1871 bis 1918 - Das Rheinland im Kaiserreich

Rüdiger Haude (Aachen)

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1. Die Bedeutung der Reichsgründung für die Rheinprovinz

Von der na­tio­na­len Be­geis­te­rung, die vie­le Deut­sche beim Be­ginn des Deutsch-Fran­zö­si­schen Krie­ges im Som­mer 1870 er­griff, blieb auch die Be­völ­ke­rung des Rhein­lands nicht un­be­rührt. Im Jahr dar­auf wur­den die zu­rück­keh­ren­den sieg­rei­chen Trup­pen und ihr Mon­arch in rhei­ni­schen Städ­ten mit Pomp und En­thu­si­as­mus emp­fan­gen. Auf­grund ih­rer ex­po­nier­ten La­ge an der West­gren­ze des neu ge­schaf­fe­nen Deut­schen Reichs konn­te die Rhein­pro­vinz sich der be­son­de­ren sym­bo­li­schen Wert­schät­zung des na­tio­na­lis­ti­schen Emp­fin­dens ge­wiss sein: Als ei­ne in­of­fi­zi­el­le Na­tio­nal­hym­ne galt in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten die von Max Schne­cken­bur­ger (1819-1849) ge­dich­te­te „Wacht am Rhein“.

Ei­nen An­lass zur Iden­ti­fi­ka­ti­on der Rhein­län­der mit dem neu­en, preu­ßi­schen Kai­ser­tum bot zu­dem des­sen par­ti­el­le Selbst­dar­stel­lung als An­knüp­fung an da­s  „Hei­li­ge Rö­mi­sche Reich Deut­scher Na­ti­on“. Zwar ba­ten die Stadt­ver­ord­ne­ten der al­ten Krö­nungs­stadt Aa­chen den Deut­schen Kai­ser Wil­helm I. (Re­gent­schaft 1871-1888) im Ja­nu­ar 1871 ver­ge­bens, er mö­ge sich in Aa­chen krö­nen las­sen. Aber schon sein Sohn, der „99-Ta­ge-Kai­ser“ Fried­rich III., der nach schwe­rer Krank­heit am 15.6.1888 starb, muss­te von Reichs­kanz­ler Ot­to von Bis­marck (1815-1898, Amts­zeit 1871-1890) ge­drängt wer­den, sich nicht in An­knüp­fung an das al­te Kai­ser­reich „Fried­rich IV.“ zu nen­nen; und voll­ends Wil­helm II. (1859-1941, Re­gent­schaft 1888-1918) sah in der (re­al gar nicht vor­han­de­nen) Kai­ser­kro­ne sei­nes Reichs das Wie­der­auf­le­ben des mit­tel­al­ter­li­chen Im­pe­ri­ums und die Er­lö­sung Bar­ba­ros­sas aus dem Kyff­häu­ser. Auch die Auf­merk­sam­keit, die die Ho­hen­zol­lern der Voll­endung des Köl­ner Doms (1880) wid­me­ten, dien­te nicht zu­letzt der An­eig­nung ei­ner Tra­di­ti­on, in der der Rhein ei­ne zen­tra­le Ach­se des mit­tel­al­ter­li­chen Rei­ches ge­we­sen war.

Gleich­wohl war die Grün­dung von 1871 ei­ne Ver­kör­pe­rung je­ner „klein­deut­schen“ Lö­sung, wel­cher der Aus­schluss Ös­ter­reichs aus dem Reich zu­grun­de lag. Die im Rhein­land do­mi­nie­ren­den Ka­tho­li­ken wa­ren da­ge­gen, vor al­lem wohl aus kon­fes­sio­nel­len Grün­den, tra­di­tio­nell gro­ß­deutsch ori­en­tiert. Ob­wohl sie im Deutsch-Fran­zö­si­schen Krieg vor al­lem um die De­mons­tra­ti­on na­tio­na­ler Zu­ver­läs­sig­keit be­müht ge­we­sen wa­ren, soll­te die An­fangs­pha­se des Kai­ser­reichs für die Rhein­pro­vinz in der Tat durch kon­fes­si­ons­be­zo­ge­ne Aus­ein­an­der­set­zun­gen äu­ßers­ter Schär­fe ge­prägt sein.

2. Kulturkampf

2.1 Ursachen

In sei­nem an der En­zy­kli­ka „Quan­ta cu­ra“ an­ge­han­ge­nen „Syl­la­bus Er­ro­rum“ („Ver­zeich­nis der Irr­tü­mer“) hat­te Papst Pi­us IX. (Pon­ti­fi­kat 1846-1878) 1864 zahl­rei­che mo­der­ne ideo­lo­gi­sche Strö­mun­gen wie Na­tu­ra­lis­mus, Ra­tio­na­lis­mus, Li­be­ra­lis­mus und So­zia­lis­mus ver­wor­fen und sich strikt ge­gen die Gleich­wer­tig­keit der re­li­giö­sen Be­kennt­nis­se be­kannt. Das von ihm ein­be­ru­fe­ne Ers­te Va­ti­ka­ni­sche Kon­zil er­hob 1870 die Leh­re von der „Un­fehl­bar­keit“ des Paps­tes in An­ge­le­gen­hei­ten des Glau­bens oder der Sit­ten zum Dog­ma. Die dar­aus re­sul­tie­ren­den An­sprü­che et­wa auf dem Ge­biet des Schul­we­sens ver­schärf­ten kul­tus­po­li­ti­sche Kon­flik­te zwi­schen Staat und Kir­che, zu­mal der preu­ßi­sche Staat be­müht war, im Zu­ge der Ent­po­lo­ni­sie­rungs­po­li­tik im Os­ten pol­ni­sche ka­tho­li­sche Pries­ter aus der Schul­aus­bil­dung zu ver­drän­gen. Im Rhein­land als ei­ner weit­ge­hend ka­tho­lisch ge­präg­ten Pro­vinz, die ei­ner (im kul­tu­rel­len Sin­ne) pro­tes­tan­tisch do­mi­nier­ten staat­li­chen Recht­set­zung un­ter­stand, muss­te die­se Kon­flikt­ver­schär­fung be­son­ders deut­lich zu­ta­ge tre­ten.

Ka­tho­li­ken, die sich dem päpst­li­chen Un­fehl­bar­keits-Dog­ma wi­der­setz­ten, wur­den von den Bi­schö­fen ex­kom­mu­ni­ziert. Dies wa­ren zwar nicht vie­le, gleich­wohl fan­den sie sich in der Fol­ge zu ei­ge­nen Ge­mein­den un­ter dem Na­men „Alt­ka­tho­li­ken“ zu­sam­men. Die 1875 vom preu­ßi­schen Staat als sol­che an­er­kann­te neue Kon­fes­si­on be­saß im Rhein­land ih­ren ei­gent­li­chen Schwer­punkt, ver­moch­te es je­doch nicht, brei­te­re Mas­sen für sich zu ge­win­nen. Die rö­misch-ka­tho­li­schen Bi­schö­fe for­der­ten, die­se Alt­ka­tho­li­ken, so­weit sie als Re­li­gi­ons­leh­rer oder Uni­ver­si­täts-Theo­lo­gen gleich­zei­tig Staats­be­am­te wa­ren, aus ih­ren Äm­tern zu ent­fer­nen und durch An­hän­ger des Dog­mas zu er­set­zen. Am Trie­rer Pries­ter­se­mi­nar for­der­te Bi­schof Mat­thi­as Eber­hard von den sechs dort leh­ren­den Pro­fes­so­ren ei­ne un­ter­schrie­be­ne Treue­er­klä­rung, die er auch von al­len er­hielt. An der Ka­tho­lisch-Theo­lo­gi­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Bonn war mit drei Pro­fes­so­ren die Mehr­heit des Kol­le­gi­ums ge­gen das Dog­ma und ver­wei­ger­te ein Ein­len­ken. Da der Staat die For­de­rung des Köl­ner Erz­bi­schofs, Kar­di­nal Mel­chers, nach Neu­be­set­zung ab­lehn­te, war ein ge­ord­ne­ter Lehr­be­trieb hier ein Jahr­zehnt lang nicht mehr mög­lich, zu­mal sich in­fol­ge der Schlie­ßung des Kon­vikts – ei­ner wei­te­ren Kul­tur­kampf­maß­nah­me – die Zahl der Stu­den­ten von 240 auf 45 re­du­ziert hat­te.

Das Deutsche Reich 1871, hervorgehoben die Lage der Rheinprovinz..

 

2.2 Verlauf

Es han­del­te sich um ei­nen Kon­flikt zwi­schen den Lo­gi­ken staat­li­cher und kirch­li­cher Sou­ve­rä­ni­tät. Bis­marck nahm die­sen Kon­flikt aber zum An­lass für Maß­nah­men, die das öf­fent­li­che Ge­wicht der ka­tho­li­schen Kir­che ins­ge­samt zu­rück­drän­gen soll­ten. Nur ein Teil der staat­li­cher­seits er­grif­fe­nen Maß­nah­men dien­te da­her der kla­ren Tren­nung von Staat und Kir­che: so die Auf­he­bung der Ka­tho­li­schen Ab­tei­lung im Preu­ßi­schen Kul­tus­mi­nis­te­ri­um (1871), das Schul­auf­sichts­ge­setz von 1872, wel­ches das Un­ter­richts­we­sen zur Staats­sa­che er­klär­te, das Kir­chen­aus­tritts­ge­setz (1874) und das Ge­setz über die ob­li­ga­to­ri­sche Zi­vil­ehe (1875). Letz­te­re hat­te im links­rhei­ni­schen Rhein­land aber be­reits seit der na­po­leo­ni­schen Zeit be­stan­den. An­de­re staat­li­che Be­stim­mun­gen je­doch grif­fen in in­ner­kirch­li­che Be­lan­ge ein, wie die „Mai­ge­set­ze“ von 1873, mit de­nen die Bil­dung der Geist­li­chen ei­ner staat­li­chen Prü­fung un­ter­wor­fen und die kirch­li­che Dis­zi­plinar­ge­walt ein­ge­schränkt wur­de. Eben­so muss­te je­de Pfarr­neu­be­set­zung fort­an von den kö­nig­li­chen Re­gie­run­gen in Trier, Ko­blenz, Köln, Aa­chen und Düs­sel­dorf ge­neh­migt wer­den. Ei­ne der ers­ten staat­li­chen Kul­tur­kampf­maß­nah­men, der „Kan­zel­pa­ra­gra­ph“ des Reichs-Straf­ge­setz­buchs, er­rich­te­te ei­ne be­son­de­re Zen­sur über die Pre­dig­ten der Geist­li­chen. Maß­nah­men ge­gen die Or­den wa­ren eben­falls ge­gen ver­meint­li­che ka­tho­li­sche Pro­pa­gan­datä­tig­keit ge­rich­tet – das Ver­bot des Je­sui­ten­or­dens 1872 – oder ge­gen den Ein­fluss der an­de­ren Or­den im Bil­dungs­sys­tem – das Klos­ter­ge­setz (1875), das al­le Or­dens­nie­der­las­sun­gen auf­hob, die nicht in der Kran­ken­pfle­ge tä­tig wa­ren. Mit dem „Brot­korb­ge­set­z“ (1875) wur­den staat­li­che Zah­lun­gen an die Bis­tü­mer ein­ge­stellt, bis schrift­li­che Loya­li­täts­er­klä­run­gen ge­gen­über den staat­li­chen Ge­set­zen ab­ge­ge­ben wur­den.

Bismarck und Papst Pius IX. beim Schachspiel, Karikatur im.

 

Der ka­tho­li­sche Kle­rus hat sich die­sen Maß­nah­men ganz über­wie­gend ver­wei­gert. Im Re­gie­rungs­be­zirk Aa­chen bei­spiels­wei­se ak­zep­tier­ten nur 28 von 670 Pries­tern die Wei­ter­zah­lung des Staats­ge­halts un­ter den ge­nann­ten Be­din­gun­gen, und im ge­sam­ten Bis­tum Trier wa­ren es gar nur zwölf so­ge­nann­te „Staats­pfar­rer“, wo­bei al­lein zwei von die­sen im Dom­ka­pi­tel sa­ßen. Die Kul­tur­kampf­maß­nah­men zei­tig­ten auf die Seel­sor­ge vor Ort ei­ne gro­ße Wir­kung. 1885 wa­ren al­lein im Re­gie­rungs­be­zirk Aa­chen 43 Pro­zent al­ler Pfar­rei­en und selb­stän­di­gen Seel­sor­ge­pos­ten un­be­setzt. In Trier wa­ren mehr als 130.000 Ka­tho­li­ken oh­ne je­de seel­sorg­li­che Be­treu­ung. Die Bi­schö­fe wur­den we­gen ih­res pas­si­ven Wi­der­stan­des mit Geld- und Ge­fäng­nis­stra­fen be­legt, schlie­ß­lich be­gab sich der Köl­ner Erz­bi­schof Mel­chers, wie auch der Müns­te­ra­ner Bi­schof Jo­han­nes Bern­hard Brink­mann (Epis­ko­pat 1870-1889), des­sen Bis­tum sich auch auf die nie­der­rhei­ni­schen Tei­le der Rhein­pro­vinz er­streck­te, in die Nie­der­lan­de. Ihr Trie­rer Kol­le­ge Mat­thi­as Eber­hard (Epis­ko­pat 1867-1876) ver­starb vor der be­reits ge­plan­ten Exi­lie­rung. Die aus der Rhein­pro­vinz aus­ge­wie­se­nen Or­den fan­den vor al­lem in Bel­gi­en und in den Nie­der­lan­den Aus­weich­sit­ze. Die Ver­mö­gen der aus staat­li­cher Sicht ver­wais­ten Bis­tü­mer wur­den in staat­li­che Ver­wah­rung ge­nom­men. Wie un­er­bitt­lich die Aus­ein­an­der­set­zung von bei­den Sei­ten ge­führt wur­de, zeigt sich dar­an, dass Pi­us IX. 1875 al­le, die sich den neu­en Kul­tur­kampf­ge­set­zen beug­ten, mit der Ex­kom­mu­ni­ka­ti­on be­droh­te.

Das po­li­ti­sche Ziel des Kul­tur­kampfs, den Ka­tho­li­zis­mus zu­rück­zu­drän­gen, wur­de ver­fehlt. Der be­dräng­te und un­nach­gie­bi­ge Kle­rus konn­te sich auf die brei­te So­li­da­ri­tät des Kir­chen­vol­kes ver­las­sen. Tei­le der li­be­ra­le­ren und staats­freund­li­che­ren Ka­tho­li­ken reih­ten sich in die „ul­tra­mon­ta­ne“, rom­treue Front­stel­lung ein; die ka­tho­li­schen Lai­en schu­fen sich breit ge­fä­cher­te zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Struk­tu­ren, die – zu­mal im Rhein­land – ein fes­tes ka­tho­li­sches Mi­lieu ver­an­ker­ten. Hier­zu ge­hör­ten ein viel­fäl­ti­ges ka­tho­li­sches Ver­eins­we­sen, der Auf­schwung der ka­tho­li­schen Pres­se im Rhein­land, die re­gel­mä­ßi­gen Ka­tho­li­ken­ta­ge, und nicht zu­letzt der Auf­stieg der 1870 ge­grün­de­ten Zen­trums-Par­tei zur do­mi­nie­ren­den po­li­ti­schen Kraft in der Rhein­pro­vinz. Im Reichs­tag stell­te das Zen­trum von 1881 bis 1912 die grö­ß­te Reichs­tags­frak­ti­on.

Der Pon­ti­fi­kats­wech­sel in Rom auf Leo XIII. im Jah­re 1878 (Pon­ti­fi­kat bis 1903) gab Bis­marck den An­lass, den ge­schei­ter­ten Kul­tur­kampf auf­zu­ge­ben und vie­le der Kul­tur­kampf­ge­set­ze im Lau­fe ei­nes Jahr­zehnts wie­der ab­zu­bau­en. Ei­ne Art Schluss­strich stell­ten 1886/1887 die „Frie­dens­ge­set­ze“ dar. Auch der Papst er­klär­te dar­auf­hin den Kul­tur­kampf für be­en­det. Aber die Nach­wir­kun­gen im kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis soll­ten noch Jahr­zehn­te an­hal­ten, zu­mal die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Ka­tho­li­zis­mus und Li­be­ra­lis­mus auf pu­bli­zis­ti­scher Ebe­ne an­hielt.

Bischof Melchers Umzug, Karikatur in.

 

2.3 Der Katholizismus nach dem Ende des Kulturkampfs

Mit der Ab­nah­me des äu­ße­ren Drucks ka­men in­ne­re Kon­flik­te des Ka­tho­li­zis­mus an die Ober­flä­che. Vor al­lem ging es um die Fra­ge, ob der Ka­tho­li­zis­mus in welt­li­chen Fra­gen un­ab­hän­gig von der geist­li­chen Hier­ar­chie ope­rie­ren dür­fe. Die­ser Kon­flikt wur­de im Hin­blick auf die par­tei­po­li­ti­sche Or­ga­ni­sa­ti­on der Ka­tho­li­ken im „Zen­trums­streit“ und im Hin­blick auf die christ­li­chen Ge­werk­schaf­ten im „Ge­werk­schafts­streit“ aus­ge­tra­gen. Die Ver­tre­ter ei­ner Po­li­tik ei­ner in­ter­kon­fes­sio­nel­len Öff­nung wur­den als „Köl­ner Rich­tun­g“ be­zeich­net. Die „Köl­ni­sche Volks­zei­tun­g“ war ihr wich­tigs­tes Or­gan, die in Mön­chen­glad­bach an­säs­si­ge so­zi­al­po­li­ti­sche Mas­sen­or­ga­ni­sa­ti­on „Volks­ver­ein für das ka­tho­li­sche Deutsch­lan­d“ un­ter­stütz­te sie eben­so wie die Par­tei des Zen­trums. Der rhei­ni­sche Zen­trums­po­li­ti­ker Ju­li­us Ba­chem ver­öf­fent­lich­te 1906 die ein­fluss­rei­che pro­gram­ma­ti­sche Schrift „Wir müs­sen aus dem Turm her­aus!“, wor­in er for­der­te, die kon­fes­sio­nel­le Ghet­toi­sie­rung der Kul­tur­kampf­zeit zu über­win­den. Aber auch die Ge­gen­par­tei der „In­te­gra­lis­ten“ hat­te im Rhein­land, zum Bei­spiel mit dem Trie­rer Bi­schof Fe­lix Ko­rum, ih­re Bas­tio­nen. Der (mit Aus­nah­me des Saar­lands) weit­ge­hend agra­risch ge­präg­te Sü­den stand hier ge­gen den in­dus­tria­li­sier­ten Nor­den der Pro­vinz.

Papst Pi­us X. (Pon­ti­fi­kat 1903-1914) agier­te mit gro­ßer Ve­he­menz ge­gen den „Mo­der­nis­mus“; 1910 führ­te er den „An­ti­mo­der­nis­ten­ei­d“ ein, der von al­len Geist­li­chen bei Stra­fe der Ex­kom­mu­ni­ka­ti­on ein Treu­e­be­kennt­nis zu al­len Ver­laut­ba­run­gen des Hei­li­gen Stuhls ver­lang­te und mit ver­schärf­ter Bü­cher­zen­sur und der Ein­rich­tung von Über­wa­chungs­be­hör­den in je­der Diö­ze­se ein­her­ging. Der Be­ginn des Welt­kriegs ließ dann die in­ner­ka­tho­li­schen Kon­tro­ver­sen in den Hin­ter­grund tre­ten.

2.4 Die anderen Konfessionen

Der Kul­tur­kampf be­las­te­te das Ver­hält­nis zwi­schen Ka­tho­li­ken und Pro­tes­tan­ten in der Rhein­pro­vinz be­trächt­lich, wo­bei letz­te­re zu­meist in ei­ner Dia­spo­ra-Po­si­ti­on wa­ren. Aus­nah­men mach­ten hier vor al­lem der Huns­rück, Tei­le der Saar­re­gi­on so­wie das Ber­gi­sche Land mit den pro­tes­tan­ti­schen Zen­tren Bar­men und El­ber­feld (heu­te Stadt Wup­per­tal), wo, un­ter dem Ein­fluss der pie­tis­ti­schen Er­we­ckungs­be­we­gung, Schwer­punk­te der in­ne­ren und äu­ße­ren Mis­si­ons­tä­tig­keit, der kir­chen­mu­si­ka­li­schen Er­neue­rung und der theo­lo­gi­schen Bil­dung des Pro­tes­tan­tis­mus la­gen. Die 1886 von dem Theo­lo­gie­pro­fes­sor Theo­dor Christ­lieb (1833-1889) in Bonn ge­grün­de­te „Evan­ge­lis­ten­schu­le Jo­han­neum“ wur­de 1893 nach Bar­men ver­legt; auch die Schü­ler-Be­we­gung der „Bi­bel­kränz­chen“ (BK) ging auf Christ­lieb zu­rück. Es ge­lang den pro­tes­tan­ti­schen Kon­fes­sio­nen und auch den Frei­kir­chen aber auf­grund ih­res pa­tri­ar­cha­len An­sat­zes nicht, in pro­le­ta­ri­schen Krei­sen wirk­lich Fuß zu fas­sen.

Die Ju­den mach­ten in der Rhein­pro­vinz zur Zeit des Kai­ser­rei­ches et­wa ein Pro­zent der Be­völ­ke­rung aus. Sie zo­gen ver­stärkt in die kom­mer­zi­ell pros­pe­rie­ren­den rhei­ni­schen Städ­te, so dass ein be­trächt­li­cher Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zess statt­fand: Die Zahl der Syn­ago­gen im Rhein­land sank von 329 im Jah­re 1867 auf nur noch 181 im Jah­re 1905, ob­wohl die jü­di­sche Be­völ­ke­rung, in ab­so­lu­ten Zah­len ge­mes­sen, zu­nahm. Die jü­di­sche Land­flucht wur­de auch durch die wäh­rend des Kai­ser­reichs ste­tig zu­neh­men­de an­ti­se­mi­ti­sche Agi­ta­ti­on mit ver­ur­sacht, die auf dem Land stär­ker als in Städ­ten, in dem­ago­gi­schen Sün­den­bock-Kon­struk­ten Aus­druck fand. 1891 ver­dich­te­te sich die­se Dy­na­mik in der Ri­tu­al­mord­be­schul­di­gung ge­gen Ju­den, als in Xan­ten ein fünf­jäh­ri­ger Kna­be von un­be­kann­ter Hand er­mor­det wor­den war. Die be­schul­dig­te jü­di­sche Metz­gers­fa­mi­lie konn­te auch nach dem ge­richt­li­chen Frei­spruch nicht nach Xan­ten zu­rück­keh­ren und leb­te seit­dem in Köln.

3. Klassenkampf und Hochindustrialisierung

Der Kul­tur­kampf wur­de auch des­we­gen ab­ge­bro­chen, weil Bis­marck ei­nen neu­en, ge­fähr­li­che­ren Geg­ner aus­ge­macht hat­te: die so­zia­lis­ti­sche Ar­bei­ter­be­we­gung. Auch in die­ser Hin­sicht spiel­te das Rhein­land ei­ne her­aus­ra­gen­de Rol­le, denn nir­gend­wo war die so­zia­le Fra­ge, die sich mit der Ent­ste­hung ei­nes mas­sen­haf­ten in­dus­tri­el­len Pro­le­ta­ri­ats er­gab, so drän­gend wie in den rhei­ni­schen In­dus­trie­re­gio­nen: den schwer­in­dus­tri­ell ge­präg­ten Re­gio­nen an Ruhr und Saar so­wie im Aa­che­ner Re­vier, und den durch Tex­til- und Che­mie­in­dus­trie ge­präg­ten Ge­bie­ten der nörd­li­chen Rhein­pro­vinz. Au­ßer­dem stamm­ten die füh­ren­den in­tel­lek­tu­el­len Köp­fe der in­ter­na­tio­na­len re­vo­lu­tio­nä­ren Ar­bei­ter­be­we­gung, Karl Marx und Fried­rich En­gels, bei­de aus dem Rhein­land, näm­lich aus Trier re­spek­ti­ve Bar­men (heu­te Stadt Wup­per­tal), auch wenn sie je­nen Teil ih­rer Wir­kens­zeit, der ins Kai­ser­reich fällt, durch­wegs im eng­li­schen Exil ver­brach­ten.

3.1 Industrialisierung und Bevölkerungsentwicklung

Die In­dus­tria­li­sie­rung des Rhein­lan­des hat­te be­reits um die Jahr­hun­dert­mit­te ih­ren „ta­ke-of­f“ ge­habt; der ge­won­ne­ne Krieg ver­setz­te ihr ei­nen be­trächt­li­chen Schub. Mit den Re­pa­ra­ti­ons­zah­lun­gen, die Frank­reich leis­ten muss­te, wur­de der deut­sche Ka­pi­tal­markt ge­füt­tert. Die Hüt­ten­in­dus­trie in der Saar­re­gi­on pro­fi­tier­te von der An­ne­xi­on der loth­rin­gi­schen Erz­gru­ben. Zwar führ­te be­reits 1873 der „Grün­der­krach“ in ei­ne den Rest der 1870er Jah­re aus­fül­len­de öko­no­mi­sche Kri­se, un­ter der die rhei­ni­sche Ei­sen­in­dus­trie be­son­ders litt. Doch die Zeit­span­ne ab den 1880er Jah­ren bis zum Be­ginn des Ers­ten Welt­kriegs kann als Pha­se ei­nes an­hal­ten­den Booms gel­ten. Für die in wei­ten Tei­len des Sü­dens der Rhein­pro­vinz wei­ter do­mi­nant blei­ben­de Land­wirt­schaft ist aber bis Mit­te der 1890er Jah­re ei­ne Struk­tur­kri­se fest­zu­stel­len, die nur teil­wei­se mit der Ab­kehr vom Frei­han­dels­prin­zip auf­ge­fan­gen wer­den konn­te. An­ders als in den preu­ßi­schen Ost­pro­vin­zen ver­hin­der­te aber die Nä­he der In­dus­trie­re­gio­nen, dass die re­sul­tie­ren­de Land­flucht in grö­ße­rem Um­fang zur deut­schen Aus­wan­de­rungs­wel­le der 1880er Jah­re bei­trug.

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Die Hoch­in­dus­tria­li­sie­rung in der Zeit des Kai­ser­reichs ver­än­der­te das Ge­sicht der be­trof­fe­nen Ge­bie­te in un­ge­ahn­ter, dra­ma­ti­scher Wei­se. Die Stein­koh­len­för­de­rung im (auf die Pro­vin­zen Rhein­land und West­fa­len auf­ge­teil­ten) Ruhr­ge­biet bei­spiels­wei­se stieg zwi­schen 1870 und 1913 von 11,6 auf 114,5 Mil­lio­nen Ton­nen. Die Stahl­pro­duk­ti­on an der Saar, die 1850 bei 20.000 Ton­nen ge­le­gen hat­te, klet­ter­te bis 1913 auf über 2 Mil­lio­nen Ton­nen. Die Städ­te ins­be­son­de­re des Ruhr­ge­biets un­ter­la­gen ei­nem ra­san­ten Wachs­tum. So wuchs die Be­völ­ke­rung der Stadt Es­sen al­lei­ne in den 20 Jah­ren zwi­schen 1890 und 1910 um 274 Pro­zent. Wäh­rend die Rhein­pro­vinz bei Grün­dung des Kai­ser­reichs mit Köln nur ei­ne Groß­stadt mit mehr als 100.000 Ein­woh­nern auf­wies, er­füll­ten 1914 elf Städ­te die­ses Kri­te­ri­um; au­ßer Saar­brü­cken, Aa­chen und Köln la­gen sie al­le im Re­gie­rungs­be­zirk Düs­sel­dorf. Der Ort Ham­born bei Duis­burg über­schritt 1910 die 100.000-Ein­woh­ner-Mar­ke und galt als das „grö­ß­te Dorf Deutsch­land­s“, be­vor er 1911 die Städ­te­ord­nung für die Rhein­pro­vinz ver­lie­hen be­kam (1929 mit Duis­burg und wei­te­ren Orts­tei­len zur Stadt Duis­burg-Ham­born ver­ei­nigt, 1935 um­be­nannt in Duis­burg). In der ver­spä­te­ten Stadt­er­he­bung äu­ßer­ten sich staat­li­che Vor­be­hal­te da­ge­gen, ei­ner Sied­lung Selbst­ver­wal­tungs­rech­te ein­zu­räu­men, die im We­sent­li­chen aus ei­ner rie­si­gen An­samm­lung von In­dus­trie­ar­bei­tern be­stand.

Eisenwalzwerk, Gemälde von Adolph Menzel (1815-1905), 1875, Original: Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie..

 

Denn dies war der wich­tigs­te so­zi­al­de­mo­gra­phi­sche Ef­fekt: Durch die Zu­sam­men­bal­lung von Alt­ein­ge­ses­se­nen und Zu­zie­hen­den aus der nä­he­ren Um­ge­bung, aus den preu­ßi­schen Ost­pro­vin­zen, Po­len und an­de­ren Re­gio­nen, die in glei­cher, näm­lich ent­beh­rungs­rei­cher so­zia­ler La­ge in den Ze­chen und Hoch­öfen „ma­loch­ten“, ent­stand ein neu­es, aus­ge­präg­tes Klas­sen­be­wusst­sein, und ein Mi­lieu, das, ähn­lich wie das ka­tho­li­sche, al­le Le­bens­be­rei­che durch­drang. Die­se Pro­le­ta­ri­er emp­fan­den sich als Mas­sen, und sie ent­wi­ckel­ten Mit­tel, auch als sol­che zu han­deln.

Eisenwalzwerk, Gemälde von Adolph Menzel (1815-1905), 1875, Original: Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie..

 

Ge­ra­de in der Schwer­in­dus­trie setz­ten pa­tri­ar­cha­li­sche Fa­brik­be­sit­zer dem ei­ne ana­chro­nis­tisch wir­ken­de Stra­te­gie der Un­ter­neh­mens­füh­rung ent­ge­gen. Ka­pi­ta­lis­ten wie Carl Fer­di­nand Stumm in Saar­brü­cken oder die Krupps in Es­sen führ­ten ih­re Un­ter­neh­men im Sin­ne ei­nes „in­dus­tri­el­len Feu­da­lis­mus“. Hier­mit re­flek­tier­te sich die zu­neh­men­de An­glei­chung des Groß­bür­ger­tums an den in Deutsch­land po­li­tisch-kul­tu­rell do­mi­nie­ren­den Adel, die sich für bei­de ge­nann­ten Fa­mi­li­en auch durch „Er­he­bun­g“ in den Adels­stand aus­drück­te. Ge­gen En­de des 19. Jahr­hun­derts kam da­ne­ben je­doch ein mo­der­ne­rer Un­ter­neh­mer-Ty­pus auf: der aka­de­misch ge­bil­de­te Ge­ne­ral­di­rek­tor als „An­ge­stell­ten-Un­ter­neh­mer“.

3.2 Arbeiterbewegung

Die ant­ago­nis­ti­schen In­ter­es­sen von Ka­pi­tal und Ar­beit führ­ten  zu ei­ner Dy­na­mik von Ar­beits­kämp­fen. Die Bran­chen und die Re­gio­nen lie­fern hier un­ter­schied­li­che Bil­der. Am spek­ta­ku­lärs­ten wa­ren in der Zeit des Kai­ser­reichs zwei gro­ße Streiks der Berg­ar­bei­ter. Im Mai 1889 brach ein spon­ta­ner Streik un­ter den Berg­leu­ten des Ruhr­ge­biets aus, der 70.000 der 100.000 Kum­pel er­fass­te. Hier wur­de der Acht-Stun­den-Tag er­kämpft, und es kam zur Bil­dung des „Al­ten Ver­ban­des“ als Ge­werk­schaft der Berg­leu­te. Ein wei­te­rer spon­ta­ner Aus­stand im Jah­re 1905 er­fass­te 200.000 Berg­leu­te, 75 Pro­zent der in­zwi­schen er­reich­ten Ge­samt­zahl. Christ­li­che und so­zia­lis­ti­sche Ge­werk­schaf­ter wirk­ten hier zu­sam­men. Man setz­te sich zwar nicht ge­gen die „Her­ren“ der Ze­chen durch, be­wirk­te aber ei­ne No­vel­le des Berg­ge­set­zes, die un­ter an­de­rem die ers­ten An­fän­ge be­trieb­li­cher Mit­be­stim­mung der Ar­bei­ter nor­mier­te.

Villa Hügel, ehemaliges Wohnhaus der Familie Krupp in Essen, Foto: Thorsten Schramm.

 

Ge­werk­schafts­be­we­gung und die Ent­wick­lung ei­ner Ar­bei­ter­par­tei stan­den in ei­nem wech­sel­sei­tig för­dern­den, aber auch span­nungs­rei­chen Ver­hält­nis zu­ein­an­der. Von den bei­den vor Grün­dung des Kai­ser­reichs ent­stan­de­nen so­zia­lis­ti­schen Par­tei­en hat­te der zen­tra­lis­ti­sche, auf Ge­nos­sen­schafts­bil­dun­gen set­zen­de „All­ge­mei­ne Deut­sche Ar­bei­ter-Ver­ein“ Fer­di­nand Las­sal­les (1825-1864) ei­ne sei­ner stärks­ten Bas­tio­nen im Ber­gi­schen Land. Der aus Bre­men stam­men­de so­zia­lis­ti­sche Re­dak­teur Wil­helm Has­sel­mann (1844-1916) ge­wann für den ADAV im Wahl­kreis El­ber­feld-Bar­men ei­nen der ers­ten so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Reichs­tags­sit­ze. Den­noch wur­de die Rhein­pro­vinz im Kai­ser­reich nicht zu ei­ner Hoch­burg der So­zi­al­de­mo­kra­tie. Selbst beim SPD-Tri­umph bei den Reichs­tags­wah­len von 1912 gin­gen nur fünf von 35 Wahl­krei­sen an die SPD (ge­gen­über 26 Zen­trums-Man­dats­trä­gern). Je deut­li­cher ka­tho­lisch ge­prägt ein Wahl­kreis war, des­to ge­rin­ger wa­ren die Chan­cen der So­zi­al­de­mo­kra­ten.

Zu Be­ginn des Kai­ser­reichs lit­ten die Wahl­chan­cen der Ar­bei­ter­par­tei­en zu­dem noch durch das Ne­ben­ein­an­der von ADAV und der eher an Marx ori­en­tier­ten und de­mo­kra­ti­scher struk­tu­rier­ten SDAP. 1875 wur­de die­ses Hin­der­nis durch die Ver­ei­ni­gung bei­der Par­tei­en zur „So­zia­lis­ti­schen Ar­bei­ter­par­tei Deutsch­land­s“ (SAPD) in Go­tha aus­ge­räumt. Kurz dar­auf hat­te sich Bis­marcks Über­zeu­gung durch­ge­setzt, dass die­se Par­tei nun der wich­tigs­te zu be­kämp­fen­de in­ne­re Feind sei. Im 1878 erst­mals vom Reichs­tag ver­ab­schie­de­ten „Ge­setz ge­gen die ge­mein­ge­fähr­li­chen Be­stre­bun­gen der So­zi­al­de­mo­kra­tie“ wur­de der Par­tei jeg­li­che Be­tä­ti­gung au­ßer­halb der Par­la­men­te un­ter­sagt. Die­ses Ge­setz wur­de bis ins Jahr 1890 im­mer wie­der ver­län­gert. Noch 1889 kam es in El­ber­feld zu ei­nem „Mons­ter­pro­zes­s“ ge­gen 91 So­zi­al­de­mo­kra­ten, dar­un­ter Au­gust Be­bel, der, aus Deutz stam­mend, ein wei­te­rer be­rühm­ter Rhein­län­der in der Ge­schich­te der deut­schen Ar­bei­ter­be­we­gung ist.

Streikbeschluss, 1889..

 

Die Wir­kung die­ser Re­pres­si­ons­po­li­tik war die­sel­be wie im Kul­tur­kampf: Die be­dräng­te Grup­pe schloss sich stär­ker zu­sam­men, fand auch For­men ei­nes ver­eins­mä­ßi­gen Zu­sam­men­halts, bil­de­te da­durch ein fes­tes po­li­tisch-kul­tu­rel­les Mi­lieu und er­stark­te. 1890 fand das So­zia­lis­ten­ge­setz kei­ne Mehr­heit mehr im Reichs­tag, und bei den im glei­chen Jahr statt­fin­den­den Neu­wah­len er­hielt die so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei, die sich nun in SPD um­be­nann­te, reichs­weit mehr Stim­men als ir­gend­ei­ne an­de­re Par­tei. In der Rhein­pro­vinz muss­te sie sich je­doch mit gro­ßem Ab­stand der Zen­trums­par­tei so­wie mit ge­rin­ge­rem Ab­stand den Na­tio­nal­li­be­ra­len ge­schla­gen ge­ben. Der reichs­wei­te Trend hielt in der Fol­ge an, so dass bei den letz­ten Reichs­tags­wah­len im Kai­ser­reich im Jah­re 1912 mehr als ein Drit­tel al­ler Wäh­ler für die SPD stimm­ten. Nun stell­te die SPD auch die stärks­te Reichs­tags­frak­ti­on, ob­wohl ge­ra­de sie durch die über­kom­me­ne, je­doch po­li­tisch mo­ti­vier­te Wahl­kreis­ein­tei­lung be­nach­tei­ligt wur­de, weil die Zahl der Ab­ge­ord­ne­ten­man­da­te nicht an die mas­si­ve de­mo­gra­phi­sche Ent­wick­lung in den ra­pi­de wach­sen­den Groß­städ­ten an­ge­passt wur­de. Be­deu­ten­de ‚E­r­obe­run­gen’ der SPD im Rhein­land wa­ren bei der let­zen Reichs­tags­wahl in Frie­dens­zei­ten 1912 die Wahl­krei­se Köln-Stadt und Düs­sel­dorf.

Schnel­ler noch als die Par­tei wuch­sen die so­zia­lis­ti­schen Ge­werk­schaf­ten und die sons­ti­gen zweck­ge­bun­de­nen Zu­sam­men­schlüs­se von Ar­bei­tern, vor al­lem die Kon­sum­ge­nos­sen­schaf­ten. Die Or­ga­ni­sa­ti­ons­er­fol­ge brach­ten aber ein stra­te­gi­sches Di­lem­ma auf die Ta­ges­ord­nung: Je güns­ti­ger die Le­bens­be­din­gun­gen wur­den, die so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Ge­werk­schaft­ler oder Par­la­men­ta­ri­er er­kämpf­ten, des­to fer­ner schien das re­vo­lu­tio­nä­re Ziel zu rü­cken: der Um­sturz der be­ste­hen­den Ver­hält­nis­se. Zur Spal­tung der Par­tei führ­te schlie­ß­lich im Welt­krieg aber we­ni­ger der Kon­flikt zwi­schen Re­for­mern und Re­vo­lu­tio­nä­ren, als die Fra­ge der Be­wil­li­gung von Kriegs­kre­di­ten. Es ist be­mer­kens­wert, dass drei der wich­tigs­ten Ak­teu­re in die­sem Pro­zess – Fried­rich Ebert (1871-1925) und Phil­ipp Schei­de­mann (1865-1939) für die Mehr­heits-SPD, und Wil­helm Ditt­mann (1874-1954) für die USPD – die drei ber­gi­schen Wahl­krei­se El­ber­feld-Bar­men, So­lin­gen be­zie­hungs­wei­se Rem­scheid-Len­nep-Mett­mann im Reichs­tag ver­tra­ten. In der Rhein­pro­vinz war nach der Spal­tung die USPD die ei­gent­li­che Mehr­heits­par­tei un­ter den So­zi­al­de­mo­kra­ten; ei­ne be­son­de­re Hoch­burg stell­te der Wahl­kreis Düs­sel­dorf-Ost dar, in dem die USPD dann 1920 mehr als drei­mal so­viel Stim­men wie die SPD ver­bu­chen und auch erst­mals das Zen­trum über­ho­len soll­te.

4. Verwaltungsreform

Den preu­ßi­schen Pro­vin­zen wur­de 1872 ei­ne neue Kreis­ord­nung ge­währt, die die stän­di­sche Ori­en­tie­rung vor al­lem am Rit­ter­guts­be­sitz durch ei­ne all­ge­mei­ne­re, plu­to­kra­ti­sche (auf Ver­mö­gen ge­grün­de­te) Lo­gik er­setz­te, die auch Ge­wer­be und In­dus­trie be­rück­sich­tig­te. Drei Jah­re spä­ter wur­de die neue Pro­vin­zi­al­ord­nung be­schlos­sen, mit der die Selbst­ver­wal­tung der Pro­vin­zen her­ge­stellt wur­de. Be­schluss­fas­sen­des Gre­mi­um war nun ein Pro­vin­zi­al­land­tag, des­sen Mit­glie­der von den Stadt­ver­ord­ne­ten- und Kreis­ver­samm­lun­gen ge­wählt wur­den. Den west­li­chen Pro­vin­zen Rhein­land und West­fa­len wur­den die­se Selbst­ver­wal­tungs­re­geln je­doch zu­nächst vor­ent­hal­ten. Da­bei mach­te das Feh­len von Rit­ter­gü­tern oder ei­ner do­mi­nan­ten Kom­po­nen­te von Gro­ßgrund­be­sitz als Ba­sis des po­li­ti­schen Kon­ser­va­tis­mus im Wes­ten die al­ten stän­di­schen Ord­nun­gen be­son­ders ana­chro­nis­tisch. Sie blie­ben aus Furcht vor dem „Ul­tra­mon­ta­nis­mus“. Der en­ga­gier­te na­tio­nal­li­be­ra­le Kul­tur­kämp­fer, der Bon­ner Ge­schichts­pro­fes­sor Hein­rich von Sy­bel, der mit sei­nem „Deut­schen Ver­ein für die Rhein­pro­vin­z“ den po­li­ti­schen Ka­tho­li­zis­mus be­son­ders en­er­gisch be­kämpf­te, in­ter­ve­nier­te per­sön­lich bei Bis­marck, da­mit nicht die Ver­wal­tung der west­li­chen Pro­vin­zen in die Hän­de der „Ul­tra­mon­ta­nen“ fal­le. Durch Bis­marcks Ve­to kam es da­zu, dass die Rhein­pro­vinz die neu­en Selbst­ver­wal­tungs­struk­tu­ren erst 1887 er­hielt, noch ein Jahr spä­ter als die be­nach­bar­te Pro­vinz West­fa­len.

August Bebel, Porträtfoto..

 

Im Pro­vin­zi­al­land­tag, des­sen Sitz in Düs­sel­dorf war, ist es ent­ge­gen den Be­fürch­tun­gen der li­be­ra­len Kul­tur­kämp­fer nicht zu ei­ner Par­tei­po­li­ti­sie­rung ge­kom­men. Die Kom­pe­tenz­be­rei­che – vor al­lem Stra­ßen­bau, Land­me­lio­ri­sa­ti­on (Land­ver­bes­se­rung) und das An­stalts­we­sen ins­be­son­de­re für die zeit­ge­nös­sisch als „Ir­re“ be­zeich­ne­ten psy­chisch Er­krank­ten – bo­ten im Kai­ser­reich of­fen­bar we­nig Kon­flikt­stoff.

4.1 Kommunale Selbstverwaltung

Da die Stadt­ver­ord­ne­ten im Rhein­land seit 1845 nach dem Drei­klas­sen­wahl­recht Das von Kö­nig Fried­rich Wil­helm IV. (Re­gent­schaft 1840-1858) 1849 ver­ord­ne­te Wahl­recht für das preu­ßi­sche Ab­ge­ord­ne­ten­haus und die Ge­mein­de­ver­tre­tun­gen teil­te die Wäh­ler nach ih­rem di­rek­ten Steu­er­auf­kom­men in drei Klas­sen ein. Da­nach wähl­ten in öf­fent­li­chen Wah­len we­ni­ge Höchst­be­steu­er­te eben­so vie­le Wahl­män­ner wie die grö­ße­re Zahl der mitt­le­ren Schicht und die gro­ße Zahl der ge­ring Be­steu­er­ten. Erst die Wahl­män­ner wähl­ten die Ab­ge­ord­ne­ten. Die Wahl zum preu­ßi­schen Ab­ge­ord­ne­ten­haus war al­so öf­fent­lich, in­di­rekt und un­gleich. Erst­mals ver­an­kert wor­den war das Drei­klas­sen­wahl­recht in der Rhei­ni­schen Ge­mein­de­ord­nung von 1845. Es galt in Preu­ßen bis 1918.  ge­wählt wur­den und dem­entspre­chend al­le Män­ner, die nicht ei­ne be­stimm­te Steu­er­sum­me an den Staat ab­führ­ten, vom Wahl­recht aus­ge­schlos­sen blie­ben (Zen­sus), war die Kom­mu­nal­po­li­tik im We­sent­li­chen ei­ne An­ge­le­gen­heit we­ni­ger Be­gü­ter­ter. Dass die drei Wahl­klas­sen, die je ein Drit­tel der Stadt­ver­ord­ne­ten be­stimm­ten, nach dem Steu­er­auf­kom­men ge­bil­det wur­den, wo­bei das Auf­kom­men in der ers­ten Klas­se dem in der zwei­ten und in der drit­ten Klas­se je­weils gleich­kom­men soll­te, führ­te im Ex­trem­fall da­zu, dass in Es­sen 1874 ein ein­zi­ger Wäh­ler, näm­lich Al­fred Krupp, ein Drit­tel der Stadt­ver­ord­ne­ten­sit­ze be­stimm­te. Ins­ge­samt si­cher­te der durch­schnitt­lich deut­lich grö­ße­re Reich­tum der pro­tes­tan­ti­schen Min­der­heit in den rhei­ni­schen Städ­ten die­sen – und da­mit dem po­li­ti­schen Li­be­ra­lis­mus – zu­nächst die Mehr­heit in vie­len rhei­ni­schen Rat­häu­sern. Durch Ver­än­de­run­gen des Kom­mu­nal­wahl­rechts nach dem En­de des Kul­tur­kampfs 1891, 1900 und 1910 wur­de vie­ler­orts die so­zia­le Zu­sam­men­set­zung ins­be­son­de­re der zwei­ten Wäh­ler­klas­se so ver­brei­tert, dass die­se und da­mit die Mehr­heit in den Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lun­gen vom Zen­trum er­obert wer­den konn­te – so auch in Köln 1908.

Ge­gen die So­zi­al­de­mo­kra­ten blie­ben Zen­sus und Drei­klas­sen­wahl­recht ei­ne wirk­sa­me Bar­rie­re. Die Angst vor ih­nen führ­te die preu­ßi­sche Re­gie­rung aber auch da­zu, den wach­sen­den Kom­mu­nen des Ruhr­ge­biets und des Ber­gi­schen Lan­des den zu­ste­hen­den Sta­tus als Stadt be­zie­hungs­wei­se dann als kreis­freie Stadt mit grö­ße­ren Selbst­ver­wal­tungs­be­fug­nis­sen nur äu­ßerst zö­ger­lich und ver­spä­tet zu­zu­bil­li­gen (Mei­de­rich, das „grö­ß­te preu­ßi­sche Dor­f“, er­hielt 1894 die Stadt­rech­te, Ham­born, wie be­reits er­wähnt, 1911; Sterk­ra­de erst 1913). Da­bei ent­stand ge­ra­de in die­sen aus­ufern­den Ge­mein­we­sen ein enor­mer Pro­blem­druck und Re­ge­lungs­be­darf.

Heinrich Sybel, Porträtfoto, 1857..

 

Das Kai­ser­reich ist die Epo­che, in der mo­der­ne städ­ti­sche In­fra­struk­tu­ren ge­schaf­fen wur­den. In Preu­ßen wur­den sie kom­mu­nal­wirt­schaft­lich be­trie­ben, das hei­ßt die Stadt­ver­wal­tun­gen er­klär­ten sich in den Jahr­zehn­ten um die Jahr­hun­dert­wen­de zu­neh­mend zu­stän­dig für die Ka­na­li­sa­ti­on, Müll­ab­fuhr, Ver­sor­gung mit Was­ser, Gas und Strom so­wie für den öf­fent­li­chen Nah­ver­kehr, für Schlacht­hö­fe usw. Die Ver­wal­tungs­aus­ga­ben der Städ­te stie­gen auch pro Kopf in die­ser Zeit be­trächt­lich, auch wenn durch die ers­ten Ein­ge­mein­dungs­wel­len, die En­de des 19. Jahr­hun­derts statt­fan­den, Ra­tio­na­li­sie­rungs­ef­fek­te ein­tra­ten. Um das Wachs­tum der Städ­te zu ge­währ­leis­ten, wur­den au­ßer­dem in Aa­chen, in Ko­blenz, in Saar­louis und in Köln die mit­tel­al­ter­li­chen Stadt­be­fes­ti­gun­gen nie­der­ge­legt.

Ent­wi­ckel­ten die Städ­te sich so zu gro­ßen Ver- und Ent­sor­gungs-Netz­wer­ken, so wur­den sie ih­rer­seits durch die staat­li­che Ver­kehrs­po­li­tik un­ter­ein­an­der ver­netzt. Der wich­tigs­te As­pekt hier­von ist der Aus­bau des Schie­nen­net­zes der Ei­sen­bahn, die in Preu­ßen 1879 ver­staat­licht wur­de. Mit dem Bau des Rhein-Her­ne-Ka­nals 1906 bis 1914 wur­den das Schiff­fahrts­sys­tem von Rhein, Mo­sel und Saar und der Dort­mund-Ems-Ka­nal mit­ein­an­der ver­bun­den und so auch beim Was­ser­ver­kehr die Ver­net­zung vor­an­ge­trie­ben.

Ei­ne der Ne­ben­fol­gen von Ur­ba­ni­sie­rung und Hoch­in­dus­tria­li­sie­rung war die mas­si­ve Um­welt­zer­stö­rung, ins­be­son­de­re die Ver­schmut­zung von Luft und Ge­wäs­sern. Das Fluss­sys­tem der Em­scher bei­spiels­wei­se, das nicht zur Trink­was­ser­ge­win­nung ge­nutzt wur­de, ver­kam durch die Ein­lei­tung städ­ti­scher Ab­wäs­ser und Gru­ben­wäs­ser der Berg­wer­ke zu ei­ner Kloa­ke, von der bei Über­schwem­mun­gen Seu­chen­ge­fahr aus­ging. Wäh­rend des Kai­ser­reichs wuchs ein Be­wusst­sein die­ser Pro­ble­ma­ti­ken, das sich or­ga­ni­sa­to­risch Aus­druck ver­schaff­te. 1877 wur­de in Köln der „In­ter­na­tio­na­le Ver­ein ge­gen Ver­un­rei­ni­gung der Flüs­se, des Bo­dens und der Luf­t“ ge­grün­det. Um die Jahr­hun­dert­wen­de bil­de­ten sich un­ter dem Ein­fluss der Neo­ro­man­tik na­tio­na­le Ver­ei­ni­gun­gen für Na­tur­schutz bzw. „Hei­mat­schut­z“, die teil­wei­se leicht An­schluss an völ­ki­sches Ge­dan­ken­gut fan­den. Ge­gen den Pri­mat der in­dus­tri­el­len Pro­duk­ti­on konn­ten sich die­se Be­stre­bun­gen je­doch nicht durch­set­zen. 1904 präg­te der So­lin­ger Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­te Phil­ipp Schei­de­mann in sei­ner ers­ten Re­de vor dem Ho­hen Haus das Bon­mot: „Die Wup­per ist un­ter­halb von So­lin­gen tat­säch­lich so schwarz von Schmutz, dass, wenn Sie ei­nen Na­tio­nal­li­be­ra­len dar­in un­ter­tau­chen, Sie ihn als Zen­trums­mann wie­der her­aus­zie­hen kön­nen.“

5. Bildungslandschaft und kulturelles Leben

Wuppertaler Schwebebahn, 1913..

 

5.1 Hochschulen

Drei Mo­na­te vor der Pro­kla­ma­ti­on des Deut­schen Kai­ser­reichs war in Aa­chen die nach Bonn zwei­te wis­sen­schaft­li­che Hoch­schu­le der Rhein­pro­vinz fei­er­lich er­öff­net wor­den. Die­se Tech­ni­sche Hoch­schu­le spie­gel­te die bei­den Leit­the­men der Epo­che ge­nau wi­der: den Kul­tur­kampf und die Hoch­in­dus­tria­li­sie­rung. Für den Grün­dungs­ort Aa­chen hat­te ei­ner­seits die Nä­he der boo­men­den In­dus­trie­ge­bie­te an Ruhr, Wup­per und um Aa­chen selbst ge­spro­chen, die ei­nen rasch zu­neh­men­den Be­darf an wis­sen­schaft­lich aus­ge­bil­de­ten In­ge­nieu­ren ent­wi­ckel­ten. Was die kauf­män­ni­schen As­pek­te der In­dus­tria­li­sie­rung be­trifft, la­gen der im Jah­re 1901 voll­zo­ge­nen Grün­dung der Köl­ner Han­dels­hoch­schu­le ganz ähn­li­che Mo­ti­ve zu­grun­de. Die Aa­che­ner Grün­dung hat­te sich zu die­ser Zeit durch ei­ne be­trächt­li­che Aus­deh­nung und Dif­fe­ren­zie­rung ih­res Fä­cher­ka­nons und durch die ge­währ­ten An­glei­chun­gen an die Uni­ver­si­tä­ten wie Rek­to­rats­ver­fas­sung (1880) und Pro­mo­ti­ons­recht (1899) zu ei­ner be­deu­ten­den For­schungs­stät­te ent­wi­ckelt.

Ne­ben der vor­der­grün­di­gen Funk­ti­on der In­ge­nieurs­aus­bil­dung hat­te die TH Aa­chen an­de­rer­seits auch die Auf­ga­be, ein preu­ßisch-li­be­ra­ler Brü­cken­kopf in je­nem Teil der Rhein­pro­vinz zu sein, der als der ul­tra­mon­tans­te von al­len galt. Hier­in äh­nelt sie der Grün­dung der Uni­ver­si­tät Bonn im Jah­re 1818. In Kul­tur­kampf­zei­ten wur­de dies recht deut­lich. Der Di­rek­tor der TH for­mu­lier­te im Jahr 1875: „Die Mut­ter der An­stalt war die Idee ei­ni­ger auf­ge­klär­ter, li­be­ra­ler Bür­ger die­ser Stadt, hier, wo es am dun­kels­ten in Deutsch­land ist, für Pfle­ge der Wis­sen­schaft zu sor­gen, da­mit es hel­ler wer­de.“

5.2 Schulwesen

Das Bil­dungs­we­sen war ein Haupt­aus­tra­gungs­ort des Kul­tur­kampfs. Der Staat schaff­te sich ei­ne ver­stärk­te Po­si­ti­on in der Schul­auf­sicht, aber es ge­lang ihm nicht, den kon­fes­sio­nel­len Cha­rak­ter der Volks­schul­aus­bil­dung we­sent­lich an­zu­tas­ten. Von 630 über­kon­fes­sio­nel­len „Si­mul­t­an­schu­len“, die 1911 in Preu­ßen be­stan­den, be­fan­den sich nur 36 in der Rhein­pro­vinz, da­von 23 im Re­gie­rungs­be­zirk Düs­sel­dorf und neun in Trier.

Im hö­he­ren Schul­we­sen spiel­te sich ein ähn­li­cher Vor­gang ab wie auf der Ebe­ne der Hoch­schu­len: der Kampf des Re­al­schul­we­sens um ei­ne An­glei­chung sei­nes Pres­ti­ges an das der tra­di­tio­nel­len hu­ma­nis­ti­schen Gym­na­si­en. 1882 wur­den die Re­al­schu­len ers­ter Ord­nung in Re­al­gym­na­si­en um­be­nannt, und im Jah­re 1900 wur­den sie mit den hu­ma­nis­ti­schen Gym­na­si­en im Hin­blick auf die Hoch­schul­zu­gangs­be­rech­ti­gung end­gül­tig gleich­ge­stellt. Der dar­auf fol­gen­de Grün­dungs­boom von Re­al­gym­na­si­en in der Rhein­pro­vinz spie­gelt wie­der­um die ver­än­der­ten Bil­dungs­an­for­de­run­gen im Zu­ge der Hoch­in­dus­tria­li­sie­rung wi­der. Wenn die klas­si­schen eli­tä­ren Ein­rich­tun­gen der hö­he­ren Bil­dung hier (letzt­lich er­folg­lo­sen) Wi­der­stand leis­te­ten, zeigt sich, dass im Kai­ser­reich noch ein zwei­ter „Kul­tur­kampf“ aus­ge­tra­gen wur­de, näm­lich der Kampf zwi­schen den „zwei Kul­tu­ren“ der „Geis­tes­wis­sen­schaf­ten“ und der „Na­tur­wis­sen­schaf­ten“, wie sie der eng­li­sche Phy­si­ker und Schrift­stel­ler Charles Per­cy Snow (1905-1980) spä­ter ana­ly­siert hat.

Zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts wur­den in Köln und in Trier ers­te Mäd­chen­gym­na­si­en er­öff­net, die zur Hoch­schul­rei­fe führ­ten (ob­wohl Frau­en der Hoch­schul­zu­gang erst 1908 er­öff­net wur­de). 1917 gab es be­reits 32 sol­cher An­stal­ten.

Hauptgebäude der Technischen Hochschule Aachen, Holzschnitt von Richard Brend'amour (1831-1915), um 1880., Foto: Stadtarchiv Aachen.

 

5.3 Künste

Die Rhein­pro­vinz war in der Kai­ser­zeit nicht un­be­dingt ein Schaf­fens­zen­trum der schö­nen Küns­te. Was die Li­te­ra­tur be­trifft, sind die Hei­mat­ro­ma­ne von Cla­ra Vie­big und Nan­ny Lam­brecht zu nen­nen, die teil­wei­se mit dich­ten Mi­lieu­stu­di­en des Le­bens in der Ei­fel auf­war­ten. Wich­tig ist au­ßer­dem, dass der li­te­ra­ri­sche Ex­pres­sio­nis­mus mit El­se Las­ker-Schü­ler aus El­ber­feld und dem Aa­che­ner Wal­ter Ha­sen­cle­ver zwei her­aus­ra­gen­de rhei­ni­sche Ver­tre­ter hat­te; aber bei­der Bio­gra­phi­en be­le­gen zu­gleich, dass am­bi­tio­nier­te Li­te­ra­ten sich aus der kai­ser­li­chen Rhein­pro­vinz eher zu­rück­zo­gen.

Un­ter den rhei­ni­schen Kom­po­nis­ten ragt im Kai­ser­reich vor al­lem En­gel­bert Hum­per­dinck her­aus, der in Sieg­burg ge­bo­ren wur­de und am Köl­ner Kon­ser­va­to­ri­um stu­diert hat­te. Sei­ne 1893 ur­auf­ge­führ­te Oper „Hän­sel und Gre­tel“ mach­te ihn be­rühmt. Die jähr­li­chen „Nie­der­rhei­ni­schen Mu­sik­fes­te“ wur­den bis zum Welt­krieg fort­ge­setzt; doch ei­ne cha­rak­te­ris­ti­sche mu­si­ka­li­sche No­te nahm das Rhein­land eher in tri­via­len Ge­fil­den an: der na­tio­na­lis­tisch in­spi­rier­te Rhein­tou­ris­mus war ein sin­gen­der Tou­ris­mus. Hier wur­de ein Lied­gut ge­pflegt, in dem sich „Rhein“ auf „Wein“ reim­te und, wie es in ei­ner Kul­tur­ge­schich­te des Rheins hei­ßt, das "Trin­ken als pa­trio­ti­sche Hand­lung" galt. Ne­ben Män­ner­ge­sangs­ver­ei­nen ta­ten sich hier vor al­lem Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen her­vor, al­len vor­an die Bur­schen­schaf­ten, die nach der voll­zo­ge­nen na­tio­na­len Ei­ni­gung die de­mo­kra­ti­schen Zie­le ih­rer Ent­ste­hungs­zeit preis­ge­ge­ben hat­ten.

Else Lasker-Schüler, Porträtfoto..

 

In der Ma­le­rei ent­wi­ckel­ten sich ne­ben der fort­be­ste­hen­den his­to­ris­ti­schen Haupt­strö­mung um die Jahr­hun­dert­wen­de auch in der Rhein­pro­vinz die avant­gar­dis­ti­schen Rich­tun­gen. Trotz der Zen­tral­stel­lung Düs­sel­dorfs auf die­sem Ge­biet wa­ren dar­an ver­schie­de­ne Städ­te be­tei­ligt. So gilt der Bar­mer Ma­ler Adolf Erbs­löh als ein Weg­be­rei­ter der mo­der­nen Kunst mit Af­fi­ni­tä­ten zum Ex­pres­sio­nis­mus. Dass man ge­ra­de­zu von ei­nem „rhei­ni­schen Ex­pres­sio­nis­mus“ spre­chen kann, ist vor al­lem dem Bon­ner Au­gust Ma­cke zu ver­dan­ken, der 1913 in sei­ner Hei­mat­stadt ei­ne Aus­stel­lung die­ses Na­mens or­ga­ni­sier­te. Dort stell­te un­ter an­de­rem auch der jun­ge Max Ernst aus Brühl aus, der zu den wich­tigs­ten Köp­fen des Da­da­is­mus und des Sur­rea­lis­mus wer­den soll­te.

Ver­gleicht man die­se Kunst bei­spiels­wei­se mit der gleich­zei­tig ent­stan­de­nen pom­pö­sen Fres­ken­de­ko­ra­ti­on im Schloss Burg an der Wup­per, so kann man die kul­tu­rel­len Span­nun­gen zwi­schen (er­fun­de­ner) Tra­di­ti­on und vor­wärts­drän­gen­der, de­kon­stru­ie­ren­der Mo­der­ne er­ah­nen, die die Jahr­hun­dert­wen­de auch in der Rhein­pro­vinz präg­ten.

Der elterliche Garten in Barmen, Gemälde von Adolf Erbslöh (1881-1947), 1912, Original: Von der Heydt-Museum Wuppertal..

 

Das­sel­be gilt für den Be­reich der Plas­tik, doch do­mi­niert hier ein­deu­tig die re­prä­sen­ta­ti­ve Gro­ß­plas­tik im öf­fent­li­chen Raum. Sie ist Be­stand­teil der groß an­ge­leg­ten na­tio­nal­po­li­ti­schen „Mö­blie­run­g“ Deutsch­lands, bei der die Rhein­lan­de ei­ne her­aus­ra­gen­de Rol­le spiel­ten. Hier­bei stellt die mas­sen­haf­te Er­rich­tung von „Bis­marck­tür­men“ nach dem Tod des ehe­ma­li­gen Reichs­kanz­lers im Jah­re 1898, die in der Rhein­pro­vinz weit­ge­hend vom na­tio­nal­li­be­ra­len Bür­ger­tum der je­wei­li­gen Städ­te be­trie­ben wur­de, ei­ne fast schon op­po­si­tio­nel­le (wenn auch chau­vi­nis­ti­sche) „Ba­sis­be­we­gun­g“ dar. Dem ste­hen die dy­nas­ti­schen und na­tio­na­lis­ti­schen Gro­ß­denk­mä­ler ge­gen­über, von de­nen als Denk­mal­pro­jekt der Rhein­pro­vinz vor al­lem das Kai­ser-Wil­helm-Denk­mal am „Deut­schen Eck“, dem Zu­sam­men­fluss von Mo­sel und Rhein in Ko­blenz, von Be­deu­tung ist, ei­ne wuch­ti­ge Bau­an­la­ge des Düs­sel­dor­fer Ar­chi­tek­ten Bru­no Schmitz (1858-1916), die von ei­nem 14 Me­ter ho­hen Rei­ter­stand­bild des Kai­sers Wil­helm I. ge­krönt war und 1897 fer­tig ge­stellt wur­de. „Faust­schlag aus Stein“ nann­te Kurt Tuchol­s­ky (1890-1935) die­ses Bau­werk spä­ter, und die­ses Dik­tum lässt sich wohl für die wil­hel­mi­ni­sche Herr­schafts- und Er­in­ne­rungs­ar­chi­tek­tur ver­all­ge­mei­nern.

Erzbischof Engelbert versucht, seinen Mördern zu entkommen, Fresko im Rittersaal von Schloss Burg. (Stefan Brentführer;LWL, Brentführer)

 

Rei­ter­stand­bil­der der vier seit 1840 herr­schen­den preu­ßi­schen Mon­ar­chen ak­zen­tu­ier­ten auch die bei­den Por­ta­le der Ho­hen­zol­lern­brü­cke, die ab 1911 den Rhein in Köln für den Ei­sen­bahn­ver­kehr über­spann­te. Die Kom­bi­na­ti­on ei­nes gro­ßen In­ge­nieurs­bau­werks mit his­to­ri­sie­ren­der Herr­schafts­ar­chi­tek­tur kann als ty­pisch für das Ho­hen­zol­lern­reich gel­ten. Die Brü­cken­köp­fe zi­tier­ten neo­ro­ma­ni­sche Stil­for­men, was wie­der­um die sym­bo­li­sche Ver­knüp­fung der preu­ßi­schen Dy­nas­tie mit dem mit­tel­al­ter­li­chen Reich un­ter­strich. Dies vor al­lem im En­sem­ble mit dem un­mit­tel­bar be­nach­bar­ten Köl­ner Dom, mit des­sen go­ti­scher Sti­lis­tik die Brü­cke aber auch kon­tras­tier­te.

Der Dom war 1880 fer­tig ge­stellt und von Wil­helm I. ein­ge­weiht wor­den – als Sym­bol deut­scher Grö­ße, aber auch deut­scher Ein­heit. Aber zu die­ser Zeit war der Kul­tur­kampf noch nicht aus­ge­stan­den, und der Köl­ner Kar­di­nal Mel­chers konn­te an der Fei­er der Fer­tig­stel­lung ‚s­ei­ner‘ Ka­the­dra­le nicht teil­neh­men, da er sich noch steck­brief­li­cher Ver­fol­gung durch sein Exil in den Nie­der­lan­den ent­zog.

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Die Ar­chi­tek­tur des frü­hen 20. Jahr­hun­derts lässt sich eben­so we­nig aufs Pom­phaf­te re­du­zie­ren wie die Ma­le­rei. In den Wohn­haus- und Kauf­haus­bau der Städ­te hielt gleich­zei­tig der Ju­gend­stil Ein­zug, und be­ein­dru­cken­de Funk­ti­ons­bau­ten be­gan­nen man­cher­orts das Land­schafts­bild zu ver­än­dern. Die Müngs­te­ner Brü­cke, 1897 ein­ge­weiht, ist ei­ne 107 Me­ter ho­he Stahl­ge­rüst-Kon­struk­ti­on, die bis heu­te für den Ei­sen­bahn­ver­kehr das Tal der Wup­per zwi­schen So­lin­gen und Rem­scheid über­quert. Sie wirkt vor al­lem durch die Pa­ra­bel­form ih­res gro­ßen Trä­ger­bo­gens aus­ge­spro­chen mo­dern. Un­ver­meid­li­cher­wei­se wur­de sie ur­sprüng­lich auf den Na­men „Kai­ser-Wil­helm-Brü­cke“ ge­tauft.

Der Kölner Dom vor der Fertigstellung 1880..

 

Im Gro­ßen und Gan­zen ist das kul­tu­rel­le Le­ben der Rhein­pro­vinz im Kai­ser­reich durch ei­ne As­si­mi­la­ti­on an das preu­ßisch-deut­sche Mo­dell ge­kenn­zeich­net. Die sen­ti­men­ta­le und zu­gleich ag­gres­si­ve sym­bo­li­sche Auf­la­dung des Rhein­stroms hat hier­an ei­nen be­deu­ten­den An­teil. Auch der rhei­ni­sche Kar­ne­val hat­te im Kai­ser­reich in sei­nen Saal- und Um­zugs­ver­an­stal­tun­gen ei­nen durch­ge­hend af­fir­ma­ti­ven und sit­ten­stren­gen Cha­rak­ter. Gleich­wohl konn­te der Kar­ne­val dem „Re­for­mier­ten Wo­chen­blat­t“ in El­ber­feld 1879 als „Ver­höh­nung der christ­li­chen Leh­re über die Töd­tung des Flei­sches“ er­schei­nen und so als wei­te­rer Aus­druck der kon­fes­sio­nel­len Grä­ben wir­ken.

Die Müngstener Brücke vor der Fertigstellung 1897..

 

6. Der Erste Weltkrieg

Die gro­ßen Hul­di­gungs­fei­ern, die in Aa­chen aus An­lass des hun­dert­jäh­ri­gen Zu­ge­hö­rens der Rhein­pro­vinz zu Preu­ßen für den Mai 1915 ge­plant wor­den wa­ren, muss­ten aus­fal­len – ein neu­er, längst er­war­te­ter und von man­chen (auch im Rhein­land) er­sehn­ter Krieg er­schüt­ter­te Eu­ro­pa. Im Som­mer 1914 war die na­tio­na­le Be­geis­te­rung, mit der die Rhein­län­der die­sen Krieg be­grü­ß­ten, eben­so do­mi­nant, wie sie es 1870 ge­we­sen war. Vor al­lem beim Zen­trum wa­ren frü­he­re an­ti­mi­li­ta­ris­ti­sche Vor­be­hal­te ver­schwun­den. Ihr füh­ren­des Pres­se­or­gan in der Rhein­pro­vinz, die „Köl­ni­sche Volks­zei­tun­g“, be­kun­de­te An­fang 1915 die Ab­sicht, „sich in der Be­tä­ti­gung na­tio­na­ler Be­geis­te­rung von nie­man­dem über­tref­fen zu las­sen“. Das Blatt hielt die hur­ra­pa­trio­ti­sche Ge­sin­nung mit ma­xi­ma­lis­ti­schen Kriegs­ziel­for­de­run­gen bis ins Jahr 1918 auf­recht. Aber nicht we­ni­ger weit ge­spann­te Kriegs­zie­le, die hier von klar er­kenn­ba­ren wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen an­ge­lei­tet wa­ren, ver­foch­ten ma­ß­geb­li­che Ver­tre­ter der rhei­nisch-west­fä­li­schen Schwer­in­dus­trie, die sich hier­für mäch­ti­ger rechts­ex­tre­mer In­ter­es­sen­ver­bän­de wie des All­deut­schen Ver­ban­des be­dien­ten.

Kaisertelegramm vom 15. Mai 1915, Seite 1, Foto: Stadtarchiv Aachen. (Rüdiger Haude)

 

Auch wei­te Krei­se der So­zi­al­de­mo­kra­tie hat­ten 1914 den Pri­mat des Va­ter­lan­des ent­deckt. Je­doch wa­ren die – teil­wei­se in­ter­na­tio­na­lis­tisch ge­präg­ten – Frie­dens­de­mons­tra­tio­nen der Ar­bei­ter­be­we­gung im Ju­li 1914 im nörd­li­chen Rhein­land von be­son­de­rer Ra­di­ka­li­tät ge­prägt. Hier hat­te auch die Par­tei-Op­po­si­ti­on, die sich im April 1917 als USPD kon­sti­tu­ier­te, ei­nen be­son­ders star­ken Rück­halt. Un­zu­frie­den­heit und so­zia­le Span­nun­gen wuch­sen mit fort­schrei­ten­der Dau­er des Krie­ges. Die Ar­beits­an­for­de­run­gen, die ver­stärkt von un­ge­lern­ten Frau­en und Ju­gend­li­chen zu er­fül­len wa­ren, nah­men zu und führ­ten zu ei­nem An­stieg von Ar­beits­un­fäl­len. Mit der zu­neh­men­den Ver­schlech­te­rung der Ver­sor­gung mit Le­bens­mit­teln und mit ei­nem mehr und mehr auf­blü­hen­den Schwarz­markt wuchs auch die wech­sel­sei­ti­ge Er­bit­te­rung zwi­schen Stadt- und Land­be­völ­ke­rung, zwi­schen Nah­rungs­mit­tel-Pro­du­zen­ten und Kon­su­men­ten. Ne­ben der Ver­elen­dung und der seit 1916 in der Be­völ­ke­rung stets wach­sen­den Frie­dens­sehn­sucht fand in den In­dus­trie­ge­bie­ten aber auch ei­ne Po­li­ti­sie­rung statt, die die ab dem Früh­ling 1917 nicht mehr ab­rei­ßen­de Streik­be­we­gung ak­zen­tu­ier­te.

Kaisertelegramm vom 15. Mai 1915, Seite 2, Foto: Stadtarchiv Aachen. (Rüdiger Haude)

 

Di­rek­te Kriegs­schä­den in der Rhein­pro­vinz blie­ben ge­ring, weil die deut­schen Ar­me­en mit dem Über­fall auf Bel­gi­en das Kriegs­ge­sche­hen von An­fang an ins west­li­che Aus­land ge­rückt hat­ten (für die­se Um­set­zung des „Schlief­fen-Plan­s“ hat­te das Rhein­land als Auf­marsch­ge­biet 1914 ei­ne her­aus­ra­gen­de stra­te­gi­sche Be­deu­tung). In den Zei­tun­gen wa­ren je­doch die To­des­an­zei­gen für Ge­fal­le­ne, in den Städ­ten die wach­sen­de An­zahl ver­wun­de­ter und ver­krüp­pel­ter Sol­da­ten schon bald nicht mehr zu über­se­hen. Ge­gen En­de des Krie­ges wur­den In­dus­trie­zo­nen an der Saar, um Köln und in Es­sen Ziel all­mäh­lich zu­neh­men­der, wenn auch nicht sehr wirk­sa­mer Bom­bar­de­ments aus der Luft – ein Vor­ge­fühl auf den ent­grenz­ten Krieg, der ein Vier­tel­jahr­hun­dert spä­ter auch auf das Rhein­land zu­rück­schla­gen soll­te.

Literatur

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Warteschlange vor einem Lebensmittelladen in Düsseldorf, 1917, Foto: (Stadtarchiv Düsseldorf.

 
Zitationshinweis

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Haude, Rüdiger, 1871 bis 1918 - Das Rheinland im Kaiserreich, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Epochen/1871-bis-1918---das-rheinland-im-kaiserreich/DE-2086/lido/57ab2544cf0056.64047103 (19.06.2018)