Die Zisterzienserabtei Marienstatt

Christian Hillen (Köln/Bonn)

Die Abtei Marienstatt im Tal der Nister. Links die gotische Abteikirche, rechts die barocken Klostergebäude.

1. Einleitung

Die Ab­tei Ma­ri­en­statt wur­de 1212 von Heis­ter­ba­cher Mön­chen in der Nä­he von Neunk­hau­sen im Wes­ter­wald ge­grün­det. Schon bald muss­te der Stand­ort ver­legt wer­den. Graf Hein­rich III. von Sayn und sei­ne Frau Mecht­hild stat­te­ten sie gro­ßzü­gig mit Be­sit­zun­gen im Nis­ter­tal aus. Dort­hin über­sie­del­ten die Mön­che und er­rich­te­ten ei­ne der frü­hes­ten go­ti­schen Kir­chen rechts des Rheins. Die Gra­fen von Sayn emp­fan­den sich seit­dem als Schutz­her­ren der Ab­tei, was de­ren Ge­schich­te über Jahr­hun­der­te prä­gen soll­te. Die teil­wei­se hef­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, vor al­lem nach­dem die Gra­fen zum Pro­tes­tan­tis­mus kon­ver­tiert wa­ren, zo­gen sich bis zur Auf­he­bung Ma­ri­en­statts 1803 hin. 1888 wur­de Ma­ri­en­statt als ers­tes Zis­ter­zi­en­ser­klos­ter nach den Ver­bo­ten des „Kir­chen­kampf­s“ von Wet­tin­gen-Meh­rerau aus wie­der­ge­grün­det. Die Ab­tei be­steht noch heu­te und be­treibt das ein­zi­ge hu­ma­nis­ti­sche Gym­na­si­um der Re­gi­on.

2. Die Gründung

Das ge­naue Grün­dungs­jahr Ma­ri­en­statts ist um­strit­ten. Wahr­schein­lich muss man von Vor­be­rei­tun­gen im Jahr 1212 aus­ge­hen, die dann 1215 in die Tat um­ge­setzt wur­den. Dies ist nicht un­ge­wöhn­lich bei mit­tel­al­ter­li­chen Klos­ter­grün­dun­gen, die sich oft über Jah­re er­streck­ten und ei­nen er­heb­li­chen or­ga­ni­sa­to­ri­schen und nicht zu­letzt auch lo­gis­ti­schen Auf­wand ver­ur­sach­ten. Eben­falls nicht sel­ten war die Ver­le­gung ei­nes Klos­ters an ei­nen an­de­ren als den ur­sprüng­li­chen Grün­dungs­ort. Auch die Ab­tei Heis­ter­bach wur­de kurz nach ih­rer Er­rich­tung vom Berg ins Tal ver­legt und ähn­lich ge­schah auch mit Ma­ri­en­statt.

 

Im­mer­hin war der Vor­gang für die Be­tei­lig­ten doch so un­ge­wöhn­lich, dass sie ihn aus­führ­lich in Bild und Schrift fest­hiel­ten. Die so­ge­nann­ten Ma­ri­en­stat­ter Ta­feln sind da­her die wich­tigs­te Quel­le für die Grün­dung der Ab­tei. Das Le­ben in der Neu­grün­dung, so be­rich­ten die Ta­feln in sa­gen­haf­ter Aus­schmü­ckung der Be­ge­ben­heit, sei so be­schwer­lich und ent­beh­rungs­reich ge­we­sen, dass die Mön­che die Rück­kehr in ih­re Mut­ter­ab­tei ge­plant hät­ten. Doch der Abt gab noch nicht auf. Er bat, da er zu al­lem Über­fluss auch noch krank wur­de, um drei Ta­ge Be­denk­zeit, die al­le Mön­che in ge­mein­sa­mem Ge­bet ver­har­ren und die Barm­her­zig­keit Got­tes er­fle­hen soll­ten. Der sich an­bah­nen­de Kon­flikt zwi­schen Abt und Kon­vent über die Fra­ge der Rück­kehr ins Mut­ter­klos­ter wur­de dann tat­säch­lich durch ei­ne Vi­si­on des Ab­tes ge­löst. In ihr ver­sprach die Mut­ter­got­tes Hil­fe und Trost und be­zeich­ne­te dem Abt ei­ne Stel­le im Tal der Nis­ter, an der ein blü­hen­der Wei­ßdorn­zweig zu fin­den sei. Dort sol­le er das neue Klos­ter er­rich­ten. Im tiefs­ten Win­ter mach­ten sich Abt und Kon­vent auf die Su­che und fan­den tat­säch­lich an der vor­her­ge­sag­ten Stel­le den be­sag­ten Wei­ßdorn­zweig. So­mit wur­de die Ver­le­gung Ma­ri­en­statts be­schlos­sen.

Teil 1: Die Marienstatter Tafeln (entstanden um 1324/25) enthalten die Gründungslegende der Abtei. Sie sind damit das einzige historiografische Zeugnis für die frühe Geschichte Marienstatts. Sie waren ursprünglich an einer Säule in der Abteikirche angebracht und befinden sich heute im Rheinischen Landesmuseum in Bonn. (LVR Landesmuseum Bonn)

 

So ein­fach wie es die Grün­dungs­le­gen­de uns glau­ben ma­chen will, war die Ver­le­gung aber nicht. Das ur­sprüng­lich von dem Köl­ner Burg­gra­fen Eber­hard von Arem­berg und sei­ner Frau Adel­heid von Mols­berg ge­grün­de­te und do­tier­te Klos­ter hat­te im Nis­ter­tal kei­nen Be­sitz. Au­ßer­dem lag es in der Erz­diö­ze­se Trier, der neue Stand­ort hin­ge­gen – ob­wohl nur we­ni­ge Ki­lo­me­ter vom al­ten ent­fernt – in der Erz­diö­ze­se Köln. Es ist da­her wahr­schein­li­cher an­zu­neh­men, Graf Hein­rich III. von Sayn und sei­ne Frau Mecht­hild hät­ten die Ver­le­gung aus ter­ri­to­ri­al­po­li­ti­schen Grün­den be­trie­ben und zu­gleich für die Zu­stim­mung des Trie­rer Erz­bi­schofs zu die­sem Schritt ge­wor­ben. Hein­rich von Sayn stif­te­te zu die­sem Zweck am 27.2.1222 sei­ne Be­sit­zun­gen an der Nis­ter. Der Köl­ner Erz­bi­schof stimm­te der Ver­le­gung noch am sel­ben Tag zu, der Trie­rer nur we­nig spä­ter.

Der say­ni­sche Graf konn­te sich von der Ver­le­gung ei­ni­ge Vor­tei­le für sei­ne Lan­des­herr­schaft in die­sem Teil des Wes­ter­wal­des ver­spre­chen. Ma­ri­en­statt dien­te ihm im Zu­sam­men­spiel mit dem ge­gen En­de des 12. Jahr­hun­derts ge­grün­de­ten Ha­chen­burg, das auf dem bes­ten We­ge war, sich zu ei­ner re­gel­rech­ten Stadt zu ent­wi­ckeln, der Fes­ti­gung sei­ner Herr­schaft im Os­ten sei­nes Herr­schafts­ge­bie­tes. Zu­sam­men mit dem welt­li­chen Zen­trum Ha­chen­burg soll­te Ma­ri­en­statt auch dem wei­te­ren Aus­bau und der Er­schlie­ßung des Lan­des die­nen. Mit der Nie­der­le­gung der Burg Nis­ter, die in un­mit­tel­ba­rer Nä­he des neu­en Ma­ri­en­stat­ter Stand­or­tes ge­le­gen war, schuf er ein macht­po­li­ti­sches Va­ku­um, das er mit­hil­fe des Klos­ters zu sei­nen Guns­ten gleich wie­der schloss.

Zwar starb die Li­nie der äl­te­ren Gra­fen von Sayn im männ­li­chen Stamm mit Hein­rich III. 1247 aus und das Er­be zer­streu­te sich in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten rasch zwi­schen nach­fol­gen­den Li­ni­en, de­ren Ge­schich­te im Spät­mit­tel­al­ter sehr un­über­sicht­lich wird, aber den­noch gab es im­mer ein en­ge Ver­bin­dung zwi­schen den ge­ra­de re­gie­ren­den Gra­fen von Sayn zu Ma­ri­en­statt. Nach ei­nem an­fäng­lich gu­ten Ver­hält­nis ent­stan­den ab dem 15. Jahr­hun­dert im­mer wie­der Kon­flik­te, die sich ab dem 16. Jahr­hun­dert zu ei­nem Dau­er­streit über die Fra­ge der Stel­lung Ma­ri­en­statts zum Gra­fen­haus ent­wi­ckeln soll­te, und der erst mit dem Aus­ster­ben al­ler Ne­ben- und Sei­ten­li­ni­en be­zie­hungs­wei­se der Auf­he­bung der Ab­tei im Jah­re 1803 en­den soll­te.

Teil 2: Die Marienstatter Tafeln (entstanden um 1324/25) enthalten die Gründungslegende der Abtei. Sie sind damit das einzige historiografische Zeugnis für die frühe Geschichte Marienstatts. Sie waren ursprünglich an einer Säule in der Abteikirche angebracht und befinden sich heute im Rheinischen Landesmuseum in Bonn. (LVR Landesmuseum Bonn)

 

Doch zu­nächst über­sie­del­ten die Mön­che 1227 an die Nis­ter, nach­dem man dort ei­ni­ger­ma­ßen ge­eig­ne­te – wahr­schein­lich zu­nächst noch pro­vi­so­ri­sche – Ge­bäu­de er­rich­tet hat­te. Um 1246 be­gann man mit dem Bau ei­ner stei­ner­nen Kir­che, für de­ren Er­rich­tung der Graf von Sayn er­neut gro­ßzü­gig spen­de­te. Sie wur­de in meh­re­ren Bau­pha­sen bis An­fang des 15. Jahr­hun­derts fer­tig­ge­stellt, konn­te aber be­reits seit dem 14. Jahr­hun­dert in vol­ler Län­ge ge­nutzt wer­den. Ar­chi­tek­tur­ge­schicht­lich ori­en­tier­te sie sich be­son­ders im Be­reich des Chors an der Kir­che der Mut­ter­klos­ters Heis­ter­bach. Das ein­heit­li­che äu­ße­re Er­schei­nungs­bild könn­te dar­auf schlie­ßen las­sen, dass man sich im Ver­lauf der et­wa 200-jäh­ri­gen Bau­zeit nach den ur­sprüng­li­chen Plä­nen ge­rich­tet hat. Nach dem Ab­schluss der auf­wän­di­gen Re­stau­rie­rungs- und Si­che­rungs­ar­bei­ten im Jah­re 2008 kann ei­ne der be­deu­tends­ten früh­go­ti­schen Kir­chen öst­lich des Rheins wie­der an­ge­mes­sen be­wun­dert wer­den.

Nach an­fäng­li­chen Schwie­rig­kei­ten bei der Stand­ort­wahl und Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den Ver­wand­ten der Stif­te­rin Adel­heid von Mols­berg ge­dieh die Ab­tei aber gut. Zahl­rei­che Gro­ße der Re­gi­on füg­ten der ur­sprüng­li­chen Aus­stat­tung wei­te­re Be­sit­zun­gen durch Schen­kung hin­zu. Die Ab­tei be­trieb aber auch selbst ei­ne ak­ti­ve Er­werbs­po­li­tik, die durch ge­ziel­ten Kauf oder Tausch dar­um be­müht war, den ei­ge­nen Be­sitz zu ar­ron­die­ren.

Das Wappen der Abtei zeigt den Weißdornzweig, der bei der Verlegung der Abtei in Nistertal eine wichtige Rolle gespielt haben soll. (Fr. Maur Cocheril: La Documentation Cistercienne)

 

3. Die Ausstattung: Äcker, Wiesen, Wälder, Stadthöfe

Wenn­gleich die Ma­ri­en­stat­ter Be­sit­zun­gen in ei­nem geo­gra­phisch ver­gleichs­wei­se eng­um­ris­se­nen Um­kreis, mit Schwer­punk­ten um die Ab­tei selbst, Ko­blenz und das Mit­tel­rhein­tal bis Leu­tes­dorf und nörd­lich der Lahn um Dorch­heim (heu­te Ge­mein­de Elb­tal) im Mit­tel­hes­si­schen la­gen, so kann man je­doch kei­nes­falls von ei­nem ar­ron­dier­ten Be­sitz­kom­plex aus­ge­hen. Der Streu­be­sitz mach­te die Ein­hal­tung der zis­ter­zi­en­si­schen Ide­al­vor­stel­lung von der voll­stän­di­gen Ei­gen­wirt­schaft bei gleich­zei­ti­ger Be­ach­tung der Ge­bets- und Got­tes­dienst­zei­ten un­mög­lich und so rich­te­te auch Ma­ri­en­statt Gran­gi­en oder Ei­gen­bau­hö­fe ein. Die­se wa­ren zu­nächst mit ei­nem Mönch oder ei­nem Kon­ver­sen (ei­nem Lai­en­bru­der) als Lei­ter be­setzt. Spä­ter wur­den sie auch häu­fig an ei­nen Ver­wal­ter ver­pach­tet. Die­se Gran­gi­en dien­ten nicht nur als Ei­gen­wirt­schafts­be­trieb, son­dern oft auch als Zen­trum, von dem aus die in der Um­ge­bung lie­gen­den Hö­fe ver­wal­tet und be­treut wur­den. Gran­gi­en be­zie­hungs­wei­se de­ren funk­tio­na­le Äqui­va­len­te be­saß Ma­ri­en­statt in Geh­lert (süd­lich Ha­chen­burg), Met­ter­nich (heu­te Stadt Ko­blenz), Hön­nin­gen (heu­te Bad Hön­nin­gen), Al­ten­klos­ter­hof (ur­sprüng­li­cher Stand­ort der Ab­tei bei Neunk­hau­sen), Ho­hen­sayn (Ge­mein­de Laut­zen­brü­cken), Idel­berg, Ari­en­hel­ler (Ge­mein­de Rhein­brohl) und Dorch­heim. Ei­ni­ge die­ser Hö­fe wa­ren nicht nur mit den für die Land­wirt­schaft nö­ti­gen Ge­bäu­den aus­ge­stat­tet, son­dern bo­ten auch Un­ter­künf­te für ei­ne grö­ße­re Zahl von Mön­chen. Sie wur­den als Her­ber­ge und Aus­weich­quar­tier im Fal­le der Be­dro­hung der Ab­tei ge­nutzt.

Ne­ben Be­sit­zun­gen in Form von Äckern, Wie­sen oder Wäl­dern, such­te Ma­ri­en­statt auch ge­zielt in den Städ­ten der Re­gi­on Fuß zu fas­sen. Zu den be­deu­tends­ten Stadt­hö­fen Ma­ri­en­statts zähl­ten die in Ko­blenz, An­der­nach und Köln. Wei­te­re gab es in Sin­zig, Lim­burg und Wetz­lar. Sie dien­ten nicht nur dem Ab­satz der er­zeug­ten Pro­duk­te auf den Markt­plät­zen der Städ­te oder der Nut­zung der Hä­fen für den Fern­han­del, son­dern im Fal­le von An­der­nach und be­son­ders von Ko­blenz als Re­fu­gi­um im Fal­le von Ge­fahr. In­ner­halb der schüt­zen­den Stadt­mau­ern fühl­te man sich nicht nur vor den schwe­di­schen Be­set­zern im Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg si­cher, son­dern auch vor dem Gra­fen von Sayn flüch­te­te der Kon­vent mehr­fach in die Stadt­hö­fe. Der Köl­ner Stadt­hof hat­te zu­sätz­lich die Funk­ti­on, den Kon­takt zum Erz­bi­schöf­li­chen Hof nicht ab­rei­ßen zu las­sen, wich­ti­ger war aber mit Si­cher­heit die Be­deu­tung Kölns als Han­dels­platz. Be­zeich­nend ist, dass Ma­ri­en­statt kei­nen Stadt­hof in Trier un­ter­hielt.

4. Schulden, Krisen und Konflikte

Ver­lie­fen die ers­ten bei­den Jahr­hun­der­te der Ma­ri­en­stat­ter Ge­schich­te in ei­ni­ger­ma­ßen ru­hi­gen Bah­nen, so tra­ten im 15. Jahr­hun­dert erst­mals erns­te­re Pro­ble­me auf. Be­reits 1436 gab es An­zei­chen fi­nan­zi­el­ler Schwie­rig­kei­ten. Man sal­dier­te ei­ne Ge­samt­schuld von et­wa 9.000 Mark. Das Klos­ter be­gann, Be­sit­zun­gen zu ver­kau­fen oder zu ver­pach­ten. 1490 kon­sta­tier­te der Graf von Sayn ei­ne er­heb­li­che Schul­den­last des Klos­ters. Die Kri­se ver­tief­te sich im 16. und 17. Jahr­hun­dert. Die stei­gen­de An­zahl der Ver­leh­nun­gen und Ver­pach­tun­gen von Gü­tern deu­tet dar­auf hin, dass sich Ma­ri­en­statt in ei­ner Pha­se des Struk­turum­bruchs be­fand: weg von der Ei­gen­wirt­schaft, hin zur Ren­ten­wirt­schaft. Der Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg tat sein Üb­ri­ges, um die wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on zu ver­schär­fen. Erst da­nach ging es wie­der auf­wärts. Bei ih­rer Auf­lö­sung im Zu­ge der Sä­ku­la­ri­sa­ti­on stand die Ab­tei wirt­schaft­lich ge­sund da.

Die Gra­fen von Sayn wuss­ten je­den­falls die Si­tua­ti­on Ma­ri­en­statts zu ih­ren Guns­ten aus­zu­nut­zen, denn zu den schwie­ri­ger wer­den­den wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen der Ab­tei ka­men gra­vie­ren­den Pro­ble­me mit der Klos­ter­dis­zi­plin hin­zu. So hat­ten die ers­ten bei­den be­zeug­ten Vi­si­ta­tio­nen durch die Mut­ter­ab­tei Heis­ter­bach in den Jah­ren 1436 und 1452 ne­ben Ver­säum­nis­sen bei der Be­wirt­schaf­tung sol­cher­lei Män­gel fest­ge­stellt. Da ent­spre­chen­de Er­mah­nun­gen sei­tens Heis­ter­bachs und des Erz­bi­schofs nicht fruch­te­ten, wur­de der Graf von Sayn 1457 mit der Durch­füh­rung der Re­for­men be­zie­hungs­wei­se de­ren Über­wa­chung be­auf­tragt. Die Chan­ce, sich in die An­ge­le­gen­hei­ten Ma­ri­en­statts ein­zu­mi­schen und die seit je­her be­an­spruch­ten Herr­schafts­rech­te durch­zu­set­zen, ließ sich das Gra­fen­haus nicht ent­ge­hen. Doch auch ihm ge­lang es nicht, den Kon­vent zu ei­ner grund­le­gen­den Er­neue­rung von Klos­ter­dis­zi­plin und Wirt­schafts­füh­rung an­zu­hal­ten. Nach­dem er be­reits den Or­dens­obers­ten um Un­ter­stüt­zung ge­be­ten hat­te, wand­te sich der Graf so­gar an den Papst und bat ihn, Ni­ko­laus von Ku­es mit ei­nem Re­form­auf­trag für Ma­ri­en­statt aus­zu­stat­ten. Da die­ser zu be­schäf­tigt war, um die Re­for­men selbst durch­zu­füh­ren, be­auf­trag­te er sei­ner­seits ei­ne Kom­mis­si­on mit der Durch­füh­rung von Maß­nah­men. Doch die­se spiel­ten den Ball wie­der zu­rück an den Gra­fen, dem sie nun die Ge­walt des welt­li­chen Arms ge­gen die un­ge­hor­sa­men Mit­brü­der ver­lie­hen.

Die Si­tua­ti­on war ziem­lich ver­fah­ren, zu­mal nun das zis­ter­zi­en­si­sche Ge­ne­ral­ka­pi­tel den Kon­vent auf­for­der­te, ge­gen die Ein­mi­schung des Gra­fen Wi­der­stand zu leis­ten. Un­ter dem neu­en Abt Fried­rich Schar­nekell ent­spann­te sich das Ver­hält­nis zwi­schen Graf und Kon­vent wie­der et­was, Ma­ri­en­statt schien die Herr­schafts­an­sprü­che des Gra­fen zu ak­zep­tie­ren. Doch der Streit ruh­te le­dig­lich. 1476 wur­den aber­mals gra­vie­ren­de Dis­zi­plin­pro­ble­me fest­ge­stellt und dem Gra­fen er­neut ein Ein­grei­fen in die An­ge­le­gen­hei­ten des Kon­vents ge­stat­tet. Die­ses Mal schei­nen dau­er­haf­te­re Lö­sun­gen ge­fun­den wor­den zu sein, denn es soll­te län­ge­re Zeit ei­ni­ger­ma­ßen ru­hig blei­ben, je­doch auf Kos­ten der Ei­gen­stän­dig­keit Ma­ri­en­statts, die nun nicht mehr un­an­ge­tas­tet war.

Doch Mit­te des 16. Jahr­hun­derts flamm­ten die Kon­flik­te zwi­schen Gra­fen­haus und Kon­vent wie­der auf. Wie schon zu­vor ging es ne­ben dem ernst­ge­mein­ten Be­mü­hen, den dis­zi­pli­na­ri­schen und wirt­schaft­li­chen Zu­stand des Kon­vents zu ver­bes­sern, auch die­ses Mal um die Fra­gen der Lan­des­ho­heit über die Ab­tei. In der Zwi­schen­zeit hat­te die Ab­tei ih­ren Kurs ge­gen­über den Ein­mi­schun­gen der say­ni­schen Gra­fen in­so­fern ge­än­dert, als sie Ein­grif­fe und Ein­fluss­nah­me zu­min­dest de fac­to ge­stat­te­te. So fun­gier­ten die Gra­fen als Ver­mitt­ler in Rechts­strei­tig­kei­ten mit Drit­ten oder sie be­zie­hungs­wei­se ih­re Ver­tre­ter nah­men so­gar an Abts­wah­len teil. Durch die Re­for­ma­ti­on än­der­ten sich je­doch die Vor­zei­chen für Ma­ri­en­statt. Denn das Gra­fen­haus war zum Pro­tes­tan­tis­mus kon­ver­tiert und hat­te 1560/1561 die­sen auch in der Graf­schaft ein­ge­führt. Nun wur­de der Kon­flikt zwi­schen Ma­ri­en­statt und den Gra­fen von Sayn auch noch durch die kon­fes­sio­nel­le Dif­fe­renz an­ge­heizt. Die Kon­fes­si­ons­ho­heit des Lan­des­herrn gab den Gra­fen ganz neue Mit­tel in die Hand, die Ab­tei zu­sätz­lich un­ter Druck zu set­zen.

Ma­ri­en­statt ver­such­te sich da­ge­gen durch Schut­z­ur­kun­den be­zie­hungs­wei­se Schutz­er­su­chen des Kai­sers und der Erz­bi­schö­fe von Köln und Trier zu wapp­nen, die je­doch oh­ne un­mit­tel­ba­ren Ef­fekt blie­ben. Graf Adolph setz­te das Klos­ter im­mer wie­der mit neu­en Ab­ga­ben und Diens­ten un­ter Druck. 1568 ließ er in ei­nem Hand­streich so­gar das Klos­ter­ar­chiv nach Ha­chen­burg über­füh­ren. Als er aber 1573 ver­such­te, die Ent­schei­dung über die Vor­wür­fe ge­gen die Ab­tei, den 13-jäh­ri­gen Mi­cha­el Bier­baum miss­han­delt zu ha­ben, an sein Ge­richt zu zie­hen, wehr­te sich der Kon­vent und reich­te Kla­ge beim Reichs­kam­mer­ge­richt ein.

Da­mit war das Tisch­tuch zwi­schen der Ab­tei und dem say­ni­schen Gra­fen­haus bis zum En­de des Al­ten Rei­ches end­gül­tig zer­schnit­ten. Zwar wur­de auf Druck des Kai­sers 1582 ei­ne Ei­ni­gung er­zielt, die zu­guns­ten Ma­ri­en­statts und sei­ner Ei­gen­stän­dig­keit aus­fiel und die Gra­fen von Sayn in ih­re Schran­ken wies. Doch die­se Re­ge­lung wur­de von den Gra­fen im­mer wie­der über­tre­ten oder igno­riert, so­dass Ma­ri­en­statt da­ge­gen Kla­ge vor dem Reichs­kam­mer­ge­richt oder dem Reichs­hof­rat er­he­ben muss­te. Zwar si­cher­te die­ser Rück­griff auf die höchs­ten Reichs­ge­rich­te auf Dau­er die Un­ab­hän­gig­keit der Ab­tei, weil sich die Gra­fen letzt­lich doch nicht trau­ten oder in der La­ge sa­hen, of­fen ge­gen de­ren An­ord­nun­gen zu ver­sto­ßen, er band aber auch für die­se Zeit die Kräf­te der Ab­tei. Von der Kom­ple­xi­tät der ju­ris­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zeu­gen die er­hal­te­nen um­fang­rei­chen Streit­schrif­ten, die zur öf­fent­li­chen Recht­fer­ti­gung der ei­ge­nen Po­si­ti­on ver­fasst wur­den. Der letz­te Pro­zess war seit 1786 vor dem Reichs­kam­mer­ge­richt an­hän­gig, wur­de dort aber nicht mehr ent­schie­den, denn 1806 wur­de das Ge­richt auf­ge­löst.

5. Marienstatt im Dreißigjährigen Krieg

Die wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on Ma­ri­en­statts hat­te sich noch nicht dau­er­haft ver­bes­sert, als der Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg aus­brach. Ma­ri­en­statt war prak­tisch von An­fang an da­von be­trof­fen. Zwar hat­te sich 1619 ei­ne Schwa­dron nie­der­län­di­scher Ka­val­le­rie auf dem Weg nach Böh­men für kur­ze Zeit dort ein­quar­tiert. Sie zog je­doch oh­ne viel Auf­he­ben wei­ter. Die kai­ser­li­chen Trup­pen hin­ge­gen, die 1621 und 1622 den Ge­gen­feld­zug führ­ten und Ma­ri­en­statt als Quar­tier nutz­ten, rich­te­ten er­heb­li­chen Scha­den an und zwan­gen den Kon­vent zur Flucht. Die Ver­wüs­tung der Be­sit­zun­gen und Be­hin­de­rung der Bau­ern bei den Feld­ar­bei­ten durch die Kriegs­par­tei­en tru­gen nicht zur Ver­bes­se­rung der wirt­schaft­li­chen Si­tua­ti­on der Ab­tei in die­ser Zeit bei. 1625 wur­de Ma­ri­en­statt ein wei­te­res Mal über­fal­len und ge­plün­dert. Die La­ge spitz­te sich aber erst mit der Be­set­zung durch den schwe­di­schen Be­voll­mäch­tig­ten Gos­win Grim­me rich­tig zu. Der Kon­vent hat­te sich nach Ko­blenz und An­der­nach zu­rück­ge­zo­gen und muss­te hilf­los mit­an­se­hen, wie Grim­me das kur­k­öl­ni­sche Wap­pen ge­gen das schwe­di­sche aus­tau­schen ließ. Der Spuk dau­er­te je­doch nicht lan­gen, denn nach dem Zu­sam­men­bruch der schwe­di­schen Po­si­ti­on am Mit­tel­rhein mit der Schlacht von Nörd­lin­gen 1634 konn­te sich Grim­me nicht mehr lang hal­ten.

6. Vom Ende des Dreißigjährigen Krieges bis zur Säkularisation

Nach dem En­de des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges brauch­te Ma­ri­en­statt ei­ni­ge Jahr­zehn­te, bis es sich von den Fol­gen er­holt hat­te, be­fand sich aber schon En­de des 17. Jahr­hun­derts wie­der in ei­ner so gu­ten Ver­fas­sung, dass man grö­ße­re In­stand­set­zungs- und Um­bau­ar­bei­ten an den Kon­vents­ge­bäu­den durch­füh­ren konn­te. Zwi­schen 1734 und 1751 wur­den die Kon­vents- und Wirt­schafts­ge­bäu­de voll­stän­dig nie­der­ge­legt und im ba­ro­cken Stil neu er­rich­tet. Den Ab­schluss bil­de­te 1754 das Pfor­ten­haus. Da­mit er­hielt Ma­ri­en­statt die äu­ße­re Ge­stalt, die es – ab­ge­se­hen von den Schul­an- und Um­bau­ten – heu­te noch hat. Vom mit­tel­al­ter­li­chen Er­schei­nungs­bild ist le­dig­lich die Ab­tei­kir­che er­hal­ten ge­blie­ben.

Sieht man ein­mal von den ver­schie­de­nen Pro­zes­sen vor dem Reichs­kam­mer­ge­richt und dem Reichs­hof­rat ab, die Ma­ri­en­statt nicht nur mit den Gra­fen von Sayn, son­dern auch mit den um­lie­gen­den Ge­mein­den führ­te, ver­lief das 18. Jahr­hun­dert ru­hig und war von ei­ner deut­li­chen wirt­schaft­li­chen Er­ho­lung ge­kenn­zeich­net. Erst die Fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on soll­te wie­der für Auf­re­gung sor­gen. Der Be­schuss Lim­burgs durch fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­ons­trup­pen im No­vem­ber 1792 ver­an­lass­te den Abt, das Klos­ter räu­men zu las­sen und den Kon­vent nach Ari­en­hel­ler zu eva­ku­ie­ren. Ein ös­ter­rei­chisch-kai­ser­li­ches Hu­sa­ren­re­gi­ment nahm die Ab­tei auch prompt in Be­schlag, so­dass man erst im Fe­bru­ar 1793 zu­rück­keh­ren konn­te. In den fol­gen­den Jah­ren wech­sel­ten sich kai­ser­li­che und fran­zö­si­sche Trup­pen in der Be­le­gung der Ab­tei ab, die da­durch und durch ge­ziel­te Plün­de­run­gen im Ok­to­ber 1795 gro­ßen Scha­den nahm.

Der Kon­vent hat­te kei­ne Zeit mehr, die Schä­den zu be­he­ben, denn am 19.10.1802 er­griff der Fürst von Nas­sau-Weil­burg von Ma­ri­en­statt Be­sitz und lös­te auf der Grund­la­ge der Ver­ein­ba­run­gen des Reichs mit Frank­reich die Ab­tei am 3.1.1803 auf. Am 13.4.1803 wur­de in Ma­ri­en­statt der letz­te Got­tes­dienst ge­hal­ten.

7. Die Wiedergründung

In den über 80 Jah­ren, die bis zur Wie­der­grün­dung Ma­ri­en­statts als Ab­tei ver­ge­hen soll­ten, wur­den die Klos­ter­ge­bäu­de in viel­fäl­ti­ger Wei­se ge­nutzt. Nach­dem sich die neu­en Lan­des­her­ren zu­nächst um die An­sied­lung von Wirt­schafts­be­trie­ben auf dem Ab­tei­ge­län­de be­müht hat­ten, was von we­nig Er­folg ge­krönt war, stan­den die Ge­bäu­de län­ge­re Zeit leer, be­vor das zum Her­zog­tum auf­ge­stie­ge­ne Nas­sau die Ab­tei zu­rück­kauf­te, um dort ein Al­ten- und Ar­men­heim ein­zu­rich­ten. In der Zwi­schen­zeit war Ma­ri­en­statt dem 1827 ge­grün­de­ten Bis­tum Lim­burg zu­ge­schla­gen und 1831 die Pfar­rei Ma­ri­en­statt ge­grün­det wor­den.

Das ge­plan­te Heim wur­de nie ver­wirk­licht, die Ab­tei statt­des­sen 1864 er­neut ver­kauft, und zwar an das neue Lim­bur­ger Bis­tum, das dort nach ei­ni­gen Schwie­rig­kei­ten ei­ne Er­zie­hungs­an­stalt für ver­wahr­los­te Kin­der ein­rich­te­te. Die­se wur­de von den Vä­tern der Kon­gre­ga­ti­on vom Hei­li­gen Geist (Spi­ri­ta­ner) ge­lei­tet. Der Wech­sel Nas­saus un­ter preu­ßi­sche Herr­schaft im Jah­re 1868 und die Ge­setz­ge­bung des so­ge­nann­ten Kul­tur­kampfs, die ins­be­son­de­re ge­gen ka­tho­li­sche Or­den ge­rich­tet war, ver­an­lass­ten die Spi­ri­ta­ner je­doch schon 1873, die Ab­tei wie­der zu ver­las­sen. Erst die schritt­wei­se Zu­rück­nah­me der Maß­nah­men des Kul­tur­kampfs er­öff­ne­te die Ge­le­gen­heit, in Ma­ri­en­statt wie­der Zis­ter­zi­en­ser an­zu­sie­deln.

1887 ent­stand bei ei­nem Kur­auf­ent­halt in Bad Wö­ris­ho­fen bei Abt Mau­rus von Wet­tin­gen-Meh­rerau (Ab­ba­ti­at 1878-1893) der Plan, in Deutsch­land wie­der ei­ne Zis­ter­zi­en­ser­ab­tei ein­zu­rich­ten. Aus Ko­blenz stam­mend, konn­te er sich schnell für den Stand­ort Ma­ri­en­statt be­geis­tern und traf auch beim nun­mehr zu­stän­di­gen Lim­bur­ger Bi­schof auf gro­ßes In­ter­es­se. Ganz so schnell, wie sich Abt Mau­rus die Wie­der­be­sied­lung ge­wünscht hat­te, ging die­se doch nicht von­stat­ten, denn zu­vor wa­ren noch fi­nan­zi­el­le und ad­mi­nis­tra­ti­ve Pro­ble­me zu klä­ren. Be­son­ders schwie­rig ent­wi­ckel­te sich die Fra­ge der Staats­an­ge­hö­rig­keit der Mit­glie­der des Grün­dungs­kon­vents, denn im­mer­hin lag Wet­tin­gen-Meh­rerau in Ös­ter­reich und hat­te zahl­rei­che schwei­ze­ri­sche Mön­che. Nach­dem die­se Pro­ble­me ge­löst wa­ren, konn­ten zwölf Mön­che un­ter Lei­tung des Pri­ors Do­mi­ni­kus Wil­li (1844-1913) am 20.8.1888 wie­der in die Ab­tei ein­zie­hen.

Das Wappen der Abtei Marienstatt, es kombiniert den Weißdornzweig mit dem Wappen des heiligen Bernhard von Clairvaux. (Abtei Marienstatt)

 

Nach zu­nächst be­schei­de­nen An­fän­gen ent­wi­ckel­te sich Ma­ri­en­statt aber in der Fol­ge sehr gut. Wil­li, be­reits 1889 zum Abt er­ho­ben, 1898 dann zum Bi­schof von Lim­burg, hat­te ei­ne sta­bi­le Grund­la­ge für die wei­te­re Ent­wick­lung ge­legt. Schon un­ter sei­nem Ab­ba­ti­at gab es zahl­rei­che Plä­ne zur Er­wei­te­rung der Kon­gre­ga­ti­on, des Klos­ter­ver­ban­des, der heu­te als Meh­rer­au­er Kon­gre­ga­ti­on be­zeich­net wird. Kaum ei­ner ließ sich je­doch ver­wirk­li­chen. Wil­li spiel­te auch ei­ne Rol­le bei den Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen den bei­den Ob­ser­van­zen des Zis­ter­zi­en­ser­or­dens, die schlie­ß­lich zur Ab­spal­tung der Trap­pis­ten im Jah­re 1892 füh­ren soll­ten.

Be­reits im neu­en Jahr­hun­dert stand Ma­ri­en­statt wie­der auf so si­che­ren Fü­ßen, dass man die Ab­tei bau­lich er­wei­tern konn­te. 1908 wur­de der Bi­blio­theks­flü­gel er­rich­tet, 1911 nahm die Ob­la­ten­schu­le ih­ren Be­trieb auf. Aus ihr ging nach vie­len wei­te­ren Um- und An­bau­ten so­wie or­ga­ni­sa­to­ri­schen Ver­än­de­run­gen das heu­ti­ge Gym­na­si­um her­vor. Un­ter Do­mi­ni­kus Wil­lis Nach­fol­ger Kon­rad Kolb (1852-1918) wur­de die Fra­ge der Kor­po­ra­ti­ons­rech­te im­mer din­gen­der, denn de­ren Feh­len mach­te es Ma­ri­en­statt un­mög­lich, selb­stän­dig Grund­be­sitz zu er­wer­ben oder zu ver­äu­ßern und an­de­re Rechts­ge­schäf­te zu tä­ti­gen. Stets war man ab­hän­gig von der Mut­ter­ab­tei Wet­tin­gen-Meh­rerau, die bei­spiels­wei­se als Ei­gen­tü­me­rin im Grund­buch ein­ge­tra­gen war. Streit war da­durch vor­pro­gram­miert, der noch da­durch be­feu­ert wur­de, dass Abt Kon­rad oh­ne­hin mit wach­sen­dem Selbst­be­wusst­sein mehr Un­ab­hän­gig­keit von der Mut­ter­ab­tei for­der­te. Die recht­li­chen Fra­gen wur­den 1939 da­durch ge­löst, dass man die Ver­mö­gens­ver­wal­tungs­ge­sell­schaft Ab­tei Ma­ri­en­statt mbH (VVG) grün­de­te, der 1949 end­lich die Grund­stü­cke über­tra­gen wur­den. Die VVG ver­wal­tet bis heu­te die Be­trie­be und das be­weg­li­che Ver­mö­gen der Ab­tei. Sie ist die Hol­ding für al­le an­de­ren klös­ter­li­chen Be­trie­be. 

8. Marienstatt in zwei Weltkriegen

Der Ers­te Welt­krieg be­rühr­te die Ab­tei le­dig­lich in­di­rekt, in­dem Roh­stof­fe und Le­bens­mit­tel knapp wur­den. Auch die Mön­che lit­ten Hun­ger und sa­hen sich – wie spä­ter im Zwei­ten Welt­krieg – ge­zwun­gen, zur Auf­recht­er­hal­tung der Land­wirt­schaft auf kriegs­ge­fan­ge­ne Zwangs­ar­bei­ter zu­rück­zu­grei­fen. Wie­der wur­de die Ab­tei zum La­za­rett um­funk­tio­niert. Nach­dem man auch dies und die re­vo­lu­tio­nä­ren Nach­kriegs­wir­ren un­be­scha­det über­stan­den hat­te, ge­lang es 1927, die Ab­tei Har­de­hau­sen (Stadt War­burg) zu er­wer­ben und mit ei­nem Ma­ri­en­stat­ter Grün­dungs­kon­vent wie­der­zu­be­sie­deln. Da­mit hat­te Ma­ri­en­statt sein ers­tes voll­gül­ti­ges Tochter­klos­ter. Da Har­de­hau­sen aber von An­fang an mit Schul­den be­las­tet war, sa­hen die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ei­nen gu­ten An­satz, die Ent­wick­lung der Ab­tei zu be­hin­dern, was schlie­ß­lich 1938 zu de­ren er­neu­ter Auf­he­bung führ­te.

Auch Ma­ri­en­statt selbst hat­te un­ter den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten zu lei­den, die nichts un­ver­sucht lie­ßen, um die Ab­tei zu be­hin­dern und die Mön­che zur Auf­ga­be zu be­we­gen. Ma­ri­en­statt muss­te De­vi­sen- und Sitt­lich­keits­pro­zes­se über sich er­ge­hen las­sen, die Schu­le wur­de 1939 ge­schlos­sen und die Ge­sta­po stand des Öf­te­ren vor der Tür. Der Kon­vent ver­folg­te – be­wusst oder un­be­wusst – ei­ne Stra­te­gie der ge­schmei­di­gen An­pas­sung an die Vor­ga­ben des Re­gimes, oh­ne die ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen auf­zu­ge­ben. Der Rück­halt in der ka­tho­li­schen Be­völ­ke­rung er­leich­ter­te es der Ab­tei, den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ge­le­gent­lich auch ent­ge­gen­zu­tre­ten.

An­ders als im Ers­ten Welt­krieg blieb Ma­ri­en­statt dies­mal nicht von di­rek­ten Aus­wir­kun­gen des Kriegs ver­schont. Man be­her­berg­te Aus­ge­bomb­te aus ei­nem Al­ters­heim, war Hilfs- und Aus­weich­kran­ken­haus so­wie Aus­weich­de­pot für die Stadt­bi­blio­the­ken Trier und Düs­sel­dorf so­wie das Rhei­ni­sche Lan­des­mu­se­um Bonn. Von Bom­ben- und Tief­flie­ger­an­grif­fen blieb man weit­ge­hend ver­schont. Der grö­ß­te Scha­den wur­de durch ei­ne ab­ge­stürz­te V2-Ra­ke­te ver­ur­sacht, die le­dig­lich 600 Me­ter von der Ab­tei ent­fernt beim Stall nie­der­ging und die Schei­ben zu Bruch ge­hen ließ.

Eines der frühesten Fotos von Marienstatt zeigt Kirche und Konventsgebäude von der Ostseite im Zustand von vor 1896. (Abtei Marienstatt)

 

9. Marienstatt seit 1945

Un­mit­tel­bar nach Kriegs­en­de konn­te die Schu­le ih­ren Be­trieb wie­der auf­neh­men. Be­reits am 18.10.1945 er­hielt man die Ge­neh­mi­gung zur Wie­der­er­öff­nung. Sie wur­de in den 1950er und 1960er Jah­ren für die Ab­tei zur wich­tigs­ten Auf­ga­be, be­son­ders nach­dem 1971 die Land­wirt­schaft nach an­nä­hernd 800 Jah­ren auf­ge­ge­ben wor­den war. Die Schu­le, die bis 1982 noch ein an­ge­glie­der­tes In­ter­nat hat­te, hat heu­te et­wa 900 Schü­ler. Aus ei­ner rei­nen Ob­la­ten­schu­le für ka­tho­li­sche Jun­gen ent­wi­ckel­te sich ein voll­gül­ti­ges Gym­na­si­um für Jun­gen und Mäd­chen al­ler Kon­fes­sio­nen.

Zu den gro­ßen Kraft­an­stren­gun­gen der letz­ten Jah­re ge­hör­te die Re­no­vie­rung und Re­stau­rie­rung der Ab­tei­kir­che. Sie er­streck­te sich über mehr als 20 Jah­re und wur­de erst 2008 voll­endet. In Rhein­land-Pfalz gilt die Re­no­vie­rung auch we­gen der Me­tho­dik der In­stand­set­zung und der Ver­wen­dung nach­ge­stell­ter his­to­ri­scher Ma­te­ria­li­en als Jahr­hun­dert­pro­jekt.

Quellen

Sub­li­mis Ad­vo­ca­tia eccle­si­as­ti­ca ord­ni­na­ria Il­lustris­si­mo Co­mi­ti Say­nen­si in Co­eno­bi­um Ma­ri­en­stadt vi­go­re Fun­da­tio­nis ac Su­pe­rio­ri­ta­tis ter­ri­to­ria­lis vin­di­ca­ta. Das ist Gru­end­li­cher Be­weis, Daß das Clos­ter zu Ma­ri­en­stadt, Cis­ter­ti­en­ser Or­dens, von sei­nem ers­ten Ur­sprung her de­nen Her­ren Gra­fen zu Sayn, als sei­nen al­lei­ni­gen wah­ren Fun­da­to­ren, und ho­hen Erb-Schutz- und Lan­des­herrn un­ter­wor­fen, auch im­mer­fort in & de Ter­ri­to­rio de­rer­sel­ben ge­we­sen seye, mit­hin neu­er­lich de­ren Lan­des­ho­heit sich zu ent­zie­hen zur aeu­ßers­ten Un­ge­bue­hr und zum si­chers­ten Merck­mal sei­nes scha­end­lichs­ten Un­danckes ge­gen sei­ne be­stän­di­ge Gutt­hae­ter sich an­ma­ße: Wo­bei zu­gleich der hand­greif­li­che Un­grund und Grund­lo­sig­keit der Cloe­s­ter­li­chen Be­schwer­den ue­ber an­geb­lich er­lei­den­de Hoch­grae­flich Say­ni­sche har­te Be­druckun­gen un­um­sto­eß­lich dar­gethan wird. Der ju­engst bey Kay­ser­li­chem Reichs­hof­rath ad prae­ten­sam cau­sam Re­scrip­ti su­per di­ver­sis gra­va­mi­ni­bus ue­ber­ge­be­nen Ma­ri­en­sta­ed­ter so ru­bri­cir­ten kur­zen Be­schrei­bung, vom Ur­sprung, Plan­ta­ti­on und Trans­plan­ta­ti­on des Clos­ters Ma­ri­en­stadt, zur er­for­der­li­chen Be­leh­rung de­rer hoechs­ten Reichs-Ge­rich­ten und des gan­zen Pu­bli­ci, ent­ge­gen ge­setzt. In Sa­chen des Herrn Gra­fen Her­m­ans zu Sayn, mo­do der Burg­grae­flich Sayn-Ha­chen­bur­gi­schen ho­hen Vor­mund­schaft, con­tra das Clos­ter Ma­ri­en­stadt, Wetz­lar 1765.
 
Struck, Wolf Hei­no, Das Cis­ter­zi­en­ser­klos­ter Ma­ri­en­statt im Mit­tel­al­ter. Ur­kun­den­re­ges­ten, Gü­ter­ver­zeich­nis und Ne­kro­log, Wies­ba­den 1965. 

Literatur

Hil­len, Chris­ti­an, „Se­het hier ist die Stät­te...“ Ge­schich­te der Ab­tei Ma­ri­en­statt, Köln [u.a.] 2012.
 
Hil­len, Chris­ti­an, Das Erz­bis­tum Köln 7: Die Zis­ter­zi­en­ser­ab­tei Ma­ri­en­statt (Ger­ma­nia Sa­cra. Drit­te Fol­ge 14), Ber­lin, Bos­ton 2017.
 
Well­stein, Gil­bert, Die Cis­ter­zi­en­ser­ab­tei Ma­ri­en­statt im Wes­ter­wald, Lim­burg a. d. Lahn 1955.

Die Abteikirche nach Abschluss der Renovierungsarbeiten 2008. (Jörg Ditscheid)

 
Zitationshinweis

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Hillen, Christian, Die Zisterzienserabtei Marienstatt, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-zisterzienserabtei-marienstatt/DE-2086/lido/5df297991633f3.51637963 (abgerufen am 09.07.2020)