Die Anfänge der Bundesrepublik Deutschland in der provisorischen Hauptstadt Bonn 1949/1950

Helmut Vogt (Bonn)

Parlamentarischer Rat 1948: Wegweiser zur Tagungsstätte und den Quartieren. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

1. Einleitung

Am 10.5.1949 ent­schied sich der Par­la­men­ta­ri­sche Rat mit knap­per Mehr­heit für Bonn als vor­läu­fi­gen Sitz des neu­en west­deut­schen Staa­tes. Drei Mo­na­te ­spä­ter soll­ten die ers­ten Bun­des­tags­wah­len statt­fin­den, in der zwei­ten Sep­tem­ber­wo­che die 402 frisch­ge­ba­cke­nen Par­la­men­ta­ri­er und die Bun­des­rats­ver­tre­ter an­rü­cken. Bun­des­ver­samm­lung, Kanz­ler­wahl, Re­gie­rungs­bil­dung und Ar­beits­auf­nah­me der Mi­nis­te­ri­en wa­ren die nächs­ten Schrit­te. Es blie­ben al­so gan­ze vier Mo­na­te, um in der klei­nen Uni­ver­si­täts­stadt am Rhein die Vor­aus­set­zun­gen zu schaf­fen. Zum Ver­gleich: Seit dem Ver­le­gungs­be­schluss von 1991 ver­gin­gen mehr als sie­ben Jah­re, be­vor die ers­ten Um­zü­ge nach Ber­lin statt­fan­den. Und wo sich sei­ner­zeit ein kom­plet­tes Mi­nis­te­ri­um um die Or­ga­ni­sa­ti­on küm­mer­te, be­fand sich 1949 buch­stäb­lich nichts. Denn ei­ne Bun­des­re­gie­rung exis­tier­te am 10. Mai noch nicht. Ih­re Ge­burt stand so­gar ziem­lich weit am En­de der Staats­grün­dung.

 

2. Büro Bundeshauptstadt

Ne­ben der hoch mo­ti­vier­ten Bon­ner Stadt­ver­wal­tung fiel die Hel­fer­rol­le dem Vor­be­rei­tungs­land Nord­rhein-West­fa­len zu. Mi­nis­ter­prä­si­den­t Karl Ar­nold bil­de­te ei­nen be­son­de­ren Ar­beits­stab in Bonn, das „Bü­ro Bun­des­haupt­stadt“. Die Lei­tung über­trug er Her­mann Wan­ders­leb, der als Chef der Düs­sel­dor­fer Staats­kanz­lei sei­ner­zeit die viel ge­lob­ten Ar­beits­be­din­gun­gen des Par­la­men­ta­ri­schen Ra­tes ge­schaf­fen hat­te. Der neue Mann war für sein ­Tem­po be­rüch­tigt, be­fand sich fast stän­dig in Bonn und Bad Go­des­berg (heu­te Stadt Bonn), warb das be­nö­tig­te Per­so­nal an und schloss ei­gen­ver­ant­wort­lich zahl­rei­che Ver­trä­ge ab.

An­fäng­li­che Kom­pe­tenz­strei­tig­kei­ten wi­chen schnell ei­ner vor­bild­lich en­gen Zu­sam­men­ar­beit. Am 13. Ju­ni ver­ein­bar­te man wö­chent­li­che Sams­tags­be­spre­chun­gen al­ler Ab­tei­lungs­lei­ter des Bü­ros zu­sam­men mit Ver­tre­tern der Stadt­ver­wal­tung und Ober­stadt­di­rek­tor Jo­han­nes Lan­gen­dör­fer (1891-1985). Als Wan­ders­leb En­de Ju­li häu­fig zu Ver­hand­lun­gen nach Süd­deutsch­land fuhr, er­nann­te er den Bon­ner Ver­wal­tungs­chef zu sei­nem Stell­ver­tre­ter und über­trug ihm das Recht, un­auf­schieb­ba­re Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Am 12. Ju­li er­wei­ter­te NRW-Wie­der­auf­bau­mi­nis­ter Fritz Stein­hoff (1897-1969) die Kom­pe­ten­zen des Bü­ros Bun­des­haupt­stadt per Er­lass. „Sämt­li­che Lan­des­be­hör­den [soll­ten] das Bau­vor­ha­ben Bun­des­haupt­stadt mit Vor­rang ... be­han­deln“. Die Be­hör­den­lei­ter wa­ren an­ge­wie­sen, „die be­tref­fen­den Ar­bei­ten durch qua­li­fi­zier­te und zah­len­mä­ßig aus­rei­chen­de Kräf­te er­le­di­gen zu las­sen“.

Promotor Hermann Wandersleb (links) mit NRW-Kultusministerin Christine Teusch und Oberstadtdirektor Johannes Langendörfer (1891-1985) in Bonn, 10.5.1949. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

3. Hauptstadt auf Widerruf

Je län­ger die Ar­beit des Par­la­men­ta­ri­schen Ra­tes zu­rück­lag, des­to ge­rin­ger wur­de die Nei­gung, sei­ne Bun­des­sit­z­ent­schei­dung vom 10.55.1948 zu­guns­ten Bonns als ver­bind­lich an­zu­er­ken­nen. Un­ter Füh­rung Hes­sens zo­gen ei­ni­ge Län­der gar die Le­gi­ti­mi­tät des Be­schlus­ses selbst in Zwei­fel, in­dem sie der ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung nun nach­träg­lich die Be­rech­ti­gung ab­spra­chen, über den Ge­gen­stand zu be­fin­den. Mit der Mehr­heit der Mi­nis­ter­prä­si­den­ten wur­de die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung auf die Zeit nach der Wahl zum ers­ten Bun­des­tag ver­tagt.

Am 30.6.1949, mehr als sie­ben Wo­chen nach der er­neut um­strit­te­nen Be­stim­mung Bonns zur pro­vi­so­ri­schen Haupt­stadt, mach­ten die Mi­li­tär­gou­ver­neu­re der Bi­zo­ne ge­gen­über den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten ih­rem Un­mut deut­lich Luft. Als Ver­ant­wort­li­cher für die bri­ti­sche Zo­ne, in der Bonn lag, nann­te Ge­ne­ral Bri­an Ro­bert­son (1896-1974) die Si­tua­ti­on „wür­de­los“. Soll­ten die Ver­ant­wort­li­chen die­ses ver­gleichs­wei­se klei­ne Pro­blem nicht lö­sen kön­nen, müs­se man an ih­rer Kom­pe­tenz zur Be­wäl­ti­gung un­gleich schwie­ri­ge­rer Fra­gen zwei­feln.

Die Bun­des­sitz­fra­ge blieb je­doch wei­ter­hin of­fen. Er­heb­li­che Aus­wir­kun­gen auf die prak­ti­sche Vor­be­rei­tungs­ar­beit in Bonn kam dem Ent­schluss zu, die Vor­be­rei­tun­gen auf „das Maß zu be­schrän­ken, das er­for­der­lich ist, um den ord­nungs­ge­mä­ßen Be­ginn der Tä­tig­keit der Bun­des­or­ga­ne zu ge­währ­leis­ten“. Die­ser Pas­sus soll­te in der Tat bei der prak­ti­schen Vor­be­rei­tung Bonns auf sei­ne Auf­ga­be er­heb­li­che Pro­ble­me be­rei­ten und spä­ter im­mer wie­der auf­tau­chen, wenn Pan­nen ein­zu­räu­men oder Ver­zö­ge­run­gen zu recht­fer­ti­gen wa­ren. Den­noch hat­ten die Bonn-Geg­ner ein Ziel nicht er­reicht: Der Bun­des­tag, von dem nun je­de wei­te­re Ent­schei­dung ab­hing, wür­de nach er­folg­ter Wahl zu sei­ner Kon­sti­tu­ie­rung in je­dem Fal­le am Rhein zu­sam­men­tre­ten, ei­ne wei­te­re Ab­stim­mung war nicht zwin­gend vor­ge­schrie­ben, lag je­doch im Er­mes­sen des ers­ten west­deut­schen Nach­kriegs­par­la­ments.

4. Die Taktik der Bonn-Befürworter

„Die Bun­des­re­gie­rung dür­fe ... nicht mit der Raum­p­lei­te an­fan­gen“, hat­te Ade­nau­er am 27.4.1949 im Par­la­men­ta­ri­schen Rat ge­warnt, ei­ne pro­phe­ti­sche Vor­weg­nah­me der spä­ter tat­säch­lich ein­ge­tre­te­nen Mi­se­re. Die äu­ßerst knap­pen Fi­nanz­mit­tel und die miss­li­che Tat­sa­che, dass der Haupt­stadt­be­schluss des Ver­fas­sungs­gre­mi­ums vom 10.5.1949 ge­stürzt wer­den konn­te, leg­ten den Bonn-Be­für­wor­tern na­he, in ih­ren Pla­nun­gen mit zwei un­ter­schied­li­chen Zeit­ho­ri­zon­ten zu ar­bei­ten. Ers­tes Etap­pen­ziel muss­te ei­ne ge­lun­ge­ne Kon­sti­tu­ti­on von Bun­des­tag und Bun­des­rat sein, un­mit­tel­bar ge­folgt von ei­nem rei­bungs­lo­sen Ab­lauf der Wahl des Bun­des­prä­si­den­ten durch die Bun­des­ver­samm­lung. Nur durch die Über­zeu­gung ei­ner Mehr­heit der ent­schei­dungs­be­rech­tig­ten Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten konn­te schlie­ß­lich ein Ver­le­gungs­be­schluss nach Frank­furt ver­hin­dert wer­den. Nach der Kon­sti­tu­ti­on der Bun­des­or­ga­ne galt es dann wie­der­um sich Zeit zu ver­schaf­fen, um in ei­nem zwei­ten Kraft­akt die bei­den wirk­lich heik­len Punk­te des Bon­ner Un­ter­brin­gungs­kon­zepts - Mi­nis­te­ri­en und Woh­nun­gen - an­zu­ge­hen.

Der Plenarsaal im Bundeshaus während des Baus, 1949. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

Auch hier ist Ade­nau­ers Kal­kül, die end­gül­ti­ge Ab­stim­mung nicht auf ei­ne emo­ti­ons­ge­la­de­ne Bun­des­tags­de­bat­te fol­gen zu las­sen, son­dern zu­nächst ei­nen Prü­fungs­aus­schuss vor­zu­schal­ten, voll auf­ge­gan­gen: Am 3.11.1949 sprach sich ei­ne deut­li­che Mehr­heit der Ab­ge­ord­ne­ten ge­gen ei­ne Ver­le­gung des Bun­des­sit­zes aus. Gro­ße Tei­le der CDU/CSU folg­ten der Ar­gu­men­ta­ti­on des Kanz­lers, der jun­ge Staat müs­se auch in der Haupt­stadt­fra­ge sei­ne Dis­tanz zur Bi­zo­ne und ih­ren Frank­fur­ter Or­ga­nen her­aus­stel­len.

5. Der Parlamentskomplex

Wäh­rend des Haupt­stadt­streits war er der ma­ni­fes­te Trumpf Bonns, je­ner wei­ße Bun­des­tags­kom­plex an der Fluss­bie­gung dem Sie­ben­ge­bir­ge ge­gen­über. Und be­son­ders her­aus­ge­stellt im Wett­lauf mit der Main­me­tro­po­le wur­de der gro­ßzü­gi­ge Ple­nar­saal. Der Ar­beits­platz für die um­wor­be­nen Ab­ge­ord­ne­ten ge­hör­te zum Feins­ten, was im zer­stör­ten und bit­ter­ar­men Nach­kriegs­deutsch­land auf­zu­bie­ten war. Das ört­li­che Vor­be­rei­tungs­team kam über­ein, die ehe­ma­li­ge Leh­rer­aka­de­mie fort­an kon­se­quent „Bun­des­haus“ zu nen­nen. Nord­rhein-West­fa­len in­ves­tier­te auf ei­ge­nes Ri­si­ko gro­ßzü­gig in den Um- und Aus­bau. Denn hät­te man die von den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten er­hal­te­ne Vor­be­rei­tungs­auf­ga­be zu re­strik­tiv ge­hand­habt, wä­ren im Sep­tem­ber 1949 Un­zu­läng­lich­kei­ten wahr­schein­lich und Pan­nen zu be­fürch­ten ge­we­sen. Dann konn­te es hei­ßen, die 100.000-Ein­woh­ner-Stadt ha­be er­war­tungs­ge­mäß be­reits im ers­ten Test­lauf ih­re feh­len­de Eig­nung hin­läng­lich be­wie­sen, und un­ter dem fri­schen Ein­druck schlech­ter Ar­beits- und Wohn­be­din­gun­gen hät­ten die neu­en Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten den schnellst­mög­li­chen Fort­zug nach Frank­furt be­schlos­sen.

Das Bundestags-Restaurant, 1949. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

Ur­sprüng­lich hat­te Ar­chi­tekt Hans Schwip­pert (1899-1973) im In­ne­ren des Ple­nar­saals ei­ne kreis­run­de Sitz­ord­nung vor­ge­se­hen. Für die Re­gie­rung war ein Sek­tor des Krei­ses ge­dacht, ein Red­ner­pult fehl­te, al­le Red­ner soll­ten von ih­ren Plät­zen aus spre­chen. Re­gie­rung und Op­po­si­ti­on in ei­nem par­la­men­ta­ri­schen Rund ver­ei­nigt, die vor­weg­ge­nom­me­ne Idee ei­ner Po­li­tik des „run­den Ti­sches“, solch ra­di­ka­le Tra­di­ti­ons­brü­che wa­ren nicht mit Ade­nau­ers Vor­stel­lun­gen ei­nes po­li­ti­schen Wie­der­be­ginns zu ver­ein­ba­ren. In sei­nen Au­gen war es un­er­läss­lich, an Tra­di­ti­ons­li­ni­en der Vor­kriegs­zeit an­zu­knüp­fen, auch um die Jah­re der NS-Dik­ta­tur zu re­la­ti­vie­ren. Wo Schwip­perts ur­sprüng­li­ches Kon­zept ei­nen Neu­an­fang wag­te, woll­te Ade­nau­er den jun­gen Staat we­gen sei­ner noch stark be­schränk­ten Sou­ve­rä­ni­tät zu­min­dest nach au­ßen als ernst­zu­neh­men­de Grö­ße aus­ge­stat­tet se­hen.

Weit­ge­hend durch­set­zen konn­te der Ar­chi­tekt sei­ne Vor­stel­lun­gen bei der Kon­struk­ti­on der Bü­ro­ge­bäu­de. Zwi­schen dem Bun­des­tags­flü­gel im Sü­den und dem für den Bun­des­rat neu er­bau­ten Nord­flü­gel zog sich in gan­zer Län­ge der ein­ge­schos­si­ge Re­stau­rant­neu­bau mit sei­ner Glas­front zur Rhein­sei­te hin. Sei­ne Fens­ter­tü­ren öff­ne­ten sich auf ei­ne gro­ße Gar­ten­ter­ras­se. Mit ei­nem Fas­sungs­ver­mö­gen von 800 bis 1.000 Per­so­nen war das Re­stau­rant aus­ge­spro­chen groß di­men­sio­niert. Ei­ne end­gül­ti­ge Un­ter­tei­lung un­ter­blieb zu­nächst, „um den ent­spre­chen­den An­ord­nun­gen des oder der künf­ti­gen Haus­her­ren nicht vor­zu­grei­fen“.

Der Aufenthaltsraum im Bundehaus, 1950. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

6. Bundestagswahl 1949

Här­te und Grob­heit in der Ver­teu­fe­lung des po­li­ti­schen Geg­ners kenn­zeich­nen den ers­ten Bun­des­tags­wahl­kampf in der Wo­chen vor dem 14.8.1949, und zahl­rei­che Be­ob­ach­ter be­fürch­te­ten für die kom­men­de Par­la­ments­ar­beit be­reits die Fort­set­zung Wei­ma­rer Prak­ti­ken un­se­li­gen An­denkens. Die un­ter der Flag­ge der So­zia­len Markt­wirt­schaft an­ge­tre­te­ne CDU ent­sand­te - zu­sam­men mit der baye­ri­schen Schwes­ter­par­tei CSU - ins­ge­samt 139 Ab­ge­ord­ne­te nach Bonn. Der Vor­sprung ge­gen­über der SPD (131 Ab­ge­ord­ne­te) war ge­ring, doch ließ das gu­te Er­geb­nis der über­wie­gend na­tio­nal­li­be­ral ge­präg­ten FDP un­ter Ein­be­zie­hung der Deut­schen Par­tei aus Nie­der­sach­sen im­mer­hin rein rech­ne­risch die Fort­set­zung der im Wirt­schafts­rat er­prob­ten bür­ger­li­chen Ko­ali­ti­on zu. 49 Ab­ge­ord­ne­te brach­ten be­reits Er­fah­run­gen aus dem Bi­zo­nen­par­la­ment ein, da­mit war fast die Hälf­te der Mit­glie­der des Frank­fur­ter Wirt­schafts­ra­tes in den Bun­des­tag ge­wählt wor­den.

7. Die Konstitution des Bundesrates

Am 6.9.1949 hat­te man al­le Ab­ge­ord­ne­ten un­ter­ge­bracht und für Not­fäl­le noch ei­ni­ge freie Ho­tel­zim­mer re­ser­viert. Stadt und Land­kreis Bonn for­der­ten in ei­nem ge­mein­sa­men Pres­se­auf­ruf die Be­völ­ke­rung auf, ein Meer von Bun­des­fah­nen zu his­sen und „in wür­de­vol­ler Fei­er­lich­keit“ am po­li­ti­schen Neu­an­fang An­teil zu neh­men. Der Tag der Kon­sti­tu­ie­rung der west­deut­schen Le­gis­la­tiv­or­ga­ne am 7.9.1949 be­gann um neun Uhr mit Got­tes­diens­ten der ver­schie­de­nen Kon­fes­sio­nen. Es folg­te um elf Uhr der Zu­sam­men­tritt des Bun­des­ra­tes. Karl Ar­nold (CDU), Mi­nis­ter­prä­si­dent des gast­ge­ben­den NRW, wur­de zum ers­ten Prä­si­den­ten ge­wählt. Un­be­streit­bar litt die In­sti­tu­ti­on Bun­des­rat an ei­ner - ver­gli­chen mit dem Bun­des­tag - un­zu­läng­li­chen per­so­nel­len, räum­li­chen und tech­ni­schen Aus­stat­tung. Dies be­gann mit dem vom Par­la­men­ta­ri­schen Rat über­nom­me­nen Ple­nar­saal, der Au­la der frü­he­ren Päd­ago­gi­schen Aka­de­mie. Zur un­güns­ti­gen Sitz­an­ord­nung für die Bun­des­rats­mit­glie­der und der schlech­ten Akus­tik tra­ten ei­ne man­gel­haf­te Be­lüf­tung und Be­leuch­tung. Aus­schuss­be­ra­tun­gen muss­ten an­ge­sichts knap­per ge­eig­ne­ter Räu­me zu­wei­len in Ho­tels oder Gast­stät­ten statt­fin­den.

8. Konstitution des Bundestages

Für den ers­ten Zu­sam­men­tritt des Bun­des­ta­ges hat­ten die vor­be­rei­ten­den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten „grö­ße­re Fei­er­lich­keit vor­ge­se­hen“, und ent­spre­chend stär­ke­re öf­fent­li­che Be­ach­tung fand die Er­öff­nungs­fei­er. Ein nächt­li­ches Ge­wit­ter hat­te die Treib­haus­at­mo­sphä­re, die mit dem Bon­ner Po­li­tik­be­trieb spä­ter gern as­so­zi­iert wer­den soll­te, be­sei­tigt, und pünkt­lich zum Nach­mit­tag hell­te der Him­mel wie­der auf, so dass zahl­rei­che Schau­lus­ti­ge an den Zu­fahrts­stra­ßen die An­kunft der Pro­mi­nenz er­le­ben konn­ten. Im Ple­nar­saal war die noch un­be­setz­te Re­gie­rungs­bank mit bun­ten Blu­men­sträu­ßen ge­schmückt. Rechts da­von bil­de­ten die künf­ti­gen Ho­hen Kom­mis­sa­re der drei west­li­chen Sie­ger­mäch­te und ih­re Be­glei­tun­gen ei­ne Grup­pe für sich. Von der Bun­des­rats­bank aus wohn­ten die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten der Ver­an­stal­tung bei. In der ers­ten Rei­he der Ab­ge­ord­ne­ten er­kann­ten die Zu­schau­er die aus den Kund­ge­bun­gen des Wahl­kamp­fes be­kann­ten Ge­sich­ter.

Dass die SPD - an­ge­sichts des rein for­ma­len Cha­rak­ters der kon­sti­tu­ie­ren­den Sit­zung un­er­war­tet - ei­ni­ge An­trä­ge zum The­ma De­mon­ta­ge stell­te, muss­te die ge­la­de­nen Ver­tre­ter der Be­sat­zungs­mäch­te be­frem­den. In den Aus­wir­kun­gen harm­lo­ser, wenn­gleich eben­so Aus­druck ei­ner nicht zu leug­nen­den Ver­bis­sen­heit, war Ol­len­hau­ers An­kün­di­gung, in der ers­ten Ar­beits­sit­zung des Hau­ses ei­nen An­trag zur Ver­le­gung des Bun­des­sit­zes nach Frank­furt stel­len zu wol­len.

Im An­schluss an die Kon­sti­tu­ti­on des Ers­ten Deut­schen Bun­des­ta­ges ström­ten al­le Be­tei­lig­ten in die mit Herbst­blu­men ge­schmück­ten Wan­del­gän­ge oder ins hell er­leuch­te­te Bun­des­tags­re­stau­rant, an des­sen De­cke Hun­der­te von Glüh­bir­nen in gel­ben Me­tall­fas­sun­gen „das Ge­fühl ei­nes Him­mels vol­ler leuch­ten­der Ster­ne ver­mit­tel­ten“. Ge­ra­de die vom neu­en Bun­des­tag aus­ge­hen­de nächt­li­che Hel­lig­keit ist nach ei­ner - auch im wört­li­chen Sin­ne – „fins­te­ren“ Zeit von Be­ob­ach­tern im­mer wie­der an­ge­spro­chen wor­den. Selbst Kin­der er­wähn­ten dies in ih­rem Schul­auf­satz: „Am Abend brann­ten vie­le Lam­pen und der gro­ße neu ge­bau­te Saal war so hell wie am Ta­ge. Die Lich­ter brann­ten bis in die spä­te Nach­t“.

Mit der Über­ga­be des Bun­des­hau­ses an die Ver­tre­ter bei­der Häu­ser des Par­la­ments durch Mi­nis­ter­prä­si­dent Ar­nold en­de­te - un­be­scha­det der spä­ter zu re­geln­den Ei­gen­tums­fra­ge - die Ver­ant­wor­tung des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len für den Ge­bäu­de­kom­plex. Ei­ne miss­li­che Fol­ge der Über­eig­nung war der ab­neh­men­de Ein­fluss des ver­ant­wort­li­chen Ar­chi­tek­ten auf den Ab­schluss der In­nen­ein­rich­tung be­zie­hungs­wei­se die Be­ach­tung sei­nes Ge­samt­kon­zepts. Tei­le der erst in letz­ter Mi­nu­te ge­lie­fer­ten Aus­stat­tung konn­ten we­gen „un­ge­re­gel­te(r) In­ge­brauch­nah­me“ nicht ord­nungs­ge­mäß auf die Räu­me ver­teilt wer­den. Über­haupt herrsch­te, so Schwip­perts be­red­te Kla­ge, „hin­sicht­lich der Ver­wen­dung der nicht end­gül­tig ... auf­ge­stell­ten und ver­teil­ten Ein­rich­tungs­stü­cke im Hau­se zur Zeit weit­ge­hend Faust­rech­t“.

9. 12.9.1949: Wahl des Bundespräsidenten

Die Wahl des Li­be­ra­len Theo­dor Heuss (1884-1963) zum ers­ten Bun­des­prä­si­den­ten am 12.9.1949 war ein Eck­pfei­ler der von Ade­nau­er be­trie­be­nen bür­ger­li­chen Vier­par­tei­en­ko­ali­ti­on. Für die vor­be­rei­ten­den Gre­mi­en vor Ort be­deu­te­te die Un­ter­brin­gung der Bun­des­ver­samm­lung die grö­ß­te Her­aus­for­de­rung des ge­sam­ten Grün­dungs­ma­ra­thons. Zu­dem zog die Wahl des Staats­ober­haup­tes auch die mit Ab­stand grö­ß­te Zahl von Zu­schau­ern an. Das war durch­aus ge­wollt, konn­te doch die mas­sen­haf­te be­geis­ter­te An­teil­nah­me der Bür­ger an dem, was sich vor ih­ren Au­gen voll­zog, den An­spruch auf die Haupt­stadt­wür­de un­ter­mau­ern. Die Ver­wal­tun­gen rie­fen durch die Zei­tun­gen da­zu auf, die „Häu­ser in fest­li­chem Ge­wand zu zei­gen und durch Aus­hän­gen von Fah­nen den Bun­des­prä­si­den­ten auf sei­nem Weg durch die Stadt zu eh­ren“.

Theodor Heuss nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten, 12.9.1949. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

Auf dem Bon­ner Markt­platz vor­zö­ger­te der un­er­war­tet not­wen­dig ge­wor­de­ne zwei­te Wahl­gang den vor­ge­se­he­nen Pro­gramm­ab­lauf. Schon am Vor­mit­tag hat­te man die Rat­haus­trep­pe, von der Gott­fried Kin­kel 1848 die Fah­ne des neu­en Deutsch­land ent­rollt hat­te, mit fri­schem Grün ge­schmückt, so­weit ­mög­lich auch die noch vor­han­de­nen Rui­nen un­ter Blät­ter­werk ver­bor­gen. Cir­ca 30.000 Men­schen sol­len auf dem Platz und in den an­gren­zen­den Stra­ßen ver­sam­melt ge­we­sen sein. Um 19.30 Uhr mar­kier­te das Läu­ten al­ler Bon­ner Kir­chen­glo­cken den Ab­schluss des Wahl­ak­tes. Ober­bür­ger­meis­ter Pe­ter Stock­hau­sen (Amts­zeit 1948-1951), zum ers­ten Mal nach dem Krieg mit der ge­ret­te­ten gol­de­nen Amts­ket­te des Stadt­ober­haup­tes an­ge­tan, ge­lei­te­te Heuss vom Wa­gen zu den Stu­fen der Rat­haus­trep­pe. In sei­ner Re­de knüpf­te der Ge­wähl­te an die 1848er Tra­di­tio­nen an, nann­te die für die deut­sche Ge­schich­te so spe­zi­fi­schen Hö­hen und Tie­fen und den Wil­len zum Neu­an­fang „nach der Vor­ar­beit, die an Bonns Na­men ge­knüpft bleib­t“.

Wäh­rend die Vil­la Ham­mer­schmidt am Rhein zum Prä­si­den­ten­pa­lais um­ge­baut wur­de, leb­te die Fa­mi­lie Heuss fast ein Jahr auf der Vik­tor­s­hö­he in Ba­d Go­des­berg, ei­nem ehe­ma­li­gen Ei­sen­bah­ner-Er­ho­lungs­heim. Die be­an­spruch­ten drei Zim­mer im obe­ren Stock­werk bo­ten noch nicht ein­mal Platz für die gro­ße Bi­blio­thek des Li­te­ra­ten. Die üb­ri­gen Räu­me des Ge­bäu­des be­leg­ten die mehr als 60 Mit­ar­bei­ter.

10. Regierungsbildung

Das knap­pe Ab­stim­mungs­er­geb­nis am 15. Sep­tem­ber im Bun­des­tag - Ade­nau­er er­reich­te ex­akt die not­wen­di­ge Mehr­heit von 202 Stim­men - be­stä­tig­te die­je­ni­gen, de­nen die par­la­men­ta­ri­sche Ba­sis der ers­ten Nach­kriegs­re­gie­rung zu schmal er­schien. Der Kanz­ler blieb ge­las­sen. In Rhön­dorf er­war­te­te ihn ein gro­ßer Fa­ckel­zug, der nächs­te Tag be­gann mit dem Emp­fang der Er­nen­nungs­ur­kun­de aus den Hän­den des Bun­des­prä­si­den­ten auf der Vik­tor­s­hö­he, dann folg­te die Ar­beits­auf­nah­me im Mu­se­um Ko­enig.

Die Aus­wahl der Mi­nis­ter fiel nach sei­ner Auf­fas­sung al­lein in die Kom­pe­tenz des Kanz­lers, wenn er na­tür­lich um Zu­ge­ständ­nis­se ge­gen­über Frak­ti­on und Ko­ali­ti­ons­part­nern und die Be­rück­sich­ti­gung des kon­fes­sio­nel­len und re­gio­na­len Pro­por­zes nicht her­um­kam. Für dis­tan­zier­te Be­trach­ter stell­ten sich die Per­so­nal­ent­schei­dun­gen als fas­zi­nie­ren­de mensch­li­che Ko­mö­die dar, die zwi­schen den aus­ge­stopf­ten Tie­ren des zoo­lo­gi­schen Mu­se­ums ei­ne um­so wir­kungs­vol­le­re Büh­ne fand.

Die Troilo-Kaserne in Duisdorf, um 1950. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

Gro­ße Na­men aus der deut­schen Po­li­tik fand man vor die­sem Hin­ter­grund un­ter den Mi­nis­tern kaum; kein Mi­nis­ter­prä­si­dent ei­nes Lan­des, kein Vor­sit­zen­der ei­nes CDU-Lan­des­ver­ban­des wur­de be­rück­sich­tigt. Mit Aus­nah­me des po­li­tisch ge­wich­ti­gen Fi­nanz­mi­nis­ters Fritz Schäf­fer (1888-1967), den Ade­nau­er bald zur Ab­wehr un­er­wünsch­ter Aus­ga­ben­wün­sche und For­de­run­gen ein­setz­te, hat­te kein Ka­bi­netts­mit­glied in der Zeit der Wei­ma­rer Re­pu­blik ein Mi­nis­ter­amt in­ne­ge­habt. Und sieht man von Ja­kob Kai­ser (1888-1961) und Hans Lu­ka­schek (1885-1960) ab, hat­ten sich die üb­ri­gen Mi­nis­ter vor 1933 al­le­samt in we­ni­ger wich­ti­gen Po­si­tio­nen (Staats­dienst, Ver­bän­de, Wirt­schaft) be­fun­den. Po­li­tisch trat die­se Grup­pe erst nach 1945 her­vor. Ein Son­der­fall war der im Wahl­kampf stark her­aus­ge­stell­te Lud­wig Er­hard (1897-1977), doch hemm­ten die­sen sei­ne be­kann­ter­ma­ßen ge­rin­gen Qua­li­tä­ten als Lei­ter der Mam­mut­be­hör­de. Im­mer­hin be­sa­ßen sie­ben der 13 Bun­des­mi­nis­ter Er­fah­run­gen aus der bi­zo­na­len Ad­mi­nis­tra­ti­on; vier Chefs der über­nom­me­nen Frank­fur­ter Äm­ter blie­ben auch in Bonn an der Spit­ze der ent­spre­chen­den Res­sorts. Sieht man von In­nen­mi­nis­ter Gus­tav Hei­nemann ab, den ihm die Frak­ti­on auf­zwang, hat­te Ade­nau­er nur ihm ge­neh­me Mi­nis­ter um sich ver­sam­melt, Män­ner, die si­ch ­letzt­lich sei­ner po­li­ti­schen Er­fah­rung und Au­to­ri­tät beu­gen und die von ihm be­an­spruch­te her­aus­ge­ho­be­ne Stel­lung an der Spit­ze der Re­gie­rung re­spek­tie­ren wür­den.

11. Kanzleramt im Palais Schaumburg

Schon zeit­ge­nös­si­sche Kri­ti­ker kon­sta­tier­ten zor­nig, wie gut der Kanz­ler doch für sich selbst ge­sorgt hat­te. Oh­ne Rück­sicht auf Kos­ten be­trieb Ade­nau­er den so­for­ti­gen Um­bau des Pa­lais Schaum­burg, miss­ach­te­te da­bei so­wohl Ver­ga­be­grund­sät­ze im Bau­we­sen als auch gel­ten­des Haus­halts­recht.

Neubau des Postministeriums am Rhein. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

An­de­rer­seits war das na­tur­his­to­ri­sche Mu­se­um Ko­enig, sein vor­läu­fi­ger Dienst­sitz, für die­sen Zweck schlicht un­ge­eig­net. Selbst für Ka­bi­netts­sit­zun­gen taug­te es nicht. Vor al­lem war es die gro­tes­ke Um­ge­bung, die Ade­nau­ers Ver­ständ­nis von be­schei­de­ner, aber doch kom­pro­miss­los wür­di­ger Re­prä­sen­ta­ti­on zu­wi­der­lief. Und wenn der Kanz­ler über das ‚Je­tier’ nör­gel­te, das er auf dem Weg zu sei­nem Ar­beits­platz zwangs­läu­fig pas­sie­ren muss­te, frag­te er sich, wie das gan­ze wohl auf Au­ßen­ste­hen­de wir­ken moch­te. „Ein we­nig selt­sam war es schon, wenn man bei je­dem Be­such beim Bun­des­kanz­ler erst ein­mal an dem aus­ge­stopf­ten Groß­wild vor­bei­zo­g“, be­schreibt Eu­gen Gers­ten­mai­er das Am­bi­en­te. Die Vor­stel­lung, in ei­ner sol­chen Um­ge­bung mit aus­län­di­schen Spit­zen­po­li­ti­kern Ge­sprä­che füh­ren zu müs­sen, ängs­tig­te Ade­nau­er. Der no­ble Bau des Pa­lais Schaum­burg da­ge­gen mit sei­ner klas­si­zis­ti­schen Fas­sa­de hob sich wohl­tu­end ab von der er­drü­cken­den Wucht des spät­wil­hel­mi­ni­schen Mu­se­ums­klot­zes. Nur in sei­nem neu­en Do­mi­zil woll­te der Kanz­ler den fran­zö­si­schen Au­ßen­mi­nis­ter bei sei­nem ers­ten Be­such in Bonn emp­fan­gen, und so wur­de al­les ge­tan, um die be­nö­tig­ten Räum­lich­kei­ten zu­min­dest pro­vi­so­risch her­zu­rich­ten.

Das Bundesverkehrsministerium in der Bonner Landwirtschaftskammer, 12.10.1949. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

12. Ministerien in Kasernen

Die 13 Mi­nis­te­ri­en, mit de­nen Ade­nau­er be­gann, wa­ren mehr Pro­dukt ei­ner schwie­ri­gen Ko­ali­ti­on­s­a­rith­me­tik als tat­säch­lich not­wen­dig: Die Pla­nun­gen hat­ten stets acht Res­sorts vor­ge­se­hen. In Bonn wur­de es jetzt eng, zu­mal die Bun­des­be­am­ten ja nicht nur Bü­ro­flä­che, son­dern auch Woh­nun­gen er­war­te­ten. Al­lein neun der 13 Res­sorts nah­men im Sep­tem­ber 1949 ih­re Tä­tig­keit in zwei an­ein­an­der­gren­zen­den Ka­ser­nen­kom­ple­xen an der (Grau-)Rhein­dor­fer Stra­ße im Nor­den der Stadt auf. Die­ser Stand­ort kann al­so mit Recht als die ei­gent­li­che Wie­ge der Bun­des­mi­nis­te­ri­en in Bonn gel­ten. His­to­risch han­delt es sich im nörd­li­chen Teil des Kom­ple­xes (Rhein­dor­fer Stra­ße 198) um die 1913 er­rich­te­te „Düp­pel-(Ar­til­le­rie)Ka­ser­ne“. Das Ge­bäu­de hat­te ur­sprüng­lich als Lan­des­po­li­zei­schu­le ge­dient. Zum end­gül­ti­gen Nut­zer war das In­nen­mi­nis­te­ri­um be­stimmt wor­den. Vor­läu­fig be­her­berg­te der Kom­plex 1949 zu­sätz­lich die im Auf­bau be­find­li­chen Res­sorts Ar­beit, Jus­tiz und Ver­trie­be­nen­an­ge­le­gen­hei­ten. Auch ei­ne ober­fläch­li­che Re­no­vie­rung konn­te die ur­sprüng­li­che Be­stim­mung nicht ver­de­cken, vor al­lem die end­lo­sen Kor­ri­do­re mit ih­ren grau­en Stein­flie­sen und den Ge­wehr­ni­schen ne­ben den Ein­gän­gen zu den eins­ti­gen Mann­schafts­stu­ben wirk­ten we­nig ein­la­dend. Mi­nis­ter Hei­nemann, der über­zeug­te Zi­vi­list, be­stell­te zum Aus­gleich im hei­mat­li­chen Es­sen ei­ne auf­wen­di­ge In­nen­ein­rich­tung. Sein Res­sort hat­te kei­nen un­mit­tel­ba­ren Vor­gän­ger un­ter den bi­zo­na­len Ver­wal­tun­gen im Raum Frank­furt. Es muss­te in Bonn völ­lig neu auf­ge­baut wer­den und ist ein treff­li­ches Bei­spiel für die gro­tesk un­ter­schätz­ten Be­schäf­tig­ten­zah­len: Hei­nemann war an­fangs der Auf­fas­sung, das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um mit höchs­tens 60 Mit­ar­bei­tern füh­ren zu kön­nen!

Zum zwei­ten Teil des vor­läu­fi­gen Bon­ner Mi­nis­te­ri­ums­kom­ple­xes in der Rhein­dor­fer Stra­ße (Nr. 196) wur­de das süd­lich der Po­li­zei­schu­le ge­le­ge­ne „Dop­pel­mann­schafts­haus“, ein 1938 be­gon­ne­nes lang ge­streck­tes Ka­ser­nen­ge­bäu­de, bei Kriegs­aus­bruch noch un­voll­endet, nach 1945 als neu­es Bon­ner Fi­nanz­amt vor­ge­se­hen. End­gül­tig soll­te hier das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um ar­bei­ten, für ei­ne Über­gangs­zeit er­hielt Haus­herr Fritz Schäf­fer die Auf­bau­stä­be der Res­sorts Er­näh­rung/Land­wirt­schaft/Fors­ten, Wirt­schaft, Bau und Post ein­quar­tiert.

Al­lein vier der ins­ge­samt sie­ben in der Rhein­dor­fer Stra­ße pro­vi­so­risch un­ter­ge­kom­me­nen Mi­nis­te­ri­en konn­ten im Lau­fe des Jah­res 1950 die bei­den Gro­ß­ka­ser­nen im be­nach­bar­ten Du­is­dorf (heu­te Stadt Bonn) be­zie­hen. Die im Rah­men der NS-Auf­rüs­tungs­po­li­tik er­rich­te­ten An­la­gen deck­ten da­mit fast die Hälf­te des Raum­be­darfs des ers­ten Jah­res ab. Wäh­rend die Res­sorts Ar­beit und Er­näh­rung/Land­wirt­schaft/Fors­ten in der Troi­lo-Ka­ser­ne ge­nug Platz fan­den und gut mit­ein­an­der aus­ka­men, ver­dräng­te das stark ex­pan­die­ren­de Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um un­ter Lud­wig Er­hard das we­sent­lich klei­ne­re Woh­nungs­bau­res­sort aus der Gall­witz­ka­ser­ne nach Bad Go­des­berg-Meh­lem, wo die Ame­ri­ka­ner nach Wie­der­her­stel­lung der west­deut­schen Sou­ve­rä­ni­tät ih­re Bü­ros im Schloss Deich­mann­saue räum­ten.

Hotel Petersberg, Sitz der Alliierten Hohen Kommission, Ende 1951. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

13. Provisorien und Neubauten

We­sent­lich frü­her schon ver­ließ das Ver­trie­be­nen­mi­nis­te­ri­um sein Zwi­schen­quar­tier. We­gen des star­ken Pu­bli­kums­ver­kehrs ver­wei­ger­te Ver­trie­be­nen­mi­nis­ter Lu­ka­schek den vor­ge­se­he­nen Um­zug ins ab­ge­le­ge­ne Du­is­dorf. In­zwi­schen hat­te die Bun­des­bau­di­rek­ti­on die 1883 ein­ge­weih­te Er­me­keil­ka­ser­ne in der Bon­ner Süd­stadt gründ­lich um­ge­baut. An­ge­sichts sei­nes Al­ters nur als Re­ser­veun­ter­kunft be­reit­ge­hal­ten, wur­de das Ge­bäu­de bald zum vor­über­ge­hen­den Do­mi­zil all je­ner Stel­len, die in den ur­sprüng­li­chen Pla­nun­gen gar nicht vor­ge­se­hen wa­ren. Doch auch hier konn­te das Mi­nis­te­ri­um nicht end­gül­tig blei­ben. Es muss­te vor der neu ein­ge­rich­te­ten „Dienst­stel­le Blan­k“, dem Vor­läu­fer des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums wei­chen, er­hielt je­doch sei­nen neu­en Dienst­sitz in ei­nem aus­ge­spro­chen ori­gi­nel­len Am­bi­en­te: Der frü­he­re Kör­ner­spei­cher der weit­ge­hend zer­stör­ten Hu­sa­ren­ka­ser­ne im Bon­ner Nor­den wur­de zu ei­nem fünf­stö­cki­gen Ver­wal­tungs­ge­bäu­de um­ge­baut.

Das Post­mi­nis­te­ri­um hin­ge­gen hielt hart­nä­ckig an sei­nen un­zu­rei­chen­den Räu­men im Bon­ner Stadt­haus am Bott­ler­platz fest, gab so­gar der Stadt­ver­wal­tung Kre­di­te zur Wie­der­her­stel­lung des his­to­ri­schen Rat­hau­ses, wo für die ver­dräng­ten städ­ti­schen Stel­len Er­satz­raum ge­schaf­fen wur­de. Die Tak­tik zahl­te sich aus. Da das Mi­nis­te­ri­um nicht end­gül­tig Gast der Stadt Bonn blei­ben konn­te, an­de­rer­seits kon­se­quent den Um­zug in ein ge­räu­mi­ge­res Pro­vi­so­ri­um ver­wei­ger­te, er­hielt es ei­nen der sel­te­nen Neu­bau­ten: En­de 1954 wur­de der in den For­men schlich­te, aber dem Raum­be­darf an­ge­mes­se­ne Kom­plex am Rhein be­zo­gen.

Gleich aus der Rhein­dor­fer Stra­ße in ein end­gül­ti­ges Quar­tier zog das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um. Auch hier hat­ten die Pla­ner vor­ge­schla­gen, ein wei­te­res Pro­vi­so­ri­um zwi­schen­zu­schal­ten. Als sich je­doch kurz­fris­tig die Chan­ce auf­tat, die 1831 er­bau­te Ro­sen­burg in Kes­se­nich zu er­hal­ten, griff Mi­nis­ter Tho­mas Deh­ler (1897-1967) so­fort zu. Die Lö­sung war nicht nur bil­li­ger, son­dern be­wahr­te das Mi­nis­te­ri­um auch da­vor, jah­re­lang über die Stadt ver­teilt auf den in Aus­sicht ge­stell­ten Neu­bau war­ten zu müs­sen.

Auch Vi­ze­kanz­ler Franz Blü­cher und sein Mar­shall­plan-Mi­nis­te­ri­um wa­ren ur­sprüng­lich im Mu­se­um Ko­enig un­ter­ge­bracht. Die we­ni­gen Räu­me reich­ten zwar für ­den FDP-Vor­sit­zen­den und ei­ni­ge Mit­ar­bei­ter aus, nicht je­doch für al­le Dienst­kräf­te des Res­sorts. Nach ei­nem kur­zen Zwi­schen­auf­ent­halt im Bon­ner Stadt­haus be­zie­hungs­wei­se ei­nem der ty­pi­schen Fer­tig­häu­ser am Bun­des­haus konn­te sich der Bund das Haus Car­stan­jen in (Go­des­berg-)Plit­ters­dorf si­chern.

Ei­nen Son­der­fall stell­te das Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um dar. Ei­ne lan­ge Pha­se der Un­si­cher­heit, ob die per­so­nal­star­ke Haupt­ver­wal­tung Ei­sen­bahn über­haupt am Bon­ner Stand­ort an­ge­sie­delt wer­den soll­te, ver­zö­ger­te ei­ne end­gül­ti­ge Lö­sung. Und so ver­blieb das Res­sort weit län­ger als vor­ge­se­hen im Ge­bäu­de der Land­wirt­schafts­kam­mer. Hans-Chris­toph See­bohm (1903-1967) und sei­ne Mit­ar­bei­ter schät­zen den Kom­fort des gro­ßzü­gi­gen, zu­dem völ­lig un­zer­stör­ten Ge­bäu­des. Es war je­doch viel zu klein für die aus der Frank­fur­ter Vor­gän­ger­ver­wal­tung nach­drän­gen­den Mit­ar­bei­ter, und so muss­ten in Bonn für ei­ni­ge Ab­tei­lun­gen zu­sätz­li­che Räum­lich­kei­ten ge­fun­den wer­den. Auf die­se Wei­se wur­de das Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um Nach­mie­ter auf der Vik­tor­s­hö­he über Bad Go­des­berg.

Die Bremische Landesvertretung am Rheinufer, um 1950. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

14. Städtebauliche Folgen

Das Un­ter­brin­gungs­puz­zle der ers­ten Bon­ner Jah­re mit sei­nen stän­di­gen Um­zü­gen hat in­des nicht zu ei­ner Kon­zen­tra­ti­on der Mi­nis­te­ri­en an ei­ner Stel­le des Stadt­ge­bie­tes ge­führt. Ein sol­ches Ziel wur­de auch nicht an­satz­wei­se ver­folgt. Zu stark war man der Kos­ten we­gen an der ver­ein­bar­ten Nut­zung be­reits vor­han­de­ner Bau­sub­stanz ori­en­tiert. Die­se Po­li­tik der „Streu­un­g“ re­sul­tier­te zum ei­nen in ei­ner be­acht­li­chen An­zahl von Ein­zel­stand­or­ten: die drei „Schlöss­chen“ (Ro­sen­burg, Haus Car­stan­jen, Deich­mann­saue) so­wie die im­mer noch zur Un­ter­mie­te in nicht-bun­des­ei­ge­nen Ge­bäu­den ar­bei­ten­den Res­sorts Ver­kehr (Land­wirt­schaft­kam­mer/Vik­tor­s­hö­he) und Ge­samt­deut­sche An­ge­le­gen­hei­ten (Stadt­haus). Dar­über hin­aus bil­de­ten sich drei Grup­pen­stand­or­te her­aus: In Du­is­dorf wur­de das reich­lich vor­han­de­ne Er­wei­te­rungs­po­ten­ti­al der Gro­ß­ka­ser­nen für Be­helfs­bau­ten ge­nutzt. Im Bon­ner Nor­den er­rich­te­te das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um zwi­schen 1951 und 1953 kom­plett neue Dienst­ge­bäu­de. Das frei­ge­wor­de­ne „Dop­pel­mann­schafts­haus“ er­hielt das be­nach­bar­te In­nen­mi­nis­te­ri­um. We­ni­ger als fünf Jah­re hat es ge­dau­ert, bis der lang ge­zo­ge­ne Ka­ser­nen­kom­plex, der in den ers­ten neun Mo­na­ten die Ker­ne von neun Mi­nis­te­ri­en be­her­bergt hat­te, nun ge­ra­de noch den Raum­be­darf ei­nes ein­zi­gen Res­sorts deck­te. Die bei­den wich­tigs­ten sons­ti­gen Neu­bau­ten der frü­hen 1950er Jah­re (Post­mi­nis­te­ri­um, Aus­wär­ti­ges Amt) er­gänz­ten schlie­ß­lich das bis da­hin durch Bun­des­haus, Prä­si­di­al­amt, Kanz­ler­amt, Bun­des­rats­mi­nis­te­ri­um, al­li­ier­te Stä­be und ei­ni­ge Lan­des­ver­tre­tun­gen ge­bil­de­te Par­la­ments- und Re­gie­rungs­vier­tel.

15. Die Alliierte Hohe Kommission

Trotz Mehr­heit im Bun­des­tag und Er­nen­nungs­ur­kun­de des Staats­ober­haup­tes konn­te Ade­nau­er am 20.9.1949 noch nicht re­gie­ren. Das neue Ge­mein­we­sen war nicht sou­ve­rän. Ihm haf­te­te der Ma­kel ei­ner Grün­dung un­ter Vor­be­halt an. Für ei­ne un­be­fris­te­te Über­gangs­pe­ri­ode un­ter­lag es der Kon­trol­le durch die west­li­chen Sie­ger­mäch­te. Die ei­gent­li­chen Her­ren über West­deutsch­land sa­ßen, Vi­ze­kö­ni­gen ih­rer Re­gie­run­gen gleich, auf dem Pe­ters­berg bei Kö­nigs­win­ter. Und dass John McCloy (1895-1989) (USA), Sir Bri­an Ro­bert­son (1896-1974) (Groß­bri­tan­ni­en) und An­dré François-Pon­cet (1887–1978) (Frank­reich) die­se ih­re Mis­si­on als Ho­he Kom­mis­sa­re durch­aus ernst neh­men wür­den, hat­ten sie be­reits durch die Aus­wahl der Kon­troll­zen­tra­le be­wie­sen.

Die Reutersiedlung während der Bauzeit. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

Aus dem Lu­xus­ho­tel auf dem Pe­ters­berg über­wach­te der al­li­ier­te Kon­trol­lap­pa­rat die Vor­gän­ge in Bonn. In der ers­ten Rei­he breit-mar­kant aus dem Rhein­tal auf­ra­gend, je­doch oh­ne aus­ge­präg­te Berg­spit­ze, so dass er­staun­lich viel Platz blieb auf dem Pla­teau, durch ei­ne ge­wun­de­ne Stra­ße und ei­ne Zahn­rad­bahn er­schlos­sen, ge­krönt von ei­nem Lu­xus­ho­tel in ma­jes­tä­ti­scher La­ge und mit atem­be­rau­ben­den Blick über die Hü­gel­kup­pen der Ei­fel nach Wes­ten, da­zu kaum mehr als ei­nen Stein­wurf weit von Par­la­ment und Re­gie­rung: Kein Wun­der, dass der Pe­ters­berg wie selbst­ver­ständ­lich Herz­stück des al­li­ier­ten Kon­trol­lap­pa­rats wur­de. „Grand­ho­tel, in per­fek­tem Zu­stand und wun­der­bar ge­le­gen, … ein wür­di­ges En­sem­ble zur Auf­nah­me der hoch­ge­stell­ten Per­sön­lich­kei­ten der Kom­mis­sio­nen”, hat­ten die Fran­zo­sen nach dem ers­ten Rund­gang ge­schwärmt. Un­ten am Rhein, in­mit­ten des an­lau­fen­den Haupt­stadt­pro­vi­so­ri­ums konn­ten sie auch nicht am­tie­ren, woll­ten sie die deut­schen Po­li­ti­ker nicht von vorn her­ein zu Ma­rio­net­ten de­gra­die­ren. Doch war ein Stück Sym­bo­lik durch­aus er­wünscht: Bei Ta­ge stets den em­si­gen Bon­ner Po­li­tik­be­trieb im Blick, bei Nacht je­ne pro­vo­zie­ren­de Hel­lig­keit, die den Sitz der Pro­kon­suln aus dem zeit­ty­pi­schen Dun­kel her­aus­hob.

Rechts­grund­la­ge der ein­ma­li­gen Dop­pel­herr­schaft je­ner Jah­re war das zwi­schen den Sie­gern aus­ge­han­del­te Be­sat­zungs­sta­tut. Es wur­de zeit­gleich mit dem Grund­ge­setz vor­ge­legt und be­en­de­te vier Jah­re recht­li­cher Un­si­cher­heit. Nach der Ka­pi­tu­la­ti­on hat­ten die Al­li­ier­ten in his­to­risch bei­spiel­lo­sem Um­fang Macht­be­fug­nis­se in Deutsch­land über­nom­men, sie au­to­ri­tär aus­ge­übt, oh­ne An­er­ken­nung klar de­fi­nier­ter Rechts­schran­ken. In der ers­ten Pha­se der Be­set­zung lag die Staats­ge­walt al­so na­he­zu aus­schlie­ß­lich auf Sei­ten der Al­li­ier­ten. Der zwei­te Ab­schnitt war ge­kenn­zeich­net durch den all­mäh­li­chen Auf­bau po­li­ti­scher und wirt­schaft­li­cher Ver­wal­tungs­struk­tu­ren bis hin­auf zur Län­der­ebe­ne; er wur­de ge­krönt durch die Er­rich­tung der Bi­zo­ne als Vor­form des sich ab­zeich­nen­den West­staa­tes.

Die Siedlung Truchsessstrasse, 12.10.1949. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

Nichts brach­te den grund­le­gen­den Wan­del im Cha­rak­ter des Be­sat­zungs­re­gimes bes­ser zum Aus­druck als die Um­stel­lung auf zi­vi­le Über­wa­chungs­for­men. An Stel­le der Mi­li­tär­gou­ver­neu­re ent­sand­ten die drei Mäch­te je ei­nen sei­ner Re­gie­rung ver­ant­wort­lich un­ter­stell­ten Ho­hen Kom­mis­sar. An­ders als im Fall der Zo­nen­be­fehls­ha­ber al­ter Prä­gung wa­ren po­li­ti­sche und mi­li­tä­ri­sche Auf­ga­ben fort­an ge­trennt.

Das Bundesfinanzministerium in der Rheindorfer Straße, 1950. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 

16. Adenauers Antrittsbesuch auf dem Petersberg

Am 20. Sep­tem­ber stell­te Ade­nau­er am Vor­mit­tag dem Bun­des­prä­si­den­ten sei­ne kom­plet­te Mi­nis­ter­rie­ge vor, mit­tags fand die ers­te Ka­bi­netts­sit­zung statt, nach der Ver­ei­di­gung ver­las er die Re­gie­rungs­er­klä­rung vor dem Bun­des­tag. Dann ein förm­li­cher staats­no­ta­ri­el­ler Akt oh­ne Bei­spiel: In ei­nem Schrei­ben an den ge­schäfts­füh­ren­den Vor­sit­zen­den der Al­li­ier­ten Ho­hen Kom­mis­si­on er­klär­te Theo­dor Heuss die Re­gie­rungs­bil­dung für ab­ge­schlos­sen und nann­te die Na­men der neu er­nann­ten Bun­des­mi­nis­ter. Das al­li­ier­te Pro­to­koll bot ei­ne Eh­ren­gar­de am Ein­gang des Ho­tels Pe­ters­berg auf; ver­mut­lich war es das ers­te Mal seit Kriegs­en­de, dass deut­schen Po­li­ti­kern ein sol­cher Ach­tungs­be­weis zu­teil wur­de. Ne­ben den Hoch­kom­mis­sa­ren war­te­ten im Gro­ßen Ge­sell­schafts­saal ih­re Stell­ver­tre­ter, die Be­ra­ter, die drei Ge­ne­ral­se­kre­tä­re und die Ver­bin­dungs­of­fi­zie­re. In der ei­gen­mäch­ti­gen Be­schrän­kung sei­ner De­le­ga­ti­on auf le­dig­lich fünf be­glei­ten­de Mi­nis­ter hat Ade­nau­er be­wusst dem Ge­dan­ken ei­nes schnö­den Be­fehls­emp­fangs ent­ge­gen­wir­ken wol­len. Eben­so hat er es pein­lich ver­mie­den, die un­ver­meid­li­che Über­rei­chung des Be­sat­zungs­sta­tuts in den Mit­tel­punkt sei­nes An­tritts­be­su­ches stel­len zu las­sen. In sei­ner Re­de stell­te der Kanz­ler ge­schickt Dank und An­er­ken­nung für die Hil­fe des Wes­tens zu Guns­ten des ge­schla­ge­nen Deutsch­land an den An­fang sei­ner Aus­füh­run­gen, ge­folgt von der Ab­sicht, es den Kon­troll­mäch­ten leicht ma­chen zu wol­len, das Be­sat­zungs­sta­tut „in ei­ner gro­ßzü­gi­gen und ma­ß­vol­len Wei­se an­zu­wen­den“, und der Hoff­nung, „durch ei­ne ent­spre­chen­de Hand­ha­bung der im Sta­tut ge­ge­be­nen Re­vi­si­ons­klau­sel“ ei­ne Be­schleu­ni­gung der staat­li­chen Ent­wick­lung zu er­rei­chen.

17. Ländervertretungen

Als am 10.5.1949 der Par­la­men­ta­ri­sche Rat Bonn zum pro­vi­so­ri­schen Bun­des­sitz er­klär­te, hat­ten in Frank­furt be­reits sechs Län­der ins­ge­samt cir­ca 6 Mil­lio­nen Mark in ei­ge­ne Im­mo­bi­li­en in­ves­tiert. Er­staun­lich er­scheint dem spä­te­ren Be­trach­ter die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der zu­nächst Frank­furt als künf­ti­ger Sitz der Bun­des­or­ga­ne fest­zu­ste­hen schien. So­gar Nord­rhein-West­fa­len, das die Be­ru­fung Bonns bis an die Gren­zen des Mög­li­chen för­der­te, be­saß am Main seit dem 1.1.1949 ein ei­ge­nes Lan­des­haus.

Schon die frü­hes­ten Pla­nun­gen der rhei­ni­schen Haupt­stadt be­rück­sich­tig­ten den Raum­be­darf der Lan­des­ver­tre­tun­gen. Stets ging man da­bei von Ein­zel­un­ter­brin­gung aus; die ört­li­che Kon­zen­tra­ti­on in ei­ner Art „Bun­des­län­der­haus“ wur­de zu kei­nem Zeit­punkt er­wo­gen. Ge­eig­ne­te Im­mo­bi­li­en schie­nen in aus­rei­chen­der Zahl vor­han­den zu sein, so­gar in un­mit­tel­ba­rer Nä­he des Par­la­ments­vier­tels. Bonn-Pla­ner Wan­ders­leb hat­te ein­fach ei­ne Rei­he von Schlöss­chen und Vil­len, die ei­ne über­eif­ri­ge Stadt­ver­wal­tung ur­sprüng­lich für die künf­ti­ge Bun­des­re­gie­rung aus­ge­sucht hat­te, den künf­ti­gen Lan­des­ver­tre­tun­gen zu­ge­wie­sen.

Bonn pro­fi­tier­te auf der An­ge­bots­sei­te von sei­ner Ver­gan­gen­heit als be­vor­zug­ter Al­ters­ru­he­sitz wohl­ha­ben­der In­dus­tri­el­ler und Be­am­ter. Zahl­rei­che Ge­bäu­de der ge­wünsch­ten Art la­gen ein­ge­bet­tet in gro­ßzü­gi­ge Park­an­la­gen, die wie­der­um zu­sätz­li­chen Raum für ei­ne even­tu­el­le spä­te­re Er­wei­te­rung bo­ten. Den­noch stan­den nur die we­nigs­ten Ge­bäu­de den deut­schen Pla­nern zur frei­en Ver­fü­gung. Schon die ame­ri­ka­ni­schen Kampf­trup­pen hat­ten 1945 be­vor­zugt Ge­bäu­de die­ser Ka­te­go­rie be­schlag­nahmt, eben­so die Bri­ten in ih­rer Nach­fol­ge und dann wie­der die Bel­gi­er, die 1949 Bonn als ei­ne Art „Sub­un­ter­neh­mer“ der Be­sat­zungs­macht ver­wal­te­ten. Zwar wur­de die „Bun­des­zo­ne“ im Spät­herbst ver­ein­ba­rungs­ge­mäß von Be­sat­zungs­trup­pen ge­räumt, aber zum ei­nen ver­zö­ger­te sich der Ab­zug der bel­gi­schen Stä­be, zum an­de­ren be­hiel­ten sich die Bri­ten als für Bonn ver­ant­wort­li­che Sie­ger­macht die Ver­fü­gung über Hun­der­te von be­schlag­nahm­ten Ob­jek­ten vor. Ih­re Frei­ga­be muss­te in je­dem ein­zel­nen Fall von deut­schen Stel­len er­wirkt wer­den.

18. Presse

Oh­ne Zwei­fel brauch­te das um­strit­te­ne Bonn ei­ne gu­te Pres­se. Wie viel auf dem Ge­bie­te der Be­richt­er­stat­tung im Ar­gen lag, zeigt ei­ne der auf­wän­dig ge­stal­te­ten Bro­schü­ren, mit der die Stadt Frank­furt in der hei­ßen Pha­se des Städ­te­kamp­fes für ih­re Sa­che warb. Das Heft be­stand vor­wie­gend aus ne­ga­ti­ven Pres­se­ar­ti­keln über die Kon­kur­ren­tin Bonn. „Be­son­ders gut be­dient wird die Pres­se ... . Da­her ist zu hof­fen, dass die Pres­se ih­re Kri­ti­ken bald ein­schränk­t“, no­tier­te Paul de Cha­peau­rouge (1876-1952), Mit­glied des Par­la­men­ta­ri­schen Ra­tes, zum Pro­blem­be­wusst­sein vor Ort. Zu­ge­ge­ben, bis zu die­sem Zeit­punkt war Bonn kein Zen­trum des wie­der auf­er­stan­de­nen deut­schen Jour­na­lis­mus ge­we­sen; was über die Haupt­städ­te der neu ge­bil­de­ten Bun­des­län­der hin­aus­reich­te, hat­te sich in der Um­ge­bung der Nürn­ber­ger Kriegs­ver­bre­cher­pro­zes­se zu­sam­men­ge­fun­den und ab Som­mer 1947 vor al­lem in Frank­furt kon­zen­triert.

We­nig Um­zugs­nei­gung zeig­ten ver­ständ­li­cher­wei­se die al­li­ier­ten Pres­se­ver­tre­ter. Ei­ni­ge von ih­nen wa­ren mit den sieg­rei­chen Trup­pen ih­rer Län­der nach Deutsch­land ge­kom­men und sol­len noch 1949 den pri­vi­le­gier­ten Sta­tus von „al­lied war cor­re­spond­ents“ ge­nos­sen ha­ben. In Frank­furt, dem Haupt­quar­tier der ame­ri­ka­ni­schen Be­sat­zung, fan­den die­se US-Jour­na­lis­ten ein per­fekt auf ih­re Be­dürf­nis­se zu­ge­schnit­te­nes Wohn- und Ver­sor­gungs­um­feld vor.

Not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung für ei­ne fai­re Be­richt­er­stat­tung wa­ren auch im kriegs­zer­stör­ten Deutsch­land ge­wis­se Min­dest­stan­dards bei Bü­ros und Woh­nun­gen. An­ge­sichts der knap­pen Zeit ent­schied man sich für vor­ge­fer­tig­te Bü­ro­häu­ser. Der Her­stel­ler ga­ran­tier­te 15 Jah­re Le­bens­dau­er, al­le­mal ge­nug für die ge­schätz­te Zeit des Pro­vi­so­ri­ums Bonn. Die „Pres­se­ba­ra­cken“ oder „Pres­se­häu­ser“, wie sie ge­wöhn­lich hie­ßen, da sie ver­putzt wur­den und mit ih­ren grü­nen Fens­ter­lä­den, ih­rem Falz­zie­gel-Walmdach und ei­nem Bal­kon im Ober­ge­schoss ganz ma­nier­lich aus­sa­hen, über­dau­er­ten dann we­sent­lich län­ger.

En­de Ju­li 1949 be­gan­nen die Aus­schach­tungs­ar­bei­ten. „Wie Pil­ze sind die­se Bau­ten dann aus dem Bo­den ge­wach­sen“, be­wun­der­te die Lo­kal­pres­se die hier an­ge­wand­te Fer­tig­bau­wei­se. Je­de Haus­ein­heit um­fass­te acht oder zehn Bü­ro­räu­me von durch­schnitt­lich 15 Qua­drat­me­ter Flä­che, an­geb­lich mit Schall­schutz ver­se­hen, in der Pra­xis wohl eher für ih­re Hell­hö­rig­keit be­rüch­tigt. Cir­ca 1,7 Mil­lio­nen Mark ließ sich das Land die Pres­se­häu­ser kos­ten; spä­ter wür­de ein stren­ger Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter an­zwei­feln, ob die­se Auf­wen­dun­gen im Rah­men „Ge­schäfts­füh­rung oh­ne Auf­tra­g“ für den Bund wirk­lich not­wen­dig wa­ren.

Auch bei der Wohn­raum­zu­wei­sung wur­den die Jour­na­lis­ten von An­fang an gut be­dacht. Über 10 Pro­zent der vom Land Nord­rhein-West­fa­len als Erst­aus­stat­tung ge­för­der­ten Woh­nun­gen gin­gen an in- und aus­län­di­sche Pres­se­ver­tre­ter. „Auf die Not­wen­dig­keit, ins­be­son­de­re die Pres­se woh­nungs­mä­ßig bald­mög­lichst und an­ge­mes­sen in Bonn un­ter­zu­brin­gen, ... hat der Herr Bun­des­kanz­ler im­mer wie­der hin­ge­wie­sen“, ver­lau­te­te es im März 1950 be­stä­ti­gend aus dem Bau­mi­nis­te­ri­um. Von wei­te­ren Pro­gram­men woll­te man im Fi­nanz­res­sort al­ler­dings nichts wis­sen. Auch im Aus­land, so die Ar­gu­men­ta­ti­on, bau­ten die Re­gie­run­gen schlie­ß­lich nicht für frem­de Jour­na­lis­ten.

19. Engpass Wohnraum

Die Auf­nah­me­fä­hig­keit des Rau­mes Bonn für den zu er­war­ten­den Bun­des­zu­zug war sei­ner­zeit ein wich­ti­ger Ak­tiv­pos­ten in der Haupt­stadt­dis­kus­si­on ge­we­sen. Hat­ten Bin­nen­wan­de­rung und Flücht­lings­auf­nah­me in den Nach­kriegs­jah­ren die Wohn­raum­dich­te im Lan­des­durch­schnitt auf 1,7 Per­so­nen pro Raum ang­st­ei­gen las­sen, lag die­se wich­ti­ge Kenn­zahl Mit­te 1949 in Bonn selbst bei 1,44, in Go­des­berg mit 1,34 so­gar noch ein we­nig güns­ti­ger. Zwar wa­ren die bes­se­ren Ob­jek­te durch die Be­sat­zer be­legt wor­den, aber ge­ra­de die lang­an­dau­ern­de Be­schlag­nah­mung zeig­te jetzt bei der Räu­mung auch ei­ne po­si­ti­ve Sei­te: Ein gro­ßer Teil der frü­he­ren Ei­gen­tü­mer oder Alt­mie­ter hat­te sich in­zwi­schen an­ders­wo auf Dau­er ein­ge­rich­tet oder konn­te mit Er­satz­woh­nun­gen ab­ge­fun­den wer­den oder durf­te im Rah­men der gel­ten­den Wohn­raum­be­wirt­schaf­tung nur ei­nen Teil des re­sti­tu­ier­ten Be­sit­zes in An­spruch neh­men. Nicht we­ni­ge schlie­ß­lich wa­ren auch aus fi­nan­zi­el­len Grün­den gar nicht mehr in der La­ge, sich den in bes­se­ren Zei­ten ge­nos­se­nen Wohn­lu­xus zu er­lau­ben.

Hier lag zu­min­dest ein An­fangs­be­stand vor, der sich zu­dem lau­fend durch so ge­nann­te „In­stand­set­zungs­woh­nun­gen“ er­gänz­te, teil­zer­stör­te Räum­lich­kei­ten al­so, die mit ver­gleichs­wei­se ge­rin­gen Lan­des- oder Bun­des­zu­schüs­sen wie­der dem Woh­nungs­markt zu­ge­führt wer­den konn­ten. Schon seit Mit­te Ok­to­ber 1949 ge­nos­sen bei der Bon­ner Stadt­ver­wal­tung Bau­ge­su­che zur Schaf­fung neu­en Wohn­raums für Bun­des­an­ge­hö­ri­ge al­ler­höchs­te Prio­ri­tät. Den­noch kam die Bun­des­re­gie­rung, woll­te sie die Mi­nis­te­ri­en bis En­de 1950 voll ak­ti­ons­fä­hig ma­chen, an ei­ner deut­lich sicht­ba­ren Ei­gen­be­tei­li­gung nicht vor­bei.

Ei­nen Tag nach dem Haupt­stadt­be­schluss des Bun­des­ta­ges leg­te der Woh­nungs­bau­mi­nis­ter im Ka­bi­nett die Grund­zü­ge sei­ner Pla­nun­gen vor. Der Bund selbst trat im Re­gel­fall nicht als Bau­herr auf, son­dern be­auf­trag­te ört­li­che und über­re­gio­na­le Bau- und Sied­lungs­ge­sell­schaf­ten. Trotz ei­ner ge­wis­sen Ein­för­mig­keit füg­ten sich die Neu­bau­ten har­mo­nisch ins Bild der Uni­ver­si­täts- und Gar­ten­stadt, zum Bei­spiel durch Aus­fül­len vor­han­de­ner Bau­lü­cken. So­weit ge­schlos­se­ne Sied­lun­gen not­wen­dig wa­ren, wur­den sie durch Grün­an­la­gen auf­ge­lo­ckert, wie heu­te ein Rund­gang durch die er­hal­te­nen frü­hen Bun­des­sied­lun­gen be­stä­tigt, für mo­no­to­ne Groß­sied­lun­gen war im dicht be­bau­ten Bonn oh­ne­hin kein Platz.

Ähn­lich wie den städ­ti­schen Pla­nun­gen lag den Sied­lungs­ent­wür­fen des Bun­des­woh­nungs­baus die Idee ei­nes auf­ge­lo­cker­ten und durch­grün­ten Woh­nens zu­grun­de. Zwei- und drei­ge­schos­si­ge Zei­len mit gro­ßen Haus­ab­stän­den sind häu­fi­ger als hö­he­re Ge­bäu­de­ty­pen. Ei­ne un­ge­zwun­ge­ne Art der Auf­schlie­ßung („ge­mä­ßig­ter Zei­len­bau“) ver­mied die all­zu sche­ma­ti­sche An­ein­an­der­rei­hung, wie sie in der Zwi­schen­kriegs­zeit Mo­de ge­we­sen war. Stö­run­gen durch Ver­kehrs­lärm wur­den re­du­ziert, in­dem man die Häu­ser häu­fig mit den Schmal­sei­ten zu den gro­ßen Durch­gangs­stra­ßen aus­rich­te­te und durch Wohn­we­ge er­schloss. Stra­ßen wur­den mög­lichst ge­schwun­gen durch die Sied­lungs­räu­me ge­legt. Die lo­cker grup­pier­ten Zei­len pass­ten ih­re Stel­lung dem vor­han­de­nem Baum­be­stand oder dem na­tür­li­chen Ge­län­de­re­lief an.

20. Finanzierungsprobleme

Von An­fang an war die Eta­blie­rung der Bun­des­or­ga­ne in Bonn be­glei­tet von ei­ner aus­ge­spro­chen schlech­ten Zah­lungs­mo­ral der di­ver­sen öf­fent­li­chen Auf­trag­ge­ber. „Als die Re­gie­rung ge­bil­det wur­de, war mein Geld prak­tisch al­le“, cha­rak­te­ri­sier­te der Lei­ter der Be­schaf­fungs­stel­le die pein­li­che La­ge. Bü­ro­kra­ti­sche Hin­der­nis­se wa­ren ei­ne Ur­sa­che, so­lan­ge sich der Bon­ner Ap­pa­rat noch nicht ein­ge­spielt hat­te. Doch sie er­klä­ren nur zum Teil die Rück­sichts­lo­sig­keit der Ver­wal­tungs­leu­te ge­gen­über Hand­wer­kern und Lie­fe­ran­ten. In der frü­hen Pha­se, al­so noch un­ter der al­lei­ni­gen Ver­ant­wor­tung Nord­rhein-West­fa­lens, war zwei­fel­los der Ta­ten­drang der Bonn-Pla­ner das gra­vie­rends­te Pro­blem. Als dann der Bund ein­zog, ver­ließ sich das Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um auf die Ver­spre­chen des Gast­ge­ber­lan­des, ei­ge­nes Geld für die Ein­rich­tung der Bun­des­or­ga­ne hat­te man kaum ein­ge­plant.

Im De­zem­ber 1949 schlie­ß­lich konn­ten die Zah­lungs­schwie­rig­kei­ten nicht län­ger ver­heim­licht wer­den. Die Ban­ken wa­ren nicht mehr ge­willt, auf die von der Bau­di­rek­ti­on aus­ge­ge­be­nen Be­schei­ni­gun­gen über er­brach­te Leis­tun­gen hin Bau­fir­men und Hand­wer­kern Kre­di­te ein­zu­räu­men. Das­sel­be In­sti­tut, wel­ches ei­ne Bau­be­schei­ni­gung des Ger­ling-Kon­zerns an­stands­los kre­di­tier­te, ver­wei­ger­te dies, so­bald der ent­spre­chen­de Nach­weis vom Bü­ro Bun­des­haupt­stadt aus­ge­fer­tigt war. „Es ist na­tür­lich un­halt­bar, dass auf dem Rü­cken der Hand­wer­ker die Bü­ros der Bun­des­re­gie­rung fi­nan­ziert wer­den“, schimpf­te ei­ne Köl­ner Bank.

21. Eine neue Rolle für Bonn

Auch die Stadt Bonn hat sich über die Mit­te der 1950er Jah­re hin­aus hoch ver­schul­det, um den An­sprü­chen an die Haupt­stadt­wür­de ge­recht zu wer­den. In der Ver­wal­tung und wohl auch im kol­lek­ti­ven Be­wusst­sein der Bür­ger­schaft war die Er­in­ne­rung an glän­zen­de Epo­chen der Ver­gan­gen­heit noch le­ben­dig, schien die eins­ti­ge kur­k­öl­ni­sche Re­si­denz­stadt, die be­rühm­te Prin­zen­uni­ver­si­tät, der Mil­lio­närs­wohn­sitz nach wie vor zu Hö­he­rem be­ru­fen. Oh­ne die­ses Fun­da­ment ist nicht ver­ständ­lich, wie schnell und oh­ne Selbst­zwei­fel Stadt­spit­ze und Bür­ger die Chan­ce der pro­vi­so­ri­schen Bun­des­haupt­stadt er­grif­fen und ge­gen rie­si­ge Wi­der­stän­de erst die Kan­di­da­tur durch­foch­ten und dann die prak­ti­sche Um­set­zung be­wäl­tig­ten.

Wie Bonn eher zu­fäl­lig Ta­gungs­ort des Par­la­men­ta­ri­schen Ra­tes wur­de, wie man Ge­fal­len an der Rol­le fand und sich den Ent­schei­dungs­trä­gern auch als Sitz von Par­la­ment und Re­gie­rung des neu­en West­staa­tes an­dien­te, wie man im „Städ­te­kampf“ des Herbs­tes 1949 das mäch­ti­ge Frank­furt mit viel List und teil­wei­se mit den ei­ge­nen Waf­fen schlug, ist oft er­zählt wor­den. Viel Spott und Hä­me war die Re­ak­ti­on, als die klei­ne Stadt am Rhein ih­re Ver­spre­chun­gen nicht auf al­len Fel­dern hal­ten konn­te, weil man mehr En­er­gie in den Wett­kampf als in die Vor­be­rei­tun­gen ge­steckt hat­te, vor al­lem, weil Re­gie­rung und be­glei­ten­der Bun­de­stross (Pres­se, Ver­bän­de, aus­län­di­sche Mis­sio­nen) per­so­nell weit schnel­ler an­schwol­len als vor­aus­ge­se­hen. Fi­nanz­mi­nis­ter Fritz Schäf­fer hat die an ih­ren haupt­stadt­be­ding­ten Son­der­aus­ga­ben lei­den­de Stadt aus­ge­spro­chen knapp ge­hal­ten.

Der klu­ge Haus­häl­ter wuss­te um die heim­li­che Schwä­che der Stadt­vä­ter. Wie be­reits 1794, 1814 und 1918 such­te Bonn auch nach 1945 ei­ne zu­kunfts­fä­hi­ge Rol­le. Das Haupt­stadt­pro­jekt wur­de als Chan­ce er­kannt, an die al­ten Glanz­zei­ten an­zu­knüp­fen und von ei­ner Ex­klu­siv­funk­ti­on zu pro­fi­tie­ren. Das im Früh­jahr 1951 ver­fass­te Schluss­ka­pi­tel zum städ­ti­schen Ver­wal­tungs­be­richt 1945-1950 ver­deut­licht die Träu­me ei­ner Kom­mu­ne, die sich 1918 bis 1948 auf der Ver­lie­rer­sei­te ge­se­hen hat­te: „Die Be­stim­mung Bonns zur Bun­des­haupt­stadt hat ei­ne Ent­wick­lung ein­ge­lei­tet, de­ren Trag­wei­te sich zur Zeit noch nicht voll über­se­hen lässt. Die Stadt steht heu­te am Be­ginn ei­ner neu­en Epo­che ih­rer wech­sel­vol­len Ge­schich­te, un­ge­fähr ver­gleich­bar mit der Zeit vor et­wa 200 Jah­ren, als Kur­fürs­t Cle­mens Au­gust nach der Zer­stö­rung der Stadt durch die Fran­zo­sen durch sei­ne Bau­ten der Stadt ein neu­es Ge­prä­ge gab.“

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Ernennung Konrad Adenauers zum Bonner Ehrenbürger, rechts (mit Amtskette) Oberbürgermeister Peter Stockhausen (1891-1961), 5.1.1951. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 
Zitationshinweis

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Vogt, Helmut, Die Anfänge der Bundesrepublik Deutschland in der provisorischen Hauptstadt Bonn 1949/1950, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-anfaenge-der-bundesrepublik-deutschland-in-der-provisorischen-hauptstadt-bonn-19491950/DE-2086/lido/57d130731aba22.31860853 (19.06.2018)