Hermann Freiherr von Lüninck

Agrarfunktionär, Oberpräsident der Rheinprovinz (1893–1975)

Joachim Lilla (Krefeld)

Hermann Freiherr von Lüninck, Porträtfoto, 1934. (Privatbesitz / Gedenkstätte Deutscher Widerstand)

Her­mann Jo­seph An­to­ni­us Ma­ria Frei­herr von Lü­ninck wur­de am 3.5.1893 auf Haus Ost­wig (heu­te Ge­mein­de Best­wig) im ehe­ma­li­gen Kreis Me­sche­de ge­bo­ren. Sei­ne El­tern wa­ren der Rit­ter­guts­be­sit­zer Karl Frei­herr von Lü­ninck (1856–1921) und An­na-Ma­ria, ge­bo­re­ne von Mal­linck­rodt (1869–1957). Die Fa­mi­lie war ka­tho­lisch. Her­mann hei­ra­te­te 1925 in Lü­ding­hau­sen Ber­tha Grä­fin von West­er­holt zu Gy­sen­berg (1897–1945). Aus der Ehe gin­gen fünf Kin­der her­vor. Die be­ruf­li­chen We­ge Her­manns und sei­nes äl­te­ren Bru­ders Fer­di­nand (1888–1944) wei­sen teils ver­blüf­fen­de Par­al­le­len auf: Bei­de wa­ren in der Wei­ma­rer Zeit ho­he Funk­tio­nä­re land­wirt­schaft­li­cher Or­ga­ni­sa­tio­nen, bei­de wur­den im Früh­jahr 1933 zu Ober­prä­si­den­ten er­nannt, bei­de wa­ren 1944 im Wi­der­stand.

Her­mann Frei­herr von Lü­ninck be­such­te das hu­ma­nis­ti­sche Gym­na­si­um in Bri­lon und stu­dier­te an­schlie­ßend Rechts­wis­sen­schaf­ten in Mün­chen, Frei­burg im Breis­gau, Müns­ter und Göt­tin­gen. Im Ju­ni 1914 leg­te er beim Ober­lan­des­ge­richt Cel­le die ers­te ju­ris­ti­sche Staats­prü­fung ab und wur­de zum Ge­richts­re­fe­ren­dar er­nannt. Aus dem ju­ris­ti­schen Vor­be­rei­tungs­dienst mel­de­te er sich An­fang Au­gust 1914 als Kriegs­frei­wil­li­ger und wur­de als Fah­nen­jun­ker in das Gar­de-Schüt­zen-Ba­tail­lon über­nom­men. Trotz ei­ner be­reits im Au­gust 1914 er­lit­te­nen schwe­ren Ver­wun­dung leis­te­te er wäh­rend des gan­zen Welt­krie­ges Kriegs­dienst bei sei­nem Ba­tail­lon und bei der Flie­ger­trup­pe. 1919 wur­de er als Ober­leut­nant aus dem ak­ti­ven Mi­li­tär­dienst ver­ab­schie­det.

Nach Fort­set­zung des Vor­be­rei­tungs­diens­tes, zu­letzt als Re­gie­rungs­re­fe­ren­dar, leg­te er im Ok­to­ber 1920 die Gro­ße ju­ris­ti­sche Staats­prü­fung ab, wur­de als Re­gie­rungs­as­ses­sor in den preu­ßi­schen Staats­dienst über­nom­men und der Mi­nis­te­ri­al-, Mi­li­tär- und Bau­kom­mis­si­on in Ber­lin zu­ge­teilt, zu­gleich zur Be­schäf­ti­gung in das Mi­nis­te­ri­um des In­nern ein­be­ru­fen. Er trat in die­ser Zeit, ne­ben sei­ner Ab­leh­nung des de­mo­kra­ti­schen Sys­tems, auch als schar­fer Kri­ti­ker der Zen­trums­par­tei her­vor, der er – der gläu­bi­ge Ka­tho­lik – Ver­rat an ih­ren al­ten Idea­len vor­warf, weil sie am Zu­stan­de­kom­men der nach sei­ner Auf­fas­sung „mit an­ti­kirch­li­chem Geis­te durch und durch durch­tränk­ten“ (Hür­ten) Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung mit­ge­wirkt hat­te. Vor die­sem Hin­ter­grund wur­de er in dem von dem So­zi­al­de­mo­kra­ten Carl Se­ve­ring (1875-1952) ge­führ­ten Mi­nis­te­ri­um des In­nern un­trag­bar, so dass er Mit­te 1922 un­ter Ent­bin­dung von sei­ner Be­schäf­ti­gung im In­nen­mi­nis­te­ri­um der Re­gie­rung in Arns­berg über­wie­sen wur­de.

Lü­ninck wer­te­te die­se Ver­set­zung als Be­stra­fung für sei­ne po­li­ti­sche Ein­stel­lung, wei­ger­te sich, die Stel­le in Arns­berg an­zu­tre­ten und wur­de we­nig spä­ter auf ei­ge­nes Er­su­chen aus dem Staats­dienst ent­las­sen. Fort­an wid­me­te er sich vor­nehm­lich der Be­wirt­schaf­tung des Gu­tes Als­bach na­he En­gels­kir­chen im Ober­ber­gi­schen. Zu­gleich such­te er ei­nen öf­fent­li­chen Wir­kungs­be­reich in der land­wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen­ver­tre­tung und über­nahm noch 1922 die Stel­le ei­nes Be­zirks­ge­schäfts­füh­rers des Rhei­ni­schen Bau­ern­ver­eins in Es­sen. Be­reits ein Jahr spä­ter wur­de er Stell­ver­tre­ten­den Ge­ne­ral­se­kre­tär des Rhei­ni­schen Bau­ern­ver­eins mit Sitz in Köln. Die Or­ga­ni­sa­ti­on der re­gio­na­len Bau­ern­ver­ei­ne ver­trat zwar in ers­ter Li­nie die In­ter­es­sen ka­tho­li­scher Gro­ßgrund­be­sit­zer, fand aber auch bei ka­tho­li­schen Klein- und Mit­tel­bau­ern be­trächt­li­chen An­hang, weil sie auch de­ren For­de­run­gen re­zi­pier­te und ver­trat.

Der Rhei­ni­sche Bau­ern­ver­ein (Ver­ei­ni­gung des Rhei­ni­schen Bau­ern­ver­eins und des Rhei­ni­schen Land­bun­des) war mit rund 60.000 Mit­glie­dern (1932) die zweit­grö­ß­te Bau­ern­ver­eins­or­ga­ni­sa­ti­on im Deut­schen Reich, mit­glie­der­stär­ker war nur noch der Baye­ri­sche Christ­li­che Bau­ern­ver­ein mit 150.000 Mit­glie­dern. Als na­he­zu ide­al­ty­pi­scher Re­prä­sen­tant der Bau­ern­ver­eins­or­ga­ni­sa­ti­on mach­te von Lü­ninck im land­wirt­schaft­li­chen Or­ga­ni­sa­ti­ons- und Ver­bands­we­sen rasch Kar­rie­re. Am 17.3.1925 wähl­te ihn die Voll­ver­samm­lung der Land­wirt­schafts­kam­mer für die Rhein­pro­vinz, Sitz Bonn, zu ih­rem Vor­sit­zen­den (Prä­si­den­ten). 1929 wur­de er zu­dem Prä­si­dent der Ver­ei­ni­gung des Rhei­ni­schen Bau­ern­ver­eins und des Rhei­ni­schen Land­bun­des, ab 1931 au­ßer­dem des Rhei­ni­schen land­wirt­schaft­li­chen Ge­nos­sen­schafts­ver­bands. Mit sei­nen Äm­tern ein­her gin­gen wei­te­re Man­da­te, so war er Mit­glied des Auf­sichts­rats der Rhei­ni­schen Bau­ern­bank AG, Köln, Mit­glied des Auf­sichts­rats und der Ge­ne­ral­ver­samm­lung der Deut­schen Ren­ten­bank, Ber­lin, Mit­glied der An­stalts­ver­samm­lung der Deut­schen Ren­ten­bank-Kre­dit­an­stalt, Ber­lin, Mit­glied des Deut­schen Land­wirt­schafts­rats und der Preu­ßi­schen Haupt­land­wirt­schafts­kam­mer.

Als Mit­glied der an­ti­re­pu­bli­ka­nisch, an­ti­par­la­men­ta­risch und pro­mon­ar­chis­tisch ori­en­tier­ten DNVP so­wie als Geg­ner des po­li­ti­schen Ka­tho­li­zis­mus stand er in den spä­ten Wei­ma­rer Jah­ren durch­aus im Ge­gen­satz zu den ma­ß­geb­li­chen Krei­sen in Preu­ßen, so dass die Staats­be­hör­den vor­über­ge­hend so­gar an­ge­wie­sen wur­den, den Kon­takt zu ihm auf das Not­wen­digs­te zu be­schrän­ken. 1932 un­ter­stütz­te er die Po­li­tik von Reichs­kanz­ler Franz von Pa­pen (1879–1969), zu dem er of­fen­bar schon zu­vor gu­te ge­sell­schaft­li­che Kon­tak­te hat­te. Zu­gleich ver­spra­chen sich die von Lü­ninck ge­lei­te­ten land­wirt­schaft­li­chen Or­ga­ni­sa­tio­nen von der neu­en Re­gie­rung Hil­fen bei der Durch­set­zung ih­rer For­de­run­gen. Be­reits am 15. Ju­ni - die Re­gie­rung von Pa­pen war kaum zwei Wo­chen im Amt - wand­te sich von Lü­ninck na­mens des Prä­si­di­ums der Ver­ei­ni­gung des Rhei­ni­schen Bau­ern­ver­eins und des Rhei­ni­schen Land­bun­des an den Reichs­kanz­ler mit For­de­run­gen nach durch­grei­fen­den und wirk­sa­men Maß­nah­men zur Wie­der­her­stel­lung der Ren­ta­bi­li­tät ih­rer Be­trie­be. Ziel soll­te sein, ei­ne Stär­kung der Land­wirt­schaft vor al­lem durch Zol­ler­hö­hun­gen, Ein­fuhr­kon­tin­gen­tie­run­gen, Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen und Zinser­leich­te­run­gen zu ge­währ­leis­ten. Ei­ni­ge der For­de­run­gen fan­den Ein­gang in die wei­te­re Sach­be­hand­lung im Rah­men ei­ner Mi­nis­ter­be­spre­chung am 1.7.1932.

Die gu­ten Be­zie­hun­gen zu von Pa­pen und sei­ne Zu­ge­hö­rig­keit zum deutsch­na­tio­na­len Ko­ali­ti­ons­part­ner der Re­gie­rung Hit­ler nutz­ten von Lü­ninck im Früh­jahr 1933 bei ei­nem wei­te­ren be­ruf­li­chen Auf­stieg. So wur­de am 25.3.1933, auch als per­so­nel­le Kon­zes­si­on an die an der Reichs­re­gie­rung noch be­tei­lig­te DNVP, durch den Reichs­kom­mis­sar für das preu­ßi­sche Mi­nis­te­ri­um des In­nern, Her­mann Gö­ring (1893-1946), nach Be­schluss der Kom­mis­sa­re des Reichs für das Land Preu­ßen un­ter Vor­sitz des Reichs­kom­mis­sars (und Stell­ver­tre­ters des Reichs­kanz­lers) von Pa­pen von Lü­ninck kom­mis­sa­risch mit der Ver­wal­tung der Stel­le des Ober­prä­si­den­ten der Rhein­pro­vinz in Ko­blenz be­auf­tragt. Er trat das Amt am 1.4.1933 an, die de­fi­ni­ti­ve Er­nen­nung zum Ober­prä­si­den­ten er­folg­te am 25.6.1933. Die Per­so­na­lie Lü­ninck und sei­ne Er­nen­nung zum rhei­ni­schen Ober­prä­si­den­ten war auch ei­ne „Kom­pro­miss­kan­di­da­tur“ an­ge­sichts der in die Lei­tung der Pro­vin­zen drän­gen­den Gau­lei­ter, de­ren Vier­zahl in der Rhein­pro­vinz schwer­wie­gen­de Rei­bun­gen zur Fol­ge ge­habt hät­te.

Ei­nen Bei­tritt zur NS­DAP hat­te von Lü­ninck zu­vor un­ter Be­ru­fung auf sei­ne bis­lang be­wie­se­ne na­tio­na­le und so­zia­le Ge­sin­nung zu­nächst ab­ge­lehnt, kam aber im Früh­jahr 1933 nicht um­hin, bei­zu­tre­ten. Durch Vi­ze­kanz­ler von Pa­pen kam er mit der von die­sem in­iti­ier­ten Ar­beits­ge­mein­schaft ka­tho­li­scher Deut­scher in Be­rüh­rung, die ei­ne Ver­bes­se­rung des Ver­hält­nis­ses von Kir­che, Staat und NS­DAP an­streb­te. Auch wirk­te er im April und Mai 1933 bei Über­le­gun­gen des Vi­ze­kanz­lers zur Or­ga­ni­sa­ti­on ei­ner be­rufs­stän­di­gen So­zi­al­ord­nung mit. Sei­nem bis­he­ri­gen Wir­kungs­kreis, der Land­wirt­schaft, blieb er einst­wei­len (bis zur Neu­ord­nung der land­wirt­schaft­li­chen Or­ga­ni­sa­tio­nen im Reichs­nähr­stand Mit­te des Jah­res) durch sei­ne Mit­glied­schaft im Prä­si­di­ums der Christ­li­chen Bau­ern­ver­ei­ne ver­bun­den, fer­ner be­klei­de­te er das Amt des Lan­des­lei­ters des Lan­des­ver­bands Mit­tel­rhein des Ver­eins be­zie­hungs­wei­se Volks­bunds für das Deutsch­tum im Aus­land (VDA).

Am 12.10.1933 be­rief der preu­ßi­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Her­mann Gö­ring den Ober­prä­si­den­ten Her­mann von Lü­ninck – wie auch sei­nen Bru­der Fer­di­nand, seit Ju­ni 1933 Ober­prä­si­dent der Pro­vinz West­fa­len − in den Preu­ßi­schen Staats­rat. Lü­ninck war fer­ner Reichs­kom­mis­sar für die Über­ga­be des Saar­ge­biets, ei­ne Funk­ti­on, die dem rhei­ni­schen Ober­prä­si­den­ten seit Mit­te der 1920er Jah­re an­ge­glie­dert war.

Als Ober­prä­si­dent ob­lag ihm die Um­set­zung der zahl­rei­chen 1933 er­folg­ten or­ga­ni­sa­to­ri­schen Ver­än­de­run­gen der Ver­wal­tung in den Pro­vin­zen, die im Ge­setz über die Er­wei­te­rung der Be­fug­nis­se des Ober­prä­si­den­ten vom 15.12.1933 ih­ren Ab­schluss fan­den. Zu­dem gin­gen die Auf­ga­ben und Zu­stän­dig­kei­ten des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses, des Lan­des­haupt­manns (Lan­des­di­rek­tors, Lan­des­di­rek­to­ri­ums), der Pro­vin­zi­al­kom­mis­sio­nen und der Pro­vin­zi­al­kom­mis­sa­re … auf den Ober­prä­si­den­ten über. In sei­ner Per­so­nal­po­li­tik ver­such­te von Lü­ninck, ei­nen Kom­pro­miss zwi­schen fach­li­cher Qua­li­fi­ka­ti­on, kon­fes­sio­nel­ler Aus­ge­wo­gen­heit und po­li­ti­scher Not­wen­dig­keit zu fin­den.

Die Zu­sam­men­ar­beit mit der NS­DAP war durch die Tat­sa­che, dass es auf dem Ge­biet der Rhein­pro­vinz vier Gaue der NS­DAP gab (Es­sen, Düs­sel­dorf, Köln-Aa­chenKo­blenz-Trier), an de­ren Spit­ze alt­ge­dien­te und macht­be­wuss­te Par­tei­ge­nos­sen stan­den − Jo­sef Ter­bo­venFried­rich Karl Flo­ri­anJo­sef GrohéGus­tav Si­mon − kei­ne ein­fa­che und von zahl­rei­chen Kon­flik­ten ge­kenn­zeich­net. Die ex­po­nier­te po­li­ti­sche Stel­lung der Gau­lei­ter führ­te auch da­zu, dass die­se mehr und mehr die ei­gent­li­che kon­sti­tu­ti­ve Stel­lung des Ober­prä­si­den­ten, po­li­ti­scher Ver­trau­ens­mann der Zen­tral­re­gie­rung in der Pro­vinz zu sein, ok­ku­pier­ten. Lü­ninck ließ sich nicht für Be­stre­bun­gen des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ein­span­nen, dem er schon Mit­te 1934 äu­ßerst dis­tan­ziert ge­gen­über­stand und die Tat­sa­che ak­zep­tiert zu ha­ben schien, dass er sein Amt als Ober­prä­si­dent über kurz oder lang ver­lie­ren wer­de. Hin­zu kam ei­ne Brüs­kie­rung durch den neu­en Reichs­be­voll­mäch­tig­ten für Saar-An­ge­le­gen­hei­ten, Gau­lei­ter Jo­sef Bürck­el, der von Hit­ler am 7.8.1934 als Nach­fol­ger des als Ge­sand­ten nach Wien ver­setz­ten Franz von Pa­pen in die­ses Amt be­ru­fen wor­den war. Ober­prä­si­dent von Lü­ninck, dem im­mer­hin noch das Reichs­kom­mis­sa­ri­at für die Über­ga­be des Saar­ge­biets un­ter­stellt war, be­schwer­te sich be­reits am 26. Au­gust ge­gen­über der Reichs­kanz­lei, dass bei der Vor­be­rei­tung ei­ner Saar­treu­e­kund­ge­bung auf dem Eh­ren­breit­stein (Stadt Ko­blenz) al­le re­gio­nal und ört­lich zu­stän­di­gen Be­hör­den nicht be­tei­ligt wur­den. Die Reichs­kanz­lei brach­te die­se Be­schwer­de le­dig­lich dem Stell­ver­tre­ter des Füh­rers und dem Reichs­mi­nis­ter für Volks­auf­klä­rung und Pro­pa­gan­da zur Kennt­nis.

Das Aus­schei­den Lü­nincks aus sei­nem Amt er­folg­te of­fi­zi­ell auf ei­ge­nen An­trag. Wann ge­nau die Ver­set­zung in den einst­wei­li­gen Ru­he­stand er­folg­te, ist nicht ganz ein­deu­tig. Ro­meyk nennt als Da­tum des Er­las­ses den 22.1.1935, aus dem Amt schied Lü­ninck aber erst am 4. März, am 5. März wur­de die­se Tat­sa­che der Öf­fent­lich­keit mit­ge­teilt. Mög­li­cher­wei­se liegt hier ein ge­schick­tes Ti­ming vor, denn im Rhein­land war ge­ra­de Kar­ne­val – der 4. März war Ro­sen­mon­tag. Mit sei­ner Nach­fol­ge wur­de zu­nächst kom­mis­sa­risch der Es­se­ner Gau­lei­ter Jo­sef Ter­bo­ven be­auf­tragt, der dann bis 1945 in die­sem Amt blieb. Im Ge­gen­satz zu des­sen Er­nen­nung fin­det sich das Aus­schei­den Lü­nincks im Mi­nis­te­ri­al­blatt der preu­ßi­schen in­ne­ren Ver­wal­tung nicht er­wähnt. Mi­nis­ter­prä­si­dent Gö­ring schrieb an Lü­ninck „fol­gen­des An­er­ken­nungs­schrei­ben“ (ver­öf­fent­licht un­ter an­de­rem in: Rhei­ni­sche Lan­des­zei­tung Kre­feld, 5.3.1935): „Ih­re Ver­set­zung in den einst­wei­li­gen Ru­he­stand, die ich auf Ih­ren An­trag durch die bei­lie­gen­de Ur­kun­de voll­zo­gen ha­be, gibt mir An­laß, dank­bar die Diens­te an­zu­er­ken­nen, die Sie als Ober­prä­si­dent der Rhein­pro­vinz ge­leis­tet ha­ben. […] Es war kei­ne leich­te Auf­ga­be, die Sie über­nom­men ha­ben, als ich Sie in der ers­ten Zeit des Auf­bau­es an die Spit­ze der Rhein­pro­vinz stell­te. Dank Ih­rer her­vor­ra­gen­den Kennt­nis­se in Wirt­schaft und Ver­wal­tung ist es Ih­nen je­doch ge­lun­gen, den Ih­nen ge­stell­ten Auf­ga­ben in vol­lem Um­fang ge­recht zu wer­den und die Ge­schi­cke der Ih­nen an­ver­trau­ten Pro­vinz ziel­si­cher und mit bes­tem Er­fol­ge zu len­ken. Ih­nen da­für den Dank der preu­ßi­schen Staats­re­gie­rung aus­zu­spre­chen, ist mir ein auf­rich­ti­ges Be­dürf­nis. Für die Zu­kunft be­glei­ten Sie mei­ne auf­rich­ti­gen gu­ten Wün­sche.“

Ei­nen ganz an­de­ren Ton schlug Gö­ring in ei­nem Schrei­ben vom 2.6.1937 an, durch das er Lü­ninck aus dem Staats­rat ent­ließ – ei­ne sei­ner­zeit au­ßer­ge­wöhn­li­che und äu­ßerst sel­ten aus­ge­spro­che­ne Maß­nah­me. Äu­ßer­li­cher An­lass war der Aus­tritt aus der NS­DAP, den Lü­ninck frü­her im Jahr voll­zo­gen hat­te; tat­säch­lich ging es aber um des­sen ka­tho­li­sche Welt­an­schau­ung: Die­se sei nach den Wor­ten Gö­rings „um so be­denk­li­cher, da ge­ra­de die Be­völ­ke­rung Ih­res Wohn­or­tes frü­her be­son­ders zent­rüm­lich ein­ge­stellt war und auch heu­te noch durch die un­ver­schäm­te Pfaf­fen­het­ze sich ge­gen den Staat ein­stellt. [...] Al­lein schon die Bin­dung nach Rom, die Ge­hor­sams­pflicht ei­nem Man­ne ge­gen­über, der ei­ner frem­den Na­ti­on an­ge­hört, gibt un­ge­heu­re Ge­fah­ren­mo­men­te. Es ist mir per­sön­lich un­be­greif­lich, wes­halb man nicht längst schon die ho­he Kle­ris­ei, die dau­ernd nach Rom fährt und dort in un­ver­schäm­ter Wei­se ge­gen [Ber­lin] hetzt, we­gen Hoch- und Lan­des­ver­rat vor das Volks­ge­richt ge­stellt hat.“[1]

Der an­schlie­ßend wie­der als Guts­be­sit­zer im Ober­ber­gi­schen tä­ti­ge Lü­ninck wur­de wäh­rend des Krie­ges in den Be­spre­chun­gen der Ver­schwö­rer um Carl Go­er­de­ler (1884-1945) als künf­ti­ger Reich­ser­näh­rungs­mi­nis­ter vor­ge­schla­gen, stieß je­doch we­gen sei­ner rechts­kon­ser­va­ti­ven Ver­gan­gen­heit auf Be­den­ken der Ge­werk­schafts­ver­tre­ter. Im Au­gust 1944 nahm die Ge­sta­po von Lü­ninck fest, als er sei­nen Bru­der Fer­di­nand in der Un­ter­su­chungs­haft be­such­te. Die An­kla­ge vor dem Volks­ge­richts­hof wur­de am 18. Ja­nu­ar er­ho­ben, das Ver­fah­ren ge­gen ihn je­doch ab­ge­trennt und ver­tagt, weil er sich mit dem Ein­wand ver­tei­dig­te, sei­ne Aus­sa­gen vor der Po­li­zei sei­en durch An­dro­hung der Ver­haf­tung sei­ner Fa­mi­lie er­zwun­gen wor­den, und das Ge­richt die­sen Ein­wand durch Ver­neh­mung des Po­li­zei­be­am­ten über­prü­fen woll­te. Das Ver­fah­ren wur­de schlie­ß­lich ein­ge­stellt, Lü­ninck am 22.4.1945 aus dem Ber­li­ner Ge­fäng­nis in der Lehr­ter Stra­ße ent­las­sen.

In der Nach­kriegs­zeit ver­such­te von Lü­ninck, der wei­ter­hin auf sei­nem ober­ber­gi­schen Gut Als­bach leb­te, ein po­li­ti­sches Come­back bei der Deut­schen Kon­ser­va­ti­ven Par­tei – Deut­schen Rechts­par­tei (DKP-DRP). Die­se Par­tei war ein Zu­sam­men­schluss di­ver­ser rechts­ra­di­ka­ler und kon­ser­va­ti­ver Grup­pie­run­gen, die un­ter an­de­rem ver­su­chen woll­te, die 1933 un­ter­ge­gan­ge­ne DNVP in der bri­ti­schen Zo­ne zu re­or­ga­ni­sie­ren. Er­folg war die­ser Par­tei nicht be­schie­den, auch nicht der Kan­di­da­tur Lü­nincks für den Bun­des­tag 1949 auf der Lan­des­lis­te Nord­rhein-West­fa­len.

Sei­ne letz­ten Le­bens­jah­re ver­brach­te von Lü­ninck auf sei­nem Gut und trat öf­fent­lich nicht mehr her­vor, ab­ge­se­hen von sei­nem Vor­sitz im Gar­de-Schüt­zen-Bund, ei­ner Ver­ei­ni­gung ehe­ma­li­ger An­ge­hö­ri­ger des preu­ßi­schen Gar­de-Schüt­zen-Ba­tail­lons, der Ein­heit, mit der er am Ers­ten Welt­krieg teil­ge­nom­men hat­te. Zu sei­nen nä­he­ren Be­kann­ten ge­hör­te wei­ter­hin der vor­ma­li­ge Reichs­kanz­ler Franz von Pa­pen. Von Lü­ninck starb am 16.5.1975 in En­gels­kir­chen.

Nachlass

Lan­des­haupt­ar­chiv Ko­blenz Best. 700, 041

Werke

Für Wahr­heit, Frei­heit und Recht! Aus­wahl von Vor­trä­gen und Denk­schrif­ten, 1973.

Quellen

Ak­ten der Reichs­kanz­lei, Wei­ma­rer Re­pu­blik: Das Ka­bi­nett von Pa­pen, be­arb. v. Karl-Heinz Mi­nuth, Bop­pard 1989.
Ak­ten der Reichs­kanz­lei, Re­gie­rung Hit­ler: Teil 1: 1933/34, be­arb. v. Karl-Heinz Mi­nuth, Bop­pard 1983.
Ak­ten der Reichs­kanz­lei, Re­gie­rung Hit­ler: Band 2: 1934/35, be­arb. v. Fried­rich Hart­manns­gru­ber, Mün­chen 1999.
Mi­nis­te­ri­al­blatt für die preu­ßi­sche in­ne­re Ver­wal­tung 1922, 1933 (MBliV).

Literatur

Hür­ten, Heinz, Lü­ninck, Her­mann Frei­herr, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 15 (1987), S. 470-471.  
Ja­cob­sen, Hans-Adolf (Hg.), "Spie­gel­bild ei­ner Ver­schwö­rung". Die Op­po­si­ti­on ge­gen Hit­ler und der Staats­streich vom 20. Ju­li 1944 in der SD-Be­richt­er­stat­tung. Ge­hei­me Do­ku­men­te aus dem ehe­ma­li­gen Reichs­si­cher­heits­haupt­amt, 2 Bän­de, Stutt­gart 1989. 
Lil­la, Joa­chim, Der Preu­ßi­sche Staats­rat 1921–1933. Ein bio­gra­phi­sches Hand­buch. Mit ei­ner Do­ku­men­ta­ti­on der im „Drit­ten Reich“ be­ru­fe­nen Staats­rä­te, Düs­sel­dorf 2005.
Ro­meyk, Horst, Die lei­ten­den staat­li­chen und kom­mu­na­len Ver­wal­tungs­be­am­ten der Rhein­pro­vinz 1816–1945, Düs­sel­dorf 1994, S. 618. 
Ro­meyk, Horst, Ver­wal­tungs- und Be­hör­den­ge­schich­te der Rhein­pro­vinz, Düs­sel­dorf 1985. 
Schu­ma­cher, Mar­tin (Hg.), M.d.B. Volks­ver­tre­tung im Wie­der­auf­bau 1946–1961. Bun­des­tags­kan­di­da­ten und Mit­glie­der der west­zo­na­len Vor­par­la­men­te. Ei­ne bio­gra­phi­sche Do­ku­men­ta­ti­on, Düs­sel­dorf 2000, S. 256. 
Stöss, Rein­hard (Hg.), Par­tei­en-Hand­buch. Die Par­tei­en der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Son­der­aus­ga­be, Band 2: CSU bis DSU, Op­la­den 1986. 
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Anmerkungen
  • 1: Lilla, Staatsrat, S. 35*.
Zitationshinweis

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Lilla, Joachim, Hermann Freiherr von Lüninck, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hermann-freiherr-von-lueninck/DE-2086/lido/5f574ebd0a19c6.83264846 (abgerufen am 19.09.2020)