Kaspar Ulenberg

Theologe (1549-1617)

Martin Bock (Frechen)

Kaspar Ulenberg, Stich aus dem 19. Jahrhundert. (Friedrich Everhard von Mering, Ludwig Reischert: Zur Geschichte der Stadt Köln am Rhein: Von ihrer Gründung bis zur Gegenwart, Band 2, Dieta, 1839)

Nach der Ver­öf­fent­li­chung der The­sen von Mar­tin Lu­ther (1483-1546) und der sich in der Fol­ge ra­sant aus­brei­ten­den Re­for­ma­ti­on tat sich der nun­mehr zur ka­tho­li­schen Kir­che ge­wor­de­ne al­te Glau­be lan­ge Zeit schwer, in­halt­li­che Ant­wor­ten auf die For­de­run­gen und Fest­stel­lun­gen des neu­en Glau­bens zu ge­ben. Erst das Tri­en­ter Kon­zil von 1545 bis 1563 lei­te­te ei­ne Ge­gen­be­we­gung ein, die nicht ganz zu Un­recht auch Ge­gen­re­for­ma­ti­on ge­nannt wird und ei­ne Pha­se der Kon­fes­sio­na­li­sie­rung ein­lei­te­te, wäh­rend der so­wohl die ka­tho­li­sche wie auch die pro­tes­tan­ti­sche Sei­te die Durch­drin­gung mög­lichst vie­ler Le­bens­be­rei­che der Gläu­bi­gen an­streb­ten. 

Der Er­folg die­ser Ge­gen­re­for­ma­ti­on war un­ter­schied­lich; teil­wei­se konn­ten zeit­wei­lig pro­tes­tan­ti­sche oder dem Pro­tes­tan­tis­mus na­he ste­hen­de Ge­bie­te und Kör­per­schaf­ten wie­der für den al­ten Glau­ben zu­rück­ge­won­nen wer­den. Von zen­tra­ler Be­deu­tung war auch, wenn Per­so­nen von öf­fent­li­chem In­ter­es­se sich wie­der zur ka­tho­li­schen Leh­re be­kann­ten; so wur­de die Kon­ver­si­on Kö­ni­gin Chris­ti­nas von Schwe­den (1626-1689), zu­mal die­se im Um­feld des Drei­ßig­jäh­ri­gen Kriegs er­folg­te und Chris­ti­na als ei­ner der we­ni­gen Frau­en ei­ne Grab­stät­te im Pe­ters­dom in Rom si­cher­te, ge­ra­de­zu tri­um­phal ge­fei­ert.

Ein Drei­vier­tel­jahr­hun­dert zu­vor er­reg­te die Kon­ver­si­on ei­nes Ge­lehr­ten deut­lich we­ni­ger Freu­de und Auf­merk­sam­keit. Wäh­rend Ad­li­ge häu­fig und schein­bar wahl­los ih­ren of­fi­zi­el­len Glau­ben än­der­ten, je nach­dem, wel­che Vor­tei­le da­durch zu er­rei­chen wa­ren, führ­ten die bür­ger­li­chen Theo­lo­gen und Phi­lo­so­phen den kon­fes­sio­nel­len Streit meist mit gro­ßem En­ga­ge­ment und durch­aus er­bit­tert. Als Kas­par Ulen­berg im Herbst 1572 sich zum ka­tho­li­schen Glau­ben be­kann­te, war das des­halb ein be­mer­kens­wer­ter Vor­gang, der dem Ge­lehr­ten die Zu­nei­gung der alt­gläu­bi­gen Welt und da­mit ver­bun­den auch ent­spre­chend ein­fluss­rei­che Po­si­tio­nen si­cher­te.

Ge­bo­ren wur­de Kas­par Ulen­berg am Hei­lig­abend des Jah­res 1548 in ei­nem evan­ge­li­schen El­tern­haus im west­fä­li­schen Lipp­stadt, das sich schon früh der Re­for­ma­ti­on ge­öff­net hat­te; durch­aus sel­ten ist die fried­li­che Ko­exis­tenz der Lipp­städ­ter Bür­ger mit ei­ner klei­nen und doch wach­sen­den ka­tho­li­schen Ge­mein­de, die im Stadt­be­zirk wei­ter ge­dul­det wur­de. Hier­aus ei­ne all­ge­mei­ne To­le­ranz in re­li­giö­sen Fra­gen ab­zu­lei­ten, gin­ge ver­mut­lich fehl; im­mer­hin war das Kli­ma, in dem Ulen­berg auf­wuchs und sei­ne Schul­bil­dung durch­lief, aber nicht der­ma­ßen feind­se­lig wie an­dern­orts.

1567 be­gann Ulen­berg sei­ne Stu­di­en am Gym­na­si­um Mar­ti­ne­um in Braun­schweig, be­vor er sie 1569 an der Uni­ver­si­tät zu Wit­ten­berg, im Zen­trum des Lu­ther­tums al­so, fort­setz­te. Er fiel durch Fleiß und Ge­lehr­sam­keit auf und er­hielt recht bald ei­ne Leh­rer­stel­le, zu­nächst an der Scho­la Nor­talbin­gi­ca in Lun­den im nord­deut­schen Dith­mar­schen, spä­ter in sei­ner Hei­mat­stadt. Mög­li­cher­wei­se ent­zog sich Ulen­berg da­mit auch den seit Lu­thers Tod in­ner­halb des pro­tes­tan­ti­schen La­gers schwe­len­den Strei­tig­kei­ten. Als ein in Köln le­ben­der Ver­wand­ter zum Ka­tho­li­zis­mus kon­ver­tier­te, über­zeug­te Ulen­berg ihn, den Schritt rück­gän­gig zu ma­chen. Al­ler­dings scheint er sich in die­ser Zeit erst­mals in­ten­si­ver mit der ka­tho­li­schen Leh­re be­schäf­tigt zu ha­ben und ge­riet dar­über in Aus­tausch mit dem eben­falls aus Lipp­stadt stam­men­den, fast gleich­alt­ri­gen Jo­han­nes No­pel (1548-1605), der an der Köl­ner Uni­ver­si­tät lehr­te und spä­ter Dom­herr und ab 1601 auch Weih­bi­schof in Köln war.

In die­ser Zeit er­leb­te das Köl­ner Lau­ren­tia­ner­gym­na­si­um ei­ne vor­über­ge­hen­de Blü­te­zeit. Oh­ne den ge­nau­en Be­weg­grund für Ulen­bergs Kon­ver­si­ons­ent­schei­dung zu ken­nen, scheint ne­ben der per­sön­li­chen Be­kannt­schaft mit No­pel auch die­se neue, wahr­schein­lich in­spi­rie­ren­de Bil­dungs­stät­te für Ulen­berg ein An­lass für sei­nen Glau­bens­wech­sel ge­we­sen zu sein. Den Schritt voll­zog er näm­lich bei­na­he gleich­zei­tig mit sei­ner Im­ma­tri­ku­la­ti­on an der Köl­ner Uni­ver­si­tät im Herbst 1572, die da­mit si­cher­lich ei­ne wich­ti­ge Rol­le in Ulen­bergs Le­ben und Glau­ben ge­spielt ha­ben wird. Spä­ter, so et­wa in der Vor­re­de ei­ner Lehr­schrift aus dem Jahr 1589, gab Ulen­berg an, er ha­be sich schon früh mit der pro­tes­tan­ti­schen Leh­re schwer ge­tan, sei aber an­de­rer­seits durch Er­zäh­lun­gen vom Papst­tum ge­ra­de­zu ab­ge­schreckt ge­we­sen. Dass ihm ins­ge­samt die im gro­ßen Maß­stab nach dem Tri­den­ti­num und im lo­ka­len Rah­men des auf­stre­ben­den Lau­ren­tian­ums in ei­ni­gem Auf­bruch be­find­li­che ka­tho­li­sche Par­tei at­trak­ti­ver er­schien als der im De­tail ver­har­ren­de Dis­put ver­schie­de­ner lu­the­ri­scher und re­for­mier­ter Strö­mun­gen, scheint je­den­falls of­fen­sicht­lich zu sein.

Nach dem Bac­ca­lau­re­at 1573 und dem phi­lo­so­phi­schen Li­zen­zi­at 1574 pro­mo­vier­te Ulen­berg sich an der phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Köln und emp­fing im Jahr 1576 die Pries­ter­wei­he. Im glei­chen Jahr über­nahm er die Pfarr­stel­le in Kai­sers­werth (heu­te Stadt Düs­sel­dorf), wo er kurz dar­auf schwer er­krank­te, an­geb­lich an der Pest. Wie­der ge­ne­sen wur­de Ulen­berg, nach­dem er 1583 die Ab­set­zung Erz­bi­schof­s Geb­hard Truch­sess von Wald­burg in Kai­sers­werth er­lebt hat­te, im Fol­ge­jahr Stifts­herr und Pfar­rer an St. Ku­ni­bert in Köln. Dem dor­ti­gen Lau­ren­tia­num blieb er in die­ser Zeit als Leh­rer ver­bun­den; 1592 wur­de er zum Rek­tor der Bur­se ge­wählt, von 1610 bis 1612 hat­te er au­ßer­dem das Rek­to­rat der gan­zen Uni­ver­si­tät in­ne. Nach No­pels Tod im Jahr 1605 über­nahm er zu­sätz­lich des­sen Pfarr­stel­le an der grö­ß­ten stadt­köl­ni­schen Pfarr­kir­che St. Ko­lum­ba, zu der er ei­ne gro­ße Ver­bun­den­heit ent­wi­ckel­te, wie er über­haupt sei­ner Tä­tig­keit als Pfar­rer im Sin­ne der ka­tho­li­schen Re­form, der sich vor­wie­gend um das See­len­heil sei­ner Pfarr­kin­der küm­mer­te, im­mer stär­ke­re Be­deu­tung zu­maß. So ver­zich­te­te er zu­guns­ten sei­ner seel­sor­ge­ri­schen Tä­tig­keit auf ei­ne ei­gent­lich aus­ste­hen­de theo­lo­gi­sche Pro­mo­ti­on, wo­durch er nicht an den hö­he­ren Fa­kul­tä­ten leh­ren konn­te. Statt­des­sen for­mu­lier­te er im Jahr 1611: „Fröm­mig­keit ist bes­ser als ge­lehr­te Bil­dung.“

Da­mit stell­te er sich durch­aus ge­gen die Mehr­zahl der geist­li­chen Ge­lehr­ten der Zeit, die in der Wis­sen­schaft­lich­keit ih­rer Ar­beit den Schlüs­sel zum re­li­giö­sen Heil sa­hen. Eben­falls ganz ge­gen den Zeit­geist – die Ge­gen­re­for­ma­ti­on war in vol­lem Gang, die pro­tes­tan­ti­schen Ge­lehr­ten hat­ten die un­ter­schied­li­chen Strö­mun­gen 1577 in der Kon­kor­di­en­for­mel zu­sam­men­ge­fasst – führ­te Ulen­berg im Jahr 1590 ein Re­li­gi­ons­ge­spräch mit dem cal­vi­nis­ti­schen Pre­di­ger Jo­han­nes Ba­di­us (1548/1549-1597), das zwar er­folg­los ver­lief und ich Nach­gang auch zu den fast schon üb­li­chen ge­gen­sei­ti­gen Be­schul­di­gun­gen und Vor­wür­fen der Un­wahr­heit und Het­ze­rei führ­te, als Er­eig­nis den­noch, ein gu­tes hal­bes Jahr­hun­dert nach den letz­ten ernst­haf­ten Re­li­gi­ons­ge­sprä­chen, be­acht­lich ist.

Ulen­berg be­schäf­tig­te sich in sei­nen spä­te­ren Jah­ren mit der Über­tra­gung re­li­giö­ser Tex­te in ei­ne für die Mehr­heit ver­ständ­li­che Spra­che. Ins­be­son­de­re in volks­sprach­li­chen Lie­dern sah er, und hier tritt si­cher­lich sei­ne evan­ge­li­sche Prä­gung deut­lich zu­ta­ge, ein pro­ba­tes Mit­tel, die Gläu­bi­gen an den Got­tes­dienst und da­mit die Amts­kir­che zu bin­den. So brach­te er „Die Psal­men Da­vids in al­ler­lei deut­sche Ge­san­grei­me ge­brach­t“, ein Trost­buch für die Kran­ken und Ster­ben­den oder auch die Lehr­schrift „Er­heb­li­che und wich­ti­ge Ur­sa­chen, war­umb die alt­gläu­bi­ge Ca­tho­li­sche Chris­ten bei dem al­ten wah­ren Chris­ten­thumb bis in ih­ren Tod be­stän­dig­lich ver­har­ren“ her­aus. Die „Psal­men Da­vid­s“ wur­den von Kon­rad Ha­gius (1550-1616) vier­stim­mig ver­tont.

Kurz vor sei­nem Tod be­gann Ulen­berg auf Bit­te Kur­fürst Fer­di­nands von Bay­ern (mit ei­ner Über­set­zung der la­tei­ni­schen Bi­bel ins Deut­sche, ei­ne Maß­nah­me, die zum im­men­sen Er­folg Lu­thers und sei­ner Leh­re ent­schei­den­den An­teil ge­habt hat­te, wenn auch Ulen­bergs Über­set­zung im alt­gläu­bi­gen Sinn er­fol­gen soll­te. Ob­wohl Ulen­berg sich dem Vor­ha­ben mit gro­ßem En­ga­ge­ment wid­me­te, bleibt letzt­lich un­klar, wel­chen An­teil er am Er­geb­nis der erst nach sei­nem Tod im Jahr 1630 in der Her­aus­ge­ber­schaft sei­nes Nach­fol­gers als Rek­tor der Lau­ren­ti­aner­bur­se, Hein­rich von Fran­ken-Siers­dorf (ge­bo­ren 1579/80), er­schie­ne­nen und als „Ka­tho­li­sche Main­zer Bi­bel“ bis ins 19. Jahr­hun­dert hin­ein gül­ti­gen Fas­sung der Hei­li­gen Schrift hat­te.

Ulen­berg starb nach län­ge­rer Krank­heit am 16.2.1617 in Köln und wur­de in der Kir­che des Au­gus­ti­ne­rin­nen-Kon­vents „Zum Lämm­chen“, das zu sei­nem Pfarr­ge­biet ge­hör­te, bei­ge­setzt.

Werke (Auswahl)

Die Psal­men Da­vids in al­ler­lei deut­sche Ge­san­grei­me ge­bracht.Trost­buch für die Kran­ken und Ster­ben­den, 1590.
Er­heb­li­che und wich­ti­ge Ur­sa­chen, war­um die alt­gläu­bi­gen ka­tho­li­schen Chris­ten bei dem al­ten wah­ren Chris­ten­tum bis in ih­ren Tod be­stän­dig­lich ver­har­ren, 1589.
Ein­fäl­ti­ge Er­klä­rung der sie­ben Bu­ßp­sal­men, 1586.
Ein schön new ge­macht Lied, 1583.

Literatur

Ameln, Kon­rad, Der Lied­ps­al­ter von Kas­par Ulen­berg, Köln 1582. Ein Li­te­ra­tur­be­richt, in: Jahr­buch für Lit­ur­gik und Hym­no­lo­gie 7 (1962), S. 185–188.
Brä­ker, Sieg­fried, An­mer­kun­gen zur Fa­mi­li­en­ta­fel Ulen­berg, in: Nie­der­wup­per 8 (1985), S. 32-48.
De­cot, Rolf, Ar­ti­kel „Ulen­berg, Kas­par“, in: Die Re­li­gi­on in Ge­schich­te und Ge­gen­wart, 4. Auf­la­ge, Band 8, 2005, Sp. 702.
Jans­sen, Wil­helm, Kas­par Ulen­berg – sein Le­ben und sei­ne Zeit, in: Mo­nats­hef­te für evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­schich­te des Rhein­lan­des 52 (2003), S. 1-19.
Solz­ba­cher, Jo­seph, Kas­par Ulen­berg. Ei­ne Pries­ter­ge­stalt aus der Zeit der Ge­gen­re­for­ma­ti­on in Köln, Müns­ter 1948 . 

Online

Reusch, Franz Hein­rich, Ar­ti­kel „Kas­par Ulen­ber­g“, in: All­ge­mei­ne Deut­sche Bio­gra­phie Band 39 (1895), S. 181-183. [on­line]
Bi­blio­gra­phie zu Ulen­berg. [on­line]

 
Zitationshinweis

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Bock, Martin, Kaspar Ulenberg, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/kaspar-ulenberg-/DE-2086/lido/5e1c5ec7efc455.86987703 (abgerufen am 07.08.2020)