Johannes Löh

Aufklärungstheologe (1752-1841)

Stefan Flesch (Düsseldorf)

Bronzestatue von Johannes Löh. (Gemeinfrei/Fahrenberg1369)

Jo­han­nes Löh am­tier­te nicht we­ni­ger als 63 Jah­re lang als lu­the­ri­scher Pfar­rer in vier rhei­ni­schen Kir­chen­ge­mein­den. Geis­tes­ge­schicht­lich zählt er zu den Theo­lo­gen, die sich den Idea­len der Auf­klä­rung und des Ra­tio­na­lis­mus ver­pflich­tet fühl­ten. Die­se im Rhein­land eher sel­ten ver­tre­te­ne Spe­zi­es der „Fort­schritts­män­ner“ sah sich viel­fäl­ti­gen An­fein­dun­gen or­tho­do­xer wie pie­tis­ti­scher Krei­se aus­ge­setzt.

Löh wur­de am 8.9.1752 in Ben­ninghau­sen als Sohn des Land­wir­tes Jo­hann Her­mann Löh und sei­ner Ehe­frau Ka­tha­ri­na Mar­ga­re­tha geb. Hil­gen­stock ge­bo­ren. Nach der Gym­na­si­al­zeit in Soest stu­dier­te er evan­ge­li­sche Theo­lo­gie in Hal­le und Göt­tin­gen, wo­bei er be­reits na­tur­wis­sen­schaft­li­che und me­di­zi­ni­sche Vor­le­sun­gen be­such­te. Sei­ne theo­lo­gi­sche Prä­gung er­fuhr er in Hal­le durch den dort leh­ren­den Auf­klä­rungs­theo­lo­gen Jo­hann Sa­lo­mo Sem­ler (1725-1791). Nach kur­zer Kan­di­da­ten­zeit trat er 1775 im Al­ter von ge­ra­de 23 Jah­ren sei­ne ers­te Pfarr­stel­le in Reus­rath (heu­te Stadt Lan­gen­feld) an. „Ein Schelm, der me­lan­cho­lisch wir­d“ - die­ses Brief­zi­tat aus dem Jahr 1779 ver­an­schau­licht recht prä­gnant den Le­bens­op­ti­mis­mus des jun­gen Pfar­rers. Ganz im Sin­ne der Auf­klä­rung bil­de­te die Er­zie­hung zur Tu­gend die zen­tra­le Ka­te­go­rie sei­ner Ethik, we­ni­ger die Ver­mitt­lung for­ma­ler Glau­bens­grund­sät­ze im Sin­ne der pro­tes­tan­ti­schen Or­tho­do­xie. In der Tat ist er heu­te statt ex­ege­ti­scher Trak­ta­te eher be­kannt durch sei­ne zahl­rei­chen Un­ter­su­chun­gen und Mess­rei­hen auf den Ge­bie­ten der Bo­ta­nik, As­tro­no­mie und Me­teo­ro­lo­gie. Letz­te­re führ­te er un­un­ter­bro­chen von 1786 bis 1837.

In Reus­rath schloss Löh Freund­schaft mit dem wis­sen­schaft­lich ge­bil­de­ten Frei­herrn Jo­hann Franz Kas­par von Wy­he (1704-1783), dem ehe­ma­li­gen Kam­mer­herrn des Kur­fürs­ten Cle­mens Au­gust von Köln. Die über­schau­ba­re Pfar­rei bot ihm of­fen­sicht­lich viel Frei­raum. Gan­ze Ta­ge ver­weil­te er auf des­sen be­nach­bar­tem Rit­ter­sitz Reu­schen­berg (Kirch­spiel Bür­rig), wo er in­ten­siv die aus­ge­zeich­ne­te Bi­blio­thek be­nut­zen durf­te. In sei­ner Reus­ra­ther Zeit war Löh auch Zeu­ge, wie auf der lu­the­ri­schen Ge­ne­ral­syn­ode Jü­lich-Berg von 1780 der In­spek­tor Jo­hann Theo­dor West­hoff dem saum­se­li­gen Kir­chen­volk an­droh­te, es künf­tig vom Mi­li­tär mit Flin­ten­kol­ben in die Got­tes­diens­te zu trei­ben. 1783 wid­me­te der jun­ge ös­ter­rei­chi­sche Au­tor Jo­hann Pezzl (1756-1823) die­sem Skan­dal ein gan­zes Ka­pi­tel in sei­nem Ro­man „Faus­tin oder das phi­lo­so­phi­sche Jahr­hun­der­t“.

Nach ei­nem kur­zen In­ter­mez­zo in Müllen­bach 1783-1785 trat Löh die lu­the­ri­sche Pfarr­stel­le in So­lin­gen an. In­zwi­schen war man auf Löh auch im aka­de­mi­schen Be­trieb auf­merk­sam ge­wor­den, wie Be­ru­fun­gen nach Göt­tin­gen und Hal­le be­wei­sen. Bei­de lehn­te er nach sorg­fäl­ti­gem Er­wä­gen ab, da er sich doch eher als Prak­ti­ker des Glau­bens emp­fand. Dies be­wies er ein­mal mehr bei ei­ner Kol­lek­ten­rei­se nach Hol­land 1789-1790, wo er sich als ge­wief­ter Fund­rai­ser er­wies, der für sei­ne Ge­mein­de 2.147 Gul­den ein­sam­mel­te. In ei­nem Brief no­tier­te er frei­lich über die fes­ten An­sich­ten der dor­ti­gen pro­tes­tan­ti­schen De­no­mi­na­tio­nen: „Sie kön­nen sich kaum den­ken, wie man­che Köp­fe ver­schraubt sind.“

Be­reits zwei­mal ver­wit­wet, hei­ra­te­te er 1792 An­na Ma­ria Leem­bruck aus We­sel. Ins­ge­samt hat­te er sie­ben Kin­der. Selbst recht wohl­ha­bend, spar­te er zeit­le­bens nicht mit Rat­schlä­gen zu Öko­no­mie und Haus­hal­tung für sei­ne Ge­mein­de­glie­der. Schon in Reus­rath hat­te er ei­ne pro­fes­sio­nel­le Sa­men­zucht für den Land­bau an­ge­legt und ent­wi­ckel­te selbst Arz­nei­mit­tel wie die „Pas­torssal­be“ so­wie ein Au­gen­was­ser ge­gen Bin­de­haut­ent­zün­dun­gen. Noch vor den ent­spre­chen­den staat­li­chen Vor­ga­ben pro­pa­gier­te er bei sei­nen Ge­mein­de­glie­dern die Schutz­imp­fung ge­gen Po­cken und ging 1796 mit sei­ner Fa­mi­lie als gu­tem Bei­spiel vor­an.

Auch auf Pfarr­stel­len er­hielt Löh zahl­rei­che Be­ru­fun­gen bis hin nach Heil­bronn. 1802 wech­sel­te er auf die Pfarr­stel­le in Bur­scheid, ei­ne gro­ße Ge­mein­de mit über 3.000 See­len, die we­sent­lich mehr Amts­ver­pflich­tun­gen er­for­der­te. Dort grün­de­te er gleich ei­nen Le­se­ver­ein und ei­ne Leih­bi­blio­thek. Sein wa­cher Geist in­ter­es­sier­te sich stark für die da­mals viel­dis­ku­tier­te Heil­me­tho­de des ani­ma­li­schen Ma­gne­tis­mus oder Mes­me­ris­mus, wo­zu er auch prak­ti­sche Ver­su­che un­ter­nahm. Für die Leh­rer sei­nes Spren­gels bot er – mo­dern ge­spro­chen – Fort­bil­dungs­ver­an­stal­tun­gen an und setz­te sich mit Ein­ga­ben für die Ver­bes­se­rung ih­res Sta­tus ein. Vor­bild für das auf­klä­rungs­päd­ago­gi­sche En­ga­ge­ment sei­tens der evan­ge­li­schen Pfar­rerschaft war Jo­hann Leo­pold Goes (1730-1795), der als Pfar­rer in Rün­de­roth 1741 ei­ne Mus­ter­schu­le ge­grün­det hat­te, die sich als weg­wei­send für das Volks­schul­we­sen im Her­zog­tum Berg er­wei­sen soll­te. Löh stand mit ihm in Brief­wech­sel. Eben­so pfleg­te er Freund­schaft mit sei­nem Amts­bru­der Jo­hann Wil­helm Re­che (1764-1835), Pfar­rer in Hü­ckes­wa­gen und Mül­heim/Rhein und ein frü­her Prot­ago­nist der Phi­lo­so­phie Im­ma­nu­el Kants (1724-1804). Im lang­jäh­ri­gen Streit um das ra­tio­na­lis­tisch be­ein­fluss­te neue Ge­sang­buch Re­ches von 1798 stand Löh fest an des­sen Sei­te. Als As­ses­sor der Mi­se­lo­her Klas­se des Ber­gisch Lu­the­ri­schen Mi­nis­te­ri­ums, zu der ne­ben Bur­scheid auch Burg, Mül­heim/Rhein, Neu­kir­chen, Reus­rath und Witz­hel­den zähl­ten, ver­füg­te Löh da­mals über kir­chen­po­li­ti­schen Ein­fluss. In der po­li­ti­schen Über­gangs­zeit 1814-1816 be­klei­de­te er auch das Amt ei­nes In­spek­tors des Ber­gi­schen lu­the­ri­schen Mi­nis­te­ri­ums.

Kon­fes­sio­na­lis­ti­sches Den­ken war Löh stets fremd ge­we­sen. Dies galt so­wohl im Um­gang mit Ka­tho­li­ken als auch in­ner­pro­tes­tan­tisch im Ver­hält­nis zu den Re­for­mier­ten. Da­her be­grü­ß­te er sehr die 1817 von Kö­nig Fried­rich Wil­helm III. (1770-1840, Re­gent­schaft 1707-1840) an­ge­reg­te Uni­on. In sei­ner Pre­digt­pra­xis auf der Kan­zel such­te er das Evan­ge­li­um all­ge­mein­ver­ständ­lich aus­zu­le­gen, in­dem er die An­pas­sung an sei­ne länd­li­che Zu­hö­rer­schaft nicht scheu­te und Vor­gän­ge aus dem prak­ti­schen Le­ben ein­zu­bin­den such­te. Nach ei­nem Zi­tat Löhs müs­se es „auch die Magd hin­ter der Thü­re be­grei­fen kön­nen.“ Me­cha­nisch ge­lern­tes Ka­te­chis­mus­wis­sen und blo­ße Glau­bens­for­meln lehn­te er eben­so ab wie das Ver­tei­len from­mer Trak­ta­te. Für ihn bil­de­ten die Wer­ke der Schöp­fung die ei­gent­li­che Hei­li­ge Schrift, aus der sich die Exis­tenz Got­tes und die Auf­er­ste­hung nach dem Tod an­schau­lich und mit Ver­nunft­grün­den dar­le­gen lie­ßen. Es ist er­staun­lich, wel­che theo­lo­gi­schen Band­brei­ten da­mals im rhei­ni­schen Pro­tes­tan­tis­mus be­ob­acht­bar sind. Ein knap­pes Jahr­hun­dert spä­ter wur­de et­wa der Köl­ner Pfar­rer Carl Ja­tho auf­grund von Vor­wür­fen des Pan­the­is­mus und des Mo­nis­mus in ei­nem re­gel­rech­ten Lehr­zucht­ver­fah­ren amts­ent­ho­ben. Löhs Re­pu­ta­ti­on im ge­sam­ten Ber­gi­schen Land er­reich­te 1825 an­läss­lich der Fei­er­lich­kei­ten sei­nes Gol­de­nen Amts­ju­bi­lä­ums ih­ren Hö­he- und Wen­de­punkt.

Bald da­nach lei­te­ten ei­ni­ge von der Er­we­ckungs­be­we­gung be­ein­fluss­te Pfar­rer aus dem Um­land den wie­der­hol­ten Ver­such ein, den miss­lie­bi­gen, aber im­mer noch geis­tig wie kör­per­lich rüs­ti­gen Pfar­rer aus dem Amt zu drän­gen. Dass er sich zeit­le­bens über den „mys­ti­schen und fa­seln­den Ton“ man­cher Pre­di­ger et­wa aus de­m Wup­per­tal lus­tig ge­macht hat­te, trug si­cher­lich we­nig zur Ent­schär­fung des Kon­flikts bei. So hieß es in ei­nem Vi­si­ta­ti­ons­be­richt 1834, Löhs „gan­zes We­sen, Re­den und Be­neh­men tra­ge den Cha­rak­ter des Pro­fa­nen an si­ch“. Der Kon­flikt um Löh steht ex­em­pla­risch für den da­ma­li­gen Ge­ne­ra­tio­nen­wech­sel in der evan­ge­li­schen Pfar­rerschaft und die da­mit ver­bun­de­ne men­ta­le Ab­gren­zung von den ver­meint­li­chen Ge­fah­ren des sä­ku­la­ren Um­felds. Die Bur­schei­der Ge­mein­de so­li­da­ri­sier­te sich mit ih­rem Pfar­rer und er­reich­te es, dass ihm nur ein Hilfs­pre­di­ger un­ter­stüt­zend zur Sei­te ge­stellt wur­de. En­de 1838 gab der 86-Jäh­ri­ge schlie­ß­lich sein Amt auf. We­ni­ge Wo­chen nach­dem er – mitt­ler­wei­le er­blin­det – ein letz­tes Mal ge­pre­digt hat­te, ver­starb er am 29.3.1841 in Bur­scheid.

In An­er­ken­nung sei­ner päd­ago­gi­schen Ver­diens­te ent­schied die Evan­ge­li­sche Kir­che im Rhein­land 2014, ih­re Ge­samt­schu­le in Bur­scheid, der al­ten Wir­kungs­stät­te Löhs, nach dem Pfar­rer zu be­nen­nen. Dort steht auch die Büs­te Löhs, die der lo­ka­le Bild­hau­er Ernst Kunst (1896-1959) ge­schaf­fen hat. Der päd­ago­gi­sche Re­for­mer und spä­te­re li­be­ra­le Po­li­ti­ker Paul Luch­ten­berg emp­fand in Jo­han­nes Löh ei­nen in­spi­rie­ren­den geis­ti­gen Vor­gän­ger und ver­fass­te 1965 die heu­te noch ma­ß­geb­li­che Bio­gra­phie. Es ist be­zeich­nend, dass sich an schrift­stel­le­ri­schen Ar­bei­ten Löhs nur Ma­nu­skrip­te zur As­tro­no­mie, Al­ge­bra, Me­teo­ro­lo­gie und Bo­ta­nik er­mit­teln las­sen. Ein Teil­nach­lass Löhs ist er­hal­ten im Be­stand Fa­mi­li­en­ar­chiv Schu­ma­cher des Lan­des­ar­chivs Nord­rhein West­fa­len Abt. Rhein­land.

Literatur

Gruch, Jo­chen (Be­arb.), Die evan­ge­li­schen Pfar­re­rin­nen und Pfar­rer im Rhein­land von der Re­for­ma­ti­on bis zur Ge­gen­wart, Band 3, Bonn 2018, Nr. 7927.

Eckardt, Uwe, Jo­hann Wil­helm Re­che (1764-1835), ein Kan­tia­ner in Hü­ckes­wa­gen, in: Mo­nats­hef­te für Evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­schich­te des Rhein­lan­des 59 (2010), S. 81-90.

Luch­ten­berg, Paul, Jo­han­nes Löh und die Auf­klä­rung im Ber­gi­schen, Köln/Op­la­den 1965. Spit­zer, Hans-Wal­ter, Der Bur­schei­der Pas­tor Jo­han­nes Löh und sei­ne Zeit, Bur­scheid 1985.

Online

Zeit­ge­nös­si­scher Nach­ruf (Neu­er Ne­kro­log der Deut­schen Bd. XX, Teil 1, Wei­mar 1844, S. 3-9 (Nr. 1). [On­line]

Bei­trag über Jo­han­nes Löh im Blog des Ar­chivs der Evan­ge­li­schen Kir­che im Rhein­land. [On­line]

 
Zitationshinweis

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Flesch, Stefan, Johannes Löh, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johannes-loeh/DE-2086/lido/603f72ae1ab0e9.30999991 (abgerufen am 27.09.2021)