Karl Freiherr von Ingersleben

Staatsminister, Oberpräsident der Provinz Pommern und der Rheinprovinz (1753–1831)

Joachim Lilla (Krefeld)

Karl Freiherr von Ingersleben (1753-1831). (LHAKo Bestand 710)

Karl Frei­herr von In­gers­le­ben schlug zu­nächst ei­ne mi­li­tä­ri­sche Lauf­bahn ein und trat dann in den preu­ßi­schen Staats­dienst ein. Als Kriegs- und Do­mä­nen­rat in Stet­tin er­warb er sich gro­ße Ver­diens­te um die Auf­he­bung der Leib­ei­gen­schaft auf den pom­mer­schen Do­mä­nen, wur­de ers­ter Ober­prä­si­dent der Pro­vinz Pom­mern und wech­sel­te 1816 als Ober­prä­si­dent an den Rhein.

Karl Hein­rich Lud­wig Frei­herr von In­gers­le­ben wur­de am 1.4.1753 in Pots­dam ge­bo­ren. Sei­ne El­tern wa­ren Jo­hann Lud­wig Frei­herr von In­gers­le­ben (1703–1757), preu­ßi­scher Ge­ne­ral­ma­jor der In­fan­te­rie, Ober-Hof­jä­ger­meis­ter, Erb­herr auf Kö­ni­ge­ro­de, Fried­rich­ro­de und Wil­le­ro­de im Mans­fel­di­schen, der 1753 in Gar­ni­son in Pots­dam stand, und Char­lot­te Loui­se Do­ro­thea (1712–nach 1776), ge­bo­re­ne von He­rold, ver­wit­we­te von Pla­ten. Die Fa­mi­lie war evan­ge­lisch und ge­hör­te zum al­ten mag­de­bur­gi­schen Adel. Der Va­ter Jo­hann Lud­wig fiel wäh­rend des Sie­ben­jäh­ri­gen Krie­ges 1757 in der Schlacht bei Bres­lau.

 

In­gers­le­ben er­hielt of­fen­bar zu­nächst Pri­vat­un­ter­richt, be­such­te 1764–1765 die Rit­ter­aka­de­mie in Bran­den­burg an der Ha­vel und 1766/1767 die Éco­le mi­li­taire in Ber­lin; er ab­sol­vier­te kein Stu­di­um. Am 15.10.1768 trat er als Fah­nen­jun­ker in das Küras­sier-Re­gi­ment von Man­stein ein, wur­de am 11.6.1769 Cor­net, er­hielt am 2.5.1776 zu­sam­men mit sei­ner Schwes­ter die ve­nia ae­ta­tis (Voll­jäh­rig­keit), hat­te da­mals ein Ver­mö­gen von rund 13.600 Ta­lern und 600-700 Ta­ler jähr­li­che Ein­künf­te. Am 13.8.1777 wur­de er zum Lieu­ten­ant be­för­dert. Als Sol­dat dien­te er bis 1786, un­ter an­de­rem im Baye­ri­schen Erb­fol­ge­krieg 1778/1779. Im Au­gust 1786 bat er, an­geb­lich aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den, tat­säch­lich wohl we­gen zu lang­sa­mer Be­för­de­rung, um sei­nen Ab­schied und schied mit dem Cha­rak­ter als Ritt­meis­ter aus dem ak­ti­ven Dienst - zu­letzt beim Re­gi­ment von Kalck­reuth - aus.

Seit dem 26.10.1783 war er mit Ul­ri­ke von Brau­se (1765–1846) ver­hei­ra­tet; aus der Ehe gin­gen der Sohn Carl Lud­wig Fer­di­nand (im 26. Le­bens­jahr ge­fal­len 1813) und die Toch­ter Lui­se (1784-1850) her­vor. 

Am 30.10.1787 wähl­ten die Stän­de der Alt­mark In­gers­le­ben zum Land­rat; das gro­ße Ex­amen be­stand er am 15. De­zem­ber des Jah­res mit gu­tem Er­geb­nis und als ge­eig­net für das Amt, am 19. De­zem­ber wur­de er of­fi­zi­ell als Land­rat für den Kreis Tan­ger­mün­de-Ar­ne­burg be­stallt. Durch Ord­re vom 14.8.1795 wur­de er zum Prä­si­den­ten der Kriegs- und Do­mä­nen­kam­mer Hal­ber­stadt er­nannt, wech­sel­te aber be­reits im Ju­ni 1798 in glei­cher Ei­gen­schaft nach Stet­tin, weil er nach Ein­schät­zung der Re­gie­rung in Pom­mern in ei­nem grö­ßern Wür­kungs-Kreis vort­heil­haf­ter u. nütz­li­cher an­ge­stellt[1] wür­de. In den Stet­ti­ner Jah­ren er­warb er sich gro­ße Ver­diens­te um die Auf­he­bung der Leib­ei­gen­schaft auf den pom­mer­schen Do­mä­nen, die er rasch und er­folg­reich oh­ne Be­ein­träch­ti­gung der fis­ka­li­schen In­ter­es­sen durch­führ­te. Das brach­te ihm die Gunst Kö­nig Fried­rich Wil­helms III. (Re­gie­rungs­zeit 1797-1840) ein. An­fang 1801 galt In­gers­le­ben bei sei­nem Vor­ge­setz­ten als ein sehr ein­sichts­vol­ler, recht­schaf­fe­ner, dem Dienst sich ganz wid­men­der Mann, der über­haupt al­le er­for­der­li­chen Ei­gen­schaf­ten ver­ei­nigt, um ein gu­ter Kam­mer­pra­e­si­dent zu sein.[2] 

Der Domhof mit der Ritterakademie in Brandenburg an der Havel, Ansichtskarte.

 

Mit Pa­tent vom 15.1.1806 (zu­rück­da­tiert auf Mai 1798) wur­de er zum Fi­nanz­rat im Ge­ne­ral­di­rek­to­ri­um er­nannt, wur­de je­doch be­reits am 26.9.1806 Staats­mi­nis­ter und Chef der Ad­mi­nis­tra­ti­ons­kom­mis­si­on für das von Preu­ßen be­setz­te Kur­fürs­ten­tum Han­no­ver. Die­se „schwie­ri­ge und un­dank­ba­re Mis­si­on“ (Skal­weit) en­de­te be­reits im fol­gen­den Mo­nat nach dem mi­li­tä­ri­schen Zu­sam­men­bruch Preu­ßens bei Je­na und Au­er­stedt. Nach dem Ab­zug der preu­ßi­schen Gar­ni­son aus Han­no­ver be­gab sich In­gers­le­ben nach Stet­tin, um das von Ber­lin dort­hin ver­leg­te Ge­ne­ral­di­rek­to­ri­um zu er­rei­chen. Dort fand er die be­reits nach Dan­zig wei­ter­ge­reis­ten Mi­nis­ter und den Kam­mer­prä­si­den­ten nicht mehr vor und über­nahm, wenn auch zö­ger­lich, auf Bit­ten von Ma­gis­trat und Bür­ger­schaft die Zi­vil­ver­wal­tung sei­nes al­ten Kam­mer­be­zirks. Er wur­de in die Ka­pi­tu­la­ti­on der Fes­tung Stet­tin ver­wi­ckelt, die er zwar nicht ver­ur­sacht, aber auch nicht ver­hin­dert hat­te, in­dem er sich den mi­li­tä­ri­schen Ent­schei­dun­gen nicht ent­schie­den ent­ge­gen­stellt hat­te. Sei­ne we­nig rühm­li­che Hal­tung hat ihm viel Ta­del ein­ge­tra­gen: „I[ngers­le­ben] ge­hör­te eben nicht zu den kraft­vol­len Na­tu­ren, die in so schwe­rer Stun­de dem Va­ter­lan­de zu wün­schen sind.“ (Pe­ters­dorff). Aus der Un­ter­su­chung sei­nes Ver­hal­tens ging er ent­las­tet her­vor. In die­ser Zeit leb­te er oh­ne Amt und Be­sol­dung in Ber­lin.

Am 25.6.1812 wur­de er auf Bit­ten der pom­mer­schen Stän­de vom Kö­nig zum Prä­si­den­ten der kurz vor­her ge­bil­de­ten pom­mer­schen Re­gie­rung mit Sitz in Star­gard er­nannt, die 1814 nach Stet­tin ver­setzt wur­de. Am 25.5.1815 er­folg­te die Be­ru­fung in das neu­ge­schaf­fe­ne Amt des Ober­prä­si­den­ten der Pro­vinz Pom­mern. Da er sich bei der Ein­glie­de­rung Schwe­disch-Vor­pom­merns be­währt hat­te, wur­de er auf Vor­schlag von Staats­kanz­ler Har­den­berg (1750-1822) am 10.1.1816 als Nach­fol­ger von Jo­hann Au­gust Sack, der da­für Ober­prä­si­dent in Pom­mern wur­de, zum Ober­prä­si­den­ten der neu­en, die Re­gie­rungs­be­zir­ke Aa­chen, Ko­blenz und Trier um­fas­sen­den Pro­vinz Gro­ßher­zog­tum Nie­der­rhein mit dem Sitz in Ko­blenz be­stellt. Bis 28.11.1817 stand er gleich­zei­tig dem Re­gie­rungs­prä­si­di­um Ko­blenz vor. Nach dem To­de des Ober­prä­si­den­ten Gra­fen Solms-Lau­bach der Pro­vinz Jü­lich-Kle­ve-Berg am 24.2.1822 über­nahm In­gers­le­ben am 24.3.1822 auch das Ober­prä­si­di­um die­ser Pro­vinz. Am 5.9.1822 er­folg­te for­mal die Zu­sam­men­le­gung der bei­den Pro­vin­zen zu ei­ner Pro­vinz mit Sitz in Ko­blenz. Die neue Pro­vinz hieß ab 1830 of­fi­zi­ell Rhein­pro­vinz.

Karte der „Rheinprovinz“ im Maßstab 1 : 1.175.000, mit Nebenkarten zur „Umgebung von Köln“ und zur „Umgebung von Koblenz“, 1885-1890. (Meyers Konversations-Lexikon, Band 13, 4. Auflage, 1885-1890)

 

Im Rhein­land er­warb sich In­gers­le­ben man­nig­fa­che Ver­diens­te und ho­hes An­se­hen. Er such­te die Span­nun­gen zwi­schen der Be­völ­ke­rung und der neu­en preu­ßi­schen Herr­schaft aus­zu­glei­chen, wo­zu si­cher bei­trug, dass er kei­ne be­son­de­ren In­itia­ti­ven ent­wi­ckel­te und sich in den be­gin­nen­den kon­fes­sio­nel­len Aus­ein­an­der­set­zun­gen (Misch­ehen­streit) neu­tral ver­hielt. Dem Köl­ner Erz­bi­schof Fer­di­nand Au­gust Graf von Spie­gel (Epis­ko­pat 1825-1835) war er freund­schaft­lich ver­bun­den.  

Sein Wir­ken für den Staat wür­dig­te der preu­ßi­sche Kö­nig mit der Ver­lei­hung des Ei­ser­nen Kreu­zes am Wei­ßen Band (1814), des Ro­ten Ad­ler­or­dens (1815) so­wie des Schwar­zen Ad­ler­or­dens (1828), des höchs­ten preu­ßi­schen Or­dens über­haupt. Das Kö­nig­reich Han­no­ver ver­lieh ihm 1821 den Guel­phen­or­den. In­gers­le­ben ver­starb noch mit 78 Jah­ren im Dienst am 13.5.1831 in Ko­blenz.

Quellen

Die Pro­to­kol­le des Preu­ßi­schen Staats­mi­nis­te­ri­ums 1817–1934/38, hg. von der Ber­lin-Bran­den­bur­gi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten un­ter der Lei­tung von Jür­gen Ko­cka und Wolf­gang Neu­ge­bau­er (Ac­ta Bo­rus­si­ca NF Rei­he 1), Band 1: 19. März 1817 bis 30. De­zem­ber 1829, be­arb. von Chris­ti­na Ra­th­ge­ber, Hil­des­heim [u.a.] 2001.

Literatur

Bär, Max, Die Be­hör­den­ver­fas­sung der Rhein­pro­vinz seit 1815, Bonn 1919, ND Düs­sel­dorf 1998.

Ro­meyk, Horst, Die lei­ten­den staat­li­chen und kom­mu­na­len Ver­wal­tungs­be­am­ten der Rhein­pro­vinz 1816–1945, Düs­sel­dorf 1994, S. 549. 

Schütz, Rü­di­ger, Die preu­ßi­schen Ober­prä­si­den­ten von 1815 bis 1866, in: Schwa­be, Klaus (Hg.), Die preu­ßi­schen Ober­prä­si­den­ten 1815-1945, Bop­pard am Rhein 1985, S. 33-81.

Strau­bel, Rolf, Bio­gra­phi­sches Hand­buch der preu­ßi­schen Ver­wal­tungs- und Jus­tiz­be­am­ten 1740–1806/15, Band 1, Mün­chen 2009, S. 453-454.

Online

Pe­ters­dorff, Her­man von, In­gers­le­ben, Karl von, in: All­ge­mei­ne Deut­sche Bio­gra­phie 50 (1905), S. 669-676. [on­line] 

Skal­weit, Ste­phan, In­gers­le­ben, Karl von, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 10 (1974), S. 172-173. [on­line]

Ferdinand August von Spiegel, Erzbischof von Köln.

 
Anmerkungen
  • 1: Zitiert nach Straubel S. 483.
  • 2: Zitiert nach Straubel S. 483.
Zitationshinweis

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Lilla, Joachim, Karl Freiherr von Ingersleben, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/karl-freiherr-von-ingersleben/DE-2086/lido/5b2ba2b62f36b6.15795707 (15.11.2018)