Franz Wilhelm Seiwert

Künstler und sozialistischer Essayist (1894-1933)

Martin Pesch (Bonn)

Franz Wilhelm Seiwert, Selbstbildnis, 79 cm x 50 cm, Öl, Original im van der Heydt Museum Wuppertal,1928.

Franz Wil­helm Sei­wert war bil­den­der Künst­ler so­wie so­zi­al-, kunst- und kul­tur­theo­re­ti­scher Es­say­ist, der sich nach En­de des Ers­ten Welt­kriegs für die Durch­füh­rung der so­zia­lis­ti­schen Welt­re­vo­lu­ti­on ein­setz­te. Als Mit­be­grün­der der Künst­ler­grup­pie­rung „Köl­ner Pro­gres­si­ve“ war er ein wich­ti­ger Weg­be­rei­ter der kon­struk­ti­vis­ti­schen und so­zia­lis­ti­schen Kunst in Deutsch­land.

Wil­helm (ge­nannt Wil­li) Sei­wert, wur­de am 9.3.1894 als ein­zi­ges Kind des Post­be­am­ten Jo­hann Sei­wert und des­sen Frau Mar­ga­re­the, ge­bo­re­ne Düp­pen­be­cker, in Köln ge­bo­ren. Der Va­ter stamm­te aus An­der­nach, die Mut­ter aus Ober­pleis (heu­te Stadt Kö­nigs­win­ter), wo sich Sei­wert Zeit sei­nes Le­bens wie­der­holt auf­hielt.

Seit 1900 be­such­te Sei­wert, der in ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen auf­wuchs, die Volks­schu­le, wel­che er 1909 ab­schloss. 1901 er­litt er bei ei­nem Rönt­gen­ex­pe­ri­ment, das man bei dem Jun­gen zur Be­hand­lung ei­ner Schor­fer­kran­kung im Köl­ner Bür­ger­hos­pi­tal durch­ge­führt hat­te, zahl­rei­che schwers­te Ver­bren­nun­gen und ei­ne un­heil­ba­re, ei­tern­de Kopf­wun­de, die ihn zwang, fort­an ei­ne Pe­rü­cke zu tra­gen. Mit den ge­sund­heit­li­chen Spät­fol­gen die­ser Fehl­be­hand­lung, die schlie­ß­lich auch sei­nen frü­hen Tod zur Fol­ge hat­ten, muss­te Sei­wert sein Le­ben lang kämp­fen. Dies hat­te nicht nur er­heb­li­chen Ein­fluss auf die cha­rak­ter­li­che Ent­wick­lung des Man­nes, son­dern präg­te auch sein künst­le­ri­sches Werk in dem Ma­ße, dass das Lei­den des Men­schen zum zen­tra­len The­ma sei­nes Schaf­fens wur­de.

In der Kind­heit schloss sich der aus ei­nem stren­gen ka­tho­li­schen Mi­lieu stam­men­de Künst­ler der Ka­tho­li­schen Ju­gend an. Ab 1910 be­such­te er die Kunst­ge­wer­be­schu­le in Köln, um sich zum Ar­chi­tek­ten aus­bil­den zu las­sen. Wäh­rend die­ser Pha­se be­glei­te­te er oft den be­freun­de­ten Kunst­stu­den­ten Hu­bert Nö­then (1887-1917), der in den fol­gen­den Jah­ren Sei­werts künst­le­ri­sche Ent­wick­lung ma­ß­geb­lich be­ein­fluss­te, zu Re­stau­rie­rungs­ar­bei­ten in rhei­ni­schen Kir­chen. Die­se Auf­ent­hal­te bil­de­ten ne­ben sei­ner tie­fen Re­li­gio­si­tät zwei­fel­los den Keim für Sei­werts oft sa­kral ori­en­tier­tes Werk und führ­ten da­zu, dass die­ser sich in den fol­gen­den Jah­ren mit der Kunst rhei­ni­scher Meis­ter der Ro­ma­nik und Go­tik be­schäf­tig­te. Durch Nö­then, der sich in sei­nen Ar­bei­ten mit den zeit­ge­nös­si­schen Kunst­strö­mun­gen aus­ein­an­der­setz­te, er­hielt Sei­wert ers­te Ein­bli­cke in die avant­gar­dis­ti­sche Kunst. Der ge­mein­sa­me Be­such der Köl­ner In­ter­na­tio­na­len Son­der­bund­aus­stel­lung im Jahr 1912 war für Sei­wert, wie für vie­le an­de­re rhei­ni­sche Kunst­schaf­fen­de der Zeit, ei­ne künst­le­ri­sche Of­fen­ba­rung, die ihn dar­in be­stärk­te, ei­nen Weg als bil­den­der Künst­ler ein­zu­schla­gen. Ers­te Zei­chen­ver­su­che un­ter­nahm er mit Nö­then um 1913 im völ­ker­kund­li­chen Rau­ten­strauch-Jost-Mu­se­um in Köln. Nach­dem Sei­wert im glei­chen Jahr sei­ne Aus­bil­dung an der Ge­wer­be­schu­le be­en­det hat­te, nahm er ei­ne Tä­tig­keit bei dem Ar­chi­tek­ten Cle­mens Klotz auf, des­sen tra­di­tio­na­lis­ti­sche Kunst­auf­fas­sung gleich­falls auf Sei­werts Werk der frü­hen Jah­re ein­wirk­te.

Wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs wur­de Sei­wert auf­grund sei­ner Er­kran­kung nicht ein­ge­zo­gen. Po­li­tisch nahm er in die­ser Zeit ei­ne pa­zi­fis­ti­sche Hal­tung ein, die dar­in zum Aus­druck kam, dass er seit Herbst 1916 in Köln an der vom Schrift­stel­ler­ehe­paar Car­lo Os­kar (1984-1971) und Kä­the Ja­tho (1891-1989) pri­vat ver­an­stal­te­ten, kriegs­geg­ne­ri­schen Kul­tur-Vor­trags­rei­he teil­nahm. Zwi­schen Sei­wert und dem Ehe­paar, das ihm in An­leh­nung an Franz von As­si­si (1184-1226) bald den Na­men Franz gab, ent­stand ei­ne en­ge Freund­schaft, die sich in den wei­te­ren Jah­ren auch durch ei­ne künst­le­ri­sche Zu­sam­men­ar­beit aus­zeich­ne­te. Dar­über hin­aus er­öff­ne­te die Mit­glied­schaft in der Grup­pe, de­ren An­hän­ger vor­wie­gend der Köl­ner In­tel­lek­tu­el­len­sze­ne ent­stamm­ten, Sei­wert den Kon­takt zu an­de­ren auf­stre­ben­den Künst­lern wie Ot­to Freund­lich (1878-1943), der für die sti­lis­ti­sche Ent­wick­lung von Sei­werts Werk der Fol­ge­jah­re von we­sent­li­cher Be­deu­tung war, und die­sem wich­ti­ge Kon­tak­te, wie zum Bei­spiel zu dem Ber­li­ner Ver­le­ger Franz Pfem­fert (1879-1954), ver­mit­tel­te. Wei­te­re An­re­gung für sei­ne Kunst er­hielt Sei­wert durch die bei Ver­an­stal­tun­gen der Ja­thos vor­ge­tra­ge­nen und dis­ku­tier­ten re­li­giö­sen, phi­lo­so­phi­schen und welt­li­chen Wer­ke der Li­te­ra­tur­ge­schich­te, mit de­nen sich der Künst­ler, wie im Fal­le des Jo­han­nes-Evan­ge­li­ums (1917) oder Ho­mers Odys­see (1919) in Holz­schnitt­zy­klen aus­ein­an­der­setz­te. Die Be­schäf­ti­gung der Grup­pe mit Tex­ten von Karl Marx und Ro­sa Lu­xem­burg (1871-1919) wur­de in­des­sen ei­ner­seits prä­gend für Sei­werts po­li­ti­sche Hal­tung, in der sich so­zi­al­re­vo­lu­tio­nä­re Theo­ri­en mit christ­li­cher Ethik ver­ban­den. An­de­rer­seits ent­wi­ckel­ten sich mar­xis­ti­sche Ter­mi­na, wie die Klas­sen­ge­sell­schaft und die Aus­beu­tung der Ar­bei­ter­ge­sell­schaft, zu zen­tra­len Ele­men­ten in Sei­werts kon­struk­ti­vis­ti­schen Ar­bei­ten der 1920er Jah­re, die sich über­wie­gend mit der Un­ter­le­gen­heit und dem Elend der pro­le­ta­ri­schen Schicht be­fass­ten.

Ei­ne 1916 vom „Ja­tho“-Kreis ver­an­stal­te­te Aus­stel­lung mit ex­pres­sio­nis­ti­schen Gra­phi­ken deut­scher Avant­gar­dis­ten gab Sei­wert die Mög­lich­keit, das ei­ge­ne Werk in Form ei­ner Chris­tus­büs­te vor­zu­stel­len. Die Teil­nah­me brach­te ihm ei­nen ers­ten Auf­trag durch die Frau­en­recht­le­rin Mat­hil­de von Me­vis­sen ein, die Sei­wert mit der Aus­ma­lung der Kup­pel ih­res Köl­ner Wohn­hau­ses be­trau­te. Das Jahr 1917 be­deu­te­te für den jun­gen Künst­ler ei­nen er­neu­ten Schick­sals­schlag, als ihm mit dem „Hel­den­to­d“ Nö­thens der bes­te Freund und ei­ne trei­ben­de künst­le­ri­sche Kraft ge­nom­men wur­den. Der Ver­lust des Freun­des bil­de­te si­cher­lich ei­nen Grund da­für, dass sich Sei­wert in die­ser Zeit wei­ter der pa­zi­fis­tisch-kom­mu­nis­ti­schen Künst­ler­be­we­gung an­nä­her­te und in den fol­gen­den Jah­ren zu ei­nem wich­ti­gen Agi­ta­tor der Strö­mung im Rhein­land und zum glü­hen­den Ver­fech­ter der mar­xis­ti­schen Welt­re­vo­lu­ti­on wur­de. Nach­dem der Künst­ler 1917 ers­te Gra­phi­ken in Franz Pfem­ferts an­ti­mi­li­ta­ris­ti­scher Zeit­schrift „Die Ak­ti­on“ ver­öf­fent­licht hat­te, wur­de Sei­wert nach Kriegs­en­de 1918/19 Mit­glied in Pfem­ferts „An­ti­na­tio­na­ler So­zia­lis­ten-Par­tei“ und Mit­be­grün­der der Köl­ner Ab­tei­lung des Ber­li­ner „Ar­beits­rats für Kunst“. 1921 trat er im Kampf ge­gen die Re­pu­blik in die links­ra­di­ka­le „All­ge­mei­ne Ar­bei­ter-Uni­on“ ein.

Hat­te die Ver­bin­dung zu Pfem­fert dem Künst­ler be­reits 1919 ei­ne Aus­stel­lung in den Ber­li­ner Ge­schäfts­räu­men der „Ak­ti­on“ er­mög­licht, er­öff­ne­te der Kon­takt zu so­zi­al­re­vo­lu­tio­nä­ren Künst­ler­krei­sen in den Fol­ge­jah­ren die Teil­nah­me an zahl­rei­chen wich­ti­gen Aus­stel­lun­gen auf deut­schen Ge­biet, wo­durch Sei­werts Werk letzt­lich der öf­fent­li­che Durch­bruch ge­lang. Eben­falls um 1919 be­gann der Künst­ler mit dem Ver­fas­sen von so­zi­al- und kul­tur­re­vo­lu­tio­nä­ren, teils an­ar­chis­ti­schen Pam­phle­ten, die in so­zia­lis­ti­schen Zeit­schrif­ten ver­öf­fent­licht wur­den. In die­sen Schrif­ten for­der­te der Künst­ler zur Auf­leh­nung des „ver­sklav­ten“ Pro­le­ta­ri­ats ge­gen den ka­pi­ta­lis­ti­schen Kon­sum­staat und zur Selbst­ent­äu­ße­rung sei­ner Be­völ­ke­rung auf. Auf po­li­ti­scher Ebe­ne ver­lang­te Sei­wert die Ab­set­zung von Par­tei­en und Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten, wo­bei er den Bol­sche­wis­mus ab­lehn­te und sich ge­gen die von Russ­land pro­pa­gier­te re­vo­lu­tio­nä­re Zen­tra­li­sie­rung rich­te­te, was wie­der­um der von ihm ver­tre­te­nen mar­xis­ti­schen Leh­re wi­der­sprach. Kul­tur­po­li­tisch for­der­te er in lo­gi­scher Kon­se­quenz den Über­gang von der „über­kom­me­nen“ bür­ger­li­chen zur von ihm als „wahr­haf­ti­g“ pro­pa­gier­ten pro­le­ta­ri­schen Kunst. 

1919 ar­bei­te­te Sei­wert un­ter an­de­rem mit Hein­rich Ho­er­le (1895-1936) un­d Max Ernst an Jo­seph Smeets (1893-1925) links­ra­di­ka­ler, sa­ti­ri­scher Zei­tung „Der Ven­ti­la­tor“, die den Aus­gangs­punkt der Köl­ner Da­da-Be­we­gung bil­de­te. Zwar be­tei­lig­te sich Sei­wert zu­nächst noch an Ak­tio­nen der neu­for­mier­ten Da­da­is­ten, dis­tan­zier­te sich bald je­doch von de­ren ge­sell­schaft­li­cher Pro­gram­ma­tik, was un­ter an­de­rem in Sei­werts Ab­leh­nung sei­ner Teil­nah­me an der Köl­ner Da­da-Aus­stel­lung 1919 zum Aus­druck kommt. Als Ge­gen­satz zur bür­ger­li­chen Da­da-Be­we­gung grün­de­te der Künst­ler mit Ho­er­le, mit dem er bis zu ei­nem Streit im Jahr 1930 eng be­freun­det war, An­ton Rä­der­scheidt (1892-1970) und de­ren Ehe­frau­en die an mit­tel­al­ter­li­chem Vor­bild ori­en­tier­te „Neu­köl­ni­sche Ma­ler­schu­le“, wel­che letzt­end­lich als „grup­pe stu­pi­d“ in die Öf­fent­lich­keit trat. Die Ver­ei­ni­gung, die sich als an­ti­bür­ger­li­che, mit dem Pro­le­ta­ri­at so­li­da­ri­sche Schaf­fens­grup­pe ver­stand, bil­de­te ei­nen Vor­läu­fer der Ver­ei­ni­gung der „Köl­ner Pro­gres­si­ven“ und war eben­so wie die An­ti­kriegs­grup­pe um das Ehe­paar Ja­tho Keim­zel­le für die um 1919 im Ei­fel­ort Si­mons­kall ge­grün­de­te „Kall­tal­ge­mein­schaf­t“. Die Ja­thos be­sa­ßen dort das so­ge­nann­te „Jun­ker­haus“, ein ehe­ma­li­ges Wohn­haus aus dem 17. Jahr­hun­dert, in dem das Paar und Sei­wert seit 1919 als Kern der Le­bens- und Ar­beits­grup­pe wohn­ten. Die um ei­nen ein­fa­chen Le­bens­stil be­müh­ten Freun­de grün­de­ten hier den Ver­lag „Kall­tal­pres­se“, in dem die Mit­glie­der der Grup­pe kul­tur­theo­re­ti­sche Es­says ver­öf­fent­lich­ten, die mit Gra­fi­ken il­lus­triert wur­den, die man auf der haus­ei­ge­nen Hand­pres­se druck­te. Wäh­rend der Druck der Hef­te bei an­de­ren Ver­la­gen in Auf­trag ge­ge­ben wur­de, bil­de­te Sei­werts Gra­fik­map­pe „Die Welt zum Stau­nen“ die ein­zi­ge in Si­mons­kall her­ge­stell­te Aus­ga­be der Schrif­ten­rei­he.

Ne­ben der Ar­beit am „Ven­ti­la­tor“ hat­te Sei­wert in die­ser für ihn pu­bli­zis­tisch hoch­pro­duk­ti­ven Pha­se als Au­tor und Il­lus­tra­tor an Karl Nie­ren­dorfs (1889-1947) Zeit­schrift „Der Strom“ mit­ge­wirkt, die 1919 ein­ge­stellt wur­de. In der glei­chen Zeit stand er in en­gem Kon­takt zu dem so­zia­lis­ti­schen Schrift­stel­ler und Re­vo­lu­tio­när Ret Ma­rut (1882-1969), für des­sen pa­zi­fis­ti­sche Zeit­schrift „Der Zie­gel­bren­ner“ Sei­wert den Ver­trieb im Rhein­land über­nom­men hat­te und wo­mög­lich auch Ar­ti­kel ver­fass­te.  Ma­rut, den sei­ne christ­lich-kom­mu­nis­ti­schen An­sich­ten mit dem Künst­ler ver­ban­den, war in Fol­ge der Nie­der­schla­gung der bay­ri­schen Rä­te­re­pu­blik aus Mün­chen ge­flo­hen und kam dar­auf­hin bei Sei­wert in Si­mons­kall un­ter, wo die letz­te Aus­ga­be des „Zie­gel­bren­ner­s“ so­wie Sei­werts in Ma­ruts Ver­lag er­schie­ne­nes Holz­schnitt-Heft „Ru­fe“ ge­druckt wur­den.

Um die Zeit von Sei­werts Rück­kehr nach Köln im Jahr 1920/21 for­mier­te sich um ihn, Hein­rich Ho­er­le und Gerd Arntz (1900-1988) die bis zu Sei­werts To­des­jahr 1933 be­ste­hen­de lo­se Künst­ler­grup­pie­rung der „Köl­ner Pro­gres­si­ven“, wel­che ein Sam­mel­be­cken von Sei­werts so­zia­lis­ti­schen Künst­ler­kon­tak­ten bil­de­te. Im Be­stre­ben um die kul­tu­rel­le und künst­le­ri­sche Durch­set­zung der kom­mu­nis­ti­schen Re­vo­lu­ti­on ent­wi­ckel­ten die Mit­glie­der ei­ne neue Form­spra­che als Aus­druck der pro­le­ta­ri­schen Kul­tur, die in ty­pi­sie­ren­der Wei­se so­zia­le The­men auf­griff. Ab Mit­te der 1920er Jah­re wur­de das künst­le­ri­sche Be­tä­ti­gungs­feld durch fo­to­gra­fi­sche Ar­bei­ten, bei­spiels­wei­se Au­gust San­ders, den Sei­wert um die­se Zeit ken­nen­ge­lern­te hat­te, er­gänzt. Die bei Aus­stel­lun­gen meist als Kol­lek­tiv auf­tre­ten­de Grup­pe er­öff­ne­te Sei­wert die Be­tei­li­gung an zahl­rei­chen wich­ti­gen Schau­en der 1920er Jah­re, wie zum Bei­spiel 1926 in der Rich­mod-Ga­le­rie in Köln, der Aus­stel­lung deut­scher Kunst in Düs­sel­dorf 1928 so­wie in­ter­na­tio­na­len Aus­stell­lun­gen in Ams­ter­dam, Prag, Pa­ris und Chi­ca­go im Jahr 1930.

 

War Sei­werts Kunst der Nach­kriegs­zeit vor al­lem von ei­nem ex­pres­sio­nis­tisch-ku­bis­ti­schen Stil ge­prägt, in der ne­ben den oft sym­bo­li­schen, fi­gür­li­chen und abs­trak­ten Druck­gra­fi­ken plas­ti­sche Ar­bei­ten vor­herrsch­ten, ent­wi­ckel­te der Künst­ler ab 1920/21 ei­ne ge­gen­ständ­lich-kon­struk­ti­vis­ti­sche teils an die mit­tel­al­ter­li­che Ma­le­rei an­ge­lehn­te Form­spra­che, die sei­nen An­spruch an ei­ne Ver­ein­fa­chung, Sym­bo­li­sie­rung und Ty­pi­sie­rung der Bild­mo­ti­ve sei­ner pro­pa­gan­dis­ti­schen, pro­le­ta­ri­schen Kunst er­füll­te. Mit dem Wech­sel vom Holz- zum Lin­ol­schnitt um 1920 voll­zog Sei­wert im Be­mü­hen um die Um­set­zung ei­ner so­zia­lis­ti­schen Kunst auch ei­nen hand­werk­li­chen Wech­sel. Gleich­zei­tig nahm sei­ne bild­haue­ri­sche Tä­tig­keit ab. Mo­ti­ve und The­ma­tik für sei­ne ge­sell­schafts­kri­ti­schen Wer­ke der frü­hen 1920er Jah­re fand der Künst­ler in den po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen Er­eig­nis­sen im Ruhr­ge­biet, wo sich zwi­schen 1918 und 1923 ra­di­ka­le, re­vo­lu­tio­nä­re Ten­den­zen und die fort­schrei­ten­de Ver­elen­dung der Ar­bei­ter­schaft durch Hy­per­in­fla­ti­on und die al­li­ier­te Be­sat­zungs­po­li­tik in be­son­de­rem Ma­ße äu­ßer­ten.

1921 war Sei­wert nach­weis­lich erst­mals nach Ber­lin ge­reist, wo er im Hin­blick auf sei­ne kul­tur­po­li­ti­schen Tä­tig­kei­ten ei­nen wich­ti­gen Kon­takt in dem Künst­ler­ehe­paar Mar­ga­re­te (1891-1984) und Sta­nislaw Ku­bi­cki (1889-1943) fand, das 1922 mit be­freun­de­ten Künst­lern und Schrift­stel­lern in Ber­lin ei­ne in­ter­na­tio­na­le Aus­stel­lung re­vo­lu­tio­nä­rer Künst­ler ver­an­stal­te­te. Die durch sei­ne Teil­nah­me am in­ter­na­tio­na­len „Kon­greß neu­er fort­schritt­li­cher Künst­ler in Düs­sel­dor­f“ 1922 ge­schlos­se­nen Be­kannt­schaf­ten zu Lász­ló Mo­h­oly-Na­gy (1895-1946) oder El Lis­sitz­ky (1890-1941) hat­ten in­des­sen zur Fol­ge, dass sich Sei­wert in sei­nem Werk die­ser Zeit ver­mehrt mit der Abs­trak­ti­on aus­ein­an­der­setz­te. Eben­so hat­te sein Be­such der Ber­li­ner „1. Rus­si­schen Kunst­aus­stel­lun­g“ 1922 mit Wer­ken der su­pre­ma­tis­ti­schen und kon­struk­ti­vis­ti­schen Kunst Ka­si­mir Ma­le­witschs (1879-1935), Wla­di­mir Tat­lins (1885-1953) und Alex­an­der Rodt­schen­kos (1891-1956) nach­hal­ti­gen Ein­fluss auf sein Schaf­fen.

Ei­ne Art Kon­tra­punkt zu sei­nen bis­he­ri­gen re­vo­lu­ti­ons­theo­re­ti­schen Schrif­ten bil­de­te der 1922 er­schie­ne­ne pseu­do­his­to­rio­gra­phi­sche Ar­ti­kel „Die Ent­wick­lung der kom­mu­nis­ti­schen Be­we­gung in Deutsch­lan­d“, in dem Sei­wert den Ver­lauf und das Schei­tern der so­zia­lis­ti­schen Nach­kriegs­re­vo­lu­ti­on zu er­klä­ren ver­such­te. Das nach An­sicht des Künst­lers durch die So­zi­al­de­mo­kra­ten ver­schul­de­te Schei­tern sämt­li­cher spar­ta­kis­ti­scher Auf­stän­de, zwang ihn 1923 zu der An­sicht, dass es kei­ne pro­le­ta­ri­sche Kunst und Kul­tur ge­be, was zur Fol­ge hat­te, dass sei­ne so­zi­al­re­vo­lu­tio­nä­ren Gra­fi­ken ab 1924 deut­lich ab­nah­men und so­zio­lo­gi­sche Öl­bil­der so­wie ty­po­gra­phi­sche und ar­chi­tek­to­ni­sche Tä­tig­kei­ten in den Fo­kus rück­ten. Gleich­falls über­nahm er in die­ser Zeit Re­kla­me-Auf­trä­ge und wur­de mit Hein­rich Ho­er­le als Be­ra­ter für die Köl­ner Ar­chi­tek­ten Wil­helm Ri­phahn und Cas­par Ma­ria Grod (1878-1931) tä­tig.

1924 nahm Sei­wert an der „1. All­ge­mei­nen Kunst­aus­stel­lung des Wes­ten­s“ in Mos­kau teil, wo er 1926 ein wei­te­res Mal aus­stell­te. Im glei­chen Jahr be­such­te er Ot­to Freund­lich in Pa­ris, der 1924 dort­hin aus­ge­wan­dert war. Die­sem Auf­ent­halt folg­te 1927 ei­ne wei­te­re Frank­reich­rei­se nach Char­tres und Pa­ris, wäh­rend der er freund­schaft­li­chen Kon­takt zu Fer­nand Lé­ger (1881-1955) und Con­stan­tin Bran­cu­si (1876-1957) ent­wi­ckel­te, nach des­sen Skulp­tur „Der Kuss“ Sei­wert 1929 den Grab­stein für sei­ne Mut­ter ent­warf.

Sein po­li­ti­sches En­ga­ge­ment er­wei­ter­te Sei­wert seit 1925 in Form von meh­re­ren Ar­ti­keln für die Köl­ner Zei­tung „So­zia­lis­ti­sche Re­pu­bli­k“. Seit 1927 schlug sich sei­ne ar­chi­tek­to­ni­sche Tä­tig­keit in der Mit­ar­beit an der Zeit­schrift „West­deut­sche Bau­schau“ nie­der, für die er bis 1929 zahl­rei­che Ar­ti­kel ver­fass­te. Ge­mein­sam mit Gerd Arntz, Au­gust San­der und El Lis­sitz­ky fer­tig­te Sei­wert 1928 Ar­bei­ten für die In­ter­na­tio­na­le Pres­se-Aus­stel­lung in Köln an, wo er Kon­takt zu dem böh­mi­schen Künst­ler Au­gus­tin Tschin­kel (1905-1983) er­hielt. Im fol­gen­den Jahr grün­de­ten die „Köl­ner Pro­gres­si­ven“ die Zeit­schrift „a bis z“, in der Sei­wert und sei­ne Künst­ler­freun­de kunst­theo­re­ti­sche wie auch phi­lo­so­phi­sche Ar­ti­kel ver­öf­fent­lich­ten.

Die Be­schäf­ti­gung mit der Bau­kunst hat­te zur Fol­ge, dass sich Sei­wert seit En­de der 1920er Jah­re kunst­theo­re­tisch und künst­le­risch ver­mehrt mit der Wand­ma­le­rei, ei­ner Schnitt­stel­le zwi­schen Ar­chi­tek­tur und Kunst, be­fass­te. Die­ses In­ter­es­se an der ma­le­ri­schen In­nen­raum­ge­stal­tung schlug sich un­ter an­de­rem in der Mit­ge­stal­tung der Köl­ner Aus­stel­lung „Raum und Wand­bil­d“ (1929) nie­der. Dar­über hin­aus hat­te sich Sei­wert seit 1924/25 mit der Glas­ma­le­rei aus­ein­an­der­ge­setzt, wo­von un­ter an­de­rem sei­ne mu­si­vi­schen Glas­fens­ter so­wie das für das Köl­ner Kunst­ge­wer­be­mu­se­um ent­wor­fe­ne Glas­fens­ter­mo­sa­ik von 1931 zeu­gen. Der Kon­takt zum Kunst­ge­wer­be­mu­se­um, an des­sen Neu­ord­nung im Jahr 1930 Sei­wert sich be­tei­lig­te, war durch die Be­kannt­schaft mit dem Di­rek­tor des Mu­se­ums, Karl With (1891-1980), ent­stan­den, mit dem er sich 1930 an­ge­freun­det hat­te. In Fol­ge der Macht­über­nah­me durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten im Jahr 1933 zog sich Sei­wert ins Sie­ben­ge­bir­ge zu­rück, muss­te auf­grund ei­ner Ver­schlim­me­rung sei­ner Kopf­wun­de je­doch zu ei­nem Kran­ken­haus­auf­ent­halt nach Köln zu­rück­keh­ren, wo er nach ver­geb­li­chen Hei­lungs­ver­su­chen der Ärz­te am 3.7.1933 starb.

An den Künst­ler er­in­nert in Köln die Franz-Sei­wert-Stra­ße.

Werke (Auswahl)

Werk­ver­zeich­nis: Boh­nen, Uli, Franz W. Sei­wert 1894–1933. Le­ben und Werk, Köln 1978.

vor 1916 - Ex Li­bris W. Sei­wert, Holz- oder Lin­ol­schnitt, Pri­vat­be­sitz

um 1916/17 - Chris­tus­kopf, Skulp­tur, Mu­se­um Lud­wig, Köln

1917/19 - Sie­ben Klän­ge zum Evan­ge­li­um Jo­han­nis, 7 Holz­schnit­te, Ti­tel und Si­gnet, Pri­vat­be­sitz

1917/19 - Welt zum Stau­nen, 6 Holz­schnit­te, Ti­tel, In­nen­ti­tel und Si­gnet, Mu­se­um Lud­wig, Köln

1917/19 - Ge­schöp­fe, 7 Holz­schnit­te und Ti­tel, Pri­vat­be­sitz

1919 - Der Ru­fer I, Skulp­tur, Mu­se­um Lud­wig, Köln

1919/20 - Frau­en­kopf, Skulp­tur, Pri­vat­be­sitz

um 1920/22 - Der Ar­beits­mann, Ge­mäl­de, Yale Uni­ver­si­ty Art Gal­le­ry, New Ha­ven

1922 - Klas­sen­kampf, Holz- oder Lin­ol­schnitt, Pri­vat­be­sitz

1923 - Das täg­li­che Brot, Ge­mäl­de, Wil­helm-Lehm­bruck-Mu­se­um, Duis­burg

1923 - Chi­ka­go 1887, Lin­ol­schnitt, Pri­vat­be­sitz

1924 - Mann mit Ma­schi­nen, Ge­mäl­de, Pri­vat­be­sitz

um 1925 - Ar­bei­ter, Skulp­tur (Re­plik), Pri­vat­be­sitz

1925 - Die Ar­beits­män­ner, Ge­mäl­de, Stif­tung Mu­se­um Kunst­pa­last, Düs­sel­dorf

1925 - Chris­tus im Ruhr­ge­biet, Glas­fens­ter, LVR-Lan­des­mu­se­um, Bonn

1925 - De­mons­tra­ti­on, Ge­mäl­de, Pri­vat­be­sitz

1925 - Fei­er­abend II, Ge­mäl­de, Ham­bur­ger Kunst­hal­le

1925 - Pro­le­ten er­wacht!, Lin­ol­schnitt, Von der Heydt-Mu­se­um, Wup­per­tal

1926 - Dis­kus­si­on, Ge­mäl­de, Kunst­mu­se­um Bonn

1928 - Selbst­bild­nis, Ge­mäl­de, Von der Heydt-Mu­se­um, Wup­per­tal

1929 - An­sicht von Köln und der Vil­le, Ge­mäl­de, Köl­ni­sches Stadt­mu­se­um

1929 - Grab­stein, Skulp­tur, Nord­fried­hof Köln

1931 - Der deut­sche Bau­ern­krieg, Von der Heydt-Mu­se­um, Wup­per­tal

1932 - Stadt und Land, Mu­se­um Lud­wig, Köln

Schriften

Auf­bau der pro­le­ta­ri­schen Kunst, in: Die Ak­ti­on 10. Jg. Heft 51/52 (1920), Sp. 719-724.

Die Ent­wick­lung der kom­mu­nis­ti­schen Be­we­gung in Deutsch­land, in: Die Ak­ti­on 12. Jg. Heft 39/40 (1922), Sp. 551-554.

Die Funk­ti­on der In­tel­lek­tu­el­len in der Ge­sell­schaft und ih­re Auf­ga­be in der pro­le­ta­ri­schen Re­vo­lu­ti­on, in: Die Ak­ti­on 13. Jg. Heft 21/22 (1923), Sp. 281-284.

Die Rhein­land­fra­ge und die fran­zö­si­sche Ver­ge­wal­ti­gungs­po­li­tik, in: Die Ak­ti­on 13 Jg. Heft 1 (1923), Sp. 9-12.

Ei­ne Dar­stel­lung der Ent­wick­lung der Kunst, in: Die Ak­ti­on Heft 3 (1927), Sp. 66-70.

Heu­te oder in hun­dert Jah­ren!, in: Die Ak­ti­on 9. Jg. Heft 14/15 (1919), Sp. 205-207.

Tech­nik, Pro­duk­ti­ons­or­ga­ni­sa­ti­on, Kul­tur und die neue Ge­sell­schaft, in: Die Ak­ti­on 14. Jg. Heft 24 (1924), Sp. 699-702.

Tu­et Be­kennt­nis. For­dert Be­kennt­nis, in: Die Ak­ti­on 10. Jg. Heft 7/8 (1920), Sp. 110-110.

Über Ar­chi­tek­tur, in: Die Rhein­lan­de 29. Jg. Heft 11/12 (1919), S. 253-254.

Literatur

Arntz, Gerd, Au­gus­tin Tschin­kel, F. W. Sei­wert, Ge­mäl­de, Gra­phik, Schrif­ten, Prag 1934.

Ba­vaj, Ric­car­do, “Die be­ste­hen­de Welt rest­los mit Ge­walt be­sei­ti­gen”. Der Künst­ler Franz W. Sei­wert und sein Kampf ge­gen den Wei­ma­rer Staat, in: Ge­schich­te im Wes­ten 22 (2007), S. 41-65.

Boh­nen, Uli/Ba­ckes, Dirk, Der Schritt, der ein­mal ge­tan wur­de, wird nicht zu­rück­ge­nom­men. Franz W. Sei­wert. Schrif­ten. Köln 1978.

Ja­tho, Carl Os­kar, Franz Wil­helm Sei­wert (= Mo­no­gra­phi­en zur rhei­nisch-west­fä­li­schen Kunst der Ge­gen­wart 27), Reck­ling­hau­sen 1964.

Roth, Ly­net­te, Köln pro­gres­siv 1920-1933. Sei­wert-Ho­er­le-Arntz, Köln 2008.

Schilf, Rein­hard, Han­ne­lo­re Vos­sen-Schilf, Ex­pe­ri­ment Kall­tal­ge­mein­schaft. Die Köl­ner Pro­gres­si­ven in Si­mons­kall 1919-1921, Wei­ler­s­wist 2008. 

Franz Wilhelm Seiwert , Vier Männer vor Fabriken, 79 cm x 100 cm, Öl, 1926. (Galerie Brockstedt Hamburg)

 
Zitationshinweis

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Pesch, Martin, Franz Wilhelm Seiwert, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/franz-wilhelm-seiwert/DE-2086/lido/5d43f66ec1b9e3.83920212 (abgerufen am 06.12.2019)