Otto Löwenstein

Psychiater und Pupillograph (1889–1965)

Ralf Forsbach (Siegburg)

Otto Löwenstein, Porträtfoto. (Universitaets- und Landesbibliothek Bonn)

Ot­to Lö­wen­stein war ein Weg­be­rei­ter der Kin­der- und Ju­gend­psych­ia­trie. In Bonn grün­de­te er ei­ne ent­spre­chen­de An­stalt. Nach sei­ner Ver­trei­bung durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ar­bei­te­te er zu­nächst in Nyon, dann in New York. Bonn, wo man ihm nach 1945 ver­gleichs­wei­se schnell gro­ßen Re­spekt be­kun­de­te, be­such­te er in den zwei Jahr­zehn­ten bis zu sei­nem Tod mehr­fach zu Vor­trä­gen und Eh­run­gen.

Ot­to Lö­wen­stein kam am 7.5.1889 in Os­na­brück als drit­tes von fünf Kin­dern in der Fa­mi­lie des Kauf­manns Ju­li­us Lö­wen­stein (1852–1939) und sei­ner Frau Hen­ri­et­te, ge­bo­re­ne Gru­ne­wald (1856–1933) zur Welt. Er be­such­te hö­he­re Schu­len in Wit­ten, Mag­de­burg und zu­letzt in Min­den, wo er 1908 das Ab­itur be­stand.

Der als ru­hig und nach­denk­lich be­schrie­be­ne Ot­to ent­schloss sich im Al­ter von 20 Jah­ren zur Kon­ver­si­on vom Ju­den­tum zum Pro­tes­tan­tis­mus. Sei­ner Nei­gung ent­spre­chend stu­dier­te er in Göt­tin­gen und Bonn zu­nächst Phi­lo­so­phie und Ma­the­ma­tik. Dann wech­sel­te er zur Me­di­zin, nicht oh­ne die ge­won­ne­nen phi­lo­so­phi­schen Er­kennt­nis­se ins­be­son­de­re zur Kri­tik der Ver­nunft in sein Den­ken über die See­le des Men­schen ein­flie­ßen zu las­sen. Zu sei­nen Leh­rern zähl­ten Ben­no Erd­mann (1851–1921) und Erich Be­cher (1882–1929).

Nach der ärzt­li­chen Staats­prü­fung in Bonn am 20.3.1913 be­gann er am 28.3.1913 sei­ne Zeit als Me­di­zi­nal­prak­ti­kant in der Pro­vin­zi­al-Heil- und Pfle­ge­an­stalt Bonn. Gleich­zei­tig ar­bei­te­te er an sei­ner Dok­tor­ar­beit „Die Zu­rech­nungs­fä­hig­keit der Hal­lu­zi­nan­ten nach psy­cho­lo­gi­schen Prin­zi­pi­en be­ur­teil­t“ mit der er ein Jahr spä­ter bei Alex­an­der West­phahl (1863–1941) pro­mo­viert wur­de.

Sei­nem Fach­ge­biet konn­te Lö­wen­stein auch im Ers­ten Welt­krieg treu blei­ben, als er Ers­ter Gar­ni­sons­arzt in ei­ner Mi­li­tär­ner­ven­sta­ti­on in Metz wur­de. 1918 nach Bonn zu­rück­ge­kehrt, er­hielt er 1919 ei­ne An­stel­lung als An­stalts­arzt. Be­reits 1920 stieg er zum Ober­arzt auf und wur­de zu­gleich Do­zent für Psych­ia­trie an der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Bonn.

Im sel­ben Jahr 1920 hei­ra­te­te Lö­wen­stein im Stan­des­amt Gar­misch sei­ne Cou­si­ne Mar­ta Gru­ne­wald (1889–1965). Sie war Zoo­lo­gin und ge­hör­te zu den ers­ten pro­mo­vier­ten Frau­en in Deutsch­land. Aus der Ehe gin­gen zwei Töch­ter her­vor, An­ne (ge­bo­ren 1922), ver­hei­ra­te­te Perls, und Ma­rie­li (ge­bo­ren 1926), ver­hei­ra­te­te Ro­we.

1923 folg­te Lö­wen­steins Er­nen­nung zum nicht­be­am­te­ten au­ßer­or­dent­li­chen Pro­fes­sor. 1926 wur­de er un­ter Bei­be­hal­tung sei­ner bis­he­ri­gen Po­si­tio­nen lei­ten­der Arzt in der neu ge­grün­de­ten Pro­vin­zi­al-Kin­der­an­stalt für see­lisch Ab­nor­me. Die­se Grün­dung ging ma­ß­geb­lich auf sei­ne In­itia­ti­ve zu­rück. Die Bon­ner Pro­vin­zi­al-Kin­der­an­stalt war die ers­te ei­gen­stän­di­ge kin­der- und ju­gend­psych­ia­tri­sche An­stalt in Deutsch­land, in die­ser Form wohl so­gar welt­weit.

Lö­wen­stein un­ter­teil­te sie in von ihm so ge­nann­te La­bo­ra­to­ri­en, in de­nen un­ter­schied­li­che Me­tho­den an­ge­wandt und mit­ein­an­der in Ver­bin­dung ge­bracht wur­den. Lö­wen­steins Psy­cho­lo­gie be­nö­tig­te ein che­mi­sches La­bor zur Un­ter­su­chung von Blut und Li­quor eben­so wie Be­rei­che, wo die geis­ti­gen Fä­hig­kei­ten durch Tes­te er­mit­telt wur­den und an­de­re Räu­me, in de­nen Pa­ti­en­ten ge­zielt be­ob­ach­tet wur­den. So wur­de in den Schlaf­sä­len ge­filmt und ein phy­sio­lo­gisch-op­ti­sches La­bo­ra­to­ri­um war un­ter an­de­rem mit ei­nem Pu­pil­lo­gra­phen zur Be­ob­ach­tung der Au­gen­be­we­gun­gen aus­ge­stat­tet. Um en­do­ge­ne und exo­ge­ne Krank­heits­bil­der zu be­stim­men und die Fol­gen für ei­ne The­ra­pie zu er­mes­sen, grün­de­te Lö­wen­stein zu­dem ein Erb­bio­lo­gi­sches In­sti­tut. Be­ab­sich­tigt war, Hun­dert­tau­sen­de von in­di­vi­du­el­len Krank­heits­bil­dern aus dem Rhein­land zu er­fas­sen. Ganz im Ge­gen­satz zu Lö­wen­steins In­ten­tio­nen wur­de das In­sti­tut mit sei­nen Da­ten in der NS-Zeit für „ras­sen­hy­gie­ni­sche“ Zwe­cke miss­braucht.

Über je­ne Jah­re vor 1933 schrieb Ot­to Lö­wen­steins Tan­te und Schwie­ger­mut­ter Ju­lie Gru­ne­wald, ge­bo­re­ne Ru­ben­sohn (1864–1966) in ih­ren Er­in­ne­run­gen, die sie im Al­ter von 90 Jah­ren ver­fasst hat. Da­nach hät­ten „Mar­ta und Ot­to“ in ei­ner „sehr ei­gen­ar­ti­ge[n] Woh­nung in Grau-Rhein­dor­f“ ge­wohnt, von der Ot­to mit dem Au­to je­den Mor­gen zur An­stalt ge­fah­ren sei.

Die Grün­dung der Kin­der­an­stalt mach­te Lö­wen­stein nicht nur Freun­de. Denn die Kin­der­an­stalt nutz­te das Haus Kai­ser-Karl-Ring 22, wo zu­vor ein Hirn­ver­letz­ten-In­sti­tut ins­be­son­de­re für im Ers­ten Welt­krieg ver­letz­te Sol­da­ten un­ter­ge­bracht war. Die­ses In­sti­tut wur­de we­gen Miss­stän­den und Un­ter­be­le­gung nach Düs­sel­dorf ver­legt, für in­ Bonn ver­blei­ben­de Pa­ti­en­ten wur­de im Mal­te­ser-Kran­ken­haus ei­ne Be­le­g­ab­tei­lung ge­schaf­fen, die von Lö­wen­stein be­treut wur­de. Lö­wen­stein er­füll­te nun­mehr das Feind­bild der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten. Ih­nen galt er trotz Kon­ver­si­on als Ju­de, zu­dem als Ver­trei­ber ver­dien­ter Sol­da­ten – ob­wohl Lö­wen­stein selbst zu die­sen ge­hört hat­te. Hin­zu kam sei­ne Ori­en­tie­rung an ei­ner Psy­cho­lo­gie, die als sol­che schon als un­deutsch und jü­disch an­ge­se­hen wur­de.

1931 ver­schärf­te sich die Si­tua­ti­on wei­ter. Lö­wen­stein über­nahm die Stif­tungs­pro­fes­sur der Rhei­ni­schen Pro­vin­zi­al­an­stalt für Pa­tho­psy­cho­lo­gie. Die Her­aus­lö­sung die­ser Fach­rich­tung aus der Kli­ni­schen Psych­ia­trie war höchst um­strit­ten, in Deutsch­land bis da­hin ein­ma­lig und hat­te bei der Mehr­heit der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät kei­ne Zu­stim­mung er­fah­ren. So stand schon da­mals fest, dass Lö­wen­steins Stel­lung in der Fa­kul­tät kei­ne star­ke war. Im sel­ben Jahr be­gann die of­fen­si­ve Pro­pa­gan­da der NS­DAP ge­gen Lö­wen­stein. Im „West­deut­schen Be­ob­ach­ter“ er­schien un­ter der iro­ni­schen Über­schrift, er sei „ei­ne Zier­de der Uni­ver­si­tät“, ein Hetz­ar­ti­kel ge­gen ihn.

Hin­ter die­sem Hetz­ar­ti­kel stand Pro­fes­sor Wal­ter Pop­pel­reu­ter (1886-1939). Er war der Lei­ter des nach Düs­sel­dorf ver­leg­ten Hirn­ver­letz­ten-In­sti­tuts, woll­te sich aber nicht aus Bonn ver­drän­gen las­sen. Er hielt en­gen Kon­takt zum Vor­sit­zen­den des Ver­ban­des der West­deut­schen Hirn­ver­letz­ten Jo­sef Braun, der laut­stark ge­gen den Um­zug des al­ten Hirn­ver­letz­ten-In­sti­tuts nach Düs­sel­dorf pro­tes­tier­te und für die Rück­ga­be des nun von Lö­wen­steins Kin­der­an­stalt ge­nutz­ten Ge­bäu­des am Kai­ser-Karl-Ring 22 focht. Von Sei­ten Brauns und Pop­pel­reu­ters pras­sel­te noch vor 1933 ei­ne Rei­he von Vor­wür­fen auf Lö­wen­stein, die von kom­mu­nis­ti­scher Pro­pa­gan­da über die Er­schlei­chung der pa­tho­psy­cho­lo­gi­schen Pro­fes­sur bis hin zu Un­ter­schla­gun­gen reich­ten.

 Mit Un­ter­stüt­zung von Lö­wen­steins äl­tes­tem Mit­ar­bei­ter und Oberas­sis­ten­ten am Erb­bio­lo­gi­schen In­sti­tut Wil­helm Karl Prinz von Isen­burg (1903–1956), der zu­vor wie­der­holt Lö­wen­steins Für­spra­che er­fah­ren hat­te, wur­den die Vor­wür­fe nach der Macht­über­tra­gung an die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten noch ver­schärft. Am 8.3.1933 er­folg­te der of­fe­ne An­griff, den Lö­wen­stein 1946 an­schau­lich schil­der­te. Dem­nach hat­ten 100 SS-Leu­te – neue­re For­schun­gen ge­hen von 80 SA-Leu­ten aus – un­ter Füh­rung Pop­pel­reu­ters den Auf­trag, Lö­wen­stein „in Ket­ten durch die Stadt zu fu­eh­ren“. Da sie ihn aber „nicht vor­fan­den, hiss­ten sie die Ha­ken­kreuz­fah­ne auf den In­sti­tuts­ge­bäu­de­n“, er­klär­ten Lö­wen­stein „für ab­ge­setz­t“ und „miss­han­del­ten ei­ni­ge […] As­sis­ten­ten“. Lö­wen­stein selbst ver­lor wich­ti­ge von ihm selbst ge­fer­tig­te me­di­zi­ni­sche In­stru­men­te so­wie meh­re­re Ma­nu­skrip­te. Der nächs­te re­gu­lä­re Nach­fol­ger, Aloys Schmitz (1899-1973), fand spä­ter nur noch, wie es in ei­ner Quel­le hei­ßt, ei­nen „Schrott­hau­fen“ vor.

Lö­wen­stein war vor­ge­warnt ge­we­sen, er­hielt bei den Be­hör­den – zu­stän­dig war der Düs­sel­dor­fer Lan­des­haupt­mann – aber kei­ne Un­ter­stüt­zung. Am 10.3.1933 floh er zu­nächst ins Saar­ge­biet zu ei­nem be­freun­de­ten Pfar­rer na­mens Al­le­welt. Zwi­schen­zeit­lich war ein so­ge­nann­ter „Schutz­haft­be­fehl“ ge­gen ihn er­las­sen und sei­ne Woh­nung durch­sucht wor­den.

Be­mer­kens­wer­ter­wei­se stell­te sich am 10.3.1933 der Uni­ver­si­täts­ku­ra­tor Al­fons Pro­s­ke (1881–1950) als Lei­ter der Uni­ver­si­täts­ver­wal­tung auf die Sei­te Lö­wen­steins und un­ter­stütz­te des­sen Wunsch nach dis­zi­pli­nar­recht­li­chen Un­ter­su­chun­gen ge­gen sich selbst. Die­sen kam an­ge­sichts der fak­ti­schen Ver­trei­bung Lö­wen­steins aber kei­ne Be­deu­tung mehr zu. Sei­ne un­ter der Orts­an­ga­be „z.Zt. auf Rei­sen“ an Ku­ra­tor und Ober­prä­si­dent am 27. März ge­sand­te Bit­te um Hil­fe an­ge­sichts der „vor­ge­brach­ten Ge­häs­sig­kei­ten“ blieb fol­gen­los.

Auch nach sei­ner Ver­trei­bung blieb Lö­wen­stein Op­fer von Ver­leum­dun­gen, die zum Teil wei­ter­hin mit den Rich­tungs­kämp­fen in­ner­halb der In­ter­es­sen­ver­tre­tun­gen „hirn­ver­letz­ter Krie­ger“ in Ver­bin­dung stan­den. Des­sen von Pop­pel­reu­ter und Braun do­mi­nier­ter rhei­ni­scher Lan­des­ver­band er­reg­te noch En­de März 1933 den Zorn des Reichs­ver­bands. Der Reichs­ver­band fand so­gar den Mut, in ei­nem Schrei­ben an den Bon­ner Ober­bür­ger­meis­ter sei­ne Stim­me für Lö­wen­stein zu er­he­ben: „Wir ver­lan­gen da­her die so­for­ti­ge Auf­he­bung des Schutz­haft­be­fehls, weil er un­be­rech­tigt ist, weil Prof. Dr. Lö­wen­stein po­li­ti­sche Ge­sichts­punk­te stets ab­ge­lehnt hat, und weil wir un­se­ren Arzt brau­chen, der uns selbst­los hilft.“

Auch die noch nicht voll­stän­dig von der NS­DAP kon­trol­lier­te Jus­tiz stell­te ein Ver­fah­ren ein und äu­ßer­te sich zu Guns­ten Lö­wen­steins. Der „Ver­dacht, Prof. Lö­wen­stein ha­be Gel­der, die ihm von der Not­ge­mein­schaft der Deut­schen Wis­sen­schaft zur Ver­fü­gung ge­stellt wur­den, ver­un­treu­t“, ha­be sich „nicht be­stä­tig­t“.

An ei­ne Rück­kehr Lö­wen­steins, der sich zwi­schen­zeit­lich in der Schweiz nie­der­ge­las­sen hat­te, in das Deut­sche Reich war je­doch nicht mehr zu den­ken. Lan­des­haupt­man­n Heinz Haa­ke, der Lö­wen­stein ge­gen den ­Un­ter­schla­gungs­vor­wurf Isen­burgs und Pop­pel­reu­ters in Schutz ge­nom­men hat­te, lud ihn zwar nach Düs­sel­dorf ein, doch fand sich auf dem ent­spre­chen­den Schrei­ben von un­be­kann­ter Hand ei­ne War­nung: „Kom­men Sie nicht; die auf­ge­reg­te Men­schen­men­ge, die ih­re Ver­haf­tung for­dert[,] steht schon be­reit“. Ge­mäß dem „Ge­set­zes zur Wie­der­her­stel­lung des Be­rufs­be­am­ten­tums“ war Lö­wen­stein zum 1.3.1933 von Lan­des­haupt­mann Haa­ke in den Ru­he­stand ver­setzt wor­den; in sei­ner Uni­ver­si­täts­funk­ti­on ge­schah dies of­fi­zi­ell am 14.9.1933. Lö­wen­stein fand kei­ner­lei Ent­ge­gen­kom­men mehr. Als er 1939 um ei­ne Pro­mo­ti­ons­be­schei­ni­gung nach­such­te, ver­wies ihn De­kan Fried­rich Tie­mann (1899-1982) an Ver­tre­tun­gen des Deut­schen Reichs in den USA.

Bis 1939 wirk­te Lö­wen­stein als neu­ro­lo­gisch-psych­ia­tri­scher Con­sila­ri­us in ei­nem pri­va­ten Sa­na­to­ri­um in Nyon am Gen­fer See. Hier grün­de­te er wie­der­um ei­ne klei­ne Kin­der­kli­nik, in dem ein na­he­zu op­ti­ma­les Be­treu­ungs­ver­hält­nis mög­lich war. Zu­dem kauf­te er sich neue Ap­pa­ra­te zur Un­ter­su­chung von Pu­pil­len, ein For­schungs­ge­biet, das ihn spä­ter zu gro­ßem Ruhm füh­ren soll­te. Mit nach Nyon war von Bonn aus nicht nur sei­ne Fa­mi­lie, son­dern auch ein treu­er Tech­ni­ker na­mens Dries­sen ge­kom­men. Er un­ter­stütz­te ihn in der Pu­pil­lop­graphie. Lö­wen­steins For­schungs­in­ter­es­se war es un­ter an­de­rem zu un­ter­su­chen, wie sich Emo­ti­on, auch Mü­dig­keit und lan­ge Wach­heit in den Pu­pil­len spie­gelt. Er ent­wi­ckel­te Spe­zi­al­ge­rä­te zur Pu­pil­len­be­ob­ach­tung, ein ers­tes schon 1925 in Bonn. Hö­he­punkt war 1957 der elek­tro­ni­sche Pu­pil­lo­graph, der Frucht der Zu­sam­men­ar­beit mit sei­ner Mit­ar­bei­te­rin Ire­ne Loewen­feld (1922–2009) war.

Die Fa­mi­lie fühl­te sich an­ge­sichts der ag­gres­si­ven Au­ßen­po­li­tik Hit­lers auch in der Schweiz nicht si­cher. Ei­ne Vor­trags­rei­se, die ihn un­ter an­de­rem nach Mon­tre­al und New York führ­te, ließ in Lö­wen­stein den Ge­dan­ken rei­fen, ganz nach Ame­ri­ka über­zu­sie­deln. 1938/1939 folg­te er ei­nem Ruf an die New York Uni­ver­si­ty. Die­ser Ent­schluss war mit neu­en Auf­ga­ben ver­bun­den. Lö­wen­stein muss­te sein Eng­lisch ver­bes­sern und die in den USA er­for­der­li­chen Staats­ex­ami­na nach­ho­len, um als Arzt tä­tig zu sein. 1947 wech­sel­te er an die Co­lum­bia Uni­ver­si­ty, wo er bis sich zu sei­nem Le­bens­en­de in dem von ihm be­grün­de­ten La­bo­ra­to­ry of Pup­pil­lo­gra­phy ganz sei­nem Lieb­lings­ge­biet wid­men konn­te.

Mit der er­wähn­ten Ire­ne Loewen­feld fand er ei­ne kon­ge­nia­le For­sche­rin, die nach sei­nem Tod 1965 Lö­wen­steins Werk voll­ende­te. Er hat­te die 19-jäh­ri­ge Ire­ne im Ju­ni 1940 als Tech­ni­ke­rin an­ge­stellt. Sie hat­te ein ähn­li­ches Schick­sal wie Lö­wen­stein hin­ter sich. Sie stamm­te aus ei­ner jü­di­schen Ju­ris­ten­fa­mi­lie. Der Va­ter war So­zi­al­de­mo­krat und Na­zi­geg­ner und floh 1933 nach Zü­rich, wo­hin ihm sei­ne Fa­mi­lie ein Jahr spä­ter folg­te. Nach vier Jah­ren in der Schweiz ent­schlos­sen sich auch die Loewen­felds, in die USA aus­zu­wan­dern. Ire­ne stu­dier­te dann bei Lö­wen­stein und wur­de nach 1945 ex­tern an der Bon­ner Uni­ver­si­tät pro­mo­viert.

Ire­ne Loewen­feld ver­öf­fent­lich­te aus ei­nem 3.000-sei­ti­gen Ma­nu­skript Lö­wen­steins 1993 zwei dick­lei­bi­ge Bän­de, die Lö­wen­steins pu­pil­lo­gra­phi­sche For­schung zu­sam­men­fas­sen und heu­te für Oph­tal­mo­lo­gen ein Stan­dard­werk dar­stel­len.

In Deutsch­land be­auf­trag­te Lö­wen­stein sei­nen Schwa­ger Au­gust Wim­mer (1899-1988) mit der Ver­tre­tung sei­ner In­ter­es­sen. Schon kurz nach sei­ner Flucht hat­te Lö­wen­stein aus der Schweiz ver­geb­lich auf die Wei­ter­zah­lung ihm zu­ste­hen­der Gel­der ge­drängt und ei­nen um­fang­rei­chen Schrift­ver­kehr der in Deutsch­land für Lö­wen­stein zu­stän­di­gen Be­hör­den aus­ge­löst. Nach dem En­de des NS-Re­gimes in­ten­si­vier­te sich auch der Kon­takt zu Me­di­zi­ni­scher Fa­kul­tät und Uni­ver­si­tät Bonn. Die­se nahm Lö­wen­stein wie­der in das Vor­le­sungs­ver­zeich­nis auf, nach­dem De­kan Erich von Red­witz (1883-1964) un­miss­ver­ständ­lich zu Lö­wen­steins Re­ha­bi­li­tie­rung ge­ra­ten hat­te. 1948 woll­te Kul­tus­mi­nis­te­rin Chris­ti­ne Teusch Lö­wen­stein „den Lehr­stuhl wie­der ­ver­lei­hen“, doch lehn­te der Ver­trie­be­ne ab. So blieb es „bei der Ent­bin­dung vom Am­te“, nun aber „un­ter Zu­er­ken­nung der Eme­ri­ten­be­zü­ge“. Im sel­ben Jahr hielt Lö­wen­stein zwei Gast­vor­trä­ge in der Uni­ver­si­tät, 1951 ei­nen wei­te­ren. 1954 zahl­te ihm der Land­schafts­ver­band Rhein­land in ei­nem Ver­gleich 200.000 DM. Und doch dau­er­te es bis 1957, bis Lö­wen­stein sei­nen – feh­ler­haf­ten – „Wie­der­gut­ma­chungs­be­schei­d“ er­hielt. 1964 war es die Phi­lo­so­phi­sche Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Bonn, die Lö­wen­stein auf­grund sei­ner For­schun­gen im Grenz­be­reich von Psych­ia­trie und Psy­cho­lo­gie die Eh­ren­dok­tor­wür­de ver­lieh. Lö­wen­steins Bonn-Rei­se von 1964 mar­kiert gleich­sam sei­ne öf­fent­li­che Re­ha­bi­li­ta­ti­on. Aus die­sem An­lass wur­de in der Bon­ner Kin­der- und Ju­gend­psych­ia­trie der Rhei­ni­schen Lan­des­kli­nik Bonn ei­ne Bron­ze­büs­te von ihm ent­hüllt. Vier Mo­na­te nach sei­nem Bonn-Be­such starb Lö­wen­stein am 25.3.1965 in New York.

1993 wur­de der Neu­bau der Bon­ner Kin­der- und Ju­gend­psych­ia­trie un­ter dem Na­men „Ot­to-Lö­wen­stein-Haus“ ein­ge­weiht. 2000 fand Lö­wen­stein noch­mals öf­fent­li­ches In­ter­es­se, als ei­ne Teil­bio­gra­phie, ver­fasst von An­net­te Wai­bel, im Schat­ten sei­ner Büs­te vor­ge­stellt wur­de.

Quellen

Uni­ver­si­täts­ar­chiv Bonn, Per­so­nal­ak­te Lö­wen­stein.

Pri­vat­be­sitz Rai­mund Wim­mer.

Literatur

Fors­bach, Ralf, Die Me­di­zi­ni­sche ­Fa­kul­tät ­der Uni­ver­si­tät Bonn, Mün­chen 2006.

Loewen­feld, Ire­ne, The Pu­pil, Phy­sio­lo­gy and Cli­ni­cal Ap­p­li­ca­ti­ons, Ames/Io­wa 1993.

Orth, Lin­da, Die Trans­port­kin­der aus Bonn. „Kin­de­reutha­na­sie“, Köln/Bonn 1989.

Orth, Lin­da, Wal­ter Pop­pel­reu­ter, in: Der Ner­ven­arzt 75 (2004), S. 610.

Pe­ters, Leo (Hg.), Ei­ne jü­di­sche Kind­heit am Nie­der­rhein. Die Er­in­ne­run­gen des Ju­li­us Gru­ne­wald (1860 bis 1929), Köln/Wei­mar/Wien 2009.

Wai­bel, An­net­te, Die An­fän­ge der Kin­der- und Ju­gend­psych­ia­trie in Bonn. Ot­to ­Lö­wen­stein und die Pro­vin­zi­al-Kin­der­an­stalt 1926–1933, Köln/Bonn 2000.

 
Zitationshinweis

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Forsbach, Ralf, Otto Löwenstein, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/otto-loewenstein/DE-2086/lido/57c942b85ceb60.44383422 (16.11.2018)