Tuchmachertradition in Monschau

Elmar Neuß (Münster)
Toni Offermann (Kall)

Eisernes Wasserrad aus dem Jahr 1908 am Nickelhof, älteste Feintuchproduktionsstätte in Monschau, erbaut 1765. (Toni Offermann)

1. Die Anfänge der Monschauer Tuchmacherei (17. Jahrhundert)

Die An­fän­ge der Tuch­ma­che­rei in Mons­chau fal­len mit der Wie­der­auf­bau­pha­se nach dem Gel­dri­schen Krieg zu­sam­men. In die­sem Krieg um das Her­zog­tum Gel­dern wa­ren 1543 die Burg Mons­chau schwer be­schä­digt, die um­mau­er­te Stadt bis auf ein Turm­haus voll­stän­dig zer­stört wor­den. Trotz an­dau­ern­der Krie­ge in den fol­gen­den 100 Jah­ren konn­te in Mons­chau nicht al­lein der Wie­der­auf­bau be­trie­ben wer­den. Über den Aus­bau der Burg hin­aus wur­de auch die Stadt er­wei­tert, und zwar von der Stadt­brü­cke am Rur­tor ("Rich­ters Eck") rur­ab­wärts und am Lau­fen­bach auf­wärts. Denn auf­grund der ver­kehrs­fer­nen La­ge und von ei­nem brei­ten Wald­gür­tel um­ge­ben blieb das Mons­chau­er Land trotz ein­zel­ner Über­fäl­le im We­sent­li­chen von Kriegs­ein­wir­kun­gen ver­schont. In die­sen "Wind­schat­ten" der Er­eig­nis­se, for­ciert in den Jah­ren ei­ner kur­bran­den­bur­gi­schen Ver­wal­tung (1609-1622), fällt par­al­lel der Auf­bau der In­fra­struk­tur für ei­ne um­fang­rei­che­re Tuch­pro­duk­ti­on. Die Nach­rich­ten dar­über sind al­ler­dings spär­lich, und der Gang der Er­eig­nis­se muss aus un­schein­ba­ren In­di­zi­en re­kon­stru­iert wer­den.

  Die güns­ti­gen Vor­aus­set­zun­gen da­zu las­sen sich un­ter drei Ge­sichts­punk­ten zu­sam­men­fas­sen.

  1. An na­tür­li­chen Res­sour­cen wa­ren reich­lich vor­han­den:

Wol­le aus der ein­hei­mi­schen Schaf­zucht, die aber zu­neh­mend durch bes­se­re Woll­qua­li­tä­ten ab­ge­löst wur­de. Schon in den ers­ten Jahr­zehn­ten des 18. Jahr­hun­derts wur­de spa­ni­sche Me­ri­no­wol­le im­por­tiert und ver­ar­bei­tet.

Schlussstein der alten Walkmühle der 'Groben Gewandschaft' an der Laufenstraße (gegenüber dem Roten Haus), 1649 erstmalig konzessioniert für den aus Nideggen stammenden Peter Pangh (geboren um 1600), Foto: Toni Offermann.

 

Ganz­jäh­rig flie­ßen­des, kalk­frei­es wei­ches Was­ser zum Wa­schen und Fär­ben so­wie zum An­trieb von Walk- und Schleif­müh­len.

Torf aus dem Ho­hen Venn als Brenn­ma­te­ri­al im Färb­pro­zess und zum Trock­nen ge­walk­ter Wa­re.

  1. Ar­beits­kräf­te stan­den ne­ben den Stadt­be­woh­nern im Um­land be­reit, denn die Be­völ­ke­rungs­zahl war, ab­seits vom Kriegs­ge­sche­hen, nicht de­zi­miert.
  1. Die ver­gleichs­wei­se li­be­ra­le Re­li­gi­ons­po­li­tik der ver­schie­de­nen Herr­scher­häu­ser (Jü­lich-Kle­ve-Berg, Kur­bran­den­burg, Pfalz-Neu­burg), die sich im 16. und 17. Jahr­hun­dert ab­lös­ten, ließ Un­ter­neh­mer­fa­mi­li­en, die über­wie­gend zum Pro­tes­tan­tis­mus ten­dier­ten, viel Raum.

Ent­ge­gen ei­ner äl­te­ren, oft wie­der­hol­ten The­se, dass die Tuch­ma­che­rei in Mons­chau durch Aa­che­ner Re­li­gi­ons­flücht­lin­ge auf den Weg ge­bracht wor­den sei, steh­t heu­te fest, dass es ein­hei­mi­sche Fa­mi­li­en ge­we­sen sind (Schmitz in Mons­chau, Of­fer­mann in Im­gen­broich), die et­wa zeit­gleich in bei­den Or­ten den Grund­stein da­für ge­legt ha­ben. Bis in das zwei­te Drit­tel des 19. Jahr­hun­derts wird das „Dorf Im­gen­bruch“ in Le­xi­ka und Rei­se­be­schrei­bun­gen stets ge­mein­sam mit Mons­chau als Stät­te hoch­wer­ti­ger Tuch­her­stel­lung ge­nannt. Al­ler­dings wies der Ort, auf der Hoch­flä­che nörd­lich der Rur ge­le­gen, ei­nen we­sent­li­chen Stand­ort­nach­teil auf: Es fehl­ten flie­ßen­de Ge­wäs­ser zum An­trieb der Müh­len­wer­ke. Für Woll­wä­sche, Fär­ben und an­de­re Ar­beits­vor­gän­ge wa­ren künst­li­che Wei­her an­ge­legt.

Ein wei­te­rer Be­schleu­ni­gungs­fak­tor lag im Feh­len von Zunf­tord­nun­gen al­ler Art. Erst um die Wen­de vom 17. zum 18. Jahr­hun­dert er­reich­te der land­wirt­schaft­lich ge­präg­te Burg­fle­cken Mons­chau par­al­lel mit dem Aus­bau der Tuch­ma­che­rei den Sta­tus ei­ner Stadt im Voll­sinn des Wor­tes. Bis da­hin war we­gen des Feh­lens von dif­fe­ren­zier­tem Ge­wer­be auch kein Zunft­we­sen ent­stan­den. Dar­aus folg­te ein ho­hes Maß an wirt­schaft­li­cher Dy­na­mik. Mit der Ex­pan­si­on über die Stadt­mau­ern im Ge­fol­ge der Tuch­ma­che­rei zu Be­ginn des 17. Jahr­hun­derts nahm Mons­chau die Ent­wick­lung vie­ler Städ­te des 19. Jahr­hun­dert vor­aus.

Zeitgenössische Darstellung des Tuchscherens, aus: Daniel Gottfried Schreber, Schauplatz der Künste und Handwerke, oder vollständigen Beschreibung derselben, Band 5, Berlin 1766, Tafel XIV.

 

2. Aufbau der Infrastruktur einer Feintuchmanufaktur (Wende 17. zum 18. Jahrhundert)

Wäh­rend die tra­di­tio­nel­len Tuch­ma­cher­städ­te der Ebe­ne noch mit der Er­ho­lung von Kriegs­schä­den be­fasst wa­ren, voll­zog sich in Mons­chau der Aus­bau ei­nes neu­en Pro­duk­ti­ons­stand­or­tes. Da­bei setz­te man schon früh auf hoch­wer­ti­ge Wa­re durch Ver­wen­dung spa­ni­scher Wol­le (1718 be­zeugt), Fär­ben in der Wol­le und App­re­tur­schrit­te nach dem Wal­ken.

Kenn­zei­chen der Pro­duk­ti­on im 18. Jahr­hun­dert war die de­zen­tra­le Or­ga­ni­sa­ti­on im Ver­lags­we­sen. Der Fa­bri­kant als Ver­le­ger be­sorg­te Kauf, La­ge­rung, Wa­schen und Fär­ben der Wol­le, la­ger­te Spin­nen und We­ben an Sub­un­ter­neh­mer und Heim­ar­bei­ter aus und nahm Wal­ken und App­re­tur, ins­be­son­de­re das Sche­ren, wie­der in be­trieb­li­che Kon­trol­le ei­ner Ma­nu­fak­tur. Das Ver­fah­ren er­höh­te zu­nächst die Fle­xi­bi­li­tät des Un­ter­neh­mers ge­gen­über Nach­fra­ge­schwan­kung und Mo­de­wech­sel, in­dem es die Ri­si­ken auf Sub­un­ter­neh­mer ver­la­ger­te. Die stän­dig zu­neh­men­den hö­he­ren An­for­de­run­gen an fei­ne Gar­ne und kom­ple­xe­re Stoff­mus­ter dräng­ten je­doch auf Kon­zen­tra­ti­on und Über­wa­chung auch des Spin­nens und We­bens in ei­ge­nen Fa­bri­ka­ti­ons­stät­ten, so ge­nann­ten Ma­nu­fak­tu­ren (zeit­ge­nös­sisch "Fa­bri­quen"). Als Haupt­hin­der­nis des Stand­orts er­wies sich der Ver­trieb, der weit­ge­hend über Hau­sier­han­del im Ter­ri­to­ri­um ab­ge­wi­ckelt wer­den muss­te.

Monschau von Osten, 1756, teilweise farbig getuschte Federzeichnung des kurpfälzischen Artilleriehauptmanns Joseph Laub. (Privatbesitz)

 

3. Die "Blütezeit" - der Weg zur Protoindustrialisierung (zweite Hälfte 18. Jahrhundert)

Als Blü­te­zeit der Mons­chau­er Tuch­ma­che­rei gilt das 18. Jahr­hun­dert mit Hö­he­punkt von 1765 bis 1790. Sie ist eng mit der Tä­tig­keit und dem Vor­bild von Jo­hann Hein­rich Schei­bler (1705-1765) ver­bun­den. Durch Hei­rat (1724) mit der Toch­ter sei­nes Lehr­her­ren, Ma­ria Agnes Of­fer­mann ver­wit­we­te Schloes­ser (1698-1752), trat er in ein Un­ter­neh­men ein, das Schloes­ser sei­ner­seits durch Ein­hei­rat in die „Grün­der­fa­mi­lie“ Schmitz er­wor­ben hat­te – ein mar­kan­tes Bei­spiel für die en­ge Ver­sip­pung der Fein­tuch­her­stel­ler von An­fang an. Schei­blers Ge­nie lag dar­in, dass er kon­se­quent aus Mons­chau­er Tuch ei­nen Mar­ken­ar­ti­kel mach­te und ei­nen Ver­triebs­weg fand, der aus der En­ge des Ter­ri­to­ri­ums hin­aus­führ­te.

Das ge­lang durch Ver­bes­se­rung der Fa­bri­ka­ti­ons­me­tho­den (Fär­be- und App­re­tur­tech­ni­ken, Ver­wen­dung von aus­schlie­ß­lich spa­ni­scher Wol­le), Auf­grei­fen von Mo­de­trends mit Spe­zia­li­sie­rung auf Lu­xus­ar­ti­kel ("ge­flamm­te Tu­che") und Ab­satz über Ex­port­mes­sen (Frank­furt/Main, Leip­zig und an­ders­wo). Der zu­neh­men­de wirt­schaft­li­che Er­folg der Fein­tuch­fa­bri­kan­ten schlug sich im Bau re­prä­sen­ta­ti­ver Wohn- und Ge­schäfts­häu­ser nie­der, un­ter de­nen das Ro­te Haus den Glanz­punkt bil­det.

Eisernes Wasserrad aus dem Jahr 1908 am Nickelhof, älteste Feintuchproduktionsstätte in Monschau, erbaut 1765. (Toni Offermann)

 

Der Auf­schwung der Fein­tuch­pro­duk­ti­on führ­te al­ler­dings auch zu Span­nun­gen zwi­schen den alt­ein­ge­ses­se­nen ka­tho­li­schen Bür­gern (Acker­bau­ern, Grob­tuch­fa­bri­kan­ten) und den (zum Teil zu­ge­wan­der­ten) Fein­tuch­un­ter­neh­mern oh­ne Bür­ger­recht, die sich zu­neh­mend durch ih­re pro­tes­tan­ti­sche Kon­fes­si­on und "Hei­rats­po­li­tik" als Stand ab­schlos­sen. Sie grün­de­ten 1742 in Re­ak­ti­on auf ers­te Kon­flik­te mit den Sche­rern ei­nen "Ar­beit­ge­ber­ver­band", die spä­te­re "Fei­ne Ge­wand­schaft". Die Grob­tuch­un­ter­neh­mer wa­ren we­gen der ge­mein­sam be­trie­be­nen Wal­ken ge­nos­sen­schaft­lich in der "Gro­ben Ge­wand­schaft" ver­ei­nigt. Ver­su­che der Sche­rer als hoch­qua­li­fi­zier­te, meist zu­ge­zo­ge­ne Fach­ar­bei­ter in ge­walt­sa­men Kon­flik­ten (1742, 1762) zünft­le­ri­sche Schutz­re­ge­lun­gen (be­grenz­te Lehr­lings­zah­len, Lohn­er­hö­hun­gen) durch­zu­set­zen, wur­den ge­walt­sam nie­der­ge­schla­gen.

Die Hoch­kon­junk­tur der Tuch­ma­che­rei brach­te nicht nur Vor­tei­le (zum Bei­spiel für das Spe­di­ti­ons­ge­wer­be, das von Be­woh­nern der um­lie­gen­den Dör­fer be­trie­ben wur­de). Der Zu­zug aus­wär­ti­ger Fach­ar­bei­ter führ­te zu kräf­ti­gen Preis­stei­ge­run­gen, wenn auch der Stand­ort im Ver­gleich als "Bil­lig­l­ohn­ge­biet" gel­ten konn­te. Die Aus­la­ge­rung von Spinn- und Web­ar­bei­ten ins be­nach­bar­te lim­bur­gi­sche "Aus­land" führ­te zeit­wei­se zu Ar­beits­lo­sig­keit in Mons­chau und Um­ge­bung. 1774 bra­chen of­fe­ne We­be­r­un­ru­hen aus, eben­so er­neut Sche­r­er­streiks 1797 und 1808.

Fabrik von B. G. Scheibler auf dem Burgau, 1806, Handzeichnung, in der Mitte die viergeschossige Fabrik von 1793 des Bernhard Scheibler (1758-1808), in der alle Arbeitsschritte unter einem Dach vereinigt waren. Vorne links die Färberei, dahinter Wohngebäude und Walke, rechts hinten ein weiteres Fabrikgebäude, aus: Ernst Barkhausen, Die Tuchindustrie in Montjoie, 1925, S. 61.

 

Zur Ka­na­li­sie­rung des Pro­test­po­ten­ti­als kam es 1777 nach dem Vor­bild zünft­le­ri­scher Selbst­hil­fe zur Ein­rich­tung ei­ner Kran­ken­kas­se un­ter Lei­tung der Un­ter­neh­mer. Der Trend zur Zen­tra­li­sie­rung von Ar­beits­gän­gen schlug sich ab 1765 im Bau grö­ße­rer Fa­bri­ka­ti­ons­stät­ten für Fär­be­rei, We­be­rei und App­re­tur nie­der, erst noch im en­ge­ren Stadt­be­reich: Bei­spie­le sind der Schmit­zen­hof (1765), Bon­gert (1776), Äu­chen (1780er), Ro­sen­thal (1784 be­zie­hungs­wei­se 1773), Kol­ping­haus/Ley (um 1786), Bur­gau (um 1796). Mons­chau wur­de da­mit ein Bei­spiel für die "Pro­to­in­dus­tria­li­sie­rung", das or­ga­ni­sche Hin­über­wach­sen vor­in­dus­tri­ell-ma­nu­fak­tu­rel­ler in früh­in­dus­tri­el­le Pro­duk­ti­on. Ähn­lich ver­lief die Ent­wick­lung im be­nach­bar­ten Im­gen­broich. Auch hier ent­stan­den re­prä­sen­ta­ti­ve Wohn­bau­ten in Kom­bi­na­ti­on mit Fa­bri­ka­ti­ons­an­la­gen. Her­vor­zu­he­ben ist die ab 1763 ent­ste­hen­de An­la­ge mit Walk­müh­le, Fär­be­rei, Woll­wä­sche und an­de­rer An­la­gen im fünf Ki­lo­me­ter un­ter­halb Mons­chaus an der Rur ge­le­ge­nen Grü­nen­thal.

Bevölkerungsentwicklung in Monschau, 1816-1915.

 

4. Umbruch der Französischen Zeit (1794-1814): Mechanisierung

Der Ein­marsch fran­zö­si­scher Re­vo­lu­ti­ons­trup­pen 1794 brach­te den völ­li­gen Um­bruch al­ler Le­bens­ver­hält­nis­se und zu­nächst auch ei­nen tie­fen Ab­sturz der Tuch­ma­che­rei. Be­schlag­nah­me von Fer­tig­wa­re, Ver­lust im­men­ser Au­ßen­stän­de, Ex­port­ver­bo­te in bis­he­ri­ge Märk­te und wert­lo­ses Pa­pier­geld trie­ben Fir­men in den Ru­in. Der Ein­bruch of­fen­bar­te ein kri­ti­sches Struk­tur­merk­mal der Mons­chau­er Fir­men: die ge­rin­ge Ei­gen­ka­pi­tal­de­cke. Fast 50 Pro­zent der Kos­ten wur­den durch Kre­di­te fi­nan­ziert, das Ver­mö­gen steck­te in der Pro­duk­ti­on oh­ne Si­che­rung.

Den­noch ist die­ser Ein­schnitt nicht ein­fach als An­fang ei­nes kon­ti­nu­ier­li­chen Nie­der­gangs zu wer­ten, wie das lan­ge als selbst­ver­ständ­lich ge­se­hen wur­de. Sta­gna­ti­on und Kri­se der Mons­chau­er Tuch­fa­bri­ka­ti­on da­tie­ren be­reits in die frü­hen 1790er Jah­re als Fol­ge des lang­sa­men, aber grund­le­gen­den Um­schwungs in der Mo­de. Seit Mit­te der 1780er Jah­re be­gann ein Trend zu leich­te­ren Tu­chen (Kasch­mir­stof­fe/"Ca­si­mi­re"), in de­nen Eng­land füh­rend war und die in Mons­chau spä­tes­tens seit 1802 her­ge­stellt wur­den.

Werbeblatt mit den Fabrikanlagen der Firma Carl Wilhelm Scheibler (1820-1881) in Lodz, der hier 1854 die erste mechanische Baumwollspinnerei Polens begründete, aus: Johann Heinrich Scheibler (Hg.), Geschichte und Geschlechtsregister der Familie Scheibler, Köln 1895.

 

Nach der In­te­gra­ti­on der links­rhei­ni­schen Ge­bie­te in das fran­zö­si­sche Kai­ser­reich 1801 und mit der na­po­leo­ni­schen Wirt­schafts­för­de­rung reg­te sich neu­er Un­ter­neh­mer­geist, der sich in Neu­bau­pro­jek­ten nie­der­schlug. Sie dien­ten der Ein­füh­rung der neu­es­ten Tech­nik, näm­lich Was­ser­kraft ge­trie­be­ner Spinn-, Rau- und Scher­ma­schi­nen. Die Epo­che ist als Über­gang in die in­dus­tri­el­le Fer­ti­gung des 19. Jahr­hun­dert zu wer­ten, die al­ler­dings zu star­ker Kon­zen­tra­ti­on zu Las­ten klei­ne­rer Fir­men führ­te.

Ansicht der Stadt Monschau, um 1835, Öl auf Holz. (Privatbesitz)

 

Die bis 1814 ge­lun­ge­ne Kon­zen­tra­ti­on und Kon­so­li­die­rung der Fein­tuch­fir­men zeigt sich an neu­en mas­si­ven Stein­bau­ten, meist in den Rand­ge­bie­ten der Stadt (Wie­sen­thal 1809, Ro­ter Bau 1815, Aus­bau Bur­gau 1811), die zur Auf­stel­lung von Ma­schi­nen ge­eig­net wa­ren.

Männer- und Frauenarbeit in Monschau 1880-1900.

 

5. Im preußischen Staat: weitere Modernisierung zur Industrialisierung (19. Jahrhundert)

Die Ein­glie­de­rung in den preu­ßi­schen Staat 1814/1815 war ein er­neu­ter schwe­rer Schlag. Der müh­sam er­schlos­se­ne fran­zö­si­sche Markt fiel aus, gleich­zei­tig be­stand bis 1818 ei­ne in­ner­preu­ßi­sche Zoll­schran­ke zum Schutz Alt­preu­ßens. Nach dem Fall der Kon­ti­nen­tal­sper­re ström­te bil­li­ge eng­li­sche Baum­woll­wa­re auf die Märk­te.

Briefkopf der Firma F.J. Scheibler, um 1900. (Archiv des Geschichtsvereins Monschauer Land)

 

Der in der fran­zö­si­schen Zeit ein­ge­lei­te­te Weg zur Me­cha­ni­sie­rung und in­dus­tri­el­len Fer­ti­gung wur­de ab 1814/1815 fort­ge­setzt. Dies führ­te ei­ner­seits zu Spe­zi­al­be­trie­ben (zum Bei­spiel Lohn­spin­ne­rei­en), an­de­rer­seits zu Ar­beits­lo­sig­keit. Der Ein­satz von Scher­ma­schi­nen ("Ton­de­u­sen") brach­te zum Bei­spiel den hoch spe­zia­li­sier­ten Be­rufs­stand der Sche­rer zum Ver­schwin­den. Ähn­lich ver­dräng­te für glat­te Stof­fe ab 1850 der Ma­schi­nen­web­stuhl den Hand­web­stuhl, der für ge­mus­ter­te Stof­fe noch län­ger in Be­trieb blieb. In den als Spe­zi­al­fir­men aus­ge­glie­der­ten Lohn­spin­ne­rei­en wa­ren zum gro­ßen Teil Frau­en und Kin­der be­schäf­tigt. Es ent­stand ei­ne lo­ka­le Lohn­ar­bei­ter­schaft, die von den nun stark schwan­ken­den Kon­junk­tur­ver­läu­fen ab­hän­gig war. Zwi­schen 1816 und 1820 re­du­zier­ten die gro­ßen Fir­men ihr Per­so­nal um ein Drit­tel. Von den 1813 tä­ti­gen 55 Grob­tuch­fir­men ga­ben 30 bis 1819 auf. Die ver­blie­be­nen Fir­men - jetzt wei­ter di­ver­si­fi­ziert in Spin­ne­rei­en und Fär­be­rei­en ne­ben Tuch­fa­bri­ken - schlos­sen sich 1825 zum "Han­dels­stand" zu­sam­men. Es be­gann aber auch be­reits in den 1820er Jah­ren die ers­te Ab­wan­de­rung von Tuch­fa­bri­kan­ten nach Ost­eu­ro­pa.

Mit staat­li­cher För­de­rung ent­spann­te sich die La­ge ab den 1820er Jah­ren durch Um­stel­lung auf fei­ne, leich­te Ca­si­mir-Stof­fe, ab den 1840er Jah­ren auf Bucks­kin. Den­noch ver­lor der Stand­ort Mons­chau von der Mit­te des Jahr­hun­derts an zu­neh­mend den An­schluss an die Ent­wick­lung. In der En­ge des Tals wa­ren nur klei­ne­re Dampf­ma­schi­nen (die erst ging 1843 in Be­trieb) ver­wend­bar, die da­für not­wen­di­ge Stein­koh­le ver­ur­sach­te ho­he Trans­port­kos­ten (Ei­sen­bahn­an­schluss erst 1885). Im „was­ser­lo­sen“ Im­gen­broich wur­de ei­ne ers­te Dampf­ma­schi­ne mit acht PS be­reits 1828 auf­ge­stellt. Schlie­ß­lich ver­säum­te man die Um­stel­lung weg von der tra­di­tio­nel­len Lu­xus-Mo­de­wa­re auf Mas­sen­pro­duk­te.

6. Dauerkrise - Umstrukturierung zum Textilstandort (Wende 19. zum 20. Jahrhundert)

Be­reits Mit­te der 1840er Jah­re tra­ten auf dem Welt­markt bil­li­ge Mas­sen­fa­bri­ka­te aus der Lau­sitz (glat­te Tu­che) als Kon­kur­ren­ten der Mons­chau­er Fa­bri­ken auf. De­ren Kon­zen­tra­ti­on auf den nord­ame­ri­ka­ni­schen Markt ab 1860 hat­te schwer­wie­gen­de Fol­gen, als die­ser nach 1870 durch die Ein­füh­rung von Schutz­zöl­len ver­lo­ren ging. Die teu­re­ren Mons­chau­er Fa­bri­ka­te fan­den in Deutsch­land kei­nen Er­satz­markt mehr. Da­her war die Not­wen­dig­keit ei­ner grund­sätz­li­chen Um­ori­en­tie­rung ge­ge­ben. Sie voll­zog als ei­ne der ers­ten die Fir­ma F. J. Schei­bler in Drei­s­te­gen durch die Her­stel­lung von Kunst­wol­le (= Reiß­wol­le, vor­wie­gend Frau­en­ar­beit), was aber auf Vor­be­hal­te der tra­di­ti­ons­be­wuss­ten Mons­chau­er Tuch­fa­bri­kan­ten stieß und auch ei­nen er­heb­li­chen Ka­pi­tal­ein­satz er­for­der­te (neue Ma­schi­nen, da­zu auch fes­te­re Bau­ten). Die tra­di­ti­ons­rei­chen Fa­bri­ken setz­ten wei­ter­hin auf Hoch­preis­wa­re. Im Jah­re 1860 zähl­te Mons­chau nur noch acht Tuch­fa­bri­ken. In Im­gen­broich schloss die letz­te be­reits 1874.

Streich­garn­spin­ne­rei­en, Kunst­woll-, das hei­ßt Reiß­woll­fa­bri­ken und (ab 1889) als neu­er Zweig die Sei­den­we­be­rei setz­ten die Mons­chau­er Tra­di­ti­on der Tex­til­in­dus­trie fort. Die zahl­rei­chen Haus­we­ber, die grö­ß­ten­teils für Aa­che­ner Fir­men ar­bei­te­ten, hat­ten ab 1890 als Fol­ge der Ein­füh­rung des Ma­schi­nen­web­stuhls in den dor­ti­gen Fa­bri­ken kei­ne Per­spek­ti­ve mehr und fan­den le­dig­lich als Fa­brik­we­ber in den um­lie­gen­den Tex­til­or­ten Be­schäf­ti­gung.

Auch im 19. Jahr­hun­dert konn­te die Mons­chau­er Tex­til­fa­bri­ka­ti­on als "Bil­lig­l­ohn­ge­biet" gel­ten. Lan­ge Ar­beits­zei­ten und schlech­te, ein­sei­ti­ge Er­näh­rung führ­ten leicht zu Aus­zeh­rung und Krank­hei­ten. In der Zeit des stärks­ten Nie­der­gangs rich­te­te die Stadt 1879/1880, nach ver­ein­zel­ten frü­he­ren Ver­su­chen, ei­ne "Sup­pen­an­stalt" zur Un­ter­stüt­zung der Fa­brik­ar­bei­ter und Ar­beits­lo­sen ein.

Noch vor der Ein­füh­rung von Zwangs­kas­sen in Preu­ßen (1845) ent­stand 1842 ei­ne All­ge­mei­ne Kran­ken­kas­se, die 1856 748 Teil­neh­mer zähl­te, im We­sent­li­chen von den Ar­bei­tern selbst ge­tra­gen. Frü­her schon sind ar­bei­ter­fi­nan­zier­te Fir­men­kas­sen (zum Bei­spiel 1824 bei der Spin­ne­rei von Louis Adolph Schei­bler) be­legt.

So­zia­le Kon­flik­te ent­lu­den sich im 19. Jahr­hun­dert im All­ge­mei­nen nicht in Ar­beits­kämp­fen, son­dern meist in "Pö­be­lex­ces­sen" in­fol­ge ho­hen Al­ko­hol­kon­sums. 

Die über­le­ben­den Tuch­fa­bri­ken ge­rie­ten seit den 1870er Jah­ren bei ei­ner stark schwan­ken­den Auf­trags­la­ge, zum Teil als Fol­ge der jah­res­zeit­li­chen Kon­junk­tu­ren, in ei­ne Dau­er­kri­se und pro­du­zier­ten nur noch ver­gleichs­wei­se klei­ne Men­gen. Ar­beits­lo­se Fa­brik­ar­bei­ter such­ten Be­schäf­ti­gung in der Feld- oder Wald­ar­beit be­zie­hungs­wei­se wan­der­ten in um­lie­gen­de Tex­til­fa­bri­kor­te ab. En­de der 1880er oder An­fang der 1890er Jah­re gin­gen fast al­le Fir­men ein. Mit der Schlie­ßung der letz­ten Tuch­fa­brik der Fir­ma Louis Schei­bler Sohn en­de­te 1908 die tra­di­tio­nel­le Mons­chau­er Fein­tuch­her­stel­lung.

Hat­te Mons­chau mit der Aus­bil­dung von ma­nu­fak­tu­rel­ler und in­dus­tri­el­ler Fer­ti­gung das Mo­dell "klas­si­scher" In­dus­trie­zo­nen des 19. Jahr­hun­dert (zum Bei­spiel Ruhr­ge­biet) um Jahr­zehn­te vor­weg ge­nom­men, so wies es auch mit dem En­de auf die Ent­wick­lung zu In­dus­trie­bra­chen und die Auf­ga­be zur Neu­ori­en­tie­rung vor­aus.

Quellen

Nen­nens­wer­te ge­druck­te Quel­len­ver­öf­fent­li­chun­gen zur Mons­chau­er Tuch­ma­che­rei lie­gen nicht vor. Um­fang­rei­ches, meist sta­tis­ti­sches Ma­te­ri­al ins­be­son­de­re aus der Zeit ab cir­ca 1800 fin­det sich im Stadt­ar­chiv Mons­chau und im Lan­des­ar­chiv NRW Ab­tei­lung Rhein­land in Düs­sel­dorf.
We­gen des fast voll­stän­di­gen Kriegs­ver­lus­tes äl­te­rer pri­va­ter Fir­men­über­lie­fe­run­gen sind un­ver­zicht­bar die quel­len­ge­sät­tig­ten Dar­stel­lun­gen von:

Bark­hau­sen, Ernst: Die Tuch­in­dus­trie in Mont­jo­ie, ihr Auf­stieg und Nie­der­gang, Aa­chen 1925.
Schei­bler, Hans Carl/Wülfrath, Karl (Hg.): West­deut­sche Ah­nen­ta­feln, Band 1, Wei­mar 1939, S. 328-399.

Literatur

Harz­heim, Ga­brie­le, Mons­chau­er We­ber im 19. Jahr­hun­dert, in Rhei­ni­sches Jahr­buch für Volks­kun­de 27 (1987/88), S. 93–107.
Harz­heim, Ga­brie­le, We­ber­ar­beit und We­be­r­elend. Mons­chau­er Heim­we­be­rei im 19. Jahr­hun­dert, in: Volks­kul­tur an Rhein und Maas 7 (1988), Heft 1, S. 8–15. Hürt­gen, Bal­tha­sar, Im­gen­broich wie es war und wie es ist, Aa­chen 1930.
Man­gold, Jo­sef: Auf­stieg und Nie­der­gang der Tuch­in­dus­trie in Mons­chau im 18. und 19. Jahr­hun­dert, in: Das Ro­te Haus in Mons­chau, hg. von der Stif­tung Schei­bler-Mu­se­um Ro­tes Haus Mons­chau, Köln 1994, S. 97-133.
Of­fer­mann, To­ni, Ar­beits­kämp­fe in der Mons­chau­er Tex­til­in­dus­trie 1893-1902. Die An­fän­ge der christ­lich-so­zia­len Tex­til­ar­bei­ter­ge­werk­schaft im Mons­chau­er Land, in: Das Mons­chau­er Land. Jahr­buch 1987, S. 80-97.
Of­fer­mann, To­ni, Die Ent­ste­hung der Fein­tuch­fa­bri­ka­ti­on in Mons­chau und Im­gen­broich. Al­te Le­gen­den und neue The­sen, in: Das Mons­chau­er Land. Jahr­buch 2008, S. 14-26.
Rhei­ni­scher Städ­teat­las X Nr. 56: Mons­chau, be­arb. von El­mar Neuß, Köln/Bonn 1992.
Schei­bler, Wal­ter, Ge­schich­te und Schick­sals­weg ei­ner Fir­ma in 6 Ge­ne­ra­tio­nen 1724-1937, Aa­chen 1937.
Schrei­ber, Pe­ter, Im­gen­broich ein ehe­ma­li­ges Tuch­ma­cher­dorf, Aa­chen [1955].
Wein­gar­ten, Hans Fried­rich, Die Tuch­in­dus­trie in Mont­jo­ie - Ein Bei­trag zur Ge­schich­te der Rhei­ni­schen Tex­til­in­dus­trie, Wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­che ­Dis­ser­ta­ti­on (Ma­nu­skript). Köln 1922.

Online

Be­stand Ro­tes Haus Mons­chau - Fa­mi­li­en­ar­chiv Schei­bler(In­for­ma­ti­on auf der Web­site Ar­chi­ve NRW). [On­line]

Das Mo­schau­er Land. In­halts­ver­zeich­nis­se des Jahr­buchs des Ge­schichts­ver­eins des Mons­chau­er Lan­des (In­for­ma­ti­on auf der Web­site des Ge­schichts­ver­eins des Mons­chau­er Lan­des). [On­line]

Stif­tung Schei­bler-Mu­se­um Ro­tes Haus in Mons­chau(In­for­ma­ti­on auf der Web­site des LVR). [On­line]

Tuchfabrik Louis Scheibler Sohn im Rosenthal, gegründet 1855. Die Fabrik musste 1908 als letzte der traditionellen Monschauer Tuchfabriken schließen, aus: Franz Herrmanns u.a. (Hg.), Montjoie - Monschau. Von Häusern und Menschen, Monschau 2007, Bild Nr. 103.

 
Zitationshinweis

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Neuß, Elmar, Offermann, Toni, Tuchmachertradition in Monschau, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/tuchmachertradition-in-monschau/DE-2086/lido/57d12ea634ea20.88873070 (23.04.2018)