Wilhelm Marx

Reichskanzler (1863-1946)

Helmut Rönz (Bonn)

Wilhelm Marx, Porträtfoto, 1926. (LVR-Zentrum für Medien und Bildung)

Wil­helm Marx war ein aus Köln stam­men­der ka­tho­li­scher Zen­trums­po­li­ti­ker der Wei­ma­rer Re­pu­blik. Er stand drei­mal ei­ner Ko­ali­ti­ons­re­gie­rung vor und ist mit mehr als drei Jah­ren Re­gie­rungs­zeit der am längs­ten am­tie­ren­de Kanz­ler zwi­schen 1918 und 1933. Marx war 1925 Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat der Wei­ma­rer Ko­ali­ti­on (SPD, DDP, Zen­trum), ver­lor die Wahl je­doch ge­gen Paul von Hin­den­burg (1847-1934).

Wil­helm Marx wur­de am 15.1.1863 als Sohn ei­nes Volks­schul­leh­rers in Köln ge­bo­ren. Er war seit 1891 mit Jo­han­na Ver­ko­yen ver­hei­ra­tet, mit der er vier Kin­der hat­te. Marx be­such­te das Köl­ner Mar­zel­len­gym­na­si­um und leg­te dort 1881 sein Ab­itur ab. An­schlie­ßend stu­dier­te er zwi­schen 1881 und 1884 Rechts­wis­sen­schaf­ten in Bonn. Dort trat er dem Ka­tho­li­schen Stu­den­ten­ver­ein Ar­mi­nia im KV (Kar­tell­ver­band der ka­tho­li­schen deut­schen Stu­den­ten­ver­ei­ne) bei, der ihn nach ei­ge­nen An­ga­ben tief präg­te und ihm Si­cher­heit in sei­nen An­schau­un­gen gab. Das ka­tho­li­sche Kor­po­ra­ti­ons­we­sen war ein wich­ti­ges Lern- und Re­kru­tie­rungs­feld für die Eli­te in Kir­che, Po­li­tik und Ver­bän­den des 19. und 20. Jahr­hun­derts. Ne­ben Marx wa­ren die Reichs- und Bun­des­kanz­ler Ge­org Graf von Hert­ling un­d Kon­rad Ade­nau­er, der Lan­des­haupt­mann der Rhein­pro­vin­z Jo­han­nes Ho­ri­on so­wie der Köl­ner Erz­bi­schof Jo­sef Kar­di­nal Frings Mit­glied der Bon­ner Ar­mi­nen.

Nach Ab­schluss des Re­fe­ren­da­ri­ats wech­sel­te Marx in den preu­ßi­schen Staats­dienst. 1889 wur­de er As­ses­sor in Sim­mern/Huns­rück, 1894 Land­rich­ter in El­ber­feld (heu­te Stadt Wup­per­tal), 1904 Land­ge­richts­rat und 1906 Ober­lan­des­ge­richts­rat in Köln. 1907 wech­sel­te er an das Ober­lan­des­ge­richt nach Düs­sel­dorf; 1921 wur­de er Land­ge­richts­prä­si­dent in Lim­burg an der Lahn, im glei­chen Jahr schon Se­nats­prä­si­dent am Kam­mer­ge­richt in Ber­lin. Die­se Stel­le be­hielt er bis zu sei­nem Aus­schei­den aus dem Staats­dienst am 1.12.1923 in­ne.

Schon früh­zei­tig wen­de­te sich Marx der Po­li­tik, zu­nächst der Kom­mu­nal­po­li­tik, zu. Zwi­schen 1899 und 1904 war er Vor­sit­zen­der der Zen­trums­par­tei in El­ber­feld, zwi­schen 1907 und 1919 in Düs­sel­dorf. Gleich­zei­tig war er von 1906 bis 1919 stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der der Rhei­ni­schen Zen­trums­par­tei. Hin­zu ka­men zahl­rei­che Eh­ren­äm­ter und Auf­ga­ben, die Marx in dem weit ver­zweig­ten ka­tho­li­schen Ver­eins- und Ver­bands­we­sen wahr­nahm. So war er 1911 In­itia­tor der Ka­tho­li­schen Schul­or­ga­ni­sa­ti­on und über­nahm zwi­schen 1911 und 1933 den Vor­sitz. 1919/1920 war er zu­dem Ge­ne­ral­di­rek­tor, 1921-1933 Vor­sit­zen­der des Volks­ver­eins für das ka­tho­li­sche Deutsch­land. In Augs­burg 1910 und in Frei­burg 1929 war er Prä­si­dent von Ka­tho­li­ken­ta­gen.

Von 1899 bis 1921 war Marx Mit­glied im preu­ßi­schen Ab­ge­ord­ne­ten­haus so­wie 1919/1920 der Ver­fas­sungs­ge­ben­den Preu­ßi­schen Lan­des­ver­samm­lung. 1910 wur­de er in den Reichs­tag ge­wählt, dem er bis 1932 an­ge­hör­te. Zwi­schen 1921 und 1923 war Marx Vor­sit­zen­der der Zen­trums­frak­ti­on, eben­so noch­mals 1926. 1922 bis 1928 war er Vor­sit­zen­der der Ge­samt­par­tei. Sei­ne wich­tigs­te po­li­ti­sche Pha­se wa­ren die Jah­re 1923 bis 1928, in de­nen er an vor­de­rer Front die Ge­schi­cke von par­la­men­ta­risch or­ga­ni­sier­tem Ka­tho­li­zis­mus und Staat lei­te­te. Da­bei stand er ins­ge­samt vier Ka­bi­net­ten vor. Zwei­mal zwi­schen dem 30.11.1923 und dem 15.1.1925 war er Reichs­kanz­ler (Ka­bi­net­te Marx I und II). Zu­dem wur­de er Fe­bru­ar/März 1925 zwei­mal zum preu­ßi­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten ge­wählt, blieb aber in der Re­gie­rungs­bil­dung er­folg­los.

1925, auf dem Hö­he­punkt sei­ner Lauf­bahn, war er Kan­di­dat für die Reichs­prä­si­den­ten­wahl, zu­nächst im ers­ten Wahl­gang am 29.3.1925 als Kan­di­dat des Zen­trums, im zwei­ten Wahl­gang am 26.4.1925 als Kan­di­dat der Wei­ma­rer Ko­ali­ti­on. Er un­ter­lag nur knapp ge­gen Paul von Hin­den­burg (Amts­zeit 1925-1934). Zwi­schen dem 20. Ja­nu­ar und dem 16.7.1925 war er Reichs­jus­tiz­mi­nis­ter und Mi­nis­ter für die be­setz­ten Ge­bie­te. Den Ka­bi­net­ten III und IV stand Marx als Reichs­kanz­ler zwi­schen dem 17.5.1926 und dem 28.6.1928 vor. Nach dem Schei­tern des IV. Ka­bi­netts trat Marx am 8.12.1928 vom Par­tei­vor­sitz zu­rück und leg­te sein Reichs­tags­man­dat am 10.6.1932 nie­der. Ge­stürzt hat­te ihn die Ent­hül­lung durch den So­zi­al­de­mo­kra­ten Phil­ipp Schei­de­mann (1865-1939) über die ge­hei­me Zu­sam­men­ar­beit der durch den Ver­sailler Ver­trag stark in ih­rer Rüs­tungs­mög­lich­keit be­schnit­te­nen Reichs­wehr mit der Ro­ten Ar­mee. Von 1933 an leb­te er bis zu sei­nem To­de am 5.8.1946 zu­rück­ge­zo­gen in Bonn.

Ei­nen gu­ten Ruf schuf sich Marx in der Früh­pha­se sei­nes po­li­ti­schen Wir­kens vor al­lem als Fach­mann für Schul­po­li­tik in der Aus­ein­an­der­set­zung um die Be­kennt­nis­schu­le. Dar­über hin­aus hat­te er in sei­ner Kanz­ler­schaft, der längs­ten in der Wei­ma­rer Re­pu­blik, so­wohl in­nen- als auch au­ßen­po­li­ti­sche Er­fol­ge in schwie­ri­ger Zeit auf­zu­wei­sen. So wur­de un­ter sei­ner Ägi­de der Ruhr­kampf bei­ge­legt, der Se­pa­ra­tis­mus im Rhein­land zu­rück­ge­drängt und die In­fla­ti­on über­wun­den (Ka­bi­net­te I/II).

Der ers­te grö­ße­re Wirt­schafts­auf­schwung nach dem Ers­ten Welt­krieg fiel in die Re­gie­rungs­zeit des Köl­ners und war Er­geb­nis ei­ner plan­vol­len Spar- und Ord­nungs­po­li­tik. Dar­über hin­aus glänz­te er, der über­zeug­te Wei­ma­rer, als kom­pro­miss­be­rei­ter Mo­dera­tor und Ver­mitt­ler zwi­schen den de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en. Au­ßen­po­li­tisch war er ei­ne wich­ti­ge Stüt­ze für die Po­li­tik Stre­se­manns. Mit dem Da­wes-Plan von 1924, der Re­pa­ra­ti­ons­leis­tun­gen nach der Wirt­schafts­kraft des Deut­schen Rei­ches so­wie ein Wachs­tums­pro­gramm vor­sah, fiel der Be­ginn der Re­ge­lung für die deut­schen Re­pa­ra­tio­nen in die Re­gie­rungs­zeit Marx’, und auch der deut­sche Ein­tritt in den Völ­ker­bund wur­de in sei­ner drit­ten Amts­zeit voll­zo­gen. Da­bei stell­te sich der Ju­rist stets in den Dienst der Sa­che, wes­halb er noch heu­te im Schat­ten sei­ner gro­ßen Zeit­ge­nos­sen Fried­rich Ebert (1871-1925), Gus­tav Stre­se­mann (1878-1929) und Hein­rich Brü­ning (1885-1970) steht.

Marx war wohl kei­ne star­ke Füh­rungs­per­sön­lich­keit. Al­ler­dings mach­ten ihn sei­ne Fä­hig­kei­ten als zu­ver­läs­si­ger Ver­wal­ter, Schlich­ter und Ver­mitt­ler wert­voll für die Kon­so­li­die­rungs­pha­se der jun­gen De­mo­kra­tie. Nicht zu­letzt auf­grund sei­ner In­te­gri­tät, sei­ner per­sön­li­chen Be­schei­den­heit und In­ter­es­sen­un­ab­hän­gig­keit wur­de er für zahl­rei­che höchs­te Par­tei- und Staats­äm­ter vor­ge­schla­gen. Sei­ne po­li­ti­sche Ar­beit ver­rich­te­te er aus dem Ver­ständ­nis von der Pflicht des tä­ti­gen Chris­ten her­aus. Er re­prä­sen­tier­te so­mit, wie der Staats­prä­si­dent Ba­dens, der der li­be­ra­len DDP (Deut­sche De­mo­kra­ti­sche Par­tei) an­ge­hö­ri­ge Wil­ly Hell­pach (1877-1955), an­merk­te, den „ide­al­ty­pi­schen Zen­trums­po­li­ti­ker".

Literatur

Elz, Wolf­gang, Ar­ti­kel „Marx, Wil­helm", in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 5 (1993), Sp. 971-973.

Hehl, Ul­rich von, Wil­helm Marx 1863-1946. Ei­ne po­li­ti­sche Bio­gra­phie, Mainz 1987.

Hehl, Ul­rich von, Wil­helm Marx in den po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen der Zen­trums­par­tei wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs, in: An­na­len des His­to­ri­schen Ver­eins für den Nie­der­rhein 186 (1983), S. 98-138.

Steh­käm­per, Hu­go, Wil­helm Marx, in: Först, Wal­ter (Hg.), Po­li­tik und Land­schaft. Bei­trä­ge zur Neue­ren Lan­des­ge­schich­te des Rhein­lan­des und West­fa­lens, Band 3, Köln 1969, S. 126-134.

Steh­käm­per, Hu­go, Wil­helm Marx (1863-1946), in: Mor­sey, Ru­dolf (Hg.), Zeit­ge­schich­te in Le­bens­bil­dern, Band 1, Müns­ter i.W. 1973, S. 174-205, S. 306-307.

Steh­käm­per, Hu­go, Wil­helm Marx (1863-1946), in: Rhei­ni­sche Le­bens­bil­der 6 (1975), S. 189-210.

Online

Marx, Wil­helm in der Da­ten­bank der deut­schen Pal­ra­ments­ab­ge­ord­ne­ten (In­for­ma­ti­ons­por­tal der Baye­ri­schen Staats­bi­blio­thek). [On­line]

Marx, Wil­hel­m (Edi­ti­on "Ak­ten der Reichs­kanz­lei. Wei­ma­rer Re­pu­blik" on­line des Bun­des­ar­chivs und der His­to­ri­schen Kom­mis­si­on Mün­chen). [On­line]

 
Zitationshinweis

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Rönz, Helmut, Wilhelm Marx, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/wilhelm-marx/DE-2086/lido/57c948cccdce28.56504387 (11.11.2018)