­ten und be­kann­tes­ten Zir­kus- be­zie­hungs­wei­se Ar­tis­ten­dy­nas­ti­en Eu­ro­pas. Die An­fän­ge der Fa­mi­lie las­sen sich Er­zäh­lun­gen zu­fol­ge bis et­wa 1660 zu­rück­ver­fol­gen, ge­si­chert sind sie aber erst ab 1691 nach­zu­wei­sen. Als ur­kund­li­cher Stamm­va­ter der Dy­nas­tie gilt der 1732 ge­bo­re­ne Fran­zis­kus Al­den­ho­ven. Der Na­me Alt­hoff rührt vom Stam­mort der Fa­mi­lie, dem nie­der­rhei­ni­schen Frei­al­den­ho­ven, ei­nem Ge­mein­de­teil von Al­den­ho­ven im heu­ti­gen Kreis Jü­lich her. 

Zu­nächst war der Nach­na­me ent­spre­chend der Orts­be­zeich­nung, Al­den­ho­ven, ge­bräuch­lich. Die Wand­lung zum heu­te be­kann­ten Alt­hoff ist nicht ge­nau nach­voll­zieh­bar. Aus­ge­hend von der Keim­zel­le in Frei­al­den­ho­ven ent­wi­ckel­te sich ne­ben ei­ner Mär­ki­schen, Cel­ler, Pfäl­zer, Ba­de­ner und Müns­te­ra­ner Li­nie auch ei­ne so ge­nann­te Rhei­ni­sche Li­nie, die auf den 1807 ge­bo­re­nen Wil­helm Alt­hoff, Adolf Alt­hoffs Ur­gro­ßva­ter, zu­rück­geht. 

Adolf Althoff bei einer Pferdedressur.

 

Ge­bo­ren wur­de Adolf Alt­hoff am 25.6.1913 im nie­der­rhei­ni­schen Sons­beck, an­geb­lich in ei­nem Wohn­wa­gen wäh­rend ei­ner Zir­kus­vor­stel­lung, als Sohn von Do­mi­nik Alt­hoff (1882-1974) und des­sen Ehe­frau Ade­le Mark. Er war das zweit­jüngs­te von acht Ge­schwis­tern. Sei­ne Kind­heit ver­leb­te er im We­sent­li­chen auf eu­ro­pa­wei­ten Rei­sen mit dem Schau­stel­ler­be­trieb sei­ner El­tern. Ei­ne ört­lich ge­bun­de­ne, re­gel­mä­ßi­ge Schul­bil­dung war ihm da­durch un­mög­lich. Statt­des­sen be­such­te er in ver­schie­de­nen Or­ten, an de­nen sie gas­tier­ten, spo­ra­disch die je­wei­li­gen Schu­len. Ei­ge­nen Aus­sa­gen zu­fol­ge muss­te er sich das ent­gan­ge­ne Schul­wis­sen in hö­he­rem Al­ter als Au­to­di­dakt an­eig­nen. Al­ler­dings er­lern­te er von Be­ginn an das Hand­werk der Ar­tis­ten, Dres­seu­re und der Zir­kus­füh­rung. 

Zu­nächst hat­te sein Va­ter für ihn ei­ne Kar­rie­re als Rei­ter vor­ge­se­hen. Doch zeig­te Adolf Alt­hoff als Kind auf die­sem Ge­biet kei­ne her­aus­ra­gen­de Be­ga­bung. Sei­ne Be­geis­te­rung galt in der Ju­gend viel­mehr der Tech­nik und den Ma­schi­nen des Zir­kus­un­ter­neh­mens. Stets ver­such­te er auf die­sem Ge­biet Neue­run­gen und Ver­bes­se­run­gen zu er­ar­bei­ten. So kon­stru­ier­te er die elek­tri­sche Lauf­schrift „Cir­cus Alt­hoff". Be­reits mit 17 Jah­ren über­trug ihm sein Va­ter die Auf­sicht für sämt­li­che Re­pa­ra­tur­ar­bei­ten. Fort­an war er Fahr­meis­ter, Schlos­ser und Elek­tri­ker des Be­trie­bes und führ­te die Werk­statt. Sei­ne Ver­siert­heit in tech­ni­schen Din­gen trug ihm spä­ter den Ruf ein, der „Er­fin­der un­ter den Zir­kus­di­rek­to­ren" zu sein. Von der Werk­statt führ­te es ihn aber schon bald in die Ma­ne­ge. Denn er zeig­te sich eben­so als ta­len­tier­ter Dres­seur und ver­stand es, or­ga­ni­sa­to­ri­sche Auf­ga­ben in al­len Be­rei­chen des Zir­kus zu über­neh­men. 

Maria Althoff bei einer Elefantendressur.

 

Ab den 1930er Jah­ren über­nahm Adolf Alt­hoff mit sei­nen Ge­schwis­tern, in ers­ter Li­nie zu­sam­men mit den Schwes­tern He­le­ne und Ca­ro­la (1903-1987) so­wie mit Bru­der Franz (1908-1987), zu­se­hends Ver­ant­wor­tung für zahl­rei­che Be­lan­ge des Fa­mi­li­en­un­ter­neh­mens. 1936 schlie­ß­lich über­gab Do­mi­nik Alt­hoff al­le Ge­schäf­te an sei­ne Kin­der. De­ren ge­mein­sa­me Un­ter­neh­mens­füh­rung hat­te al­ler­dings nur bis An­fang 1937 Be­stand. Ein­ver­nehm­lich trenn­ten sich He­le­ne und Adolf Alt­hoff von Ca­ro­la und Franz Alt­hoff. Zu­sam­men grün­de­ten Adolf Alt­hoff und sei­ne Schwes­ter den „Cir­cus Ge­schwis­ter Alt­hoff". Durch ih­ren Va­ter nur mit ei­nem be­schei­de­nen Star­ka­pi­tal aus­ge­stat­tet, schaff­ten sie es in den fol­gen­den Jah­ren den­noch, ei­ne viel be­ach­te­te und er­folg­rei­che Dar­bie­tung auf Rei­sen zu­schi­cken. In ih­rem Zelt fei­er­te 1937 ei­ne bis heu­te welt­be­rühm­te At­trak­ti­on der Alt­hoffs Pre­mie­re: der auf ei­nem Pferd rei­ten­de Ti­ger.   

Trotz des ge­lun­ge­nen Schrit­tes in die Selb­stän­dig­keit hielt ih­re Ge­mein­schaft nur knapp zwei Jah­re. Wäh­rend He­le­ne Alt­hoff be­reits zur Jah­res­wen­de 1938/1939 den „Cir­cus He­le­ne Alt­hoff" grün­de­te, hob Adolf Alt­hoff 1939 den „Cir­cus Adolf Alt­hoff" aus der Tau­fe. Als Di­rek­tor führ­te er zu­nächst 70 An­ge­stell­te und fei­er­te in Trier Pre­mie­re. 

Die Ge­schäf­te führ­te er zu­sam­men mit sei­ner Ver­lob­ten, der 1908 in Dort­mund ge­bo­re­nen Ma­ria von der Gathen. Auch sie war als Toch­ter ei­ner be­kann­ten Seil­tän­zer­fa­mi­lie mit dem Zir­kus auf­ge­wach­sen und ver­moch­te die Be­triebs­ab­läu­fe zu ko­or­di­nie­ren. Am 25.5.1939, dem 26. Ge­burts­tag Alt­hoffs, fand in Braun­schweig die stan­des­amt­li­che Trau­ung statt. Ge­mein­sa­me Kin­der sind der im Ju­li 1943 ge­bo­re­ne Sohn Franz, der spä­te­re Di­rek­tor des „Cir­cus-Wil­liams-Franz Alt­hoff" und die im Au­gust 1946 ge­bo­re­ne Toch­ter He­le­ne. Zu­vor hat­ten sie be­reits die Nef­fen sei­ner Frau Ma­ria, Adolf und Ja­kob End­ers, als Ad­op­tiv­söh­ne bei sich auf­ge­nom­men. 

Wäh­rend des Krie­ges konn­te das Ehe­paar Alt­hoff den Zir­kus­be­trieb auf­recht er­hal­ten. In den ers­ten Kriegs­jah­ren ge­lang es so­gar, das Pro­gramm zu er­wei­tern und in vie­len Städ­ten die Zel­te auf­zu­schla­gen. Zu­neh­men­de ma­te­ri­el­le Ein­schrän­kun­gen und die ste­te Ge­fahr durch Luft­an­grif­fe mach­ten ge­re­gel­te Dar­bie­tun­gen je­doch schwie­rig. 1942 kam es bei ei­nem mas­si­ven Luft­an­griff auf Mainz bei dem gas­tie­ren­den Alt­hoff­zir­kus zu gro­ßen Schä­den, ein To­tal­ver­lust konn­te je­doch ver­hin­dert wer­den. Zwi­schen Ju­li und Ok­to­ber 1944 muss­te Alt­hoff auf Ge­heiß der Reichs­thea­ter­kam­mer (RTK) ei­ne vor­über­ge­hen­de Zu­sam­men­le­gung mit dem re­nom­mier­ten ös­ter­rei­chi­schen „Cir­cus Kon­rad" ein­ge­hen. Die Zu­sam­men­ar­beit wur­de auch nach En­de des Zwei­ten Welt­krie­ges fort­ge­setzt: So stell­te Alt­hoff sei­nem Part­ner Jo­sef Kunz-Kon­rad (ge­stor­ben 1959) für des­sen ers­te Nach­kriegs­tour­nee sein Zelt zur Ver­fü­gung. Die letz­ten Kriegs­mo­na­te ver­brach­te Alt­hoff in der Nä­he von Graz, wo er mit sei­nen Trak­to­ren und Pfer­den die Ar­beit der Bau­ern un­ter­stütz­te und sich auch den ört­li­chen Grö­ßen der NS­DAP für Trans­port­fahr­ten und hand­werk­li­che Dienst­leis­tun­gen zur Ver­fü­gung stell­te und so­mit un­ent­behr­lich mach­te. Auf die­se Wei­se ent­ging er letzt­lich der dro­hen­den Ein­be­ru­fung zum Volks­sturm. 

1946 star­te­te Alt­hoff ei­nen Neu­an­fang und ging wie­der mit ei­nem ei­gen­stän­di­gen En­sem­ble auf Tour­nee. Die ers­ten Vor­stel­lun­gen gab er in Stutt­gart, Pforz­heim, Mann­heim und Karls­ru­he. Bis 1950 konn­ten die Alt­hoffs ih­ren Zir­kus er­folg­reich wie­der auf­bau­en. 

Im sel­ben Jahr über­nahm Adolf Alt­hoff für kur­ze Zeit die tech­ni­sche Lei­tung des „Cir­cus Wil­liams", nach­dem der Mann sei­ner Schwes­ter Ca­ro­la, Har­ry Wil­liams (1902-1950), ums Le­ben ge­kom­men war. Seit 1955 fir­mier­te sein Un­ter­neh­men un­ter dem Na­men „Cir­cus Frie­de­ri­ke Ha­gen­beck". Ein Mo­tiv für die Na­mens­än­de­rung war wohl die An­sicht Adolf Alt­hoffs, dass es zu vie­le Ma­ne­gen mit dem Na­men Alt­hoff auf dem Markt gab. Ins­ge­samt brach­te die Alt­hoff­dy­nas­tie über die Ge­ne­ra­tio­nen mehr als 60 Zir­kus­se her­vor. Der Na­me „Cir­cus Adolf Alt­hoff" wur­de erst 1964 wie­der ein­ge­führt. Für zwei Jah­re zog er durch die Lan­de, be­vor er 1965 nach ei­nem Herz­in­farkt Alt­hoffs end­gül­tig ge­schlos­sen wur­de. Doch das Ram­pen­licht ver­ließ der ehe­ma­li­ge Di­rek­tor nicht. Ab 1967 schloss er sich zu­sam­men mit sei­ner Fa­mi­lie für drei Jah­re dem „Ring­ling Bros. and Bar­num & Bai­ley Cir­cus" für ei­ne Tour­nee durch die Ver­ei­nig­ten Staa­ten an. In den 1970er Jah­ren stand er sei­nem Sohn Franz bei der Grün­dung und Füh­rung des „Cir­cus Wil­liam-Franz Alt­hoff" zur Sei­te, wo­durch es wie­der ei­nen Zir­kus mit dem tra­di­ti­ons­rei­chen Na­men gab. 

Sei­ne zwei­fel­los grö­ß­ten Ver­diens­te er­warb sich Adolf Alt­hoff al­ler­dings durch die Ret­tung der jü­di­schen Fa­mi­lie des be­rühm­ten Clowns Pe­ter Ben­to (ge­bo­ren 1923) vor den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern im „Drit­ten Reich". Wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges hat­te er sie trotz exis­ten­zi­el­ler Ge­fah­ren en­ga­giert und ver­steckt. Die­ses mensch­li­che En­ga­ge­ment wur­de erst Mit­te der 1980er Jah­re durch ei­nen Zei­tungs­ar­ti­kel pu­blik. Zu­sam­men mit sei­ner Frau Ma­ria wur­de ihm am 20.2.1995 im Aa­che­ner Rat­haus vom Staat Is­ra­el der Eh­ren­ti­tel „Ge­rech­ter un­ter den Völ­kern" der Ho­lo­caust-Ge­denk­stät­te Yad Vas­hem ver­lie­hen. Be­reits 1994 hat­te ihn die GCD (Ge­sell­schaft der Cir­cus­freun­de e.V.) da­für aus­ge­zeich­net. Doch auch sein un­er­müd­li­cher Ein­satz für die Pfle­ge der Zir­kus­tra­di­ti­on fand An­er­ken­nung. 1955 hat­te ihn die GCD mit der von ihr ver­ge­be­nen „Ernst-Renz-Ge­dächt­nis-Pla­ket­te" ge­ehrt und 1989 be­rief ihn Fürst Rai­nier III. von Mo­na­co (1923-2005) in die Ju­ry des 14. In­ter­na­tio­na­len Cir­cus­fes­ti­vals. In der Bun­des­re­pu­blik wur­de sein Le­bens­werk 1977 mit dem Bun­des­ver­dienst­kreuz am Ban­de und 1995 mit dem Ver­dienst­or­den des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len ho­no­riert. 

Im Al­ter von 85 Jah­ren starb Adolf Alt­hoff am 14.10.1998 in Stol­berg (Rhein­land) an Herz­ver­sa­gen. 

Literatur

Leh­mann-Bru­ne, Mar­lies, Die Alt­hoffs. Ge­schich­te und Ge­schich­ten um die grö­ß­te Cir­cus­dy­nas­tie der Welt, Frank­furt (Main) 1991.

Pri­or, In­ge­borg, Der Clown und die Zir­kus­rei­te­rin, Mün­chen 1997.

Online

Res­cue in a Cir­cus (Ar­ti­kel in eng­li­scher Spra­che über Adolf und Ma­ria Alt­hoff auf der Home­page The Righ­teous Among The Na­ti­ons). [On­line]

Circus Adolf Althoff, Plakat von 1965.

 
Zitationshinweis

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Kaltscheuer, Christoph, Adolf Althoff, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/adolf-althoff-/DE-2086/lido/57a9e0bebca122.35295435 (17.10.2018)