Matthias Zenders Sagensammlung, der Eifelverein, das Bonner Institut für geschichtliche Landeskunde und die „Westforschung“

Wolfgang Schmid (Winningen)

Umschlag der im Geistkirch-Verlag erschienenen Neuausgabe 'Sagen und Geschichten aus der Westeifel', 2013.

1. Prolog

Nie­mand konn­te im Jah­re 1935 ah­nen, dass das Erst­lings­werk ei­nes Bon­ner Dok­to­ran­den über die Sa­gen­welt sei­ner Ei­fel­hei­mat zu ei­nem Best­sel­ler wer­den soll­te. Die Ma­te­ri­al­samm­lung zu sei­ner Dis­ser­ta­ti­on  er­schien 1935 un­ter dem Ti­tel „Volks­sa­gen der West­ei­fel“ mit ei­nem Um­fang von 272 Druck­sei­ten. 1966 kam, jetzt un­ter dem Ti­tel „Sa­gen und Ge­schich­ten aus der West­ei­fel“, ei­ne mit 656 Druck­sei­ten dop­pelt so um­fang­rei­che Neu­auf­la­ge auf den Markt. Sie ver­kauf­te sich gut, denn 1980 und 1986 er­schie­nen zwei wei­te­re Aus­ga­ben, die seit Jah­ren ver­grif­fen sind. 2013 er­schien un­ter dem eta­blier­ten Ti­tel „Sa­gen und Ge­schich­ten aus der West­ei­fel“ ei­ne Neu­aus­ga­be im Um­fang von 688 Sei­ten.1

Es geht im Rah­men die­ser Stu­die um wis­sen­schaft­li­che Netz­wer­ke. Es geht um ei­ne Dis­ser­ta­ti­on, um ei­ne Samm­lung von Sa­gen und Mär­chen, die ein jun­ger Mann in sei­ner Ei­fel­hei­mat zu­sam­men­trug. Sie ent­stand an dem 1920 neu ge­grün­de­ten In­sti­tut für ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de der Rhein­lan­de, das am wis­sen­schaft­li­chen Aus­tausch nicht nur mit den Fach­kol­le­gen, son­dern auch mit ei­nem gro­ßen und in­ter­es­sier­ten Kreis von Leh­rern, Pfar­rern und Hei­mat­for­schern in­ter­es­siert war. Die Dis­ser­ta­ti­on war nicht nur ein­ge­bun­den in die Ar­beit an ei­nem fä­cher­über­grei­fend ar­bei­ten­den In­sti­tut, das sich in den Jah­ren nach sei­ner Grün­dung in ei­ner Auf­bruchs­stim­mung be­fand, son­dern auch in die jahr­zehn­te­lan­ge Kärr­ner­ar­beit am „Rhei­ni­schen Wör­ter­buch.“ Ein wei­te­rer wich­ti­ger Part­ner der Sa­gen­samm­lung war der Ei­fel­ver­ein, der sich ne­ben dem Wan­dern und der tou­ris­ti­schen Er­schlie­ßung der Ei­fel auch de­ren wis­sen­schaft­li­che Er­for­schung auf sei­ne Fah­nen ge­schrie­ben hat­te. Der Ver­ein grün­de­te in den 1920er Jah­ren in May­en ein Mu­se­um und ei­ne Bi­blio­thek, gab Bü­cher her­aus und öff­ne­te das Ei­fel­ver­eins­blatt und den Ei­fel­ka­len­der auch Fach­wis­sen­schaft­lern, die The­men der Geo­lo­gie, Flo­ra und Fau­na, Kir­chen- und Kunst­ge­schich­te, Lan­des­ge­schich­te und Volks­kun­de ei­nem brei­ten Pu­bli­kum ver­mit­tel­ten. Der Vor­sit­zen­de des Ei­fel­ver­eins, Karl Leo­pold Kauf­mann (1863-1944), stand in en­ger Ver­bin­dung mit dem Di­rek­tor des Bon­ner In­sti­tuts, Franz Stein­bach, or­ga­ni­sier­te und be­such­te lan­des­kund­li­che Ta­gun­gen und ver­öf­fent­lich­te zahl­rei­che lan­des­kund­li­che Auf­sät­ze und Bü­cher.

Drei Jah­re nach dem Be­ginn des Sa­gen­pro­jekts kam das ver­häng­nis­vol­le Jahr 1933. Was folgt, ist ei­ne Ge­schich­te von Blau­äu­gig­keit, Nai­vi­tät, Be­geis­te­rung, Ent­de­cker­freu­de, Sen­dungs­be­wusst­sein, ei­ner ge­hö­ri­gen Por­ti­on Op­por­tu­nis­mus, dem Wunsch nach ei­ner Kar­rie­re oder zu­min­dest des Ver­suchs, zu Über­le­ben. Was die so­ge­nann­te „West­for­scher“ seit den 1920er Jah­ren über das El­sass, das Saar­land, Lu­xem­burg, Eu­pen-Malme­dy, die deutsch­spra­chi­ge Ge­gend um Ar­lon oder die Nie­der­lan­de her­aus­ge­fun­den zu ha­ben glaub­ten, füg­te sich wun­der­bar in die po­li­ti­schen Plä­ne der neu­en Macht­ha­ber. Es bot sich die Aus­sicht auf For­schungs­mit­tel, Sti­pen­di­en, As­sis­ten­ten­stel­len und Lehr­stüh­le, neue Auf­ga­ben wie Pro­jek­te, Pu­bli­ka­tio­nen und Aus­stel­lun­gen oder we­nigs­tens ei­ne UK-Stel­lung im Krieg. Oh­ne dass man im Ein­zel­fall die push- und pull-Fak­to­ren aus­ein­an­der­di­vi­die­ren kann: Ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­ti­on von Wis­sen­schaft­lern wur­de zu gut ge­öl­ten Räd­chen in der Wis­sen­schafts­or­ga­ni­sa­ti­on des „Drit­ten Reichs“, die zum Teil schon un­mit­tel­bar nach Kriegs­be­ginn (Lu­xem­burg), zum Teil aber erst nach dem „End­sie­g“ ei­ne Neu­ord­nung Eu­ro­pas recht­fer­ti­gen soll­te.

Ein wei­te­res Räd­chen in die­sem Sys­tem war der Ei­fel­ver­ein. Auf­grund sei­ner Tra­di­ti­on ver­ei­nig­te er über­wie­gend An­ge­hö­ri­ge der staats­tra­gen­den preu­ßi­schen Eli­ten und stand ka­tho­li­schen, so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen und ge­werk­schaft­li­chen Krei­sen fern. Die­se Schicht wähl­te eher die NS­DAP als bei­spiels­wei­se die Be­woh­ner der ka­tho­lisch ge­präg­ten Ei­fel. Ein Karl Leo­pold Kauf­mann muss­te 1933 nicht groß gleich­ge­schal­tet wer­den, son­dern konn­te fort­an den jetzt nach dem Füh­rer­prin­zip or­ga­ni­sier­ten Ver­ein wei­ter-„füh­ren“. Nicht nur durch sei­ne Per­son be­ding­t  –  er war frü­her preu­ßi­scher Land­rat in Malme­dy und Eus­kir­chen ge­we­sen  –  trat der Ver­ein für die Rück­kehr von „Neu-Deutsch-Bel­gi­en“ ins Reich ein und war durch sei­ne wis­sen­schaft­li­chen Am­bi­tio­nen auch den Zie­len der „West­for­schun­g“ eng ver­bun­den. In den Ar­beits­be­schaf­fungs­maß­nah­men und im Reichs­nähr­stand des „Drit­ten Reichs“ sah der Ver­ein die Ver­wirk­li­chung sei­ner 1888 ge­steck­ten Zie­le ei­ner Wirt­schafts­för­de­rung der Ei­fel. Ger­ne stell­te er den neu­en Macht­ha­bern sei­ne Pu­bli­ka­ti­ons­or­ga­ne zur Ver­fü­gung, um de­ren Leis­tun­gen in der Re­gi­on zu ver­mark­ten. Im Ge­gen­zug wur­de der Ei­fel­ver­ein ge­ra­de bei sei­ner Kul­tur­ar­beit gro­ßzü­gig un­ter­stützt, zum Bei­spiel mit 30.000 RM als Ge­burts­tags­ge­schenk zum Er­werb der Ge­no­ve­va­burg in May­en, die das Ei­fel­mu­se­um be­her­bergt. In den 1930er Jah­ren wur­de der Ei­fel­ka­len­der an Se­pa­ra­tis­ten in „Deutsch-Bel­gi­en“ ge­lie­fert, in den 1940er Jah­ren an die Sol­da­ten der Wehr­macht.

Es stellt sich die für An­ge­hö­ri­ge spä­te­rer Ge­ne­ra­tio­nen nicht ganz ein­fach zu be­ant­wor­ten­de Fra­ge nach der in­di­vi­du­el­len Schuld be­zie­hungs­wei­se dem Aus­maß der Ver­stri­ckung. Die Fach­ver­tre­ter der „West­for­schun­g“ wa­ren kei­nes­wegs ei­ne ho­mo­ge­ne Grup­pe, ih­re Ver­tre­ter tra­ten mehr oder min­der frei­wil­lig in den Dienst des Re­gimes und en­ga­gier­ten sich in un­ter­schied­li­chem Aus­maß. Die „West­for­schun­g“ ent­stand in ei­nem spe­zi­fi­schen his­to­ri­schen Kon­text, der sich durch die Schlag­wor­te ver­lo­re­ner Krieg und Ver­trag von Ver­sailles, Ver­lust von El­sass-Loth­rin­gen und Eu­pen-Malme­dy so­wie ent­mi­li­ta­ri­sier­tes Rhein­land, Se­pa­ra­tis­mus  und Ruhr­kampf cha­rak­te­ri­sie­ren lässt.

Die „West­for­schun­g“ be­sitzt auch ei­ne an­de­re Sei­te, die der Kol­le­gen in Frank­reich, Bel­gi­en, Hol­land und Lu­xem­burg, mit de­nen man teil­wei­se eng ko­ope­rier­te, die man zum Teil aber auch mas­siv at­ta­ckier­te. Wei­ter hat­te sich die „West­for­schun­g“ be­reits vor 1933 eta­bliert, und sie wur­de auch von Per­so­nen ge­tra­gen, die die NS-Ideo­lo­gie ab­lehn­ten. Nach 1933 gibt es noch zeit­li­che Ver­än­de­run­gen, ein­mal ei­ne Pha­se der Be­geis­te­rung und As­si­mi­lie­rung, dann in ei­ni­gen Fäl­len ei­nen Pro­zess der Er­kennt­nis, sich in dem neu­en Re­gime ge­irrt zu ha­ben, wei­ter die Be­ob­ach­tung, dass sich das „Drit­te Reich“ not­falls mit Ge­walt und ge­gen gel­ten­des Recht ge­gen in­ne­re und äu­ße­re Wi­der­stän­de be­haup­te­te und sich die Fra­ge nach dem ei­ge­nen Über­le­ben stell­te.

Man fin­det Sei­te an Sei­te den um­trie­bi­gen Franz Stein­bach und den eher stil­len Ge­lehr­ten Mat­thi­as Zen­der. Bei­de stamm­ten aus ka­tho­li­schen Bau­ern­fa­mi­li­en, was sie Zeit ih­res Le­bens präg­te. Stein­bach mach­te Kar­rie­re, trat aber nicht der NS­DAP bei, der völ­lig un­po­li­ti­sche Zen­der wur­de Mit­glied, was aber sei­ne Par­tei­ge­nos­sen nicht da­von ab­hielt, sei­ne Kar­rie­re zu be­hin­dern. Und schlie­ß­lich ging die in­di­vi­du­el­le Bio­gra­phie in fast al­len Fäl­len auch nach dem Krieg wei­ter. „Per­sil­schei­ne“ wur­den aus­ge­stellt, Be­tei­lig­te ent­na­zi­fi­ziert, al­te Po­si­tio­nen wie­der­langt und neue Tä­tig­kei­ten ge­fun­den. Da­bei war es ei­ne Fra­ge des Über­le­bens, die ei­ge­ne Ge­schich­te ins rech­te Licht zu rü­cken. Vie­les wur­de ver­schwie­gen, an­de­res be­schö­nigt. Die Nach­kom­men der „West­for­scher“, Kin­der wie Schü­ler, stan­den vor ei­ner Wand des Schwei­gen­s  –  ein Schick­sal, das sie mit vie­len Nach­kom­men von Sol­da­ten und Flücht­lin­gen teil­ten.

Wo die münd­li­che Tra­di­ti­on schweigt, un­voll­stän­dig oder un­glaub­wür­dig ist, kann sich die Ge­ne­ra­ti­on der Nach­kom­men mit der schrift­li­chen Über­lie­fe­rung be­fas­sen. Vie­le Ak­ten wur­den im und nach dem Krieg zer­stört, an­de­re „ge­säu­bert.“ Den­noch sind zum The­ma die­ser Un­ter­su­chung noch weit­aus mehr Un­ter­la­gen vor­han­den, als aus­ge­wer­tet wer­den konn­ten. Der Nach­lass von Mat­thi­as Zen­der, der in Kar­tons auf dem Dach­bo­den des ehe­ma­li­gen In­sti­tuts für ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de der Rhein­lan­de der Uni­ver­si­tät Bonn la­gert, ist nur ein Bei­spiel. Zu­dem wa­ren die Prot­ago­nis­ten die­ser Stu­die be­geis­ter­te Wis­sen­schaft­ler, die zahl­rei­che Ta­gun­gen or­ga­ni­siert, Vor­trä­ge ge­hal­ten und ei­nen Berg von Bü­chern, Auf­sät­zen und Re­zen­sio­nen hin­ter­las­sen ha­ben. Pa­pier ist ge­dul­dig. Die „Rhei­ni­schen Vier­tel­jahrs­blät­ter“ (RhVjbl) blie­ben ge­nau­so lü­cken­los er­hal­ten wie „Die Ei­fel“ (DE) und der „Ei­fel­ka­len­der“ (EK). Man mag sich da­mit her­aus­re­den, dass man­cher Ko­tau vor den Macht­ha­bern den Zeit­um­stän­den und den Macht­ha­bern, die schlie­ß­lich die Geld­ge­ber der „West­for­schun­g“ dar­stell­ten, ge­schul­det wa­ren, doch lohnt es sich stets, die Ver­öf­fent­li­chun­gen selbst in ih­rer gan­zen Län­ge zu le­sen, nach ih­ren Quel­len zu fra­gen und sie mit Ar­bei­ten aus der Nach­kriegs­zeit zu ver­glei­chen.

Matthias Zender, Porträtfoto, um 1987, Foto: Hans Schafgans, Bonn. (Privatbesitz)

 

Auch bei den Ver­öf­fent­li­chun­gen, Pe­ri­odi­ka und Rei­hen zeigt sich ei­ne ge­ra­de­zu er­schre­cken­de Kon­ti­nui­tät, und zwar nicht nur der Per­so­nen und In­sti­tu­tio­nen, son­dern auch der The­men und For­schungs­kon­zep­te. Vie­le „West­for­scher“ wa­ren jun­ge Leu­te. Sie sa­hen in ihr ei­ne gro­ße Chan­ce und stan­den am En­de des Zwei­ten Welt­krie­ges im bes­ten Man­nes­al­ter; Frau­en wie Edith En­nen wa­ren ei­ne Min­der­heit. In den 1950er und 60er Jah­ren sa­ßen sie dann an den Schalt­stel­len der In­sti­tu­te und For­schungs­ein­rich­tun­gen und be­herrsch­ten mit ih­ren lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­ten, Schü­lern und En­keln den wis­sen­schaft­li­chen Markt[2].

Auch der Ei­fel­ver­ein tat sich mit sei­ner Ver­gan­gen­heit schwer, wur­de doch der Vor­sit­zen­de der Jah­re 1938 bis 1945 – der Schlei­de­ner Land­rat Jo­sef Schramm (1901-1991) –1954 wie­der­ge­wählt und be­klei­de­te die­ses Am­t  bis 1973, als Eh­ren­vor­sit­zen­der so­gar bis 1991. Wie hät­te man sich da beim Ver­eins­ju­bi­lä­um 1988 kri­tisch mit der ei­ge­nen Ge­schich­te be­fas­sen kön­nen? Erst in der Fest­schrift zum 125-jäh­ri­gen Ver­eins­ju­bi­lä­um konn­te 2013 die Vor­kriegs-, Kriegs- und Nach­kriegs­zeit auf­ge­ar­bei­tet wer­den. Zu­dem konn­te der Ei­fel­ver­ein nach dem Krieg als Hei­ma­t­or­ga­ni­sa­ti­on in ei­ner nach Ori­en­tie­rung su­chen­den Ge­sell­schaft Punk­te sam­meln. In den 1980er und 90er Jah­ren wur­de Wan­dern zu ei­nem Mas­sen­sport, zu­dem eta­blier­te sich der Ei­fel­ver­ein als Um­welt-, Land­schafts- und Denk­mal­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on. Doch die Pro­fes­sio­na­li­sie­rung und Kom­mer­zia­li­sie­rung des Wan­der­tou­ris­mus und die sin­ken­de Fas­zi­na­ti­on der Or­ga­ni­sa­ti­ons­form Ver­ein ma­chen auch ihm zu­neh­mend zu schaf­fen.

Das Bon­ner In­sti­tut tat sich mit der ei­ge­nen Ver­gan­gen­heit eben­falls schwer, zu­mal es seit den 1970er Jah­ren nach und nach sei­ne füh­ren­de Po­si­ti­on ver­lor und schlie­ß­lich auf­ge­löst wur­de. Bis 1974 be­zie­hungs­wei­se 1991 sa­ßen die Stein­bach-Schü­ler Edith En­nen und Ge­org Dro­ege (1929-1993) auf dem Lehr­stuhl, ih­re Nach­fol­ger Wil­helm Jans­sen (ge­bo­ren 1933) und Man­fred Gro­ten (ge­bo­ren 1949) ge­hö­ren nicht nur an­de­ren Ge­ne­ra­tio­nen, son­dern auch je­weils ei­ner an­de­ren „Schu­le“ an. Den Zen­der-Lehr­stuhl hat­te bis 2000 sein Schü­ler Hein­rich L. Cox (ge­bo­ren 1935) in­ne. 2005 wur­de das In­sti­tut auf­ge­löst, die Rhei­ni­sche Lan­des­ge­schich­te ist seit­dem ei­ne Ab­tei­lung des In­sti­tuts für Ge­schichts­wis­sen­schaft, die Volks­kun­de als Ab­tei­lung für Kul­tur­an­thro­po­lo­gie/Volks­kun­de am In­sti­tut für Ar­chäo­lo­gie und Kul­tur­an­thro­po­lo­gie an­ge­sie­delt.

Mit Fra­gen der In­sti­tuts­ge­schich­te hat sich in den letz­ten Jah­ren mehr­fach Mar­le­ne Ni­ko­lay-Pan­ter be­fasst, die sich als Dro­ege-Schü­le­rin dem Kreis der En­ke­lin­nen zu­rech­net. 2006 fand ei­ne Herbst­ta­gung mit dem The­ma „Lan­des­ge­schich­te auf dem Prüf­stan­d“ statt, die Vor­trä­ge wur­den 2007 un­ter dem Ti­tel „Rhei­ni­sche Lan­des­ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Bonn. Tra­di­tio­nen – Ent­wick­lun­gen – Per­spek­ti­ven“ ver­öf­fent­licht. Da­mit ist das For­schungs­feld, wie der fol­gen­de Bei­trag zeigt, aber noch lan­ge nicht „ab­ge­grast.“ In der Vor­kriegs­zeit ist noch Vie­les zu er­for­schen, in der Nach­kriegs­zeit ist noch fast al­les un­er­forscht. Frei­lich soll­ten ge­ra­de auch His­to­ri­ker ne­ben der Ver­gan­gen­heit auch die Zu­kunft im Blick ha­ben. Alois Ger­lich frag­te sich in ei­ner Re­zen­si­on, ob der Ta­gungs­band ei­nen „Schwa­nen­ge­san­g“ dar­stellt, und in der Tat über­wiegt die Re­tro­spek­ti­ve, die Be­schwö­rung ver­gan­ge­ner Grö­ße in der Zeit der Grün­der­vä­ter, ein Phä­no­men, das man auch in der Ge­schichts­schrei­bung mit­tel­al­ter­li­cher Klös­ter in Zei­ten von Kri­se und Nie­der­gang be­ob­ach­ten kann. Ger­lich schloss mit der Auf­for­de­rung, die Fens­ter des uni­ver­si­tä­ren El­fen­bein­turms zu öff­nen: „Hier sind Uni­ver­si­tä­ten, Staats­kanz­lei­en, Mi­nis­te­ri­en, nach­ge­ord­ne­te Be­hör­den, Ver­ei­ne und Ge­sell­schaf­ten, Stadt- und Ge­mein­de­rä­te an­ge­spro­chen und ein­ge­la­den zur Lek­tü­re im Sin­ne der Bil­dungs­po­li­tik un­se­rer Ge­gen­wart.“[3]  Um die­se In­sti­tu­tio­nen da­von zu über­zeu­gen, Geld für die For­schung aus­zu­ge­ben, be­darf es al­ler­dings so­wohl von Sei­ten der Lan­des­ge­schich­te als auch der Volks­kun­de über­zeu­gen­der Kon­zep­te.

2. Wer war Matthias Zender?

Wer war der Bon­ner Dok­to­rand, der die Le­ser für die Ge­schich­ten sei­ner Ei­fel­hei­mat be­geis­tern konn­te? Mat­thi­as Zen­der wur­de am 20.4.1907 als Sohn des Bau­ern Pe­ter Zen­der und sei­ner Frau An­na Ma­ria Thie­len in Nie­der­weis ge­bo­ren[4]. Nie­der­weis liegt in der heu­ti­gen Ver­bands­ge­mein­de  Ir­rel im Ei­fel­kreis Bit­burg-Prüm, na­he der Lu­xem­bur­ger Gren­ze, 13 Ki­lo­me­ter süd­lich von Bit­burg und 9 Ki­lo­me­ter nörd­lich von Ech­ter­nach. Heu­te le­ben dort 250 Ein­woh­ner. Das Dorf be­sitzt rö­mi­sche Sied­lungs­res­te. Der Turm der Pfarr­kir­che St. Jo­han­nes Evan­ge­list stammt aus dem 12. Jahr­hun­dert, die Kir­che selbst wur­de 1846 er­rich­tet. Ne­ben Bau­ern­häu­sern und We­ge­kreu­zen ist noch das ba­ro­cke Schloss zu er­wäh­nen, das Franz Edu­ard An­ton Frei­herr von der Heyden (1693-1755), Prä­si­dent des Lu­xem­bur­ger Pro­vin­zi­al­ra­tes, 1751 er­rich­ten ließ. In Nie­der­weis gab es al­so al­les, was zu ei­nem ty­pi­schen Ei­fel­dorf ge­hör­te.

Da­zu zähl­te auch die Kir­che St. Jo­han­nes Evan­ge­list. Zen­der blieb Zeit sei­nes Le­bens nicht nur in der bäu­er­li­chen Welt sei­ner Ei­fel­hei­mat, son­dern auch im ka­tho­li­schen Glau­ben ver­wur­zelt. Dies brach­te be­reits sein Vor­na­me zum Aus­druck: Der hei­li­ge. Mat­thi­as ist der po­pu­lärs­te Hei­li­ge im Bis­tum Trier, zahl­rei­che Pro­zes­sio­nen zie­hen noch heu­te je­des Jahr durch die Ei­fel zum Grab des Apos­tels in Trier.

Edith Ennen, Porträtfoto, undatiert.

 

Trier war dann auch die nächs­te Sta­ti­on sei­ner Vi­ta: Nach dem Be­such der Volks­schu­le in Nie­der­weis wech­sel­te Zen­der an Os­tern 1919, un­mit­tel­bar nach dem Ers­ten Welt­krieg, an das Fried­rich-Wil­helm-Gym­na­si­um in Trier[5]. Die­ses galt als Re­kru­tie­rungs­be­cken für das Trie­rer Pries­ter­se­mi­nar. Klas­sen­ka­me­ra­den von Zen­der wa­ren der spä­te­re Köl­ner Erz­bi­schof und Kar­di­nal Jo­seph Höff­ner und der spä­te­re Pfar­rer von Butz­wei­ler und be­kann­te Er­for­scher der re­li­giö­sen Volks­kun­de der Ei­fel, Ni­ko­laus Kyll (1904-1973)[6] . Be­reits 1919 be­geis­ter­te ihn sein Leh­rer Jo­sef Stein­hau­sen (1885-1959) [7]  für die Sprach­for­schung und ver­mit­tel­te den Kon­takt zu dem Lei­ter des Rhei­ni­schen Wör­ter­bu­ches, Pro­fes­sor Dr. Jo­sef Mül­ler (1875-1945), in Bonn [8].

2.1 Schulzeit, Studium und Promotion

Zen­der stu­dier­te von 1926 bis 1928 in Bonn, 1928 in Inns­bruck, 1928 bis 1929 in Wien und dann wie­der von 1929 bis 1933 in Bonn Volks­kun­de, Ge­schich­te und Ger­ma­nis­tik. Seit 1927 ge­hör­te er der ka­tho­li­schen Stu­den­ten­ver­ei­ni­gung Unitas Sa­lia an. Am 1.11.1929 wur­de er „wis­sen­schaft­li­cher Hilfs­ar­bei­ter“ an der rhei­ni­schen Lan­des­stel­le des Deut­schen Volks­kun­de­at­las; ihr Lei­ter war sein För­de­rer Jo­sef Mül­ler. Die­se Stel­le be­klei­de­te der in­zwi­schen 22-Jäh­ri­ge für ge­nau zehn Jah­re [9]. Erst nach dem Er­schei­nen der „Volks­sa­gen“ und der „Volks­mär­chen“ pro­mo­vier­te Zen­der, der bis da­hin be­reits 23 Auf­sät­ze ver­öf­fent­licht hat­te, 1938 mit der Ar­beit „Die Sa­ge als Spie­gel­bild von Volks­art und Volks­le­ben im west­li­chen Grenz­land. Ein Bei­trag zur Volks­kun­de von Ei­fel und Ar­den­nen“ (Teil­druck Bonn 1940) [10].

Matthias Zender mit Nikolaus Kyll in Speicher (Eifel), 1970. (Archiv Wolfgang Zender)

 

Mit Bonn, der Mus­ter­uni­ver­si­tät der preu­ßi­schen Rhein­pro­vinz, hat­te Zen­der ei­ne gu­te Wahl ge­trof­fen. 1920 grün­de­ten hier der His­to­ri­ker Her­mann Au­bin und der Sprach­wis­sen­schaft­ler Theo­dor Frings das In­sti­tut für ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de, das die Ge­schich­te der Rhein­lan­de fä­cher­über­grei­fend in Ko­ope­ra­ti­on mit der his­to­ri­schen Geo­gra­phie, der Volks­kun­de und Sprach­ge­schich­te und auch der Kunst­ge­schich­te er­for­schen woll­te. Die Un­ter­su­chun­gen wa­ren nicht nur fä­cher-, son­dern auch raum- und grenz­über­schrei­tend an­ge­legt und soll­ten ei­ner brei­ten Öf­fent­lich­keit ver­mit­telt wer­den [11]. Auch wenn Au­bin 1925 nach Gie­ßen und Frings 1927 nach Leip­zig be­ru­fen wur­de, hat­te da­mit ei­ne Er­folgs­ge­schich­te be­gon­nen [12] . Au­bins Nach­fol­ger wur­de der erst 31-jäh­ri­ge His­to­ri­ker Franz Stein­bach, der 1926 die Lei­tung des In­sti­tuts über­nahm und nach sei­ner Be­ru­fung auf ein Ex­tra­or­di­na­ri­at auch zum Di­rek­tor er­nannt wur­de, ein Amt, das der we­gen sei­ner Rol­le in der „West­for­schun­g“ nicht ganz un­um­strit­te­ne, aber ein­fluss­rei­che His­to­ri­ker bis 1960 in­ne­hat­te [13].

Au­bin und Frings stie­ßen zahl­rei­che Pro­jek­te an: Be­reits 1922 gab Au­bin ei­ne zwei­bän­di­ge „Ge­schich­te des Rhein­lan­des von der äl­tes­ten Zeit bis zur Ge­gen­war­t“ her­aus, de­ren ers­ter Band sich mit der po­li­ti­schen und de­ren zwei­ter sich mit der Kul­tur­ge­schich­te be­fass­te. The­men wa­ren un­ter an­de­rem die Stadt- und Agrar­ge­schich­te, Ge­wer­be, Han­del und Ver­kehr, die Sprach­ge­schich­te, das Geis­tes­le­ben und die Kunst­ge­schich­te. Der von Au­bin und Frings mit dem Volks­kund­ler Jo­sef Mül­ler er­ar­bei­te­te Band „Kul­tur­strö­mun­gen und Kul­tur­pro­vin­zen in den Rhein­lan­den“ war ei­ne im­po­san­te Zu­sam­men­schau der Ge­schich­te, Spra­che und Volks­kun­de ei­nes Kul­tur­rau­mes, bei de­ren Er­for­schung auch die kar­to­gra­phi­sche Me­tho­de ei­ne gro­ße Rol­le spiel­te[14].

Diss. von Matthias Zender, Karteikarte. (Nachlass Matthias Zender)

 

Eben­falls 1926 gab Au­bin den von dem Bon­ner Leh­rer Jo­sef Nies­sen (1864-1942) er­ar­bei­te­ten „Ge­schicht­li­chen Hand­at­las der Rhein­pro­vin­z“ her­aus [15]. Ab 1922 konn­ten in der neu be­grün­de­ten Buch­rei­he „Rhei­ni­sches Ar­chi­v“ zahl­rei­che Qua­li­fi­ka­ti­ons­ar­bei­ten ver­öf­fent­licht wer­den; ers­ter Band war die Dis­ser­ta­ti­on von Franz Stein­bach [16]. Ab 1922 er­schie­nen die „Rhei­ni­schen Neu­jahrs­blät­ter“ und ab 1926 das Mit­tei­lungs­blatt „Ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de“, aus de­nen dann die 1931 be­grün­de­ten „Rhei­ni­schen Vier­tel­jahrs­blät­ter“ her­vor­gin­gen, bei de­nen Zen­der von An­fang an mit­ar­bei­te­te [17].

1925 wur­de der „Ver­ein für ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de der Rhein­lan­de“ ge­grün­det, der be­reits 1928 613 per­sön­li­che und 224 kor­po­ra­ti­ve Mit­glie­der zähl­te [18]. Bei der Grün­dung des In­sti­tuts war von An­fang an ei­ne gro­ße Brei­ten­wir­kung an­ge­strebt; es ver­stand sich als „hei­mat­ge­schicht­li­ches In­sti­tut an der rhei­ni­schen Uni­ver­si­tät“ [19] . Au­bin woll­te ei­ne „Ver­net­zung von Hei­mat­for­schung und uni­ver­si­tä­rer Lan­des­kun­de“ [20]. Er ver­an­stal­te­te ab 1922 „aka­de­mi­sche Fe­ri­en­kur­se“, die weit­aus mehr Be­su­cher an­zo­gen als die heu­ti­gen In­sti­tuts­ta­gun­gen. Die zu­nächst drei­tä­gi­gen Kur­se wur­den von Bon­nern und aus­wär­ti­gen Re­fe­ren­ten ge­stal­tet. 1925 war das Rah­men­the­ma die „Kul­tur­strö­mun­gen“, wor­über ne­ben Au­bin, Frings und Mül­ler auch der Kunst­his­to­ri­ker He­ri­bert Rei­ners (1884-1960) re­fe­rier­te [21]. 1927 ging es um die Sied­lungs­ge­schich­te und 1928 un­ter Fe­der­füh­rung von Bru­no Kuske um die Wirt­schafts­ge­schich­te. 1929 lau­te­te das Rah­men­the­ma „Rhei­ni­sche Volks­kun­de.“ An drei Ta­gen gab es 13 Vor­trä­ge in drei Sek­tio­nen über die Auf­ga­ben und Me­tho­den der Dis­zi­plin, über Volks­kunst so­wie über Volks­glau­ben und -brauch. 1934 ging es um Saar­fra­gen und bei dem Lehr­gang oh­ne The­men­schwer­punkt von 1937 sprach Zen­der über die Volks­kun­de in den west­deut­schen Grenz­lan­den. 1951 re­fe­rier­ten Franz Stein­bach, Karl Mei­sen (1891-1973), Adolf Bach (1890-1972) und Mat­thi­as Zen­der [22].

Diss. von Matthias Zender, Titelblatt. (Nachlass Matthias Zender)

 

Par­al­lel da­zu gab es die Ar­beits­ta­gun­gen der West­deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft (WDF), die sich vor­wie­gend mit Fra­gen der „West­for­schun­g“ be­fass­ten [23]. 1935 fand in Bonn die zwei­te volks­kund­li­che Ta­gung statt, zu der Stein­bach auch Fach­leu­te aus Bel­gi­en und den Nie­der­lan­den ein­ge­la­den hat­te. Adolf Bach re­fe­rier­te über die Na­mens­for­schung und Zen­der über die „geo­gra­phi­sche Ver­brei­tung der Volks­sa­ge in der West­ei­fel.“ 1938 ging es in Ge­rol­stein vor al­lem um das Deutsch­tum in Bel­gi­en, na­ment­lich in Eu­pen-Malme­dy. Zen­der sprach über das Deutsch­tum in Ar­lon und über­leg­te, wie man der „Ver­wel­schungs­po­li­tik des bel­gi­schen Staa­tes“ be­geg­nen kön­ne. Er for­der­te ein um­fang­rei­ches Schul- und Bil­dungs­an­ge­bot und mo­nier­te das man­gel­haf­te En­ga­ge­ment des Deut­schen Reichs auf die­sem Ge­biet, um das Deutsch­tum wie­der­zu­er­we­cken. Man müs­se hier gänz­lich an­ders vor­ge­hen als in Eu­pen-Malme­dy, fol­ger­te er un­ter „leb­haf­tem Bei­fall.“ In sei­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen ist er nie durch so kon­kre­te For­de­run­gen her­vor­ge­tre­ten [24].

Ge­org Mö­lich kam zu dem Er­geb­nis: „Das Bon­ner In­sti­tut war im ers­ten Jahr­zehnt sei­nes Be­ste­hens im Ge­gen­satz zu der bis heu­te do­mi­nie­ren­den re­tro­spek­ti­ven Wahr­neh­mung deut­lich mehr auf öf­fent­li­che ge­schichts­po­li­ti­sche und lan­des­kund­lich-di­dak­ti­sche Wir­kung als auf fach­wis­sen­schaft­li­che Er­trä­ge im en­ge­ren Sin­ne hin aus­ge­rich­tet.“ [25] 

Es ge­lang Au­bin, Frings und Stein­bach zu­nächst nicht, ei­nen or­dent­li­chen Lehr­stuhl für Volks­kun­de ein­zu­rich­ten. Ab 1935 war Karl Mei­sen au­ßer­or­dent­li­cher Pro­fes­sor, wur­de aber 1939 aus dem Amt ent­fernt und kehr­te erst 1945 zu­rück; 1947 wur­de er auf ein Ex­tra­or­di­na­ri­at und 1948 auf ein Or­di­na­ri­at be­ru­fen [26]. Er streb­te ei­ne brei­te Wir­kung sei­ner For­schungs­tä­tig­keit auch bei den Hei­mat­for­schern an und grün­de­te 1948 die Rhei­ni­sche Ver­ei­ni­gung für Volks­kun­de, die das „Rhei­ni­sche Jahr­buch für Volks­kun­de“ her­aus­gab.1954 wur­de auch die „Rhei­nisch-West­fä­li­sche Zeit­schrift für Volks­kun­de“ (RWZ) neu be­grün­det; für bei­de Pe­ri­odi­ka ver­fass­te Zen­der meh­re­re Bei­trä­ge.

Wich­ti­ger für Zen­der war be­reits seit sei­ner Schul­zeit Jo­sef Mül­ler, der 1914 das 1904 von der Preu­ßi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten be­grün­de­te Rhei­ni­sche Wör­ter­buch über­nom­men hat­te, das 1930 als selbst­stän­di­ge drit­te Ab­tei­lung dem Bon­ner In­sti­tut ein­ge­glie­dert wur­de. Mül­ler war von 1903 bis 1907 Leh­rer am Fried­rich-Wil­helm-Gym­na­si­um in Trier, wo er eben­so wie Stein­hau­sen in den Pau­sen den Wort­schatz sei­ner Schü­ler auf­zeich­ne­te. Da­nach war er in Bonn tä­tig [27]. 1925 wur­de er Lehr­be­auf­trag­ter und von 1927 bis zu sei­ner Pen­sio­nie­rung 1940 war er Ho­no­rar­pro­fes­sor. Ne­ben sei­nem Haupt­werk, dem „Rhei­ni­schen Wör­ter­buch“, ist sein grund­le­gen­der Bei­trag zur Sprach­ge­schich­te in den „Kul­tur­strö­mun­gen“ zu nen­nen [28].

Diss. von Matthias Zender, Musterseite. (Nachlass Matthias Zender)

 

Er­wähnt wer­den muss wei­ter Adolf Bach, der 1927 an die Päd­ago­gi­sche Aka­de­mie und als Pri­vat­do­zen­t  an die Uni­ver­si­tät Bonn be­ru­fen wur­de; hier lei­te­te er als Nach­fol­ger von Frings die Ab­tei­lung für Mund­art­for­schung und Volks­kun­de. 1931 wur­de er au­ßer­or­dent­li­cher Pro­fes­sor und 1941 an die „Reichs­uni­ver­si­tät Straß­bur­g“ be­ru­fen [29].

Zu nen­nen ist schlie­ß­lich noch Hans Nau­mann (1886-1951), der ne­ben Jo­sef Mül­ler Zweit­gut­ach­ter von Zen­ders Dis­ser­ta­ti­on war. Der Alt­germa­nist hat­te zahl­rei­che Wer­ke zur mit­tel­al­ter­li­chen, aber auch zur Ge­gen­warts­li­te­ra­tur ver­fasst und war durch sei­ne Theo­rie vom ge­sun­ke­nen Kul­tur­gut be­kannt ge­wor­den. 1932 wur­de er von Frank­furt nach Bonn be­ru­fen, war Mit­un­ter­zeich­ner ei­ner Er­klä­rung 51 deut­scher und ös­ter­rei­chi­scher Pro­fes­so­ren für Adolf Hit­ler (1889-1945), trat 1933 in die NS­DAP und 1935 in den NSD-Do­zen­ten­bund ein. 1933 hielt er bei der Bü­cher­ver­bren­nung ei­ne Re­de. Sie­ben der Bon­ner Kriegs­vor­trä­ge stam­men aus sei­ner Fe­der. Als Rek­tor wur­de er we­gen meh­re­rer Kon­flik­te um die Ent­las­sung des Theo­lo­gen Karl Barth (1886-1968) und um die Ab­er­ken­nung der Eh­ren­dok­tor­wür­de des Schrift­stel­lers Tho­mas Mann (1875-1955) ab­ge­setzt. 1946 wur­de er von der Be­sat­zungs­macht ent­las­sen [30]. Ein ei­ge­ner Lehr­stuhl für Volks­kun­de wur­de 1942 ein­ge­rich­tet und mit dem li­ni­en­treu­en Erich Röhr (1905-1943) be­setzt, der in Bonn eben­so we­ni­ge Spu­ren hin­ter­las­sen hat wie sein 1944 be­ru­fe­ner Nach­fol­ger Jo­seph Ot­to Plass­mann (1895-1964) [31].

2.2 Assistentenzeit in Bonn (1939/1940)

1939 wur­de Zen­der As­sis­tent an der Uni­ver­si­tät Bonn. Von 1932 bis 1933 war er wahr­schein­lich Mit­glied der Zen­trums­par­tei oder stand ihr zu­min­dest na­he, 1933 trat er in die Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Volks­wohl­fahr­t  und in den Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Leh­rer­bund ein; 1937 er­klär­te er sei­nen Ein­tritt in die NS­DAP und wur­de 1940 Mit­glied im NSD-Do­zen­ten­bund [32].

Diss. von Matthias Zender, Karte d. Verbreitung v. Erzählern u. Erzählungen im Bitburger Land. (Nachlass Matthias Zender)

 

Zen­ders As­sis­ten­ten­zeit be­gann am 1.4.1939. Er wur­de so­mit Nach­fol­ger von Mar­tin He­rold (1896-1977) und Kol­le­ge von Fritz Tex­tor (1911-1988) [33]. Stein­bach hob in sei­nem An­trag an die Fa­kul­tät  Zen­ders be­son­de­re Qua­li­fi­ka­ti­on her­vor und sei­ne Be­fä­hi­gung zur Ha­bi­li­ta­ti­on [34]. Da­ne­ben ent­hält die Ak­te Le­bens­lauf, Fra­ge­bo­gen, Ar­beits­ver­trag mit Ge­halts­be­rech­nung, ei­ne Be­schei­ni­gung der NS­DAP über sei­ne Mit­glied­schaft seit dem 1.5.1937, ei­ne Stel­lung­nah­me der Do­zen­ten­schaft, die ihm bei sei­nen Ar­bei­ten „au­ßer­halb der deut­schen West­gren­ze […] Zu­ver­läs­sig­keit“ be­schei­nigt und die sei­ne „po­li­ti­sche Hal­tung […] ein­wand­frei und […] durch­aus po­si­ti­v“ be­ur­teil­te so­wie ei­nen Nach­weis über sein Treue­ge­löb­nis. Am 20.12.1939 hei­ra­te­te Zen­der die Leh­re­rin Cla­ra Ney­ses (1909-1992). 1943 wur­de die Toch­ter Adel­heid (ge­stor­ben 1996), 1950 der Sohn Wolf­gang ge­bo­ren.

Die Stel­lung­nah­me der Do­zen­ten­schaft ist mit „W. Bu­sch“ un­ter­zeich­net. Die Spur führt zu­nächst nicht wei­ter, weil auch der Na­me Wil­helm Busch nicht eben sel­ten ist. In der Kor­re­spon­denz­map­pe Franz Pe­tris fin­det sich das Schrei­ben ei­nes W. Busch aus dem hes­si­schen „Ho­hen­ro­da, Post Mans­bach, über Hün­feld-Lan­d“ vom 23.7.1947. Bei­lie­gend über­sand­te er ein „Ent­las­tungs­schrei­ben“ und er­läu­ter­te, der SD ha­be 1941 ein Ver­fah­ren ge­gen ihn ein­ge­lei­tet, weil er [als Vor­sit­zen­der der Do­zen­ten­schaft] „kon­fes­sio­nel­le und par­tei­feind­li­che Krei­se be­tont ge­för­dert, par­tei­lich ge­bun­de­ne und na­ment­lich SS-Krei­se“ aber be­nach­tei­ligt ha­be. Nach zwei „sehr un­an­ge­neh­men Ver­hö­ren“ sei er bei der Wehr­macht un­ter­ge­taucht. Dann recht­fer­tigt er sein Ver­hal­ten, in Ab­stim­mung mit den Fa­kul­tä­ten sei­en häu­fig „Nicht-Pgs.“ be­ru­fen wor­den, da Par­tei­ge­nos­sen „be­kannt­lich nicht zu den ex­ak­ten Wis­sen­schaft­lern“ zäh­len.“ Er ha­be sich auch schüt­zend vor ei­ne Rei­he von Pro­fes­so­ren und Do­zen­ten (Ca­mil­le Wam­pach, 1884-1958) ge­stellt [35].

Der Ak­te liegt ein un­da­tier­ter und nicht un­ter­schrie­be­ner „Ent­wur­f“ bei. Dar­in er­klär­te Stein­bach, er sei nie­mals Mit­glied der NS­DAP ge­we­sen und ha­be de­ren Po­li­tik stets ab­ge­lehnt. Er stellt Busch ein ta­del­lo­ses Zeug­nis aus, in dem er er­wähnt, die­ser ha­be 1939 auch sei­nen As­sis­ten­ten un­ter­stützt. Wei­ter liegt der Ak­te ei­ne ei­des­statt­li­che Er­klä­rung [Stein­bachs] vom 16.9.1947 bei. Busch ha­be sich „im Jah­re 1939 schüt­zend vor ei­nen As­sis­ten­ten des von mir ge­lei­te­ten In­sti­tuts für ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de der Rhein­lan­de“ ge­stellt, „der aus na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Stu­den­ten­krei­sen we­gen sei­ner welt­an­schau­li­chen und wis­sen­schaft­li­chen Hal­tung an­ge­grif­fen wur­de.“ Auch Stein­bachs Ent­las­sung als Pro­fes­sor und In­sti­tuts­di­rek­tor ha­be er 1940 ver­hin­dert. Sei­ne Tä­tig­keit in der „Bon­ner Do­zen­ten­füh­run­g“ las­se sei­ne Dis­tanz zur Par­tei er­ken­nen.

Die we­ni­gen Text­aus­zü­ge müs­sen ge­nü­gen, es ist hier nicht der Ort, die Tä­tig­keit Wil­helm Buschs nä­her zu un­ter­su­chen. Er war seit 1930 As­sis­tent am In­sti­tut für land­wirt­schaft­li­che Be­triebs­leh­re an der da­ma­li­gen land­wirt­schaft­li­chen Hoch­schu­le Bonn-Pop­pels­dorf. 1936 ha­bi­li­tier­te er sich und er­hielt ei­ne Do­zen­tur für land­wirt­schaft­li­che Be­triebs­leh­re, Agrar­geo­gra­phie und Agrar­ge­schich­te. Er hielt sei­ne Lehr­pro­be zur Ge­schich­te der Schaf­zucht und ei­ne An­tritts­vor­le­sung zu Fra­gen des länd­li­chen Sied­lungs­ge­fü­ges im Rhein­land. Es be­stan­den wo­mög­lich mit Zen­der und Stein­bach ge­mein­sa­me In­ter­es­sen. Busch war Mit­glied der NS­DAP und ist erst­mals 1939 als „Füh­rer des N.S. D. Do­zen­ten­bun­des“ be­legt. 1942 wur­de er nicht oh­ne Wi­der­stän­de auf den Lehr­stuhl für land­wirt­schaft­li­che Be­triebs­leh­re be­ru­fen, 1942 als Di­rek­tor an die Bal­ti­sche For­schungs­an­stalt in Ri­ga ab­kom­man­diert und am 8.5.1945 in den „War­te­stan­d“ ver­setzt. Von 1945 bis 1947 war er für das Zen­tral­amt für Er­näh­rung und Land­wirt­schaft in der Bri­ti­schen Be­sat­zungs­zo­ne in Ham­burg tä­tig. Trotz sei­ner Ent­na­zi­fi­zie­run­g  am 12.9.1947 („ent­las­te­t“) wur­de er nicht wie­der ein­ge­stellt und ar­bei­te­te für ei­nen Ham­bur­ger Ver­lag. 1950 wur­de er Pro­fes­sor für gärt­ne­ri­sche Be­triebs­leh­re an der da­ma­li­gen TH Han­no­ver [36].

Zu Zen­ders Auf­ga­ben als As­sis­tent zähl­te auch die Schrift­lei­tung der Rhei­ni­schen Vier­tel­jahrs­blät­ter. Am En­de des ers­ten Dop­pel­hef­tes ver­ab­schie­de­te sich sein Vor­gän­ger Mar­tin He­rold im Ju­ni 1939 von den Le­sern mit dem Ge­fühl der „Ge­nug­tu­un­g“, dass es ihm be­zie­hungs­wei­se der Zeit­schrift in den acht Jah­ren, in de­nen er seit Heft 4 (1931) die „Schrift­wal­tun­g“ in­ne­hat­te, ge­lun­gen sei, die hoch ge­steck­ten „volks­ge­schicht­li­chen Zie­le“ zu er­rei­chen. Als Nach­fol­ger stell­te er Zen­der vor [37]. Zu des­sen Auf­ga­ben ge­hör­te auch die Be­treu­ung des Re­zen­si­ons­teils. Zen­der, der schon von 1931 an re­gel­mä­ßig Be­spre­chun­gen ge­schrie­ben hat­te, leg­te sich 1939 dann rich­tig ins Zeug. Bis zum Krieg ver­fass­te er 15 Re­zen­sio­nen, da­von meh­re­re für die Zeit­schrift des Ver­eins für rhei­ni­sche und west­fä­li­sche Volks­kun­de und ei­ni­ge für die Rhei­ni­sche Hei­mat­pfle­ge, die Zeit­schrift des Volks­bun­des für das Deutsch­tum im Aus­lan­de und die West­deut­sche Zeit­schrift für Volks­kun­de, vor al­lem aber für die Rhei­ni­schen Vier­tel­jahrs­blät­ter [38].

Matthias Zender, 1936. (Archiv Wolfgang Zender)

 

Hier be­sprach er 1931 die Saar­län­di­sche Volks­kun­de von Ni­ko­laus Fox (1899-1946) und be­män­gel­te da­bei, dass die lan­ge Zeit wirk­sa­men kul­tu­rel­len Zu­sam­men­hän­ge mit dem süd­west­deut­schen Raum nicht ge­nug her­aus­ge­stellt sei­en. Dass Zen­der an dem un­ter an­de­rem von Au­bin und Stein­bach im Auf­trag der Saar-For­schungs­ge­mein­schaft und dem Bon­ner In­sti­tut her­aus­ge­ge­be­nen Saar-At­las mit­ge­ar­bei­tet hat, kann hier nur am Ran­de er­wähnt wer­den. Er be­ar­bei­te­te Kar­ten der Ma­ri­en­wall­fahrts­or­te, des Pfingst­quak, des Mai­bau­mes, der Mäd­chen­le­hen, der Ern­te­fes­te so­wie der Wen­de­li­nus­ver­eh­rung und kam zu dem Er­geb­nis, „daß nicht nur die Spra­che, son­dern auch die Volks­kul­tur der Saar­lan­de rein deutsch ist.“ [39] 

1933 re­zen­sier­te Zen­der die be­reits 1926 und 1928 er­schie­ne­nen ers­ten bei­den Bän­de von Louis Pincks (1873-1940) Loth­rin­ger Volks­lie­dern. Ihn be­ein­druck­te die Fül­le des zu­sam­men­ge­tra­ge­nen Ma­te­ri­als bei­spiels­wei­se über die Volks­lied­sän­ger, das deut­lich ma­che, dass die Volks­lie­der „rein deut­schen Ur­sprungs“ sei­en. 1934 und 1941 wer­den auch die fol­gen­den bei­den Bän­de aus­führ­lich ge­wür­digt und mit ei­ner Bi­blio­gra­phie des 1940 ver­stor­be­nen Pinck ver­se­hen [40]. We­ni­ger po­si­tiv ist Zen­ders Ur­teil über die Dis­ser­ta­ti­on von Leo Hil­berath (1903-1967) über die Jung­ge­sel­len­ver­ei­ne der Ei­fel: Da die­ser we­der die Samm­lun­gen des Rhei­ni­schen Wör­ter­buchs noch die An­sät­ze der Kul­tur­raum­for­schung oder auch „Nau­manns Leh­ren“ zur Kennt­nis ge­nom­men ha­be, lie­ßen sich sei­ne so­zio­lo­gi­schen Er­kennt­nis­se viel­fach ver­tie­fen.

1939 ver­öf­fent­lich­te Zen­der ei­nen klei­nen Li­te­ra­tur­be­richt zu west­deut­schen (!) Sa­gen­samm­lun­gen. Be­spro­chen wird ei­ne Samm­lung von 100 Sa­gen und Lie­dern aus der Ge­gend von Ar­lon (!) von Ni­ko­laus War­ker (1861-1940), den Zen­der sehr schätz­te. Sie wa­ren zwar schon 1931 bis 1933 in der Hé­mecht er­schie­nen, sind aber in kei­ner „reichs­deut­schen Zeit­schrift an­ge­zeigt wor­den.“ Des­halb lis­tet Zen­der wei­te­re Ar­bei­ten War­kers auf. Wei­ter be­spricht er Gott­fried Hens­sens (1889-1976) Müns­ter­län­di­sche Sa­gen, die zu­meist Mär­chen sei­en, und Karl Loh­mey­ers (1878-1957) Sa­gen von Saar, Blies und Na­he. Den Ab­schluss bil­det der zwei­te Band von An­ge­li­ka Mer­kel­bach-Pincks (1885-1972) Loth­rin­ger (!) Sa­gen, Schwän­ke und Bräu­che. 

1939 re­zen­sier­te Zen­der recht po­si­tiv das Sie­ger­län­der Wör­ter­buch und eher kri­tisch die letz­ten bei­den Bän­de von Ar­nold van Gen­neps (1873-1957) Hand­buch der fran­zö­si­schen Volks­kun­de. Zwar war Zen­ders ab­schlie­ßen­des Ur­teil sehr po­si­tiv, aber das Ka­pi­tel über das El­sass hat er mas­siv kri­ti­siert, da die Er­geb­nis­se der ak­tu­el­len „West­for­schun­g“ (Stein­bach 1939!) nicht ge­nü­gend re­zi­piert wor­den sei­en: „Das Volks­tum zur Be­grün­dung für die Zu­ge­hö­rig­keit des El­saß zu Frank­reich an­zu­füh­ren, er­scheint ab­we­gig und voll­kom­men aus­sichts­los.“ Da aber zahl­rei­che „Be­zie­hun­gen und Ver­flech­tun­gen“ be­stün­den, sei­en die deut­sche und die fran­zö­si­sche Volks­kun­de auf ei­ne en­ge Ko­ope­ra­ti­on an­ge­wie­sen, „weil neue­re Ar­bei­ten den recht be­deu­ten­den volks­mä­ßi­gen An­teil der Ger­ma­nen beim Auf­bau des fran­zö­si­schen Vol­kes und der fran­zö­si­schen Kul­tur dar­ge­tan ha­ben.“ 

Hermann Aubin, undatiert. (Universitätsarchiv Bonn)

 

Ähn­li­che Tö­ne fin­den sich in Franz Pe­tris Ar­ti­kel „Of­fe­ner Brief an ei­nen wal­lo­ni­schen Ge­lehr­ten“, der im Ok­to­ber 1939 (!) in den Rhei­ni­schen Vier­tel­jahrs­blät­tern den bel­gi­schen Ro­ma­nis­ten und Me­diä­vis­ten Mau­rice Wil­mot­te (1861-1942) zu­recht­wies und je­de Un­ter­stel­lung, die „West­for­schun­g“ wür­de ei­ne „mi­li­tä­ri­sche und po­li­ti­sche Er­obe­run­g“ vor­be­rei­ten, zu­rück­wies [41].

Zen­der woll­te sich ha­bi­li­tie­ren. Ge­plant war ei­ne Ar­beit über das The­ma „Volks­kun­de des west­deut­schen Grenz­lan­des“ zwi­schen Aa­chen und den Vo­ge­sen. Er woll­te sei­ne For­schun­gen zu Ar­lon, Malme­dy, St. Vith und Lu­xem­burg aus­bau­en und die Un­ter­schie­de zwi­schen Deut­schen, Fran­zo­sen und Wal­lo­nen her­aus­ar­bei­ten. Hier­zu frag­te er nach ei­ner För­de­rung durch den „Volks­bund für das Deutsch­tum im Aus­land.“ Die­ser soll­te die Kos­ten für län­ge­re Ar­chiv- und Bi­blio­theks­rei­sen nach Brüs­sel und Pa­ris über­neh­men. In ei­nem aus­führ­li­chen, bis auf ei­nen klei­nen An­griff ge­gen die „The­sen der fran­zö­si­schen Kul­tur­pro­pa­gan­da“ völ­lig un­po­li­ti­schen Schrei­ben wand­te er sich am 20.12.1938 an die Pro­vin­zi­al­ver­wal­tung. Der zu­stän­di­ge Lei­ter der Kul­tur­ab­tei­lung war der Kunst­his­to­ri­ker und SA-Ober­füh­rer  Dr. Hans Joa­chim Apf­fel­sta­edt (1902-1944?), der im glei­chen Jahr auf der 50-Jahr­fei­er des Ei­fel­ver­eins ei­ne Re­de ge­hal­ten hat­te und das Ei­fel­mu­se­um in May­en mit ei­nem nam­haf­ten Be­trag för­der­te. Er gab das Schrei­ben an die SS-For­schungs­ge­mein­schaft Ah­nen­er­be, zu der er recht en­ge Be­zie­hun­gen hat­te, mit der Bit­te um Stel­lung­nah­me wei­ter. Die­se lehn­te ei­ne För­de­rung mit al­lem Nach­druck ab, da Zen­der der ka­tho­li­schen Stu­den­ten­ver­ei­ni­gung Unitas-Sa­lia an­ge­hö­re und an­läss­lich sei­nes Stu­di­en­auf­ent­hal­tes in Inns­bruck Mit­glied der „Heim­wehr“ ge­we­sen sein sol­le. Zu­dem hät­te er sich un­be­rech­tig­ter­wei­se als Mit­ar­bei­ter des Ah­nen­er­bes be­zeich­net. Apf­fel­sta­edt wies am 7. März den Gau­do­zen­ten­füh­rer, den Mi­ne­ra­lo­gen und Rek­tor der Uni­ver­si­tät, Karl F. Chu­do­ba (1898-1976), dar­auf hin, dass in Bonn in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Ah­nen­er­be die Ein­rich­tung ei­nes Lehr­stuhls für Volks­kun­de ge­plant sei, der ei­ne „ein­deu­tig kla­re welt­an­schau­li­che Li­nie“ ha­be. Ei­ne Zu­sam­men­ar­beit des Amts­in­ha­bers mit Zen­der sei des­halb un­zu­mut­bar. Am 9. März schrieb der Gau­do­zen­ten­füh­rer zu­rück, Zen­der kön­ne sich in Bonn gar nicht ha­bi­li­tie­ren, da es hier kein volks­kund­li­ches Or­di­na­ri­at ge­be. Wei­ter er­klär­te er sich be­reit, bei der Be­schaf­fung ab­leh­nen­der Gut­ach­ten be­hilf­lich zu sein.

Ein wei­te­res Schlüs­sel­do­ku­ment be­fin­det sich in ei­nem Kon­vo­lut von Ak­ten und Brie­fen aus dem VDA. Sie be­tref­fen Kriegs­ge­fan­ge­ne aus der Ge­gend von Ar­lon (1941), ei­ne Ex­kur­si­on mit Bon­ner Stu­den­ten ins west­li­che Grenz­land (1939) und ein Flug­blatt des Bun­des der Deutsch-Bel­gi­er zur Ein­wei­hung ei­nes Denk­mals für den 1847 ge­bo­re­nen und 1916 ge­stor­be­nen His­to­ri­ker Gott­fried Kurth in Ar­lon (1939). In der Ak­te be­fin­det sich wei­ter ein Schrei­ben der Reich­stu­den­ten­füh­rung, Au­ßen­stel­le West in Köln, vom 16.2.1939, mit dem Lan­des­rat Ru­dolf Hil­gers ei­ne Stel­lung­nah­me des Per­so­nal­am­tes der Stu­den­ten­füh­rung der Uni­ver­si­tät Bonn vom 4. Fe­bru­ar über­sandt wur­de [42]. Die Schrift­stü­cke ge­hö­ren wohl in den eben skiz­zier­ten Kon­text, wur­den aber an an­de­rer Stel­le ab­ge­legt. Da­nach war am 13. Ja­nu­ar um ei­ne Be­ur­tei­lung Zen­ders ge­be­ten wor­den. Die­ser ha­be von 1927 bis zu ih­rer Auf­lö­sung der Unitas an­ge­hört. Vor 1933 sei er Mit­glied kei­ner Par­tei ge­we­sen. Dem „ND“ ge­hö­re er nicht an, un­ter­stüt­ze ihn aber. Da­mit ist ver­mut­lich der Bund Neu­deutsch­land ge­meint, ei­ne ka­tho­li­sche Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on, der auch sein Bru­der Nik­la an­ge­hör­te [43]. Seit dem 15.3.1938 sei er Par­tei­an­wär­ter, seit Ok­to­ber 1933 ge­hö­re er dem NSLB und der NS­V  an. Zen­der ver­fü­ge über „ein rei­ches und gründ­li­ches Wis­sen“ und ha­be sich an der „grenz­land­deut­schen Ar­beits­ge­mein­schaf­t“ be­tei­ligt. „Welt­an­schau­lich aber be­wegt er sich völ­lig im Fahr­was­ser des Ka­tho­li­zis­mus und wird sich wohl nie­mals von sei­nen ka­tho­li­schen Bin­dun­gen los­sa­gen kön­nen.“

Zen­ders Ha­bi­li­ta­ti­on, soll­te ver­ei­telt wer­den, wo­bei der Haupt­vor­wurf war, dass er sich „völ­lig im Fahr­was­ser des Ka­tho­li­zis­mus“ be­we­ge. Dies galt für die gan­ze Ab­tei­lung Spra­che und Volks­kun­de am Bon­ner In­sti­tut für ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de [44]. Die hef­ti­ge Re­ak­ti­on hin­ter den Ku­lis­sen hat­te wohl ver­schie­de­ne Ur­sa­chen: Zu­nächst gab es seit 1938 in­ten­si­ve Pla­nun­gen zur Grün­dung ei­nes volks­kund­li­chen In­sti­tuts, wo­bei sich die Be­tei­lig­ten dar­über ei­nig wa­ren, dass hier­für ei­ne Per­sön­lich­keit ge­fun­den wer­den müs­se, die „welt­an­schau­lich und wis­sen­schaft­lich gleich zu­ver­läs­sig sei.“ Und die, war man sich schon vor­her ei­nig, sei in Bonn nicht zu fin­den [45]. Das In­sti­tut soll­te ei­ne ei­ge­ne Ab­tei­lung für „Er­zähl­gut, Sa­gen und Mär­chen, die aus dem In­sti­tut für Ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de her­aus­zu­neh­men wä­ren,“ er­hal­ten. Zen­ders Per­son war hier nicht vor­ge­se­hen, sein Ha­bi­li­ta­ti­ons­vor­ha­ben brach­te das Kan­di­da­ten­ka­rus­sell ins Schlin­gern. Auch in­halt­lich dürf­te sein Pro­jekt für Be­frem­den ge­sorgt ha­ben: Zen­der woll­te auf sei­ne ei­ge­ne, voll­kom­men un­po­li­ti­sche Art und Wei­se ein hoch­bri­san­tes The­ma be­ar­bei­ten. Ob er un­be­darft, un­in­for­miert oder ein­fach nur ver­trau­ens­se­lig war, sei da­hin­ge­stellt. Hin­zu kommt aber noch ein drit­tes Kon­flikt­feld: 1936 war in Ber­lin beim At­las der deut­schen Volks­kun­de ein „Zen­tral­ar­chiv der deut­schen Volks­er­zäh­lun­g“ ge­grün­det wor­den. 1938 wur­de das Ar­chiv als „Lehr- und For­schungs­stät­te für Volks­er­zäh­lung, Mär­chen- und Sa­gen­kun­de“ dem Ah­nen­er­be ein­ge­glie­dert – hier sah man in Zen­ders For­schungs­vor­ha­ben wo­mög­lich ei­ne un­er­wünsch­te Kon­kur­renz [46].

Zen­der hat­te im Üb­ri­gen bis da­hin auch kein en­ges, aber doch ein un­pro­ble­ma­ti­sches Ver­hält­nis zum VDA. Die Vor­ar­bei­ten zu sei­ner Ha­bi­li­ta­ti­ons­schrift wur­den von 1936 bis 1938 fi­nan­zi­ell ge­för­dert [47]. 1939 wur­de ei­ne Ex­kur­si­on Bon­ner Stu­den­ten ins west­li­che Grenz­land un­ter­stützt und Zen­der leis­te­te Schüt­zen­hil­fe für den Ent­wurf ei­nes Flug­blat­tes des Bun­des der Deutsch-Bel­gi­er zur Ein­wei­hung ei­nes Denk­mals für den 1916 ge­stor­be­nen His­to­ri­ker Gott­fried Kurth in Ar­lon [48]. Mehr­fach hat er auch für die Bun­des­lei­tung des VDA Buch­ma­nu­skrip­te und Pe­ri­odi­ka be­gut­ach­tet, ob sie für ei­nen Druck oder ei­nen Ver­sand nach „Deutsch­bel­gi­en“ in Fra­ge kä­men. Auch sei­ne ei­ge­nen Pu­bli­ka­tio­nen wur­den un­ter­stützt [49]. Be­reits 1938 fand ei­ne Be­spre­chung mit Stu­di­e­n­as­ses­sor Dr. Gülle­cke statt, wie man das Deutsch­tum in Ar­lon för­dern kön­ne [50]. Aus der Kor­re­spon­denz geht wei­ter her­vor, dass sich Zen­der häu­fig nicht in Bonn auf­hielt. Im Au­gust und Sep­tem­ber 1938 weil­te er für „volks­kund­li­che Auf­nah­men“ in Bel­gi­en und Lu­xem­burg, im No­vem­ber 1938 in Ar­lon und im No­vem­ber 1939 in Lu­xem­burg. Die Rei­sen dürf­ten vom VDA be­zu­schusst wor­den sein [51].

Franz Petri, Porträtfoto, um 1961. (Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland)

 

Be­mer­kens­wert ist je­den­falls, dass Stein­bach, das In­sti­tut und die Fa­kul­tät trotz­dem an Zen­der fest­hiel­ten; we­ni­ge Ta­ge spä­ter, am 1.4.1939, wur­de die­ser zum As­sis­ten­ten er­nannt. Als Zen­ders Ver­trag 1941 aus­lief, be­an­trag­te Stein­bach ei­ne Ver­län­ge­rung, die er mit sei­nen Auf­sät­zen und Vor­trä­gen be­grün­de­te. „Sei­ne Ha­bi­li­ta­ti­ons­ar­beit über ‚Be­zie­hun­gen zwi­schen der Ver­brei­tung des volks­tüm­li­chen Er­zähl­gu­tes und der ger­ma­ni­schen-ro­ma­ni­schen Sprach­gren­ze‘ konn­te we­gen sei­ner am 7.11.1939 er­folg­ten Ein­be­ru­fung noch nicht ab­ge­schlos­sen wer­den.“ Es sei mit Si­cher­heit zu er­war­ten, dass er da­mit ei­ne Do­zen­tur er­lan­gen wer­de [52]. Ein ähn­li­ches Schrei­ben rich­te­te Bach am 5.12.1941 an die Fa­kul­tät, aus ei­nem Rand­ver­merk ist ei­ne Wei­ter­be­schäf­ti­gung bis 1943 er­sicht­lich [53]. 1943 er­folg­te ei­ne wei­te­re Ver­län­ge­rung [54].

2.3 Kriegsverwaltungsrat in Arlon

Be­reits am 1.11.1939 wur­de Zen­der zur Wehr­macht ein­be­ru­fen, aber kurz da­nach wie­der ent­las­sen. Am 20.5.1940 wur­de er noch­mals ein­be­ru­fen und tat in Neu­stre­litz (Meck­len­burg-Vor­pom­mern) Dienst als Sol­dat. 1940 und 1941 hielt er sich mehr­fach in Bel­gi­en und Lu­xem­burg auf; er war dort als Sach­be­ar­bei­ter für Volks­tums­fra­gen für die Au­ßen­stel­le West des VDA tä­tig [55]. Am 1.4.1941 wur­de er zum Kriegs­ver­wal­tungs­rat in Ar­lon er­nannt. Sei­ne Auf­ga­be war die ei­nes Re­fe­ren­ten für Sprach­fra­gen bei der deut­schen Kom­man­dan­tur. In­wie­weit bei sei­ner Be­ru­fung Kriegs­ver­wal­tungs­rat Franz Pe­tri, der seit 1940 als Kul­tur­re­fe­rent bei der Mi­li­tär­ver­wal­tung in Bel­gi­en und Nord­frank­reich tä­tig war, ei­ne Rol­le spiel­te, kann hier nicht wei­ter un­ter­sucht wer­den [56]. Zen­der war in Ar­lon für den deutsch­spra­chi­gen Un­ter­richt so­wie die Pfle­ge der deut­schen Spra­che und Kul­tur zu­stän­dig. Ab dem 1.9.1944 war er wie­der­um an un­be­kann­ter Stel­le Sol­dat, zu­nächst in ei­ner Aus­bil­dungs­kom­pa­gnie, nach drei Mo­na­ten dann an der Front. Am 14.4.1945 ge­riet er in ame­ri­ka­ni­sche Ge­fan­gen­schaft, wur­de aber schon am 12. Ju­li ent­las­sen. Er trat sei­nen Dienst am In­sti­tut wie­der an, wur­de aber am 28.1.1946, nach­dem die Bel­gi­er ein Aus­lie­fe­rungs­an­su­chen ge­stellt hat­ten, ver­haf­tet, nach Bel­gi­en über­stellt und dort bis zum 28.9.1949 fest­ge­hal­ten [57]. Mit ei­ner „or­don­nan­ce de non-lieu“, ei­ner Ver­fah­rens­ein­stel­lung aus tat­säch­li­chen oder aus recht­li­chen Grün­den, en­de­te die Un­ter­su­chungs­haft, oh­ne dass An­kla­ge er­ho­ben wor­den wä­re. Er­mit­telt wur­de we­gen des Vor­wurfs, Zen­der ha­be die An­ne­xi­on des Ge­bie­tes um Ar­lon be­trie­ben, wo­zu er in ei­ner aus­führ­li­chen Recht­fer­ti­gungs­schrift Stel­lung be­zog [58].

2.3.1 Elf Zeugnisse zu Zenders Entlastung

Über Zen­ders Tä­tig­keit in Ar­lon hat kürz­lich Car­lo Le­jeu­ne ei­ne um­fang­rei­che Pu­bli­ka­ti­on vor­ge­legt, die so­wohl die um­fang­rei­che Er­mitt­lungs­ak­te als auch Zen­ders per­sön­li­chen Nach­lass aus­wer­tet [59]. Des­halb soll hier nur ein As­pekt auf­ge­grif­fen wer­den: Zwi­schen dem 14.8.1947 und dem 16.1.1948 (be­zie­hungs­wei­se dem 4.7.1949) ent­stan­den elf Er­klä­run­gen, in de­nen Zen­der be­kann­te Per­so­nen ein Zeug­nis über sein Ver­hält­nis zum Drit­ten Reich” aus­stell­ten [60]. Auch wenn die Quel­len­grup­pe die­ser Be­schei­ni­gun­gen, oft „Per­sil­schei­ne“ ge­nannt, nicht un­pro­ble­ma­tisch ist, er­laubt sie doch ei­ne gan­ze Rei­he von Hin­wei­sen auf Zen­ders per­sön­li­ches Um­feld.

Den Auf­takt mach­te am 14.8.1947 Franz Stein­bach mit ei­ner ei­des­statt­li­chen Er­klä­rung. „Dr. Zen­ders re­li­giö­se und po­li­ti­sche Über­zeu­gun­gen wa­ren schon vor 1933 so ge­fes­tigt, dass er nie­mals in Ge­fahr kom­men konn­te, ein ‚Na­zi‘ zu wer­den.“ Nach 1933 sei­en er und sei­ne Ar­beit miss­trau­isch be­ob­ach­tet und an­ge­grif­fen wor­den. „Der äus­ser­li­che Bei­tritt zur Par­tei war […] un­ver­meid­bar, wenn er nicht auf die er­hoff­te wis­sen­schaft­li­che Lauf­bahn von vor­ne­her­ein ver­zich­ten woll­te.“ Sei­ne Be­schäf­ti­gung mit der Sprach­gren­ze und sei­ne For­schun­gen über Ar­lon sei­en aus­schlie­ß­lich „aus wis­sen­schaft­li­chen und per­sön­li­chen Mo­ti­ven“ her­vor­ge­gan­gen und hät­ten nichts mit Po­li­tik zu tun ge­habt. Da­nach ha­be er sei­ne Haupt­auf­ga­be „im Schutz der Be­völ­ke­rung ge­gen par­tei­po­li­ti­sche und bü­ro­kra­ti­sche Miss­grif­fe“ ge­se­hen. Stein­bach un­ter­streicht zum Ab­schluss: „Ich ver­si­che­re, dass ich zu kei­ner Zeit Mit­glied der Par­tei ge­we­sen bin.“

Vier Ta­ge spä­ter folg­te am 18.8.1947 Zen­ders Leh­rer und Men­tor Adolf Bach, der nach dem Ver­lust sei­nes Straß­bur­ger Lehr­stuhls sei­ne Bon­ner Pri­vat­adres­se an­gab [61]. Zen­der sei nur ge­zwun­ge­ner­ma­ßen (von Bach über­re­det?), wi­der­stre­bend und un­ter schwe­ren Ge­wis­sens­bis­sen in die NS­DAP ein­ge­tre­ten, ha­be als prak­ti­zie­ren­der Ka­tho­lik kei­ner­lei Be­zie­hung zu de­ren Ideo­lo­gie be­ses­sen, was sich auch in sei­ner wis­sen­schaft­li­chen Ar­beit nie­der­ge­schla­gen ha­be. Dass Zen­der von Bach trotz des­sen po­li­ti­scher Ver­gan­gen­heit ein Zeug­nis vor­leg­te, er­scheint be­fremd­lich, ist aber durch die gro­ße Ver­eh­rung ge­gen­über dem Leh­rer er­klär­bar.

Ein er­grei­fen­des Schrei­ben stammt von Edith En­nen, die seit 1930 Stu­di­en­kol­le­gin Zen­ders war. Sie pro­mo­vier­te 1932 bei Stein­bach, wur­de 1935 nach ih­rem Ex­amen für den hö­he­ren Ar­chiv­dienst im Bon­ner In­sti­tut „wis­sen­schaft­li­che Hilfs­ar­bei­te­rin“, ver­trat Zen­ders Stel­le im Krieg und war 1945/1946 sei­ne As­sis­ten­ten­kol­le­gin. En­nen hob am 18. Au­gust Zen­ders „in­ne­re Geg­ner­schaft zum Na­tio­nal­so­zia­lis­mus“ her­vor und be­ton­te die christ­li­che Tra­di­ti­on sei­nes El­tern­hau­ses. Er ha­be der Zen­trums­par­tei na­he ge­stan­den und „leb­haf­te Sym­pa­thi­en für Brü­nin­g“ emp­fun­den [62]. Zen­der sei aus­schlie­ß­lich „aus Sor­ge um sein be­ruf­li­ches Fort­kom­men“ 1937 der Par­tei bei­ge­tre­ten, ha­be sich aber von al­len Ver­an­stal­tun­gen fern­ge­hal­ten. Sei­ne ab­leh­nen­de Ein­stel­lung sei be­merkt wor­den und er ha­be des­halb „be­ruf­li­che Schwie­rig­kei­ten“ ge­habt. Ein Sti­pen­di­um sei ab­ge­lehnt wor­den, weil er „kon­fes­sio­nell ge­bun­den“ ge­we­sen sei. Zen­ders Ein­stel­lung als As­sis­tent stell­te in den Au­gen der Ge­sta­po und des NSD-Stu­den­ten­bun­des ei­ne er­heb­li­che Be­las­tung für das In­sti­tut dar. Auch in Ar­lon ha­be es öf­ters Zu­sam­men­stö­ße mit Ver­tre­tern von Par­tei­or­ga­ni­sa­tio­nen ge­ge­ben. Zen­der sei ein „gü­ti­ger und hilfs­be­rei­ter Men­sch“, ha­be ei­nen „tief­ein­ge­wur­zel­ten Sinn für Hu­ma­ni­tät und To­le­ran­z“, wie es die „Ge­bo­te des Chris­ten­tums und der Mensch­lich­keit“ ver­lan­gen. Sie selbst sei aus re­li­giö­sen Grün­den kein Mit­glied der Par­tei oder ei­ner sons­ti­gen Or­ga­ni­sa­ti­on ge­we­sen.

Ein vier­tes Gut­ach­ten aus dem Bon­ner In­sti­tut stammt von dem po­li­tisch eben­falls un­ver­däch­ti­gen Karl Mei­sen. Zen­der sei ein gu­ter Ka­tho­lik, ein „stil­ler, fleis­si­ger Ge­lehr­ter“, aber „nie Na­tio­nal­so­zia­lis­t“ ge­we­sen. Er selbst sei we­gen sei­ner po­li­ti­schen Hal­tung sei­nes Amts ent­ho­ben wor­den, und er hät­te nach sei­ner Wie­der­ein­set­zung kei­nen As­sis­ten­ten ein­ge­stellt, der der NS-Ideo­lo­gie na­he ge­stan­den ha­be.

Mit er­heb­li­chem zeit­li­chen Ab­stand folg­te am 4.7.1949 ei­ne Er­klä­rung von Franz Pe­tri, der nach dem Krieg sei­nen Köl­ner Lehr­stuhl ver­lo­ren hat­te und in­haf­tiert wor­den war. Nach­dem er zahl­rei­che Zeug­nis­se deut­scher, bel­gi­scher und hol­län­di­scher Kol­le­gen vor­ge­legt hat­te, wur­de er erst als „Mit­läu­fer“, dann als „Ent­las­te­ter“ ein­ge­stuft, oh­ne frei­lich sei­nen Lehr­stuhl zu­rück­zu­er­hal­ten. Nach ei­ner Tä­tig­keit als Nach­hil­fe­leh­rer er­hielt er 1948 vom Rhei­ni­schen Lan­des­mu­se­um in Bonn ei­nen Werk­ver­trag zur Auf­ar­bei­tung von „Schrift­quel­len zum früh­ge­schicht­li­chen Be­fes­ti­gungs­we­sen“ und 1949 vom Bon­ner In­sti­tut ei­nen wei­te­ren über „Die land­schaft­li­che Zu­sam­men­hän­ge in den Ge­bie­ten der Ei­fel, des Mit­tel­rheins und des Wes­ter­wal­des.“ Da­nach grün­de­te er die Ar­beits­ge­mein­schaft für west­deut­sche Lan­des- und Volks­for­schung, die die Ar­beit der West­deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft fort­set­zen soll­te. Ihr Lei­ter war Stein­bach, Pe­tri wur­de Schrift­füh­rer und fi­nan­ziert wur­de das Gan­ze vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ge­samt­deut­sche Fra­gen, wo Pe­tris ehe­ma­li­ger Brüs­se­ler Vor­ge­setz­ter, Franz The­dieck (1900-1995), Staats­se­kre­tär war [63]. 1951 wur­de Pe­tri Di­rek­tor des Pro­vin­zial­in­sti­tuts für west­fä­li­sche Lan­des- und Volks­kun­de in Müns­ter, und 1961 ge­lang es Stein­bach, ihn als sei­nen Nach­fol­ger auf den Lehr­stuhl für rhei­ni­sche Lan­des­ge­schich­te und als Di­rek­tor des In­sti­tuts für ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de der Rhein­lan­de nach Bonn be­ru­fen zu las­sen [64]. Für fünf Jah­re war er so­mit Kol­le­ge von Mat­thi­as Zen­der. Erst nach sei­ner E­me­ri­tie­rung 1968 ge­lang es, Edith En­nen auf den Stein­bach-Lehr­stuhl zu be­ru­fen.

Pe­tris um­fang­rei­ches Zeug­nis be­rich­tet, dass er ihn be­reits als As­sis­ten­ten ge­kannt ha­be und dass er im Krieg in Brüs­sel über Zen­ders Tä­tig­keit in Ar­lon gut in­for­miert ge­we­sen sei. Im Auf­trag der Mi­li­tär­ver­wal­tung ha­be er „das Über­grei­fen der von der Lu­xem­bur­ger Zi­vil­ver­wal­tung und der volks­deut­schen Be­we­gung Lu­xem­burg ent­fach­ten An­schluss­pro­pa­gan­da“ ent­ge­gen­ge­wirkt. Aus­führ­lich wird aus ei­nem Schrei­ben des Chefs der Mi­li­tär­ver­wal­tung an Gau­lei­ter Gus­tav Si­mon zi­tiert, auch sei­ne schrift­li­che In­struk­ti­on wird wie­der­ge­ge­ben. Zen­der sei in ers­ter Li­nie Wis­sen­schaft­ler ge­we­sen, es hand­le sich um ei­nen „lau­te­ren, re­li­gi­ös fest in sei­nem ka­tho­li­schen Glau­ben ver­wur­zel­ten Men­schen.“

Drei wei­te­re Be­schei­ni­gun­gen stam­men aus dem Trie­rer Pries­ter­se­mi­nar. Pro­fes­sor Dr. Ignaz Ba­ckes (1899-1979) stand mit Zen­der seit 1931 in freund­schaft­li­cher Ver­bin­dung. Er be­zeug­te am 27. Au­gust, Zen­der sei ein „klu­ger Geg­ner“ der Par­tei ge­we­sen, ha­be in sei­ner Volks­tums­for­schung die Irr­tü­mer der NS-Ideo­lo­gie wi­der­legt und den Mi­li­ta­ris­mus so­wie die au­ßen­po­li­ti­sche Ex­pan­si­on ab­ge­lehnt. Am 1. Sep­tem­ber be­schei­nig­te Jo­sef Han­sen (1903-1975), Di­rek­tor des Bi­schöf­li­chen Kon­vikts in Trier, dass er Zen­der seit 25 Jah­ren ken­ne [1922] und mit ihm wäh­rend sei­nes Stu­di­ums in Bonn (1932-1937) viel zu­sam­men ge­we­sen sei. Als treu­er Ka­tho­lik ha­be er Par­tei­mit­glied wer­den müs­sen, da sonst ein Ab­schluss sei­ner Stu­di­en nicht mög­lich ge­we­sen sei [65]. Das drit­te Zeug­nis stammt von Pro­fes­sor Dr. Wil­helm Bartz (1901-1983), der am 12. Ok­to­ber schrieb, dass er Zen­der seit sei­ner Zeit im Bi­schöf­li­chen Kon­vikt und am Gym­na­si­um in Trier so­wie aus sei­ner Stu­den­ten­zeit in Bonn (1931-1936) ken­ne. Zen­der und sei­ne Frau sei­en ent­schie­de­ne Geg­ner des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ge­we­sen, bei ih­nen ha­be er stets „die neu­es­ten Ge­gen­schrif­ten ge­gen die NS­DA­P“ ein­se­hen kön­nen. In sei­nen For­schun­gen sei er „mu­tig und klug dem na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Un­geist und Kir­chen­hass ent­ge­gen“ ge­tre­ten, ha­be sich da­mit je­doch „glän­zen­de Auf­stiegs­mög­lich­kei­ten“ ver­baut [66].

Der aus dem Saar­land stam­men­de Ignaz Ba­ckes hat­te in Trier, Mün­chen und Bonn stu­diert, be­vor er 1935 als Pro­fes­sor für Dog­ma­tik und Dog­men­ge­schich­te an das Trie­rer Pries­ter­se­mi­nar be­ru­fen wur­de, das 1950 zur Theo­lo­gi­schen ­Fa­kul­tät, um­ge­wan­delt wur­de. Ne­ben zahl­rei­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen über Tho­mas von Aquin (um 1225-1274), Al­ber­tus Ma­gnus, Ul­rich von Straß­burg (ge­stor­ben 1277), Ni­ko­laus Cu­sa­nus und Hie­rony­mus Ja­e­gen (1841-1919) ist sei­ne Mit­wir­kung am Zwei­ten Va­ti­ka­ni­schen Kon­zil her­vor­zu­he­ben [67]. Wil­helm Bartz wur­de 1901 in Wett­lin­gen bei Bit­burg, al­so un­weit von Nie­der­weis, ge­bo­ren und be­such­te die Volks­schu­le im be­nach­bar­ten Bet­tin­gen, be­vor er das Fried­rich-Wil­helm-Gym­na­si­um in Trier ab­sol­vier­te. Ab 1921 stu­dier­te er in Trier Theo­lo­gie, nach ei­ner Tä­tig­keit als Leh­rer von 1931 bis 1935 Theo­lo­gie, Ge­schich­te und Phi­lo­so­phie in Bonn. Da­nach war er Leh­rer und Stand­ort­pfar­rer in Bit­burg, wo sei­ne Ar­beit von der NS­DAP er­heb­lich be­hin­dert wur­de. Nach­dem er be­reits 1939 pro­mo­viert wor­den war und sich 1946 in Trier ha­bi­li­tier­te, wur­de er 1947 zum Pro­fes­sor für Fun­da­men­tal­theo­lo­gie er­nannt. Zu­dem war er stän­di­ger Be­ra­ter der Deut­schen Bi­schofs­kon­fe­renz in Fra­gen der Öku­me­ne [68]. Zen­der be­such­te seit 1919 das Trie­rer Fried­rich-Wil­helm-Gym­na­si­um, Wil­helm Bartz seit 1921 und der spä­te­re Re­gens des Pries­ter­se­mi­nars und Dom­ka­pi­tu­lar Jo­sef Han­sen (1903-1975) seit 1923 [69].

Zwei der Zeug­nis­aus­stel­ler wa­ren al­so Schul­kol­le­gen Zen­ders, zwei zu­dem Kom­mi­li­to­nen. Al­le drei sind dem ka­tho­li­schen Mi­lieu zu­zu­ord­nen, in dem Zen­der so­mit noch viel stär­ker ver­wur­zelt war, als bis­her an­ge­nom­men. Un­ter den Pro­fes­so­ren der Trie­rer Uni­ver­si­tät fin­det sich 1947 nicht nur der spä­te­re Bi­schof Mat­thi­as Wehr (1892-1967, Bi­schof von Trier 1951-1966), son­dern auch ein wei­te­rer Schul­ka­me­rad Zen­ders, der spä­te­re Köl­ner Kar­di­nal Jo­seph Höff­ner.

Drei wei­te­re, recht aus­führ­li­che Zeug­nis­se stam­men aus ei­nem drit­ten Kreis von Per­so­nen. Am 30.10.1947 schrieb „Dr. Eu­gen Löff­ler (1883-1979), Mi­nis­te­ri­al­rat im Kul­tus­mi­nis­te­ri­um“, er sei von 1941 bis 1944 „Sach­be­ar­bei­ter für Schul­fra­gen“ beim Chef der Mi­li­tär­ver­wal­tung in Bel­gi­en ge­we­sen [70]. Zen­der ha­be stets den Ge­set­zen ent­spre­chend ge­han­delt und die von ver­schie­de­nen deut­schen Stel­len be­trie­be­nen se­pa­ra­tis­ti­schen Ten­den­zen be­kämpft. Er sei „loy­al ge­gen sein Va­ter­land, kor­rekt und hu­man ge­gen die Be­völ­ke­run­g“ ge­we­sen.

Ober­re­gie­rungs­rat Franz The­dieck gab ab 1.1.1948 in Hen­nef an der Sieg ei­ne um­fang­rei­che ei­des­statt­li­che Er­klä­rung ab. Er war als Ober­ver­wal­tungs­rat bei der Mi­li­tär­ver­wal­tung in Brüs­sel tä­tig ge­we­sen und 1943 we­gen sei­ner po­li­ti­schen Ein­stel­lung auf per­sön­li­che An­ord­nung des Reichs­füh­rers SS ent­fernt wor­den. Er rech­ne­te sich zum Wi­der­stand im Um­feld von Ja­kob Kai­ser (1888-1961) und Carl Fried­rich Go­er­de­ler (1884-1945). Zen­der und sei­ne For­schungs­ar­beit über die Sa­gen und Mär­chen der Grenz­ge­bie­te ken­ne er be­reits aus des­sen As­sis­ten­ten­zeit in Bonn. Zen­der ha­be „die to­ta­li­tä­re Herr­schafts­form, An­ti­se­mi­tis­mus, Ras­sen­dün­kel, Re­li­gi­ons­feind­lich­keit“ ver­ab­scheut. Was The­dieck sag­te, dürf­te al­les wahr sein, aber er sag­te nicht al­les, was wahr ist: Er war von 1923 bis 1930 stell­ver­tre­ten­der Lei­ter der Preu­ßi­schen Ab­wehr­stel­le für die be­setz­ten Ge­bie­te im Rhein­land, die den ­Se­pa­ra­tis­mus ­be­kämp­fen soll­te, wur­de 1931 Re­gie­rungs­rat und war ab 1933 für die Un­ter­stüt­zung der deut­schen Ver­ei­ne in Eu­pen-Malme­dy zu­stän­dig, ei­ne durch­aus sub­ver­si­ve Tä­tig­keit. Gleich­zei­tig war er für den Ver­ein für das Deutsch­tum im Aus­land, Be­zirks­re­fe­rat Mit­tel­rhein tä­tig, mit dem ja auch Zen­der zu­sam­men­ar­bei­te­te. Im Krieg war er „Fla­men­re­fe­ren­t“ in Brüs­sel. In An­leh­nung an Schött­ler und Tie­dau kann man von ei­ner „Run­de“ be­zie­hungs­wei­se „Stun­de der Ex­per­ten“ spre­chen: Eg­gert Ree­der (1894-1959) war un­ter Ge­ne­ral Alex­an­der von Fal­ken­hau­sen (1878-1966) Chef der Mi­li­tär­ver­wal­tung, The­dieck des­sen Ge­ne­ral­re­fe­rent, Pe­tri und Res­se wa­ren un­ter Löff­ler als Lei­ter der Kul­tur­ab­tei­lung Re­fe­ren­ten für Volks­tum, Kul­tur und Wis­sen­schaft [71].

We­gen sei­ner ka­tho­li­schen Hal­tung wur­de The­dieck zur Wehr­macht ver­setzt. Trotz ei­ner Ver­ur­tei­lung we­gen ei­nes ge­fälsch­ten Fra­ge­bo­gens 1946 wur­de er Ober­re­gie­rungs­rat in Köln. Als Staats­se­kre­tär im Bun­des­mi­nis­te­ri­um für ge­samt­deut­sche Fra­gen för­der­te er ab 1950 die von Stein­bach be­grün­de­te Ar­beits­ge­mein­schaft für west­deut­sche Lan­des- und Volks­for­schung [72]. Schlie­ß­lich war er für die Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung tä­tig und wur­de 1966 In­ten­dant des Deutsch­land­funks [73].

Auf The­diecks Zeug­nis be­zieht sich ein Dank­schrei­ben Zen­ders vom 14.10.1949. Zen­der be­dankt sich nach sei­ner Ent­las­sung „für die war­me An­teil­nah­me“ und „für das en­er­gi­sche und ein­drucks­vol­le Gut­ach­ten, das mei­ne Frau 1947 von Ih­nen er­hielt. Ihr Gut­ach­ten trug we­sent­lich da­zu bei, die all­ge­mei­ne At­mo­sphä­re in mei­nem Fall zu än­dern.“ Zen­der er­klärt sich be­reit, The­dieck, der in den Jah­ren nach dem Krieg ei­ne Art An­lauf­stel­le für die ehe­ma­li­gen Mit­ar­bei­ter der Mi­li­tär­ver­wal­tung in Brüs­sel war, über die neue­re La­ge in Bel­gi­en zu un­ter­rich­ten. Wei­ter be­rich­tet er, er ha­be sei­ne „un­frei­wil­li­ge Mu­ße“ für ei­ne Be­schäf­ti­gung mit Fra­gen der fran­zö­si­schen Kul­tur­ge­schich­te ge­nutzt [74].

Ein letz­tes Tes­tat stammt vom 16.1.1948. Ober­re­gie­rungs­rat Dr. Wolf­gang Streit (1904-1969) war als „Sach­be­ar­bei­ter für An­ge­le­gen­hei­ten der all­ge­mei­nen Ver­wal­tun­g“ ein Kol­le­ge Zen­ders in Ar­lon. Die­ser ha­be sich für die bel­gi­sche Be­völ­ke­rung ein­ge­setzt und den se­pa­ra­tis­ti­schen Be­stre­bun­gen der in Lu­xem­burg tä­ti­gen Par­tei­funk­tio­nä­re ent­ge­gen­ge­wirkt. Zen­der sei „ein Mann der Wis­sen­schaft und über­dies ein be­ton­ter Ka­tho­lik [75].

Es gibt al­so ins­ge­samt elf Testa­te, di e in­ner­halb von fünf Mo­na­ten En­de 1947 und An­fang 1948 be­zie­hungs­wei­se 1949 ent­stan­den. Drei von ih­nen stam­men aus dem Trie­rer Pries­ter­se­mi­nar, von Kol­le­gen aus Zen­ders Schul- und Stu­di­en­zeit, fünf aus dem Bon­ner In­sti­tut und drei von Kol­le­gen, die im Krieg in Ar­lon und Brüs­sel tä­tig wa­ren. Ob es tak­tisch ge­schickt war, sie um ein Zeug­nis zu bit­ten, das den bel­gi­schen Be­hör­den vor­ge­legt wer­den soll­te, sei da­hin­ge­stellt, auch über die Ent­schei­dung für Adolf Bach wun­dert man sich. Auch das nach­träg­lich vor­ge­leg­te Tes­tat Franz Pe­tris be­frem­det. In je­dem Fall wer­fen die drei Zeug­nis­se ein in­ter­es­san­tes Licht auf Zen­ders Be­zie­hun­gen nach Trier, auf sei­ne Ver­wur­ze­lung im ka­tho­li­schen Mi­lieu und sein Netz­werk in Ar­lon. Ge­nutzt ha­ben sie frei­lich we­nig; Zen­der blieb bis 1949 in Un­ter­su­chungs­haft. Dar­an än­der­te auch ein Schrei­ben des bel­gi­schen Mund­ar­ten­for­schers Pro­fes­sor Hen­ri Draye (1911-1983) an das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um von 1949 nichts, der sich eben­falls für Zen­der ein­setz­te [76]. Draye war 1937 als Stu­dent nach Bonn ge­kom­men. Die West­deut­sche For­schungs­ge­mein­schaft för­der­te sei­nen Auf­ent­halt mit ei­nem gro­ßzü­gi­gen Sti­pen­di­um. Be­reits 1937 re­fe­rier­te er auf der Ta­gung in Aa­chen und 1938 ver­öf­fent­lich­te er zwei Sam­mel­be­rich­te über sied­lungs­ge­schicht­li­che Ar­bei­ten in den süd­li­chen Nie­der­lan­den [77]. Er war eng mit En­nen, Tex­tor und Zen­der be­freun­det, wor­auf die er­hal­te­ne Kor­re­spon­denz der Jah­re 1939 bis 1942 hin­weist [78].

Be­reits am 8.3.1948 mel­de­te sich Draye wie­der bei Stein­bach und dank­te für die vie­len An­re­gun­gen, die er in sei­ner Bon­ner Zeit er­hal­ten hat­te. Er be­rich­tet aus­führ­lich von den Schwie­rig­kei­ten nach Kriegs­en­de, er sei al­ler­dings 1946 zu­m Or­di­na­ri­us  ­für Deut­sche Phi­lo­lo­gie und Li­te­ra­tur­ge­schich­te des Mit­tel­al­ters in Lö­wen er­nannt wor­den. Es sei noch zu früh, die al­ten Be­zie­hun­gen wie­der auf­zu­neh­men, aber er freue sich auf das Wie­der­er­schei­nen der Vier­tel­jahrs­blät­ter. Er ha­be sich „an den Ad­vo­ka­ten (!) Herrn Zen­ders in Ar­lon“ ge­wandt, der sich al­ler­dings nicht mel­de. Franz Pe­tri ha­be bes­se­re Chan­cen, für ihn ha­be er ein Zeug­nis be­sorgt [79]. Am 1. April ant­wor­te­te Stein­bach, nach al­ler­hand Nach­rich­ten schreibt er: „Un­se­re grö­ß­te Sor­ge ha­ben wir im­mer noch um Herrn Zen­der. Sei­ne Frau schreibt mir eben, dass An­kla­ge ge­gen ihn er­ho­ben sei: dé­tour­ne­ment des in­sti­tu­ti­ons d‘état bel­ge. Was da­mit ge­meint sein soll, ist mir völ­lig un­klar. Ver­su­chen Sie doch bit­te al­les, was in Ih­rer Kraft steht, zu hel­fen.“ Zen­der ha­be sein Schick­sal am al­ler­we­nigs­ten ver­dient, man ver­mis­se ihn auch als Be­ar­bei­ter des Rhei­ni­schen Wör­ter­buchs. Um Pe­tri ma­che er sich we­ni­ger Sor­ge, er be­sit­ze „viel Le­bens­kraft und En­er­gie […]. Zen­der ist viel wei­cher und auch kör­per­lich we­ni­ger fest.“

Am 9.7.1948 kann Draye freu­dig ei­nen Be­such in Köln und Bonn an­kün­di­gen [80]. 1949 re­fe­rier­te er auf der Jah­res­haupt­ver­samm­lung des Ver­eins für ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de über die Ko­ope­ra­ti­ons­mög­lich­kei­ten von Ar­chäo­lo­gie und Sprach­ge­schich­te bei der Orts­na­mens­for­schung im nord­west­eu­ro­päi­schen Kon­text [81]. 1956 pu­bli­zier­te er in den Vier­tel­jahrs­blät­tern ei­nen Auf­satz über Orts­na­men und Sprach­gren­zen in Bel­gi­en und 1966 re­fe­rier­te er auf der Ar­beits­ta­gung über die li­te­ra­ri­sche Ver­mitt­lungs­funk­ti­on Flan­derns im Mit­tel­al­ter [82]. Kon­ti­nui­tä­ten bei der „West­for­schung gab es al­so nicht nur im Rhein­land.“

2.3.2 Die deutsche Sprachinsel um Arlon

Im Raum Ar­lon gab es ei­ne gro­ße deutsch­spra­chi­ge Min­der­heit. Das Ge­biet, in den 1920er Jah­ren im Ge­gen­satz zu Eu­pen-Malme­dy (Neu-Deutsch-Bel­gi­en) als „Alt-Deutsch-Bel­gi­en“ be­zeich­net, um­schloss 312 Qua­drat­ki­lo­me­ter mit 73 Ort­schaf­ten und 41.000 Ein­woh­nern, von de­nen 33.000 deutsch­spra­chig wa­ren. Sie wur­de in der Re­gi­on, in Deutsch­land und in Bel­gi­en sehr un­ter­schied­lich wahr­ge­nom­men: In Ar­lon ver­stand man sich über­wie­gend als bel­gi­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge mit deut­scher Spra­che. In Bel­gi­en er­in­ner­te man sich da­ge­gen an die Gräu­el des Ers­ten Welt­krie­ges, sah in der Nicht­ver­wen­dung der fran­zö­si­schen Spra­che ei­ne un­pa­trio­ti­sche Par­tei­nah­me und ver­mu­te­te in den deutsch­spra­chi­gen Bel­gi­ern po­ten­ti­el­le Kol­la­bo­ra­teu­re im nächs­ten Krieg. Auf deut­scher Sei­te sah man in ih­nen da­ge­gen un­ter­drück­te Lands­leu­te, kri­ti­sier­te die „Ver­wel­schun­g“ und träum­te von ei­ner „Wie­der­ein­deut­schun­g“. Mat­thi­as Zen­der da­ge­gen war von der Spra­che und Kul­tur der Re­gi­on be­geis­tert, die ihn auch in ih­rer Al­ter­tüm­lich­keit an sei­ne Ei­fel­hei­mat er­in­ner­te.

Franz Steinbach, Porträtfoto. (Universitätsarchiv Bonn)

 

Die Mi­li­tär­ver­wal­tung tat im be­setz­ten Bel­gi­en al­les, um Kon­flik­te mit der ein­hei­mi­schen Be­völ­ke­rung zu ver­mei­den. An­ders als in Lu­xem­burg und in Eu­pen-Malme­dy wur­den Ein­grif­fe von NS-Or­ga­ni­sa­tio­nen wie SS und SD be­hin­dert so­wie Dis­kus­sio­nen um An­ne­xio­nen in der Nach­kriegs­ord­nung ver­mie­den [83] . In­so­fern hat man die deut­sche Spra­che und Kul­tur zwar ge­för­dert, je­doch al­les ge­tan, um ei­ne Iden­ti­fi­zie­rung mit den neu­en Macht­ha­bern zu ver­mei­den. Le­jeu­ne kommt zu ei­ner sehr dif­fe­ren­zier­ten Ant­wort auf die Fra­gen „War Zen­der ein Na­zi?“, war er „Teil des Un­ter­drü­ckungs­ap­pa­ra­tes oder ge­rad­li­ni­ger Hu­ma­nist?“ Er stellt fest, dass Zen­der zu Un­recht als Re­prä­sen­tant, als Gal­li­ons­fi­gur des ver­hass­ten Re­gimes an­ge­se­hen wur­de, und dass sich auch die Maß­stä­be der bel­gi­schen Ge­rich­te in der Nach­kriegs­zeit ver­än­dert hat­ten, bis der Kas­sa­ti­ons­hof 1949 fest­stell­te, dass die Ver­tre­tung deut­scher In­ter­es­sen al­lein noch kei­ne Straf­tat sei.

2.3.3 Arlon und Zenders Arbeiten zur Grenzlandforschung vor 1939

Be­vor wir auf Zen­ders wis­sen­schaft­li­che Ar­bei­ten zu spre­chen kom­men, muss vor­aus­ge­schickt wer­den, dass die „Grenz­land­for­schun­g“ seit 1928 ein wich­ti­ger For­schungs­schwer­punkt des Bon­ner In­sti­tuts war. Zahl­rei­che Pro­jek­te, Ver­öf­fent­li­chun­gen, Se­mi­na­re und Ex­kur­sio­nen be­fass­ten sich mit dem Saar­land, Lu­xem­burg und dem bel­gi­schen Ost­ge­biet um St. Vith, Eu­pen und Malme­dy. Mit die­ser Re­gi­on be­schäf­tig­te sich Zen­der be­reits bei der Ma­te­ri­al­samm­lung für sei­ne ­Dis­ser­ta­ti­on und wohl auch schon bei den Vor­ar­bei­ten für die ge­plan­te Ha­bi­li­ta­ti­on. So ver­öf­fent­lich­te er 1936 ei­nen klei­nen Auf­satz über Sa­gen aus der Ge­gend von St. Vith, Eu­pen und Malme­dy [84].

'Familie H.-W. aus Post bei Arrel'. (Zender, Quellen und Träger, 1937)

 

Im glei­chen Jahr hielt er auf dem Deut­schen Volks­kun­de­tag in Bre­men ei­nen Vor­trag, der 1937 un­ter dem Ti­tel „Quel­len und Trä­ger der deut­schen Volks­er­zäh­lun­g“ ge­druckt wur­de. In dem Auf­satz spie­len Er­zäh­ler aus dem Raum um Ar­lon, von de­nen meh­re­re ab­ge­bil­det wer­den, ei­ne gro­ße Rol­le [85] . 1937 er­schien auch in der Rei­he „Deut­sches Grenz­volk im Wes­ten er­zähl­t“ sein Buch „In Ei­fel und Ar­den­nen.“

Be­reits 1939 ver­öf­fent­lich­te Zen­der ei­ne ge­wich­ti­ge Ab­hand­lung über „die deut­sche Spra­che in der Ge­gend von Arel“ (85). Bei der um­fang­rei­chen Un­ter­su­chung, die die Grö­ßen­ord­nung und Qua­li­tät ei­ner ­Dis­ser­ta­ti­on er­reich­te, han­del­te es sich wo­mög­lich um ein grö­ße­res Ka­pi­tel aus der ge­plan­ten Ha­bi­li­ta­ti­ons­schrift (86). Dem Auf­satz ist ei­ne drei­sei­ti­ge „lan­des­kund­li­che Vor­be­mer­kun­g“ des auch in Bonn im Be­reich der „West­for­schun­g“ tä­ti­gen Geo­gra­phen Jo­sef Schmit­hü­s­en (1909-1984), der 1934 über das rhei­ni­sche Schie­fer­ge­bir­ge pro­mo­viert hat­te und da­nach mit der Ar­beit an sei­nem Buch „Das Lu­xem­bur­ger Land – Lan­des­na­tur, Volks­tum und bäu­er­li­che Wirt­schaf­t“ (1940) be­gann, vor­an­ge­stellt (87). Schmit­hü­s­en war da­nach in ähn­li­chen Funk­tio­nen wie Zen­der in Ar­lon in Lu­xem­burg tä­tig (88), wo der be­rüch­tig­te Gau­lei­ter Gus­tav Si­mon ei­ne mas­si­ve Re­ger­ma­ni­sie­rungs­pol­tik ver­such­te, die auch nach Ar­lon aus­strahl­te (89).

Zen­ders Ar­beit ba­sier­te auf um­fang­rei­chen Li­te­ra­tur­stu­di­en und zahl­rei­chen For­schungs­auf­ent­hal­ten, bei de­nen er die Be­völ­ke­rung be­frag­te. Sie zeig­ten ei­nen „stil­len, aber zä­hen Ab­wehr­kampf ge­gen die Ver­wel­schung.“ Der Ver­fas­ser ana­ly­sier­te Spra­chen­kar­ten, Fa­mi­li­en- und Flur­na­men, aber auch Grab­stei­ne und To­ten­zet­tel, um die „Um­vol­kun­g“ in Form von Be­völ­ke­rungs- und Sprach­ver­schie­bun­gen nach­zu­wei­sen. Die Rol­le der Ver­wal­tungs­ge­schich­te wur­de da­bei eben­so be­rück­sich­tigt wie die der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung, der Ver­wal­tung, der Schu­len, der Kir­che und der Pres­se. Aus­führ­lich schil­der­te Zen­der die Rol­le des „Deut­schen Ver­eins zur He­bung und Pfle­ge der Mut­ter­spra­che im deut­sch­re­den­den Bel­gi­en“ vor dem Ers­ten Welt­krieg. Dann ka­men „Sie­ges­tau­mel un­d Chau­vi­nis­mus  ­der Nach­kriegs­zeit“, die deut­sche Spra­che ver­schwand aus Schu­len, Kir­chen und Be­hör­den. Die bel­gi­schen Dar­stel­lun­gen die­ser Phä­no­me­ne wer­den eben­so kri­ti­siert wie die amt­li­che Sprach­sta­tis­tik von 1930, der Zen­der sei­ne Be­ob­ach­tun­gen über die Ver­brei­tung und Funk­ti­on der Mund­art ge­gen­über stellt.

'Bauer P. aus Thommen b. St. Vith'. (Zender, Quellen und Träger, 1937)

 

„Der bo­den­stän­di­ge, in un­se­rem Fal­le al­so deut­sche, Teil ei­ner Stadt­be­völ­ke­rung gibt der Stadt im­mer das ei­gent­li­che Ge­prä­ge, selbst wenn die Zahl klei­ner ist als die der Frem­den.“ Im Bau­ern­tum sah er ei­nen Ga­ran­ten für den Fort­be­stand der deut­schen Spra­che und Kul­tur. Frei­lich müs­se es auch mög­lich sein, „reichs­deut­sche“ Zei­tun­gen und Bü­cher zu kau­fen, was selbst am Bahn­hof nicht mög­lich sei. Das Ra­dio schaf­fe jetzt neue Mög­lich­kei­ten (90). Po­li­tisch sei­en „die Deut­schen von Arel“ al­ler­dings „be­tont bel­gi­sch“, treue Un­ter­ta­nen des Kö­nigs und froh, dass nach dem Krieg wie­der Ru­he ein­ge­kehrt sei. Die po­li­ti­sche Zu­ge­hö­rig­keit der Re­gi­on zu Bel­gi­en stellt Zen­der al­so nicht in Fra­ge. Er ver­traut auf die Selbst­hei­lungs­kraft der Tra­di­ti­on: „Das deut­sche Volks­tum um Arel wird aus sich selbst ge­sun­den.“

2.3.4 Zenders Arbeiten über Arlon nach 1941

Der Krieg be­ein­träch­tig­te die wis­sen­schaft­li­che Ar­beit Zen­ders, führ­te aber auch zu neu­en Pro­jek­ten (91). Er stand die gan­ze Zeit über in en­gem Brief­kon­takt mit Edith En­nen, die den In­sti­tuts­be­trieb in Bonn auf­recht­er­hielt, bis 1942 die Vier­tel­jahrs­blät­ter re­di­gier­te und Zen­der über Neu­ig­kei­ten in­for­mier­te (92). 1940 er­schie­nen noch vier und 1941 drei Ar­bei­ten aus sei­ner Fe­der. Die meis­ten stan­den mit sei­ner neu­en Tä­tig­keit in Ver­bin­dung. 1940 pu­bli­zier­te er über ein Mär­chen aus der Ge­gend um Arel und über das Sa­gen­gut des Krei­ses Malme­dy, 1941 über den „deut­schen Dich­ter“ Pe­ter Klein (1825-1855) in Lu­xem­burg, der 1855 ein Buch über „die Spra­che der Lu­xem­bur­ger“ ver­fasst hat­te und sich ge­gen die fran­zö­si­schen Ein­flüs­se zur Wehr setz­te, und über den „deut­schen Kämp­fer“ Ni­ko­laus War­ker, der we­gen sei­nes Ein­tre­tens für ei­ne Ger­ma­ni­sie­rung in Ar­lon nach dem Ers­ten Welt­krieg aus dem Schul­dienst ent­fernt wor­den war.

'K. aus Hünningen bei St. Vith'. (Zender, Quellen und Träger, 1937)

 

Ei­ne Schrift Zen­ders ist be­son­ders her­vor­zu­he­ben: Da der Vor­le­sungs­be­trieb durch den Krieg ge­stört war, wur­den von 1939 bis 1944 an der Uni­ver­si­tät Bonn knapp 160 „Kriegs­vor­trä­ge“ ge­hal­ten. Nam­haf­te Re­fe­ren­ten von der Hoch­schu­le, aber auch aus NS-Or­ga­ni­sa­tio­nen und Wehr­macht re­fe­rier­ten über The­men von all­ge­mei­nem In­ter­es­se, die mehr oder min­der pro­pa­gan­dis­tisch aus­ge­rich­tet wa­ren; sie wur­den spä­ter als klei­ne Hef­te ge­druckt (93). 1942 sprach „Dr. M. Zen­der, Mit­glied des NSD-Do­zen­ten­bun­des“ über den „Spra­chen­kampf im volks­deut­schen Ge­biet um Arel“ (94). Der Le­ser stol­pert zu­nächst über den mar­tia­li­schen Ti­tel und Be­grif­fe wie „Ver­wel­schun­g“ oder „Um­vol­kun­g“, die wir heu­te in en­gem Zu­sam­men­hang mit der NS-Ideo­lo­gie se­hen. Es kann sein, dass sie da­mals zur All­tags- be­zie­hungs­wei­se zur Wis­sen­schafts­spra­che der „West­for­schun­g“ ge­hört ha­ben. Es wä­re aber auch denk­bar, dass Zen­der sie ab­sicht­lich be­nutzt hat: Li­ni­en­treue Le­ser er­kann­ten sie wie­der und konn­ten den Ein­druck ge­win­nen, der an­sons­ten weit­ge­hend un­po­li­ti­sche Text be­ken­ne sich da­mit zur Li­nie der NS­DAP (95).

Doch ab­ge­se­hen von dem Ti­tel und ei­ni­gen Be­grif­fen stellt der Vor­trag ei­ne bril­lan­te Ana­ly­se des Ver­hält­nis­ses von deut­scher und fran­zö­si­scher Spra­che im Ge­biet um Ar­lon dar. Man er­kennt dar­in die brei­te hu­ma­nis­ti­sche Bil­dung, wie er den Bo­gen von der Ein­füh­rung der fran­zö­si­schen Amts­spra­che durch die Bur­gun­der­her­zö­ge im 15. über die Ein­wan­de­rung wal­lo­ni­scher Ei­sen­ar­bei­ter im 18. Jahr­hun­dert zur ter­ri­to­ria­len Zu­ord­nung der Re­gi­on nach Lu­xem­burg und dann nach Bel­gi­en spann­te.

'Bauer D. aus Mont-Xhoffraix bei Malmedy'. (Zender, Quellen und Träger, 1937)

 

Im 19. Jahr­hun­dert galt Fran­zö­sisch als Spra­che der fei­nen Leu­te. Nach dem Ers­ten Welt­krieg wur­de Deutsch als „Spra­che des Fein­des“ an­ge­se­hen und zu­neh­mend aus den Schu­len und aus der Ver­wal­tung ver­drängt. Ab 1930 war Deutsch­un­ter­richt an den Schu­len wie­der zu­ge­las­sen. 1931 wur­de als In­ter­es­sen­ver­tre­tung ein „Bund der Deutsch­bel­gier“ ins Le­ben ge­ru­fen. Die Ent­wick­lung nach 1939 wird nicht wei­ter an­ge­spro­chen, der Vor­trag en­det mit ei­nem Lob für ei­ne tap­fe­re Volks­grup­pe, die „mit der Er­hal­tung ih­rer deut­schen Mut­ter­spra­che die Grund­la­ge ih­res Volks­tums be­wahrt und da­mit für ei­ne spä­te­re ge­sun­de Ent­wick­lung des deut­schen Volks­tums in Arel die not­wen­di­gen Vor­aus­set­zun­gen ge­schaf­fen“ hat. Mit die­ser Schrift konn­te sich Zen­der auch nach 1945 noch se­hen las­sen. Wir ler­nen hier ei­ne sei­ner Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten ken­nen: Er war ein be­geis­ter­ter His­to­ri­ker und Volks­kund­ler, der sei­ne Hei­mat – wo­zu er auch Deutsch­bel­gi­en zähl­te – in­nig lieb­te. Aber er war kein Po­li­ti­ker, und er woll­te die­sen auch kei­ne Rat­schlä­ge ge­ben. Des­halb lie­fer­te er ei­ne ein­fühl­sa­me und fun­dier­te Ana­ly­se, die ei­ne aus­ge­präg­te Sym­pa­thie für sei­ne neue Hei­mat er­ken­nen lässt, er warb für Ver­ständ­nis, stell­te aber kei­ne kon­kre­ten For­de­run­gen.

Hin­zu­wei­sen bleibt noch auf ei­ne Ab­hand­lung Zen­ders über „die Bin­nen­wan­de­rung Bel­gi­ens in völ­ki­scher Sich­t“, in der es um das Ver­hält­nis von Fla­men und Wal­lo­nen, um Wan­de­rungs­be­we­gun­gen und Ge­bur­ten­über­schuss geht; auch hier spielt der Raum Ar­lon ei­ne be­son­de­re Rol­le (96). Von da an klafft in sei­nem Schrif­ten­ver­zeich­nis ei­ne Lü­cke bis zum Jah­re 1950 (97). Bei dem Are­ler Hei­mat­ka­len­der, der 1943 und 1944 vom Deut­schen Sprach­ver­ein her­aus­ge­ge­ben wur­de, trat Zen­der als Au­tor nicht in Er­schei­nung (98).

2.3.5 Der Eifelverein und „Neu-Deutsch-Belgien“

Schlie­ß­lich sei noch dar­auf hin­ge­wie­sen, dass im deutsch­spra­chi­gen Bel­gi­en auch der Ei­fel­ver­ein kei­ne ruhm­vol­le Rol­le spiel­te (99). In Malme­dy war be­reits 1888 und in Eu­pen 1893 ei­ne Orts­grup­pe ge­grün­det wor­den. Bis 1913 gab es al­lein im Kreis Malme­dy elf Orts­grup­pen, und 1933 zähl­te man in Eu­pen-Malme­dy sechs Orts­grup­pen mit rund 730 Mit­glie­dern (100). Sie hat­ten ih­re Ar­beit als Wan­der- und Kul­tur­ver­ei­ne fort­ge­setzt und ih­re Ver­bin­dun­gen zu den Orts­grup­pen in Deutsch­land und zum Haupt­ver­ein auf­recht­er­hal­ten.

'Bauer D. aus Oviat bei Malmedy'. (Zender, Quellen und Träger, 1937)

 

1933 wur­de der Ei­fel­ver­ein pro­blem­los gleich­ge­schal­tet, sei­ne Ver­an­stal­tun­gen und Pe­ri­odi­ka hat man kur­zer­hand zu Fo­ren der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Pro­pa­gan­da um­funk­tio­niert. Be­reits 1933 wur­de bei ei­ner Ver­an­stal­tung in Dort­mund die Rück­kehr des „ur­al­ten deut­schen Lan­des […] mit fast rein deut­scher Be­völ­ke­run­g“ in Eu­pen-Malme­dy ge­for­dert, und 1934 hat­te der Vor­sit­zen­de Karl Leo­pold Kauf­mann, der vor dem Krieg Land­rat in Malme­dy war, die „För­de­rung des Deutsch­tums in der West­mar­k“ durch den Ei­fel­ver­ein an­ge­mahnt (101). 1940 ver­öf­fent­lich­te Kauf­mann ei­ne Mo­no­gra­phie „Der Grenz­kreis Malme­dy in den ers­ten fünf Jahr­zehn­ten der preu­ßi­schen Ver­wal­tung.“ Auch hier gibt es in­ter­es­san­te Kon­ti­nui­tä­ten, 1961 folg­te der An­schluss­band „Der Kreis Malme­dy. Ge­schich­te ei­nes Ei­fel­krei­ses von 1885 bis 1920.“ Das Buch, in dem auch das Wir­ken des Ei­fel­ver­eins aus­führ­lich ge­wür­digt wur­de, gab der Bon­ner His­to­ri­ker Hein­rich Neu (1906-1976) aus dem Nach­lass her­aus; Kauf­mann war 1944 bei ei­nem Bom­ben­an­griff auf Bonn ums Le­ben ge­kom­men (102).

Auf der 50-Jahr­fei­er des Ei­fel­ver­eins hielt Kauf­mann 1938 in Trier ei­ne mar­tia­li­sche Ab­schieds­re­de. Zu sei­nem Nach­fol­ger als „Ver­eins­füh­rer“ wur­de der Schlei­de­ner Land­rat Dr. Jo­sef Schramm (1901-1991) ge­wählt, der eben­falls ei­ne pro­gram­ma­ti­sche An­spra­che hielt. Da­nach ha­be der Ei­fel­ver­ein be­reits 1933 er­klärt, dass er „in den volks- und hei­mat­kund­li­chen Richt­li­ni­en der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Be­we­gung freu­dig sei­ne al­ten Zie­le er­kennt, für die er be­son­ders in schwers­ter Nach­kriegs­zeit ge­ar­bei­tet und ge­kämpft hat.“ Schramms be­son­de­rer Gruß galt den „Lands­leu­ten jen­seits der Gren­ze“, die „treu zu ih­rem Volks­tum ste­hen.“ Be­reits zu­vor wa­ren die Orts­grup­pen aus Eu­pen und Malme­dy, die „ab­ge­trenn­ten Brü­der aus Neu­bel­gi­en“, herz­lich be­grü­ßt wor­den. Der Ver­ein wol­le die „Hei­mat- und Volks­kun­de“ för­dern und da­bei die „deut­schen Volks­grup­pen im be­nach­bar­ten Aus­lan­de in ih­rem ehr­li­chen Volks­tums­kampf“ un­ter­stüt­zen (103).

Den bel­gi­schen Be­hör­den blie­ben die­se Äu­ße­run­gen nicht ver­bor­gen, zu­mal sie auch in der Mit­glie­der­zeit­schrift, ab 1933 „Die Ei­fel“, und im Ei­fel­ka­len­der pu­bli­ziert wur­den. Po­si­tiv wur­de dies von den „West­for­schern“ wahr­ge­nom­men: Be­reits 1931 wies der lang­jäh­ri­ge Schrift­lei­ter der Vier­tel­jahrs­blät­ter, Mar­tin He­rold, auf den Ei­fel­ka­len­der für 1932 hin: Das Ei­fel­land wer­de in sei­ner vol­len Brei­te von „Eu­pen, Bül­lin­gen, St. Vith bis … zum lu­xem­bur­gi­schen Oe­s­lin­g“ ab­ge­deckt (104). Da­s Am­t T­he­dieck ver­sorg­te In­ter­es­sen­ten in Eu­pen-Malme­dy gro­ßzü­gig mit Li­te­ra­tur, so 1938 mit 20 Ex­em­pla­ren von „Mein Kampf“ und 1936 mit 1.000 Ei­fel­ka­len­dern (105). Die bel­gi­schen Be­hör­den be­äug­ten die Ver­eins­ak­ti­vi­tä­ten des­halb kri­tisch, ver­bo­ten den Staats­be­am­ten die Mit­glied­schaft im Ei­fel­ver­ein und setz­ten auch Lie­fe­ran­ten für staat­li­che Ein­rich­tun­gen un­ter Druck. Nach der An­ne­xi­on be­grü­ß­te die Mit­glie­der­zeit­schrift die Deutsch­bel­gi­er bei ih­rer „Rück­kehr in das Va­ter­land des Gro­ß­deut­schen Reichs“ und ging da­mit weit über die Po­si­tio­nen hin­aus, die der vor­sich­ti­ge Zen­der und die zu­rück­hal­ten­de Mi­li­tär­ver­wal­tung ver­tra­ten (106).

2.4 Assistent und Professor für Volkskunde in Bonn (1945-1993)

Ab dem 1.11.1949 war Zen­der wie­der As­sis­tent in Bonn. 1954 ha­bi­li­tier­te er sich mit der bahn­bre­chen­den Un­ter­su­chung „Räu­me und Schich­ten mit­tel­al­ter­li­cher Hei­li­gen­ver­eh­rung in ih­rer Be­deu­tung für die Volks­kun­de. Die Hei­li­gen des mitt­le­ren Maas­lan­des und der Rhein­lan­de in Kult­ge­schich­te und Kult­ver­brei­tun­g“ (1959, 2. Auf­la­ge 1973) für das Fach „Deut­sche Volks­kun­de“ (107). Wie sei­ne Stu­di­en zur Sa­gen­for­schung und zur Sprach­ge­schich­te wa­ren auch sei­ne Ar­bei­ten zur Hei­li­gen­ver­eh­rung der fä­cher­über­grei­fen­den Kul­tur­raum­for­schung und der kar­to­gra­phi­schen Me­tho­de ver­pflich­tet, aber auch der ka­tho­li­schen und hu­ma­nis­ti­schen Bil­dungs­tra­di­ti­on, die sei­ne gan­ze Vi­ta be­stimm­te.

Für die Pro­be­vor­le­sung schlug er drei The­men vor: „Die kul­tu­rel­le Kri­se des Land­volks und die deut­sche Volks­kun­de“ (an­ge­nom­men), „Ei­gen­art und Ent­wick­lung des Brauch­tums in den Rhein­lan­den“ so­wie „Mär­chen, Sa­ge und Schwank in ih­ren Be­zie­hun­gen und in ih­rer Ab­gren­zung ge­gen­ein­an­der.“ Für die An­tritts­vor­le­sung lau­te­ten die The­men: „Die Wand­lung der so­zia­len Struk­tur heu­ti­ger In­dus­trie­land­schaf­ten in ih­rer Aus­wir­kung auf das volks­kund­li­che Er­schei­nungs­bil­d“, „Über­schich­tun­gen und Ver­än­de­run­gen volks­kund­li­cher Er­schei­nun­gen in Grenz­ge­bie­ten ei­nes Kul­tur­rau­mes“ (The­ma in An­leh­nung an das ur­sprüng­li­che Ha­bi­li­ta­ti­ons­vor­ha­ben) und „Mund­art­li­che Wort­ver­brei­tungs­kar­ten in ih­rer Be­deu­tung für die Volks­kun­de.“

Das The­ma der Ha­bi­li­ta­ti­ons­schrift, Hei­li­gen­ver­eh­rung, Wall­fahrt und Volks­fröm­mig­keit im Rhein­land und in der Ei­fel, zieht sich wie ein ro­ter Fa­den durch Zen­ders ge­sam­tes Werk. Ge­nannt sei­en hier nur ein Auf­satz über „Schutz­hei­li­ge der Haus­tie­re“ (1935) und über die drei Ma­tro­nen und ih­re Nach­fol­ge­rin­nen (1940) so­wie grö­ße­re Ver­öf­fent­li­chun­gen über die Hei­li­gen Qui­rin von Neuss, Ma­xi­min von Trier un­d Se­ve­rin von Köln (108). Letz­te­re wa­ren Bei­hef­te zu Kar­ten im „Ge­schicht­li­chen At­las der Rhein­lan­de“, die mus­ter­gül­tig die räum­li­che Aus­strah­lung ei­nes Trie­rer und ei­nes Köl­ner Hei­li­gen­kul­tes ana­ly­sier­ten (109). Klei­ne­re Auf­sät­ze wid­me­te er den Hei­li­gen Apol­li­na­ris, Cas­si­us, Dio­ny­si­us, Flo­ren­ti­us, Hu­ber­tus, Karl dem Gro­ßen und Re­mi­gius (110).

Von 1954 bis 1958 war Zen­der al­s Pri­vat­do­zen­t in Bonn tä­tig, ha­bi­li­tier­te sich dann nach Köln um. Ver­mut­lich woll­te man den Ein­druck ei­ner Haus­be­ru­fung ver­mei­den. In Köln hat­te er be­reits seit 1954 – die Per­so­nal­ak­ten ge­ben hier un­ter­schied­li­che Da­ten an – ei­nen un­be­sol­de­ten Lehr­auf­trag. 1960 wur­de er als Nach­fol­ger von Karl Mei­sen zum au­ßer­or­dent­li­chen, 1963 zum or­dent­li­chen Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Bonn er­nannt. 1964 wur­de nach der Be­ru­fung von Ru­dolf Schüt­zei­chel (1927-2016) die Ab­tei­lung für Rhei­ni­sche Sprach­ge­schich­te mit dem Rhei­ni­schen Wör­ter­buch von der Ab­tei­lung für Rhei­ni­sche Volks­kun­de ge­trennt. Bis zu sei­ner E­me­ri­tie­run­g 1974 lei­te­te Zen­der das volks­kund­li­che Se­mi­nar und die Ab­tei­lung für rhei­ni­sche Volks­kun­de am In­sti­tut für ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de der Rhein­lan­de. 1976 konn­te er das 50-jäh­ri­ge Ju­bi­lä­um sei­nes ers­ten Be­suchs in die­sem In­sti­tut fei­ern, das nach sei­nem Hei­mat­dorf zum zwei­ten Fix­punkt in sei­nem Le­ben ge­wor­den war.

Seit 1955 lei­te­te Zen­der die neu ge­grün­de­te Volks­kund­li­che Ar­beits­stel­le des Land­schafts­ver­bands Rhein­land (LVR) beim In­sti­tut für ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de der Rhein­lan­de, zu­nächst haupt­be­ruf­lich als Lan­des­ver­wal­tungs­rat, seit 1960 dann in sei­ner Funk­ti­on als Lehr­stuhl­in­ha­ber. Die­se exis­tiert noch heu­te als Fach­ab­tei­lung des LVR-In­sti­tuts für Lan­des­kun­de und Re­gio­nal­ge­schich­te. Zen­ders Se­mi­nar und das re­nom­mier­te Bon­ner In­sti­tut gibt es da­ge­gen nicht mehr. Es bleibt zu hof­fen, dass die Ju­ni­or­pro­fes­sur für Kul­tur­an­thro­po­lo­gie und Volks­kun­de am In­sti­tut für Ar­chäo­lo­gie und Kul­tur­an­thro­po­lo­gie sei­ne Ar­beit fort­setzt.

Karl Leopold Kaufmann, Porträtfoto. (Eifelverein - Hauptgeschäftsstelle und Eifelbibliothek)

 

Zen­ders viel­fäl­ti­ge Auf­ga­ben und Pro­jek­te, aber auch sei­ne Her­kunft aus der Ei­fel, die kei­nes­wegs den Blick auf über­re­gio­na­le Zu­sam­men­hän­ge ver­stell­te, präg­ten auch sei­ne Lehr­tä­tig­keit. Ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­ti­on von Volks­kund­lern und Sprach­wis­sen­schaft­lern saß vor sei­nem Ka­the­der be­zie­hungs­wei­se be­glei­te­te ihn bei der Feld­for­schung und auf Ex­kur­sio­nen. Ge­blie­ben ist die Er­in­ne­rung an den „hei­li­gen Zen­der“, den „fast all­wis­sen­den Zen­der“ (111).

Nach­dem Zen­der be­reits als Schü­ler Fra­ge­bö­gen für das Rhei­ni­sche Wör­ter­buch aus­ge­füllt hat­te, blieb er dem neun­bän­di­gen Werk auch wäh­rend sei­ner wei­te­ren Tä­tig­keit eng ver­bun­den. Nach dem Tod des lang­jäh­ri­gen Be­ar­bei­ters Hein­rich Ditt­mai­er (1907-1970), der von 1946 bis 1970 das Wör­ter­buch be­treu­te, brach­te Zen­der 1971 den letz­ten Band zum Ab­schluss (112). Be­reits 1929 war Zen­der mit dem Auf­bau der Lan­des­stel­le Rhein­land des At­las der deut­schen Volks­kun­de be­traut wor­den (113). Der Ar­beit der Ber­li­ner At­las-Zen­tral­stel­le stand er kri­tisch ge­gen­über. Zu­nächst ein­mal be­ton­te er, dass es nicht die Auf­ga­be der Volks­kun­de sei, die The­sen der Sprach­geo­gra­phie zu be­stä­ti­gen (114). Wei­ter glaub­te er, dass „his­to­ri­sche Strö­mungs­rich­tun­gen“ nicht „volks­tums­geo­gra­phi­sch“ durch Blut und Bo­den be­dingt sei­en und auch nicht, dass sie in grau­er ger­ma­ni­scher Vor­zeit ent­stan­den sind, son­dern ein Er­be des christ­li­chen Mit­tel­al­ters sei­en (115). 1954 er­hielt Mat­thi­as Zen­der den Auf­trag, die neue Fol­ge des Volks­kun­de-At­las her­aus­zu­ge­ben. Die­ses Werk brach­te er 1984 mit 84 Kar­ten­blät­tern, rund 2.000 Sei­ten Er­läu­te­run­gen und drei Bei­hef­ten zum Ab­schluss. Auch hier­bei spiel­ten die kar­to­gra­phi­sche Me­tho­de und der kul­tur­räum­li­che For­schungs­an­satz ei­ne wich­ti­ge Rol­le. We­ni­ger Er­folg hat­te er mit ei­nem grö­ße­ren Pro­jekt: Von dem Eth­no­lo­gi­schen At­las Eu­ro­pas er­schien nur die ers­te Lie­fe­rung „Die Ter­mi­ne der Jah­res­feu­er in Eu­ro­pa.“

1971 ver­fass­te Zen­der mit sei­nem Schü­ler, dem Müns­te­ra­ner Volks­kund­ler Gün­ter Wie­gel­mann (1928-2008) und sei­nem Mar­bur­ger Kol­le­gen Ger­hard Heil­furth (1909-2006) ei­ne Ein­füh­rung in die Volks­kun­de. Zen­der steu­er­te da­zu ein gro­ßes Ka­pi­tel über „Glau­be und Brauch. Fest und Spiel“ bei, in dem er sich un­ter an­de­rem mit der Rol­le un­ter­schied­li­cher Kon­fes­sio­nen be­schäf­tig­te, so­wie ei­ne Zu­sam­men­schau „Zeit­räum­li­che Be­trach­tung. Er­geb­nis­se der Kul­tur­raum­for­schun­g“, in der er nach­drück­lich die Be­rück­sich­ti­gung ak­tu­el­ler Ent­wick­lun­gen an­mahn­te.

Ei­ne wei­te­re Ge­samt­schau ver­öf­fent­lich­te Zen­der in der Neu­be­ar­bei­tung der „Rhei­ni­schen Ge­schich­te“, die in den 1970er Jah­ren in An­griff ge­nom­men wur­de. Wäh­rend die Teil­bän­de über das Mit­tel­al­ter und die Frü­he Neu­zeit ein Frag­ment blie­ben und sich zu­dem auf die po­li­ti­sche und die Ver­fas­sungs­ge­schich­te kon­zen­trier­ten, steht der Band über „Wirt­schaft und Kul­tur im 19. und 20. Jahr­hun­der­t“ ganz in der Tra­di­ti­on ei­ner in­ter­dis­zi­pli­nä­ren Lan­des­ge­schich­te und greift zu­dem er­freu­lich weit in das 20. Jahr­hun­dert hin­über (116). Ne­ben Bei­trä­gen zur Wirt­schafts- und So­zi­al­ge­schich­te, zur Kir­chen- und Schul­ge­schich­te so­wie zur Li­te­ra­tur- und Kunst­ge­schich­te fin­det sich auch ein 108 Druck­sei­ten um­fas­sen­der Bei­trag von Zen­der über „das Volks­le­ben in den Rhein­lan­den seit 1815.“ Dar­in be­han­delt er die Ge­schich­te der rhei­ni­schen Volks­kun­de so­wie den „Wan­del des Volks­le­bens“ von 1830 bis 1930. Er zeigt das Ver­schwin­den, den Wan­del und das Auf­kom­men neu­er Bräu­che auf und ana­ly­siert die kul­tu­rel­len, wirt­schaft­li­chen und ge­sell­schaft­li­chen Ur­sa­chen. In ei­nem wei­te­ren Schritt wer­den länd­li­che und in­dus­tri­el­le Ge­bie­te cha­rak­te­ri­siert, be­vor er ab­schlie­ßend recht kurz die Ent­wick­lung von 1930 bis 1970 in den Blick nimmt.

Zen­der starb 1993 im Al­ter von 86 Jah­ren und wur­de ne­ben sei­ner Frau auf dem Fried­hof in Nie­der­weis bei­ge­setzt. Von den zahl­rei­chen Eh­run­gen sei­en nur drei her­vor­ge­ho­ben: 1972 ga­ben sei­ne Kol­le­gin Edith En­nen und sein Schü­ler Gün­ter Wie­gel­mann ei­ne Fest­schrift zu sei­nem 65. Ge­burts­tag her­aus, die in zwei Bän­den mit 1.262 Druck­sei­ten 83 Bei­trä­ge ver­ei­nigt. Sie zeigt nicht nur die Band­brei­te der In­ter­es­sen des Ju­bi­lars, son­dern auch das Aus­maß sei­nes wis­sen­schaft­li­chen Netz­wer­kes. Ei­nen zen­tra­len Schwer­punkt bil­det die Kul­tur­raum­for­schung, es folgt der nicht min­der in­ter­es­san­te The­men­be­reich Hei­li­gen­ver­eh­rung und re­li­giö­se Volks­kun­de, dann Volks­glau­ben und Brauch, All­tag und Sach­kul­tur, münd­li­che und li­te­ra­ri­sche Volks­über­lie­fe­rung so­wie Sprach-, Lan­des- und Kir­chen­ge­schich­te (117).

Matthias Zender auf Exkursion nach Echternach und Speicher, undatiert, Foto: Foto: Bärbel Kerkhoff-Hader.

 

Fünf Jah­re spä­ter ga­ben Zen­ders Schü­ler Hein­rich L. Cox und Gün­ter Wie­gel­mann ei­ne zwei­te Fest­schrift her­aus. Sie ver­sam­mel­te an­läss­lich sei­nes 70. Ge­burts­ta­ges 1977 un­ter dem Ti­tel „Ge­stalt und Wan­del“ auf 471 Druck­sei­ten ins­ge­samt 22 Auf­sät­ze des Ju­bi­lars „zur rhei­nisch-west­fä­li­schen Volks­kun­de und Kul­tur­raum­for­schung.“ Die drei Sek­tio­nen be­han­deln The­men der kul­tur­räum­li­chen Dif­fe­ren­zie­rung, Volks­glau­ben und Volks­brauch so­wie Volks­er­zäh­lun­gen und Volks­spra­che (118). Schlie­ß­lich sei noch das zum 80. Ge­burts­tag Zen­ders von Jo­sef Man­gold zu­sam­men­ge­stell­te Schrif­ten­ver­zeich­nis er­wähnt, das sei­ne zahl­rei­chen Bü­cher, Auf­sät­ze und Le­xi­kon­ar­ti­kel an­führt (119).

Die ge­sam­mel­ten Auf­sät­ze und die Pu­bli­ka­ti­ons­lis­te sind heu­te au­ßer­or­dent­lich wich­ti­ge Quel­len, weil nicht nur das Bon­ner In­sti­tut mit sei­ner in­ter­dis­zi­pli­när aus­ge­leg­ten kul­tur­räum­li­chen Kon­zep­ti­on zu be­ste­hen auf­ge­hört hat, son­dern auch die Volks­kun­de heu­te an­de­re Schwer­punk­te ver­folgt. So ist der Be­reich der re­li­giö­sen Volks­kun­de und der Hei­li­gen­ver­eh­rung weit­ge­hend in den Hin­ter­grund ge­tre­ten. The­ma ist heu­te nicht mehr die al­te, die un­ter­ge­gan­ge­ne Ei­fel, son­dern die ­mo­der­ne Ei­fel mit Neu­bau­ge­bie­ten, Pend­ler­strö­men und Hal­lo­ween-Par­tys, zu de­nen in­zwi­schen auch per Face­book ein­ge­la­den wird (120).

3. Die Sagen und Märchen der Eifel

Samm­lun­gen von Sa­gen und Mär­chen gibt es seit dem 19. Jahr­hun­dert in gro­ßer Zahl, er­in­nert sei nur an die Mär­chen der Ge­brü­der Grimm, Karl Jo­seph Sim­rocks R­hein­sa­gen oder das Buch „Sit­ten und Bräu­che, Lie­der, Sprüchwör­ter und Räth­sel des Ei­feler Vol­kes ...“ des Gil­len­fel­der Pfar­rers Jo­hann Hu­bert Schmitz (1807-1882) von 1856. Er hat­te er­kannt, dass die­se „in Fol­ge der ver­än­der­ten Zeit­ver­hält­nis­se mit je­dem Tag mehr und mehr aus dem Ge­dächt­nis­se und Le­ben des Volks schwin­den.“ Da die Be­woh­ner der Ei­fel „we­nig mit Frem­den in Ver­kehr ka­men“ so­wie ein „ein­för­mi­ges und von so man­chen Mü­hen und Ent­beh­run­gen ge­drück­tes Le­ben“ führ­ten, sei­en hier noch „Sit­ten und Bräu­che aus vor­christ­li­cher Zeit und von un­sern noch heid­ni­schen, alt­deut­schen Vor­fah­ren“ über­lie­fert. An­zu­füh­ren sind au­ßer­dem die bei­den Sa­gen­samm­lun­gen des Volks­schul­leh­rers Hein­rich Hoff­mann (1848-1917) aus Brei­ten­be­n­den (heu­te Stadt Me­cher­nich) über die Sa­gen des Rur- und des In­de­ge­bie­tes (1911, 1914). Als Vor­bil­der für Zen­ders Sam­mel­werk wer­den auch Ni­ko­laus Gredts (1834-1909) „Sa­gen­schatz des Lu­xem­bur­ger Lan­des“ (1883) und die „Sa­gen des Ber­gi­schen Lan­des“ von Ot­to Schell (1858-1931) aus dem Jah­re 1897 ge­nannt (121).

Hefte und Kalender mit der Urschrift der Sagen der Westeifel, 1929-1936. (Nachlass Matthias Zender)

 

Was Mat­thi­as Zen­der mit sei­nen, an­spre­chend mit Fo­tos der Ei­fel und ei­ni­ger Er­zäh­ler aus­ge­stat­te­ten, „Volks­sa­gen der West­ei­fel“ (372 S.) und sei­nen „Volks­mär­chen und Schwän­ke aus der West­ei­fel“ (171 S.) von 1935 vor­ge­legt hat, war da­ge­gen ei­ne um­fas­sen­de und sys­te­ma­ti­sche Do­ku­men­ta­ti­on des Ge­dächt­nis­ses sei­ner Hei­mat, des münd­li­chen Er­zähl­guts ei­ner gan­zen Re­gi­on. Im Vor­wort der „Volks­sa­gen“ be­rich­tet er, dass er in den Jah­ren 1929 bis 1934 und zum Teil auch schon von 1924 bis 1927 zahl­rei­che Rei­sen durch die West­ei­fel un­ter­nom­men hat­te. Da­bei konn­te er ein ge­schlos­se­nes Ge­biet er­for­schen: Die da­ma­li­gen Krei­se Bit­burg und Prüm, den Nor­den des Krei­ses Trier so­wie Tei­le der Krei­se Daun und Witt­lich, die deutsch­spra­chi­gen Ge­bie­te um Malme­dy, St. Vith und Ar­lon so­wie in Lu­xem­burg. Es han­delt sich um ein „Re­likt­ge­bie­t“ im Sin­ne der Kul­tur­raum­for­schung, das kei­ne Städ­te be­saß und „Jahr­hun­der­te lang ab­seits des gro­ßen Kul­tur­stro­mes“ lag, so dass sich hier „man­che al­ter­tüm­li­che Kul­tur­er­schei­nung bis in un­se­re Ta­ge“ er­hal­ten hat.

Zu Fuß und mit dem Fahr­rad zog Zen­der von Dorf zu Dorf und er­kun­dig­te sich zu­nächst beim Leh­rer, dann in den Ge­schäf­ten, Wirt­schaf­ten und Post­stel­len so­wie bei äl­te­ren Bau­ern und Leu­ten, die vor der Tür sa­ßen, nach Per­so­nen, die Ge­schich­ten er­zäh­len konn­ten. 379 Er­zäh­ler mach­te er so aus­fin­dig. Er frag­te sie nach Ge­schich­ten aus al­ten Zei­ten, die man sich an lan­gen Win­ter­aben­den er­zähl­te, und sprach sie dann ge­zielt auf The­men wie He­xen, Ge­spens­ter, Tem­pel­her­ren, Raub­rit­ter, Schwe­den, al­te Bur­gen, ver­fal­le­ne Klös­ter, aus­ge­stor­be­ne Dör­fer, Glo­cken, Teu­fel, Zwer­ge, Hein­zel­männ­chen, Wer­wöl­fe, Wil­de Jagd, He­xen, Ge­spens­ter, Wie­der­gän­ger usw. an.

Hefte und Kalender mit der Urschrift der Sagen der Westeifel, 1929-1936. (Nachlass Matthias Zender)

 

Die Sa­gen zeich­ne­te Zen­der in Ge­gen­wart der Er­zäh­ler auf, wo­bei er Aus­schmü­ckun­gen ver­mied und In­kon­se­quen­zen nicht be­rei­nig­te. Zen­der do­ku­men­tier­te al­so die Sa­gen in ih­rer ur­sprüng­li­chen Kür­ze und ih­rer sprö­den Form, oh­ne sie zu ver­schö­nern und aus­zu­spin­nen. Ein wei­te­rer Vor­zug sei­ner Ar­beits­wei­se liegt in der Tat­sa­che, dass er die Er­zäh­ler, ihr Er­zähl­ver­hal­ten und die Er­zähl­um­stän­de und so­mit die gan­zen Kon­tex­te do­ku­men­tier­te (122). Durch die Über­tra­gung in die Schrift­spra­che ging zwar viel vom Cha­rak­ter des Er­zäh­lens ver­lo­ren, doch wur­den vie­le Tex­te in der Mund­art wie­der­ge­ge­ben. Er­hal­ten sind in sei­nem Nach­lass cir­ca 100 Hef­te und Ka­len­der, von de­nen die Hälf­te Mit­schrif­ten und die an­de­re sorg­fäl­tig an­ge­fer­tig­te Rein­schrif­ten ent­hält. Sorg­fäl­tig ist ver­merkt, wel­che Hef­te für die we­sent­lich er­wei­ter­te Neu­auf­la­ge der Volks­sa­gen von 1966 durch­ge­se­hen wur­den. Ton­film und Ton­band stan­den ihm da­mals lei­der noch nicht zur Ver­fü­gung, al­ler­dings ex­pe­ri­men­tier­te er mit Schall­plat­ten (123).

Hefte und Kalender mit der Urschrift der Sagen der Westeifel, 1929-1936. (Nachlass Matthias Zender)

 

Zen­ders Buch war an ein brei­tes Pu­bli­kum adres­siert, zu­nächst an die Wis­sen­schaft, dann an die „Volks­bild­ner“, die Leh­rer, die es im hei­mat­kund­li­chen Un­ter­richt ver­wen­den soll­ten, und schlie­ß­lich soll­te es ein „Volks­buch für brei­te­re Krei­se“ wer­den. „Für Leu­te al­ler­dings, die beim Le­sen die­ses Bu­ches über die ‚Rück­stän­dig­keit‘ der West­ei­fel stau­nen und über den ‚kras­sen Aber­glau­ben‘ mei­ner Hei­mat lä­cheln, ist die­ses Buch nicht ge­schrie­ben.“

Der zwei­te Band „Volks­mär­chen und Schwän­ke“ folg­te noch im glei­chen Jahr. Er ent­hält auf 171 Sei­ten 200 Ge­schich­ten aus ei­ner Samm­lung von 1.264 Tex­ten so­wie ei­ne län­ge­re Ein­füh­rung über „Er­zäh­len und Er­zäh­ler in der West­ei­fel“. Es wer­de „in der West­ei­fel noch er­zählt, wenn auch nicht mehr so oft und so viel wie frü­her.“ Er­zählt wer­de in der Spinn­stu­be, in der Werk­statt, in der Wirt­schaft, bei der Kir­mes, beim Ver­wand­ten­be­such und in der Fa­mi­lie, wo man die Kin­der ins Bett schick­te, wenn die Ge­spens­ter­ge­schich­ten so rich­tig span­nend wur­den. Be­son­ders freu­te man sich, wenn ein Hand­wer­ker oder Fuhr­mann kam und neue „Ste­ckel­cher“ mit­brach­te. Kri­tisch wird das Ver­hält­nis von ge­druck­ten Ro­ma­nen und Er­zäh­lun­gen, von Ka­len­dern und Zei­tun­gen zum münd­li­chen Er­zähl­gut hin­ter­fragt. „Die Bau­ern hal­ten meist heu­te ih­re Ta­ges­zei­tung, sie hö­ren sonn­tags beim Wirt Ra­dio.“ 4.000 Sa­gen und 1.264 Mär­chen ha­be er von 417 Er­zäh­lern ge­hört. Der Band en­det mit ei­nem Ap­pell zur Er­hal­tung der Er­zähl­kul­tur, die zu ei­ner bo­den­ver­bun­de­nen Bau­ern­kul­tur ge­hö­re. Schlie­ß­lich ist noch auf ei­nen drit­ten, mit 106 Sei­ten eher hand­li­chen Band hin­zu­wei­sen: Er trägt den Ti­tel „In Ei­fel und Ar­den­nen“ und er­schien 1936 in der Rei­he „Deut­sches Grenz­volk im Wes­ten er­zählt.“

Herr Theis aus Winterspelt. (Zender, Volkssagen, 1935)

 

Zen­ders Bü­cher er­schie­nen in ge­die­ge­ner Aus­stat­tung und mit ei­ner Rei­he von Schwarz­wei­ß­ta­feln. Die­se zei­gen die Cha­rak­ter­köp­fe ei­ni­ger Er­zäh­ler, aber auch Sze­nen aus dem Dorf­le­ben. So zeigt das Bild mit der Un­ter­schrift „No­ber er­zähl­t“ ei­ne Grup­pe von zehn Per­so­nen, die sich um ei­nen Kü­chen­tisch ver­sam­meln und ei­nem Mann zu­hö­ren, der wohl auf ei­nem Wohn­zim­mer­stuhl Platz ge­nom­men hat. (No­ber war ein Ar­bei­ter in Püt­scheid bei Prüm). Die Män­ner tra­gen Hü­te und Müt­zen, die Frau­en stri­cken Strümp­fe, zu es­sen oder zu trin­ken gibt es nichts. Das Bild „Jo­hann Schwin­nen, Wils­ecker, singt ein Lied vor“, macht dar­auf auf­merk­sam, dass Zen­der auch Lie­der auf­zeich­ne­te. An an­de­rer Stel­le er­wähnt er, von dem in ei­nem Dorf bei Kyll­burg le­ben­den Er­zäh­ler ha­be er über 200 Ge­schich­ten und 70 Lie­der er­hal­ten (124). Am Bon­ner In­sti­tut gab es ein um­fang­rei­ches Volks­lie­dar­chiv, das 22.000 Lie­der do­ku­men­tier­te (125). Man sieht den schwei­gen­den Sän­ger im Sonn­tags­staat mit Kra­wat­te und Uhr­ket­te, ge­gen­über der jun­ge Zen­der, als Stu­dent eben­falls in An­zug und Kra­wat­te, wie er sich flei­ßig No­ti­zen macht. Ein wei­te­res Bild zeigt ei­nen raum­fül­lend plat­zier­ten Er­zäh­ler, der dem jetzt kurz­ge­scho­re­nen Zen­der ei­ne Ge­schich­te er­zählt, die die­ser an ei­nem halb­run­den Tisch mit zwei Blu­men­töp­fen mit­schreibt. Ein vier­tes Bild zeigt die 80-jäh­ri­ge Bäue­rin Frau Schnei­der aus Bü­des­heim bei Prüm, den Pro­to­ty­pen ei­ner ur­al­ten Gro­ß­mut­ter, die zu­sam­men­ge­kau­ert im Ses­sel sitzt und ih­ren an­ge­spannt lau­schen­den En­keln Ge­schich­ten er­zählt: „Aß et nou wuhr aß, ich kann et net son, se han awer su ver­zahlt.“

'Nober erzählt'. (Nachlass Mathias Zender)

 

Frei­lich muss man bei all die­sen Ab­bil­dun­gen be­rück­sich­ti­gen, dass es sich um In­sze­nie­run­gen, um ge­stell­te Fo­tos han­del­te. Dies gilt auch für ei­ne Rei­he von Auf­nah­men, die sich im Ar­chiv des LVR-In­sti­tuts für Lan­des­kun­de und Re­gio­nal­ge­schich­te in Bonn er­hal­ten ha­ben. Sie zei­gen Mat­thi­as Zen­der mit ei­nem As­sis­ten­ten bei der Samm­lung von Sa­gen und Mär­chen in der bel­gi­schen Pro­vinz Lu­xem­burg und im bel­gi­schen Thom­men wäh­rend der 1930er Jah­re. Be­fremd­lich ist al­ler­dings, dass die Bau­ern hier wäh­rend der Feld­ar­beit oder auf dem Weg zur Ar­beit be­fragt wer­den; ei­ner steht an ei­nem Zaun, ein an­de­rer trägt ei­ne Sen­se (126).

Zen­ders Wunsch nach ei­ner grö­ße­ren Ver­brei­tung sei­ner Samm­lung er­füll­te sich. Von den „Volks­mär­chen“ er­schien 1984 ei­ne neu be­ar­bei­te­te Fas­sung. Von den „Volks­sa­gen“ kam 1966 un­ter dem Ti­tel „Sa­gen und Ge­schich­ten aus der West­ei­fel“ ei­ne von 1.300 auf 1.885 Tex­te er­wei­ter­te Neu­aus­ga­be auf den Markt, die 1980 und 1986 nach­ge­druckt wur­de. Ge­gen­über der Erst­aus­ga­be wur­de die Bild­aus­stat­tung ver­än­dert, die Er­zäh­ler tra­ten in den Hin­ter­grund, ma­le­ri­sche An­sich­ten der ro­man­ti­schen Ei­fel hin­ge­gen in den Vor­der­grund. Das Vor­wort ent­hält in­ter­es­san­te Hin­wei­se auf Ver­än­de­run­gen in den 30 Jah­ren, die seit der Erst­auf­la­ge ver­gan­gen wa­ren. Zen­der be­rich­tet, dass er die Samm­lung 1936 ab­bre­chen muss­te und 1938 nicht mehr auf­neh­men konn­te. Der Bau des West­walls und „stän­di­ge Ein­quar­tie­run­gen mit ih­ren wild­frem­den Men­schen“ hät­ten viel Un­ru­he in die Ei­fel ge­bracht.

'Johann Schwinnen, Wilsecker, singt ein Lied vor'. (Nachlass Mathias Zender)

 

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg hat­te sich die Si­tua­ti­on dann voll­stän­dig ver­än­dert. Die meis­ten Er­zäh­ler wa­ren in­zwi­schen ver­stor­ben, gro­ße Tei­le des Er­zähl­gu­tes sei­en ver­lo­ren ge­gan­gen. In den 1950er und 60er Jah­ren ver­än­der­te sich die Ei­fel dann in un­ge­heu­rem Tem­po. Nicht nur das Er­zähl­gut und die Tech­ni­ken des Er­zäh­lens ver­schwan­den, son­dern auch die vor­in­dus­tri­el­le Le­bens- und Ar­beits­welt in den Dör­fern, von de­nen sie be­rich­ten. Zen­ders Mär­chen und Sa­gen do­ku­men­tie­ren so­mit das kul­tu­rel­le Ge­dächt­nis ei­ner Re­gi­on, das sich so we­der aus Ver­wal­tungs­ak­ten noch aus Zei­tun­gen re­kon­stru­ie­ren lässt. Es ist eben­so ver­schwun­den wie die tra­di­tio­nel­le Land­wirt­schaft und die pit­to­res­ken Dör­fer der „al­ten Ei­fel.“

Zen­der woll­te ein Buch für Leh­rer, den Hei­mat­kun­de­un­ter­richt und für brei­te Krei­se der Be­völ­ke­rung schrei­ben. Wie steht es mit der sei­ner­zeit an ers­ter Stel­le ge­nann­ten wis­sen­schaft­li­chen Er­schlie­ßung? Heu­te ist die Er­zähl­for­schung ei­ne eta­blier­te Fach­dis­zi­plin. So gibt es zum Bei­spiel ei­ne „Kom­mis­si­on Er­zähl­for­schun­g“ in­ner­halb der Deut­schen Ge­sell­schaft für Volks­kun­de, die re­gel­mä­ßig Ta­gun­gen ver­an­stal­tet und Pu­bli­ka­tio­nen her­aus­gibt (127). Zen­der selbst hat mit sei­ner Dis­ser­ta­ti­on  „Die Sa­ge als Spie­gel­bild von Volks­art und Volks­le­ben im west­li­chen Grenz­lan­d“ ei­ne wich­ti­ge Grund­la­ge ge­schaf­fen. Er un­ter­such­te ex­em­pla­risch die Sa­gen über Zwer­ge, Hun­nen, Tem­pel­her­ren, Bur­gen und Dör­fer so­wie Schatz­sa­gen und frag­te nach der Her­kunft und Ent­wick­lung, nach der „Bio­lo­gie der Sa­ge“ und nach dem Ver­hält­nis von Er­zäh­lern und Hö­rern. Hin­zu kommt ei­ne Viel­zahl von Auf­sät­zen des Au­tors. Be­reits 1937 hat­te er sei­ne For­schun­gen in ei­nem Auf­satz „Quel­len und Trä­ger der deut­schen Volks­er­zäh­lun­g“ ei­ner brei­te­ren Fach­öf­fent­lich­keit zu­gäng­lich ge­macht (128).

Ne­ben an­de­ren Pu­bli­ka­tio­nen ist vor al­lem auf sei­ne 1973 er­schie­ne­ne Stu­die „Volks­er­zäh­lun­gen als Quel­len für Le­bens­ver­hält­nis­se ver­gan­ge­ner Zei­ten“ hin­zu­wei­sen (129). Hier er­ör­tert er ein­lei­tend die Fra­ge nach dem Quel­len­wert von Sa­gen für die Lo­kal­ge­schich­te. Zahl­rei­che Sa­gen be­sit­zen ei­nen aus­ge­prägt an­ti­feu­da­len Cha­rak­ter, sie kri­ti­sier­ten das gott­lo­se und fre­vel­haf­te Le­ben der Raub­rit­ter und Mön­che, die al­le ih­re ge­rech­te Stra­fe er­hiel­ten. Da­ge­gen schil­dern vie­le Er­zäh­lun­gen die Na­po­leo­ni­sche Zeit recht po­si­tiv. Zen­der kann die Ent­ste­hung die­ses Er­zähl­guts in die 1830er bis 60er Jah­re da­tie­ren. Ger­ma­nisch oder mit­tel­al­ter­lich sind sie al­so nicht, auch wenn man­che der Ge­schich­ten sich schon um 1220 bei Cae­sa­ri­us von Heis­ter­bach und an­de­re in den Schwan­ker­zäh­lun­gen der Re­for­ma­ti­ons­zeit nach­wei­sen las­sen (130). In je­dem Fall er­leb­te man geist­li­che und welt­li­che Grund­herr­schaft im 18. Jahr­hun­dert kaum noch durch Mön­che und Rit­ter, son­dern durch ei­ne wohl­or­ga­ni­sier­te Ver­wal­tung. Wel­che Rol­le hier per­sön­li­ches Er­le­ben, li­te­ra­ri­sche Vor­bil­der und die auf­ge­klär­te Ab­so­lu­tis­mus­kri­tik im Ein­zel­nen ge­spielt ha­ben, wä­re noch ge­nau­er zu un­ter­su­chen. Es ist je­den­falls er­staun­lich, dass un­ter der viel­fach kri­ti­sier­ten preu­ßi­schen Herr­schaft die Zeit des Al­ten Reichs so ne­ga­tiv und die mit ho­hen Steu­ern und vie­len Kriegs­zü­gen ver­bun­de­ne fran­zö­si­sche Zeit so po­si­tiv ge­se­hen wur­de, ob­wohl vie­le Be­woh­ner der West­ei­fel 1798 im „Klöp­pel­krie­g“ ge­gen die fran­zö­si­sche Herr­schaft auf­be­gehr­ten.

In ei­nem zwei­ten Teil wer­tet Zen­der sei­ne Er­zäh­lun­gen als his­to­ri­sche Quel­le für ver­schie­de­ne Be­rei­che der Volks­kul­tur aus, zum Bei­spiel für die Klei­dung und die Woh­nun­gen der Bau­ern, die in Kyll­burg mit Kit­tel und Zy­lin­der in die Kir­che gin­gen. Um­fas­send wird das The­ma der Nacht­ar­beit the­ma­ti­siert: Nachts brach­te man die Pfer­de auf die Wei­de, be­wäs­ser­te Gär­ten, drosch Ge­trei­de, buk Brot, mach­te Wurst und stahl Holz aus den Wäl­dern. Wei­ter un­ter­sucht Zen­der das Sam­meln, Mä­hen und Dre­schen, das viel­fäl­ti­ge Hand­werk auf den Dör­fern, die Nacht­wäch­ter, Fuhr­leu­te und Mül­ler so­wie die Hau­sie­rer, Bett­ler und Mu­si­kan­ten, die man Bay­ern nann­te, da sie aus der baye­ri­schen Pfalz stamm­ten. Aus dem ar­men Mu­si­kan­ten­land im Kreis Ku­sel ka­men Zir­kus-, Schiffs- und Kur­ka­pel­len, die die gan­ze Welt be­reis­ten. Ei­ni­ge ver­schlug es so­gar in die noch är­me­re Ei­fel. Wei­ter lenkt Zen­der das In­ter­es­se auf die gut do­ku­men­tier­ten Erz­fah­rer, Köh­ler, Ger­ber und Fuhr­leu­te. Un­ter­sucht wird auch das Le­ben in der Fa­mi­lie so­wie das Ver­hält­nis von Her­ren, Knech­ten und Mäg­den.

'Frau Schneider aus Büdesheim'. (Zender, Volkssagen, 1935)

 

3.1 Zum wissenschaftsgeschichtlichen Kontext der Sagensammlung: Was das Vorwort der „Volkssagen“ berichtet

Die „Volks­sa­gen“ und die „Volks­mär­chen“ wa­ren die ers­ten bei­den Bän­de ei­ner neu ge­grün­de­ten Rei­he „Deut­sches Volks­tum am Rhein“, die auch nach dem Krieg noch fort­ge­setzt wur­de. Von be­son­de­rem In­ter­es­se sind da­bei die Dank­sa­gun­gen der „Volks­sa­gen“ von 1935, die sich als wei­te­re wich­ti­ge Quel­le zur Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Wer­kes er­wei­sen. Zu­nächst nennt Zen­der sei­nen Men­tor, den Sprach­wis­sen­schaft­ler und Volks­kund­ler Jo­sef Mül­ler, dem das Buch auch ge­wid­met ist, dann den Sprach­wis­sen­schaft­ler und Mund­art­for­scher Adolf Bach, und schlie­ß­lich den Lan­des­his­to­ri­ker Franz Stein­bach, den lang­jäh­ri­gen Di­rek­tor des Bon­ner In­sti­tuts.

Bach und Mül­ler wa­ren auch die Her­aus­ge­ber der neu be­grün­de­ten Rei­he „Deut­sches Volks­tum am Rhein.“ Stein­bach und vor al­lem Bach stan­den der NS­DAP na­he. Ei­ne neue, po­pu­lär an­ge­leg­te Rei­he muss­te 1935 dem neu­en Zeit­geist ent­spre­chen, und nur so sind Zen­ders Schluss­sät­ze sei­ner Ein­lei­tung zu ver­ste­hen: „Ich woll­te durch die­se Samm­lung zei­gen, wel­che Kräf­te die Bau­ern­kul­tur mei­ner Hei­mat be­stimmt ha­ben, wie sehr das Bau­ern­tum der West­ei­fel heu­te noch in sei­ne al­te, ge­sun­de Kul­tur ein­ge­bet­tet ist, wie we­nig es bis­her vom Stadt­geist er­fasst wor­den ist. Beim Auf­bau ei­ner neu­en Bau­ern­kul­tur wird Bau­ern­tum die­ser Art wich­tigs­te Diens­te leis­ten.“ Wei­ter­hin stat­te­te Zen­der sei­nen Dank dem Vor­sit­zen­den des Ei­fel­ver­eins, Karl Leo­pold Kauf­mann, ab. Der Ei­fel­ver­ein, der sich seit sei­ner Grün­dung 1888 auch die wis­sen­schaft­li­che Er­for­schung der Ei­fel auf sei­ne Fah­nen ge­schrie­ben hat­te, gab 1913 zu sei­nem 25-jäh­ri­gen Ju­bi­lä­um ei­ne fun­dier­te Ei­fel­fest­schrift her­aus. 1921 er­öff­ne­te der Ei­fel­ver­ein auf der Ge­no­ve­va­burg in May­en die Ei­fel­bi­blio­thek, die das kom­plet­te Schrift­tum zur Ge­schich­te, Lan­des­kun­de und Li­te­ra­tur der Re­gi­on sam­meln soll­te, und 1925 rief der Ver­ein mit dem Ei­fel­ka­len­der ein ei­ge­nes Jahr­buch ins Le­ben, das seit 90 Jah­ren ei­ne Stüt­ze des wis­sen­schaft­li­chen und li­te­ra­ri­schen Le­bens in der Ei­fel dar­stellt (131).

In den 1930er Jah­ren gab es ei­ne frucht­ba­re Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen dem Ei­fel­ver­ein und dem Ver­ein für ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de der Rhein­lan­de. Im Ei­fel­ver­eins­blatt gab es be­reits in den 1920er Jah­ren ei­ne ei­ge­ne Ru­brik „Ge­schicht­li­che Mit­tei­lun­gen vom Ver­ein für ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de der Rhein­lan­de in Bon­n“, die zum Bei­spiel 1929 neun klei­ne Bei­trä­ge ent­hielt, de­ren Spann­wei­te von den Kreuz­zü­gen bis zur Aus­wan­de­rung reich­te. Das Ei­fel­ver­eins­blatt hat­te 1929 ei­ne Auf­la­ge von 16.500 Ex­em­pla­ren. Auf die­se Bei­trä­ge war auch das In­sti­tut stolz, in sei­nem Jah­res­be­richt 1933/1934 schrieb Stein­bach: „Durch re­gel­mäs­si­ge Mit­ar­beit beim Ei­fel­ver­eins­blatt … wur­de für die Ver­brei­tung orts- und lan­des­ge­schicht­lich wich­ti­ger For­schungs­er­geb­nis­se Sor­ge ge­tra­gen und die Be­stre­bun­gen des In­sti­tuts in der brei­te­ren Oef­fent­lich­keit be­kannt ge­macht.“ (132)

Ei­ne gan­ze Rei­he von Brie­fen zwi­schen Stein­bach, Kauf­mann und dem Schrift­lei­ter Dr. Vik­tor Baur (1898-1967) be­le­gen, wie Ma­nu­skrip­te für „Die Ei­fel“ ak­qui­riert, be­gut­ach­tet und re­di­giert wur­den; die Au­to­ren­ho­no­ra­re teil­ten sich die bei­den Ver­ei­ne. So er­hielt 1935 Zen­der für sei­nen Auf­satz über die Brie­fe aus der Na­po­leo­ni­schen Zeit ein Ho­no­rar von 10 RM (133).

Karl Leo­pold Kauf­mann war dar­über hin­aus ein über­aus pro­duk­ti­ver Au­tor. Das Ei­fel­ver­eins­blatt ver­zeich­net fast 200 Bei­trä­ge aus sei­ner Fe­der, dar­un­ter zu­nächst vie­le Ver­samm­lungs­be­rich­te, dann zu­neh­mend lan­des­ge­schicht­li­che Bei­trä­ge. Nach­dem der Ei­fel­ver­ein 1926 mit dem Ei­fel­ka­len­der ein ei­ge­nes Jahr­buch be­grün­de­te, steu­er­te Kauf­mann ins­ge­samt 25 Bei­trä­ge ins­be­son­de­re zur Ge­schich­te des 19. Jahr­hun­derts bei. Wir fin­den ihn nicht nur seit 1926 als Be­su­cher von Ta­gun­gen des Bon­ner In­sti­tuts (134), son­dern auch als Au­tor der Rhei­ni­schen Vier­tel­jahrs­blät­ter: 1932 ver­öf­fent­lich­te er ei­nen Auf­satz über den aus Bit­burg stam­men­den Bur­schen­schaft­ler, Re­vo­lu­tio­när und Teil­neh­mer am Ham­ba­cher Fest, Au­gus­tin Mes­se­rich (1806-1876), 1935 über den Köl­ner Re­vo­lu­tio­när und Teil­neh­mer an der Na­tio­nal­ver­samm­lung 1848, Franz Ra­veaux, und 1936 über „Die Ei­fel und ih­re Be­woh­ner im Ur­teil des kur­trie­ri­schen Leib­arz­tes Sa­len­tin Co­hau­sen.“

Auch als Buch­au­tor trat Kauf­mann her­vor, ne­ben den be­reits ge­nann­ten Bü­chern über Eu­pen-Malme­dy gab er 1932 und 1936 die 28. und 29. Auf­la­ge des Ei­fel­füh­rers her­aus, den 1888 sein Vor­gän­ger Adolf Dron­ke be­grün­det hat­te und des­sen Um­fang seit­her von 192 auf 336 Druck­sei­ten an­ge­wach­sen war. 1926 ver­öf­fent­lich­te Kauf­mann ein Buch „Aus Ge­schich­te und Kul­tur der Ei­fel.“ Franz Stein­bach lob­te das Werk in ei­ner Re­zen­si­on als ge­lun­ge­ne Zu­sam­men­schau, deu­tet aber auch lei­se Kri­tik an, dass ein recht be­deu­ten­der Teil des Büch­leins den Ver­bes­se­run­gen ge­wid­met ist, „die in preu­ßi­scher Zeit zum Teil durch staat­li­che Für­sor­ge, zum Teil durch die per­sön­li­che In­itia­ti­ve vie­ler Ei­feler Hei­mat­freun­de er­reicht wor­den sind.“ (135) 1932 er­schien ei­ne er­heb­lich ver­mehr­te drit­te Auf­la­ge, die Mar­tin He­rold sehr po­si­tiv re­zen­sier­te und als „Per­le der Ei­fel­for­schun­g“ lob­te (136).

Kauf­manns wis­sen­schaft­li­che Leis­tung wur­de am 24.12.1933 mit der Eh­ren­dok­tor­wür­de der Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät, der Uni­ver­si­tät Bonn aus­ge­zeich­net. Der von ei­nem na­ment­lich nicht ge­nann­ten Au­tor (Vik­tor Baur?) ver­fass­te Be­richt in der „Ei­fel“ be­zeich­net dies als ei­ne „Eh­rung des Ei­fel­ver­eins.“ Aus der Ur­kun­de wird zi­tiert, Kauf­mann ha­be „fast 30 Jah­re lang als Füh­rer [!] des Ei­fel­ver­eins für Hei­mat und Volk sich die grö­ß­ten Ver­diens­te“ er­wor­ben. Wei­ter wer­den die en­gen Be­zie­hun­gen zwi­schen dem Ei­fel­ver­ein und der Bon­ner Uni­ver­si­tät her­vor­ge­ho­ben, die zum Bei­spiel in dem „gro­ßen Ei­fel­wer­k“ von 1913 ih­ren Nie­der­schlag ge­fun­den hät­ten (137).

Stein­bach war be­reits 1933 in den Haupt­vor­stand des Ei­fel­ver­eins ge­wählt wor­den und ge­hör­te wahr­schein­lich auch dem 1954 kon­sti­tu­ier­ten wis­sen­schaft­li­chen Aus­schuss an (138). 1938 hielt Stein­bach auf der 50-Jahr­fei­er des Ei­fel­ver­eins in Trier den Fest­vor­trag über das The­ma: „Die deut­sche Leis­tung der Ei­fel“. Nach dem „Wim­pel­ein­marsch von 107 Orts­grup­pen un­ter Füh­rung von Fah­nen der Par­tei und der SA“ re­fe­rier­te er, die Ei­fel sei schon im­mer ein wehr­haf­tes „Boll­werk des Deutsch­tums ge­gen die Ge­fahr aus dem Wes­ten“ ge­we­sen, ha­be Gro­ßes bei der Nie­der­rin­gung des Se­pa­ra­tis­mus  ge­leis­tet, und ihr „ge­sun­des Blu­t“ nach Sie­ben­bür­gen, ins Ba­nat und nach Bos­ni­en, vor al­lem aber nach Ame­ri­ka ge­schickt; „über­schüs­si­ge Volks­kraf­t“ sei au­ßer­dem an die gro­ßen Städ­te ab­ge­ge­ben wor­den (139). Noch 1957 re­fe­rier­te Stein­bach auf der Haupt­ver­samm­lung in Köln über die Fra­ge, „wie die Ei­fel zum Grenz­land wur­de.“ (140)

Auch wis­sen­schafts­or­ga­ni­sa­to­risch spiel­ten Kauf­mann und der Ei­fel­ver­ein in den 1930er Jah­ren ei­ne wich­ti­ge Rol­le: Als die Pro­vin­zi­al­re­gie­rung 1930 ei­ne Kom­mis­si­on zur Her­aus­ga­be ei­nes Volks­kun­de­at­las­ses bil­de­te, wies Stein­bach dar­auf hin, dass „Ge­heim­rat Kauf­mann sehr ver­schnupft sei“, dass man ihn über­se­hen hat­te (141). 1933 nahm Kauf­mann an ei­ner Mit­ar­bei­ter­be­spre­chung zu ei­nem Pro­jekt zur „Er­for­schung der rhei­ni­schen Aus­wan­de­rungs­ge­schich­te“ teil, bei der die „Mitt­ler­stel­lun­g“ des Bon­ner In­sti­tuts „zwi­schen der all­ge­mei­nen Wis­sen­schaft und dem Lo­kal­for­scher“ be­tont wur­de (142). 1934 war Kauf­mann stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der des Ver­eins für ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de und or­ga­ni­sier­te in die­ser Funk­ti­on die „Lehr­gän­ge“ des In­sti­tuts, so im April 1934 in Bonn über „Saar­fra­gen“ und im Ju­li 1934 die „Ta­gun­g“ in Saar­burg. Auf der Ver­an­stal­tung äu­ßer­ten Teil­neh­mer den drin­gen­den Wunsch, so Stein­bach am 13.5.1935 an Apf­fel­sta­edt, die nächs­te Ta­gung im Ju­li 1935 in Mer­zig mit ei­ner „Fahrt durch das be­frei­te Saar­lan­d“ zu ver­bin­den. Im Ju­ni 1937 or­ga­ni­sier­te Kauf­mann Lehr­gang und Ta­gung in Bonn zu The­men der Grenz­land­for­schung, wo­bei die „Grenz­land­volks­kun­de“ brei­ten Raum ein­nahm: Ne­ben Mat­thi­as Zen­der re­fe­rier­te Wil­helm Bo­dens (1910-2005), der im glei­chen Jahr (1937) über Sa­gen am Nie­der­rhein pro­mo­vier­te, über „Volks­er­zäh­ler am Nie­der­rhein und im west­deut­schen Grenz­land (mit Vor­füh­rung von Schall­plat­ten).“ (143) An­schlie­ßend stand auf dem Pro­gramm: „Vor­füh­rung ein­zel­ner Schall­plat­ten aus dem ‚Laut­denk­mal reichs­deut­scher Mund­ar­ten zur Zeit Adolf Hit­lers.‘“ Wei­ter wur­de ei­ne Ex­kur­si­on als „Kraft­wa­gen­fahrt durch das Dra­chen­fel­ser Länd­chen“ an­ge­bo­ten.

1938 frag­te Stein­bach bei Apf­fel­sta­edt an, ob die­ser be­zie­hungs­wei­se Lan­des­ver­wal­tungs­rat Dr. Han­s  Korn­feld oder, wie bis­her, Kauf­mann, die nächs­te Ta­gung lei­ten sol­le. 1939 bat Stein­bach Apf­fel­sta­edt, den ab­we­sen­den Kauf­mann zu ver­tre­ten. Da­durch konn­te die­ser am 13.5.1939 ei­nen Vor­trag von Mat­thi­as Zen­der über „Das Deutsch­tums­ge­biet um Arel in der bel­gi­schen Pro­vinz Lu­xem­bur­g“, hö­ren, des­sen gleich­na­mi­ges Pro­jekt er zwei Mo­na­te zu­vor tor­pe­diert hat­te (144).

3.2 Die Förderung von Zenders Forschungen durch den Eifelverein

Ei­ne wei­te­re wich­ti­ge Quel­le zur Ge­schich­te von Zen­ders Samm­lun­gen sind zwei Ar­ti­kel im Ei­fel­ver­eins­blatt von 1930 (145). Hier fin­det sich ein „Auf­ruf zur Mit­ar­beit an ei­ner Sa­gen­samm­lung der Ei­fel.“ Er ver­weist ein­lei­tend auf die ge­druck­ten Samm­lun­gen von Rek­tor Mi­cha­el Zen­der (ge­stor­ben 1932) für die Ei­fel (146) und die Bü­cher der Her­ren Gredt und Schell für Lu­xem­burg be­zie­hungs­wei­se das Ber­gi­sche Land. Dann wird mit­ge­teilt, der Ei­fel­ver­ein, das Bon­ner In­sti­tut für ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de und das Rhei­ni­sche Wör­ter­buch hät­ten be­schlos­sen, ei­ne Samm­lung al­ler Sa­gen der Ei­fel an­zu­le­gen, und zwar so­wohl der ge­druck­ten als auch der „heu­te noch im Volks­mun­d“ le­ben­den. Ihr „Be­auf­trag­ter stud. Matth. Zen­der“ ha­be be­reits 1.800 Ge­schich­ten im Bit­bur­ger Land ge­sam­melt, das durch sei­ne güns­ti­ge Ver­kehrs­la­ge stark un­ter städ­ti­schem Ein­fluss ste­he. In den „ab­ge­schlos­se­nen Ge­bie­ten der Hoch­ei­fel“ sei noch weit­aus mehr zu er­war­ten. Bis­her sei Zen­der von ei­ni­gen Leh­rern und „Hei­mat­freun­den“ un­ter­stützt wor­den. Jetzt wer­den al­le Mit­glie­der des Ei­fel­ver­eins an­ge­spro­chen: Man bit­tet um Nach­rich­ten über Sa­gen­samm­lun­gen, die noch un­ge­druckt sind, um Hin­wei­se auf Ver­öf­fent­li­chun­gen in Zei­tun­gen und um die Na­men po­ten­ti­el­ler Ge­schich­ten­er­zäh­ler, die Zen­der dann per­sön­lich auf­su­chen woll­te. Für die Mit­tei­lung von Sa­gen (wenn mög­lich in Mund­art) wer­den kon­kre­te Vor­ga­ben ge­macht, sie soll­ten an das Bon­ner In­sti­tut in der Pop­pels­dor­fer Al­lee ein­ge­sandt wer­den.

Der Ar­ti­kel macht zwei Tat­sa­chen deut­lich: Zen­ders Sa­gen­samm­lung war nicht nur ein pri­va­tes Dis­ser­ta­ti­ons­vor­ha­ben, son­dern ein of­fi­zi­el­les For­schungs­pro­jekt des Bon­ner In­sti­tuts in Ko­ope­ra­ti­on mit dem Rhei­ni­schen Wör­ter­buch und dem Ei­fel­ver­ein. Des­halb wur­de er zeit­gleich auch in den Mit­tei­lun­gen des In­sti­tuts ver­öf­fent­licht (147). Mit dem Ei­fel­ver­eins­blatt er­reich­te man ein in­ter­es­sier­tes und si­cher­lich auch hilfs­be­rei­tes Pu­bli­kum in na­he­zu je­dem Ei­fel­dorf. Das Bild des Dok­to­ran­den, der zu Fuß und mit dem Fahr­rad durch die Dör­fer reist und sich von Haus zu Haus nach Er­zäh­lern durch­fragt, muss al­so et­was re­la­ti­viert wer­den. Zu­dem macht der Auf­ruf deut­lich, dass auch nie­der­ge­schrie­be­ne und ge­druck­te Sa­gen ge­sam­melt wur­den und kei­nes­wegs nur münd­lich tra­dier­te (148).

Teildruck der Dissertationsschrift.

 

Ei­ni­ge Sei­ten wei­ter fin­det man ei­nen Ar­ti­kel von cand. phil. Math. Zen­der „Zur Sa­gen­for­schung der Ei­fel“, in dem er kurz und bün­dig ei­nen Über­blick zu den ver­schie­de­nen Sagen­ty­pen gibt, von den Schwän­ken über die his­to­ri­schen Sa­gen bis hin zu den To­ten-, He­xen-, und Wer­wolf­ge­schich­ten. Auch die Be­deu­tung der Sa­gen­for­schung für Lan­des­ge­schich­te und Volks­kun­de wird her­vor­ge­ho­ben. 

Als 1935 die „Volks­sa­gen“ auf den Markt ka­men, ver­öf­fent­lich­te der Guts­be­sit­zer und Dich­ter Max von Mal­linck­rodt (1873-1944) ei­ne be­geis­ter­te Be­spre­chung in der Mit­glie­der­zeit­schrift (149). Er fei­er­te Zen­ders Werk als „Schatz ech­tes­ten Ei­feler Sa­gen­gu­tes“. Durch die kor­rek­te wis­sen­schaft­li­che Do­ku­men­ta­ti­on und den Ver­zicht auf Zu­sät­ze und Aus­schmü­ckun­gen sei „die schlich­te Schön­heit des echt Volk­haf­ten“ er­hal­ten ge­blie­ben. 

3.3 Zenders Veröffentlichungen in den Periodika des Eifelvereins

Zen­der hat vor al­lem in den 1930er Jah­ren ei­ne gan­ze Rei­he von Auf­sät­zen im Ei­fel­ver­eins­blatt und im Ei­fel­ka­len­der pu­bli­ziert: Be­reits 1931 ver­öf­fent­lich­te er hier sein Erst­lings­werk über die „Bräu­che am Jo­han­nes­ta­ge in der West­ei­fel“ (150) und 1933 ei­nen Ar­ti­kel über die Be­hand­lung von Zahn­schmer­zen in der Volks­me­di­zin: Wenn Brannt­wein, Küm­mel­öl und ein Pflas­ter mit Pfef­fer und Salz nichts nut­zen, leg­te man hei­ße Kar­tof­feln oder Kleie auf be­zie­hungs­wei­se rieb die Wan­ge mit Pe­tro­le­um oder Schmier­sei­fe ein. Man konn­te auch „hom­ne­pa­tisch Tre­pfen“ ver­wen­den, ein Va­ter­un­ser spre­chen, den Schmerz igno­rie­ren oder ihn sei­nem ärgs­ten Feind an den Hals wün­schen. Wenn auch ein di­ckes Tuch um die ge­schwol­le­ne Ba­cke nicht half, konn­te man im­mer noch zum Zahn­arzt ge­hen „und sich den Quäl­geist aus­rei­ßen … las­sen.“ (151)

'Bauer D. aus Oviat bei Malmedy'. (Zender, Quellen und Träger, 1937)

 

1935 ver­öf­fent­lich­te Zen­der Sol­da­ten­brie­fe aus der na­po­leo­ni­schen Zeit (152), 1936 über Ei­fel­ha­sen und über die Sa­gen­er­zäh­ler der West­ei­fel (153). 1937 schrieb er ei­nen Ar­ti­kel über den Al­ten Fritz in den Schwän­ken der Ei­fel, wo­mit al­ler­dings nicht der Preu­ßen­kö­nig, son­dern der le­gen­dä­re Bar­ba­ros­sa ge­meint war (154), und 1941 über die Zwerg­s­a­gen. Hier ge­lang ihm der Nach­weis, dass die­se Sa­gen ge­nau in den Ge­gen­den ver­brei­tet wa­ren, in de­nen sich rö­mi­sche Sied­lungs­res­te be­fin­den. Hier­zu ge­hör­ten auch die Fuß­bo­den­hei­zun­gen (Hy­po­caus­ten), de­ren Funk­ti­on man sich nicht er­klä­ren konn­te und die man als Woh­nun­gen der Wich­tel­män­ner deu­te­te (155).

Als Fo­rum für sei­ne Pu­bli­ka­tio­nen be­nutz­te Zen­der auch die Rhei­ni­sche Hei­mat­pfle­ge, das Or­gan des Rhei­ni­schen Ver­eins für Denk­mal­pfle­ge und Hei­mat­schutz. Die 1906 ge­grün­de­te Or­ga­ni­sa­ti­on ar­bei­te­te von den 1930ern bis in die 1980er Jah­re eng mit dem Ei­fel­ver­ein zu­sam­men, die Vor­sit­zen­den Jo­sef Schramm und Kon­rad Schubach (1914-2006) setz­ten sich ge­mein­sam mit dem RVDL-Ge­schäfts­füh­rer Dr. Jo­sef Ru­land (ge­stor­ben 2000) für die Denk­mal­pfle­ge im länd­li­chen Raum ein, für die Er­hal­tung der his­to­ri­schen Orts­ker­ne und wert­vol­ler Bau­sub­stanz, die durch die fort­schrei­ten­de Mo­der­ni­sie­rung zu­neh­mend ge­fähr­det war, aber auch für den Na­tur- und Land­schafts­schutz (156). 1938 war der Ver­ein eben­falls gleich­ge­schal­tet, als Her­aus­ge­ber der Zeit­schrift fir­mier­te der Lan­des­haupt­mann der Rhein­pro­vinz (157). Zen­ders Auf­satz „Bäu­er­li­ches Er­zähl­gut“ lobt den Bau­ern als „Trä­ger der Glau­bens- und Vor­stel­lungs­welt un­se­rer Ah­nen in ger­ma­ni­scher Zeit.“ Ver­schie­de­ne Sagen­the­men wer­den vor­ge­stellt, Kar­ten der Zwer­gen- und Schil­da­sa­gen er­läu­tert und meh­re­re Cha­rak­ter­köp­fe von Er­zäh­lern ab­ge­bil­det.

'Bauer P. aus Thommen b. St. Vith, ein rheinicher Volkserzähler'. (Zender, Erzählgut 1938)

 

3.4 Zenders Entgleisungen: 1932-1934, 1954-1956

In den 1950er bis 1980er Jah­ren fin­den sich wei­te­re Ar­ti­kel von Zen­der in den Pe­ri­odi­ka des Ei­fel­ver­eins, die sich mit dem Brauch­tum und den Mund­ar­ten, vor al­lem aber mit den ra­pi­den Ver­än­de­run­gen der Ei­fel und ih­rer Dör­fer in der Nach­kriegs­zeit be­fas­sen. 1956 ver­öf­fent­lich­te er ei­nen Bei­trag über „das Brauch­tum der Ei­fel in un­se­rer Zeit“. Er un­ter­schied da­bei die West­ei­fel als „Hort al­ter­tüm­li­cher For­men“ von der Vor­der- be­zie­hungs­wei­se Hoch­ei­fel, die durch bes­se­re Ver­kehrs­an­bin­dung und die Nä­he zu städ­ti­schen Zen­tren ei­ne ganz an­de­re kul­tu­rel­le Prä­gung auf­wei­se. Wei­ter ana­ly­sier­te Zen­der die Ver­än­de­run­gen seit den 1930er Jah­ren, nicht nur durch den Krieg, son­dern auch durch die „Ra­tio­na­li­sie­rung und Tech­ni­sie­rung der Land­wirt­schaft.“ Die tra­di­tio­nel­len Ar­beits­ge­mein­schaf­ten der Fa­mi­li­en hät­ten sich weit­ge­hend auf­ge­löst. An die Stel­le der Dorf­ge­mein­schaf­ten sei­en die Ver­ei­ne als Trä­ger des Brauch­tums ge­tre­ten. Ab­schlie­ßend for­mu­lier­te Zen­der neue Auf­ga­ben der Brauch­tums­pfle­ge in ei­ner sich schnell wan­deln­den Zeit. Er be­ton­te da­bei die Be­deu­tung der Be­wah­rung der Über­lie­fe­rung, die „zur Bin­dung an Ge­mein­schaf­ten und Ver­gan­gen­heit“ führt und ei­nen „Tra­di­ti­ons­ver­lus­t“ ver­hin­dert.“ (158)

3.5 Zenders Antrittsvorlesung über die kulturelle Krise des Landvolks 1954

Zen­ders Bei­trag von 1956 geht im Kern auf sei­ne Bon­ner An­tritts­vor­le­sung über das The­ma „Die kul­tu­rel­le Kri­se des Land­vol­kes und die deut­sche Volks­kun­de“ im Jah­re 1954 zu­rück, die 1955 in den Vier­tel­jahrs­blät­tern ver­öf­fent­licht wur­de (159). Zu­nächst un­ter­strich er die Be­deu­tung die­ses The­mas für die ak­tu­el­le volks­kund­li­che For­schung. Er er­wies sei­nem Leh­rer Adolf Bach ei­ne Re­fe­renz und kri­ti­sier­te Hans Nau­mann, des­sen Theo­rie vom ge­sun­ke­nen Kul­tur­gut in man­chem zu me­cha­nisch sei und das Volk viel zu pas­siv ein­schät­ze. Die Ent­wick­lung der Städ­te ha­be ge­wal­tig an Dy­na­mik ge­won­nen. Auf dem Lan­de ge­be es seit dem 18. Jahr­hun­dert eben­falls Ver­än­de­run­gen, die er mit den Schlag­wor­ten Me­cha­ni­sie­rung (Schlep­per, Mäh­dre­scher), Kunst­dün­ger, Pflan­zen­schutz­mit­tel, aber auch wirt­schaft­li­chem Den­ken (Ren­ta­bi­li­tät, Kal­ku­lie­ren) cha­rak­te­ri­siert. Bis et­wa 1880 sei es Brauch ge­we­sen, nach der Feld­ar­beit ge­mein­sam und Volks­lie­der sin­gend nach Hau­se zu ge­hen, jetzt wür­den die Ar­bei­ter zu ver­schie­de­nen Zei­ten die Fel­der ver­las­sen und nicht mehr sin­gen. Das Land­volk le­be heu­te in ei­ner „Zwi­schen­welt“ zwi­schen Stadt und Land, zwi­schen Tra­di­ti­on und Fort­schritt, zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft, was zur Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit füh­re. „Nie­mand, der in auf dem Lan­de groß ge­wor­den ist, fin­det in der Stadt sei­ne geis­ti­ge Hei­mat. Die Stadt bleibt ihm fremd, und er im Grund dort hei­mat­los.“ Der ge­nann­te Struk­tur­wan­del sei nicht nur ein öko­no­mi­sches, son­dern auch ein „kul­tu­rel­les und geis­ti­ges Pro­blem.“ Volks­tums­for­scher und Hei­mat­pfle­ger be­mü­hen sich um die Er­for­schung und den Er­halt des Brauch­tums, wo­bei Zen­der ei­ne stren­ge Tren­nung zwi­schen bei­den Be­rei­chen for­dert. Dann kommt er zu dem Er­geb­nis: „Es ist un­se­re Pflicht, die Pro­ble­me zu se­hen, wie sie sind. Nach dem Nie­der­bruch ei­ner Jahr­tau­sen­de al­ten Kul­tur in un­se­ren Jahr­zehn­ten muß in man­chem ei­ne neue Grund­la­ge und ein neu­es Land­volk ent­ste­hen.“

3.6 Die Erstfassung über die Wandlungen im Bauerntum der Westeifel von 1934

Um die­se bei­den Auf­sät­ze von 1955 und 1956, die wis­sen­schaft­li­che lan­ge und die po­pu­lä­re kur­ze Fas­sung, rich­tig ein­ord­nen zu kön­nen, muss man auf ei­ne äl­te­re Fas­sung die­ses Tex­tes zu­rück­grei­fen. 1932 hat­te der da­mals 25-jäh­ri­ge Zen­der vor dem Ver­ein ehe­ma­li­ger Land­wirt­schafts­schü­ler in Bit­burg ei­nen Vor­trag ge­hal­ten, der An­fang 1934 un­ter dem Ti­tel „Wand­lun­gen im Bau­ern­tum der West­ei­fel“ in den Rhei­ni­schen Vier­tel­jahrs­blät­tern er­schien (160). Ver­su­che, die wirt­schaft­li­che Not­si­tua­ti­on des Bau­ern­stan­des zu ver­bes­sern, be­gann er, sei­en ge­schei­tert, weil sie de­ren Wur­zel nicht be­kämpft hät­ten. Ur­sa­che sei die „ein­sei­ti­ge und sche­ma­ti­sche Über­tra­gung ka­pi­ta­lis­ti­scher und li­be­ra­ler Me­tho­den aufs Land.“ Dies ha­be nur ge­sche­hen kön­nen, weil sich „die Bau­ern­kul­tur, die Geis­tes­hal­tung des Bau­ern ge­än­dert hat­te.“ Da­nach ana­ly­siert Zen­der die Si­tua­ti­on in sei­ner Hei­mat­re­gi­on und kommt zu dem Er­geb­nis: „Aber im Kern ist das West­ei­feler Bau­ern­tum noch ge­sund.“ Dann geht er auf die „al­te Bau­ern­kul­tur vor die­sem Um­stur­z“ ein, „die erd- und volks­ge­bun­den war.“ Er stellt die ei­gen­wil­li­ge „prä­lo­gi­sche“ Denk­wei­se der Bau­ern her­aus, be­tont die fes­te Ord­nung, die Hilfs­be­reit­schaft der Nach­barn und der Dorf­ge­mein­schaft, die Rol­le der Ver­wandt­schaft, das Stan­des­ge­fühl und die Zu­sam­men­ge­hö­rig­keit, die „Schol­len­ver­bun­den­heit“ und die kon­ser­va­ti­ve Geis­tes­hal­tung. „Aus die­ser star­ken Re­li­gio­si­tät und den Bin­dun­gen an die Ge­mein­schaft ent­sprin­gen auch die ho­hen sitt­li­chen Wer­te, die im Bau­ern­tum ent­hal­ten sind.“ Un­ehe­li­che Ge­bur­ten gäl­ten als Schan­de, be­trof­fe­ne Per­so­nen sei­en im vo­ri­gen Jahr­hun­dert nach Ame­ri­ka aus­ge­wan­dert (161). Die Zahl der ehe­lich ge­bo­re­nen Kin­der sei da­ge­gen hoch, ein Ge­bur­ten­rück­gang kaum zu er­ken­nen.

Die­se in­tak­te bäu­er­li­che Kul­tur wur­de seit dem 19. Jahr­hun­dert durch die Stadt­kul­tur mit ih­rem „über­mäch­ti­gen Ein­flus­s“ zu­neh­mend „ge­stört.“ Die Auf­klä­rung ha­be den „In­di­vi­dua­lis­mus und Li­be­ra­lis­mus“ ge­för­dert, die auf das Land über­ge­grif­fen hät­ten und dort „ver­derb­lich wir­ken mu­ß­ten.“ Neid und Gro­ß­manns­sucht rui­nier­ten die bäu­er­li­che „Geis­tes­hal­tung.“ Der Ar­bei­ter brach­te aus den In­dus­trie­ge­bie­ten in Lu­xem­burg, an Ruhr und Saar „Ide­en, mo­ra­li­sche An­schau­un­gen“ mit, die „zur Ver­gif­tung sei­ner Hei­ma­t“ bei­tru­gen. Ähn­lich die Mäd­chen aus rei­che­ren Fa­mi­li­en, die in ei­nem Pen­sio­nat er­zo­gen wur­den, oder sol­che aus we­ni­ger be­mit­tel­ten Krei­sen, die als Dienst­mäd­chen in der Stadt ar­bei­te­ten. Zu­nächst wi­der­stand die Dorf­ge­mein­schaft den neu­en Sit­ten, doch dann woll­ten im­mer mehr Bau­ern „Wa­ren­haus­mö­bel“ statt sol­che vom Schrei­ner. Um 1850 ha­be noch je­der­mann an He­xen, an die Macht der Geist­li­chen und an den Teu­fel ge­glaubt.

Jetzt re­fe­riert Zen­der aus­führ­lich über sei­ne For­schun­gen. Dann geht er über zu den Wand­lun­gen des Brauch­tums, zum Schwin­den der ge­mein­schaft­li­chen Un­ter­neh­mun­gen. Durch die Ein­füh­rung der Mäh­ma­schi­nen sei das Sin­gen von Volks­lie­dern auf dem ge­mein­sa­men Heim­weg ent­fal­len. Auch die Rol­le von „Kir­che, Schu­le und Ob­rig­keit“ in die­sem Pro­zess wird ana­ly­siert. „Noch fast nicht auf­ge­ge­ben hat mei­ne Hei­mat … die ethisch, mo­ra­lisch und so­zi­al wert­vol­len An­schau­un­gen und Auf­fas­sun­gen, die et­wa ih­ren Aus­druck in der Re­li­gi­on, im Fa­mi­li­en­le­ben und im Wirt­schafts­le­ben fin­den.“ In an­de­ren Ge­gen­den, im Nor­den der Ei­fel und im Kreis Malme­dy, sei das an­ders. Da tra­gen nur noch die al­ten Frau­en die Tracht, die jun­gen städ­ti­sche Mo­de und schnei­den ih­re Haa­re kurz (Bu­bi­kopf!). „Die Frau will nicht mehr auf dem Fel­de ar­bei­ten. Haus­ein­rich­tun­gen sind zum gro­ßen Teil städ­tisch.“ Häu­ser wer­den nach Stadt­bau­wei­se aus Kunst­stei­nen her­ge­stellt. Dann zieht Zen­der ein Fa­zit: „Im Gro­ßen ge­se­hen aber ist der Ein­bruch der Stadt­kul­tur aufs Land von Ver­der­ben ge­we­sen.“ Am En­de des 19. Jahr­hun­derts ver­lie­ßen die Eif­ler, vom „Ma­te­ria­lis­mus“ be­stimmt, ih­re Hei­mat, zu­mal In­dus­trie­ar­beit als „leich­ter“ ge­gol­ten ha­be. Die Ame­ri­ka­aus­wan­de­rung sei ei­ne wei­te­re „Psy­cho­se“ ge­we­sen.

Dann kommt Zen­der zur Ge­gen­wart: In­zwi­schen sei der „Wert des Bau­ern­stan­des für die Volks­ge­mein­schaf­t“ er­kannt wor­den. Er sei wich­tig für „ei­ne ei­ge­ne Er­näh­run­g“, die nur durch ei­nen „mit­tel­bäue­ri­schen Be­rufstan­d“ ge­währ­leis­tet wer­den kön­ne. „Gro­ß­ka­pi­ta­lis­ti­sche“ Or­ga­ni­sa­ti­ons­for­men wie die Kol­lek­ti­ve in Russ­land und die Rit­ter­gü­ter hät­ten sich nicht be­währt, aber mit­tel­bäu­er­li­che Be­trie­be, wie sie jetzt durch das Erb­hof­ge­setz ge­schützt wer­den. Wei­ter sei ein ge­sun­des Bau­ern­tum „auf be­völ­ke­rungs­po­li­ti­schem Ge­bie­t“ von Be­deu­tung. Die Stadt le­be vom Land, die­ses füh­re ihr „auch bes­se­re, ge­sün­de­re und kräf­ti­ge­re Men­schen zu, es leis­tet Blut­auf­fri­schung. Die­se Leu­te brin­gen vom Lan­de ge­sün­de­re Sit­ten, eth­nisch wert­vol­le An­schau­un­gen mit.“ Wei­ter ru­hen „im Bau­ern­tum … kul­tur­bil­den­de und vor al­lem kul­tur­er­hal­ten­de Kräf­te.“

„Erst die bäu­er­li­che Wirt­schafts­po­li­tik des Drit­ten Rei­ches er­greift in wirt­schaft­li­cher Hin­sicht Maß­nah­men, die auf die bäu­er­li­che Kul­tur Rück­sicht neh­men. Vom Drit­ten Reich wird auch mit Recht ein Neu­auf­bau der deut­schen Bau­ern­kul­tur ver­sucht. In der Rich­tung, die deut­sche Bau­ern­kul­tur wei­ter­zu­bil­den, schei­nen mir die Be­stre­bun­gen des neu­en Staa­tes zu lie­gen. Man will das bäu­er­li­che Brauch­tum da, wo es noch blüht, er­hal­ten, aber da, wo kein Brauch­tum mehr be­steht, will man neu­es bil­den wie et­wa die Mai­fei­er, Som­mer­sonn­wen­de oder das Ern­te­fest.“

Das „Drit­te Reich“ wird al­so die geis­ti­ge und wirt­schaft­li­che Kri­se des Bau­ern­tums be­en­den. Es wird ei­ne „neue Bau­ern­kul­tur“ ent­ste­hen, die in ei­nem „ge­sun­den Ver­hält­nis“ zur Stadt­kul­tur steht. In der ka­tho­li­schen Kir­che wer­den die Wall­fahr­ten wie­der auf­ge­nom­men und auch in der evan­ge­li­schen Kir­che wird das Brauch­tum be­lebt, wie der Schmuck der Al­tä­re mit Blu­men be­legt. „Aus Hei­mat­lie­be und Schol­len­ge­bun­den­heit“ ent­wi­ckelt sich das Na­tio­nal­ge­fühl des Bau­ern, „im Rah­men ei­ner gro­ßen deut­schen na­tio­na­len Be­we­gung wird der … das Be­wusst­sein der Ein­heit des deut­schen Vol­kes gut be­wah­ren kön­nen.“ Er soll ru­hig Kul­tur­for­men, Kunst­dün­ger und Ma­schi­nen aus der Stadt be­zie­hen, aber mit ei­nem neu­en „Selbst- und Sen­dungs­be­wu­ßt­sein.“ Hier­zu tra­ge der Zu­sam­men­schluss zum Reichs­nähr­stand vie­les bei. „Der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Staat wird in Zu­kunft den be­son­de­ren wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen des Bau­ern Rech­nung tra­gen.“ Dies be­darf je­doch gro­ßer In­ves­ti­tio­nen in die schu­li­sche Bil­dung so­wie in die Schaf­fung von Ge­nos­sen­schaf­ten. So wird es „im neu­en Deutsch­land wie­der­um zu ei­ner wah­ren Bau­ern­kul­tur kom­men.“ Zen­der en­det: „Dann wird der Bau­er auch in Zu­kunft blei­ben, was er bis­her war, der Rück­halt deut­scher Volks­kul­tur, die Kraft­quel­le un­se­res Vol­kes.“

Der Auf­satz „Wand­lun­gen im Bau­ern­tum der West­ei­fel“ von 1934 ist die po­li­tischs­te al­ler Ver­öf­fent­li­chun­gen Zen­ders, sieht man von ei­ni­gen Be­mer­kun­gen in der Ein­lei­tung sei­ner Dis­ser­ta­ti­on ab, die dem Um­stand, dass das Bon­ner In­sti­tut ei­ne neue, an­spre­chend ge­stal­te­te, po­pu­lä­re Schrif­ten­rei­he auf den Markt brin­gen woll­te, ge­schul­det sein mag. Doch an­sons­ten war Zen­der in der Zwi­schen­zeit auf Dis­tanz ge­gan­gen: In kei­ner sei­ner Ver­öf­fent­li­chun­gen, auch nicht zu dem durch­aus po­li­ti­schen The­ma der sprach­li­chen Si­tua­ti­on in Ar­lon oder in der pro­pa­gan­dis­tisch an­ge­leg­ten Rei­he der „Kriegs­vor­trä­ge“, fin­det sich auch nur ein Satz, den man als Ver­such ei­ner An­bie­de­rung an die Macht­ha­ber des „Drit­ten Reichs“ deu­ten kann. Auch sein Ge­such um ei­ne fi­nan­zi­el­le För­de­rung sei­ner Ha­bi­li­ta­ti­on ent­hält kei­nen sol­chen Hin­weis, ob­wohl es sich eben­falls um ein hoch­po­li­ti­sches The­ma han­del­te. Frei­lich war Zen­der for­mal seit 1933 Mit­glied im NS-Leh­rer­bund, 1937 der NS­DAP und 1940 im NSD-Do­zen­ten­bund.

„Wand­lun­gen im Bau­ern­tum der West­ei­fel“ ist je­doch nicht nur der po­li­tischs­te, son­dern auch der am schlech­tes­ten re­cher­chier­te Auf­satz, den Zen­der je­mals ver­öf­fent­licht hat. Der Auf­satz lässt zwei in­halt­li­che und zeit­li­che Schich­ten er­ken­nen: Zu­nächst han­delt es sich um ei­nen po­pu­lär­wis­sen­schaft­li­chen Vor­trag, der im Ja­nu­ar 1932 vor ei­nem land­wirt­schaft­li­chen Ver­ein ge­hal­ten wur­de. Da­mals war Zen­der noch Mit­glied des Zen­trums und emp­fand, wie ein Schrei­ben von Edith En­nen über­lie­fert, Sym­pa­thi­en für den Reichs­kanz­ler  Hein­rich Brü­ning (1885-1985, Reichs­kanz­ler30.5.1930-30.5.1932) (162). 1933 wur­de der Vor­trag dann über­ar­bei­tet und er­schien 1934 im Ja­nu­ar- und April­heft der da­mals noch jun­gen Rhei­ni­schen Vier­tel­jahrs­blät­ter. Ob das als ka­tho­lisch ge­prägt gel­ten­de Bon­ner In­sti­tut da­mit sei­ne Li­ni­en­treue un­ter­strei­chen woll­te? Den bei­den Zen­der­för­de­rern und Par­tei­ge­nos­sen Bach und Nau­mann dürf­te dies auch so ge­fal­len ha­ben. Sieht man die Bei­trä­ge der Rhei­ni­schen Vier­tel­jahrs­blät­ter ab 1933 durch, dann spielt die „West­for­schun­g“ wei­ter­hin ei­ne gro­ße Rol­le. Franz Pe­tri setz­te sich aus­führ­lich mit Hen­ri Pi­ren­nes (1862-1935) bel­gi­scher Ge­schich­te aus­ein­an­der und lie­fer­te ei­nen um­fang­rei­chen Li­te­ra­tur­be­richt zur bel­gisch-nie­der­län­di­schen Ge­schich­te, Franz Stein­bach re­flek­tier­te über die Ent­ste­hung der Volks­gren­ze und der Staats­gren­ze zwi­schen Deutsch­land und Frank­reich. Und im Ok­to­ber­heft 1934 ver­öf­fent­lich­te Mat­thi­as Zen­der, als ob nichts ge­sche­hen wä­re, ei­nen klei­nen Auf­satz „Wall­fahr­ten bei Fall­sucht und Krämp­fen.“ (163)

Was je­doch bei dem Auf­satz „Wand­lun­gen im Bau­ern­tum der West­ei­fel“ wei­ter auf­fällt, sind die Schwä­chen der Ana­ly­se. Zen­ders spä­te­re Ar­bei­ten, et­wa zum Deutsch­tum in Ar­lon, be­ste­chen durch ei­ne um­fas­sen­de Li­te­ra­tur­kennt­nis, das um­fang­rei­che Her­an­zie­hen von sta­tis­ti­schem Ma­te­ri­al und ein­ge­hen­de Feld­be­ob­ach­tung vor Ort. Hier greift er auf sei­ne Er­zähl­for­schun­gen zu­rück, oh­ne auch nur die Fra­ge an­zu­schnei­den, in wel­chem Zu­sam­men­hang Mär­chen und Sa­gen mit der Ar­beits- und Le­bens­welt der Zu­hö­rer stan­den. Und er fasst ei­ne Rei­he sub­jek­ti­ver Ein­drü­cke zu­sam­men, mit de­nen er die Vor­ur­tei­le sei­ner Zu­hö­rer be­die­nen will: Die Welt ist schlecht, die Stadt ist ganz schlecht, und die Si­tua­ti­on des Bau­ern­tums wird im­mer schlech­ter. Den Be­völ­ke­rungs­an­stieg des 19. Jahr­hun­derts in­ter­pre­tiert Zen­der als Hin­weis auf die Frucht­bar­keit des Bau­ern­tums, die Pau­peris­mus­kri­se als Fol­ge von Auf­klä­rung, Li­be­ra­lis­mus und Ka­pi­ta­lis­mus, die Ab­wan­de­rung in die Groß­städ­te wird als Faul­heit und Ma­te­ria­lis­mus ver­un­glimpft und die Ame­ri­ka­aus­wan­de­rung als „Psy­cho­se“ ab­ge­stem­pelt (164). Holz­schnitt­ar­tig wird die gu­te al­te Zeit der in­tak­ten Fa­mi­li­en-, Nach­bar­schafts- und Dorf­struk­tu­ren ei­ner trost­lo­sen Ge­gen­wart ge­gen­über­ge­stellt. We­der die Ur­sa­chen der Kri­se der Bau­ern­kul­tur wer­den ver­nünf­tig her­aus­ge­ar­bei­tet noch die Ver­än­de­rung in Be­völ­ke­rung, Wirt­schaft und Ge­sell­schaft. Dem ent­spricht das Feh­len ein­schlä­gi­ger Li­te­ra­tur, man ver­misst so­wohl den fun­dier­ten Auf­satz über die Ei­fel­bau­ern in der Ei­fel­ver­eins­fest­schrift von 1913 als auch den zur Agrar­ge­schich­te in der Ge­schich­te der Rhein­lan­de von 1920. Emil Meynens (1902-1994) lan­des­kund­li­ches Buch über das Bit­bur­ger Land von 1928, Rai­mund Fausts Bau­ern­ver­eins-Fest­schrift „Die wirt­schaft­li­chen Kämp­fe des deut­schen Bau­ern­stan­des in den letz­ten 50 Jah­ren“, das die Be­deu­tung des Zen­der weit­ge­hend un­be­kann­ten Ge­nos­sen­schafts- be­zie­hungs­wei­se Ver­eins­ge­dan­kens her­vor­hebt, fehlt eben­so wie Erich Speng­lers Dis­ser­ta­ti­on über den Trie­rer Bau­ern­ver­ein von 1930, die be­mer­kens­wer­te Ana­ly­sen zur La­ge der Land­wirt­schaft ent­hält.

Seit dem En­de des 19. Jahr­hun­derts setz­te in der Ei­fel ein Struk­tur­wan­del ein, der 1934 noch längst nicht ab­ge­schlos­sen war, der durch ver­bes­ser­te Ver­kehrs­an­bin­dung, neue Züch­tungs- und An­bau­me­tho­den (Kunst­dün­ger!) und vor al­lem auch – wie von Zen­der ge­for­dert – bes­se­re Be­rufs­aus­bil­dung die land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­ti­on und da­mit auch das Land­le­ben nach­hal­tig ver­än­der­te (165). So war 1847 ei­ne Land­wirt­schaft­li­che Lehr­an­stalt in Bonn ins Le­ben ge­ru­fen wor­den, die 1934 (!) in ei­ne land­wirt­schaft­li­che Hoch­schu­le um­ge­wan­delt wur­de und über Wan­der­leh­rer, land­wirt­schaft­li­che Ver­ei­ne und Land­wirt­schafts­schu­len – wie be­reits 1873 in Bit­burg, wo Zen­der re­fe­rier­te (166) –, die Aus­bil­dung der Land­wir­te ver­bes­ser­te (167). Der Ver­ein land­wirt­schaft­li­cher Fach­schul­ab­sol­ven­ten, vor dem Zen­der 1932 sei­nen Vor­trag hielt, wur­de 1934 auf­ge­löst be­zie­hungs­wei­se gleich­ge­schal­tet. Als er 15 Jah­re spä­ter wie­der­be­grün­det wur­de, tra­ten ihm 254 Ehe­ma­li­ge bei, was die Be­deu­tung der Bit­bur­ger Land­wirt­schafts­schu­le nach­drück­lich un­ter­streicht (168). Man muss Zen­der hier kri­ti­sie­ren, weil er den Struk­tur­wan­del grund­sätz­lich ne­ga­tiv sah und die Chan­cen, die sich für ei­ne Re­gi­on und ih­re Be­woh­ner er­ga­ben, gar nicht sah oder se­hen woll­te (169).

Und noch an ei­ner an­de­ren Stel­le müs­sen wir un­se­re bis­he­ri­gen Über­le­gun­gen re­la­ti­vie­ren: Der 1888 von dem na­tio­nal­li­be­ra­len Gym­na­si­al­di­rek­tor Dr. Adolf Dron­ke (170) in Trier ge­grün­de­te Ei­fel­ver­ein hat­te sich die För­de­rung der Wirt­schaft in der Ei­fel, zu­nächst auch der der Fisch­zucht, dann aber vor al­lem des Tou­ris­mus, zum Ziel ge­setzt (171). Die Grün­dung des Ei­fel­ver­eins war da­bei ei­ne Re­ak­ti­on auf die Grün­dung des Trie­ri­schen Bau­ern­ver­eins im Jah­re 1884, al­so mit­ten im Kul­tur­kampf, ein Werk des „Press­ka­plan­s“ (Grün­der des Pau­li­nus und der Trie­ri­schen Lan­des­zei­tung) und So­zi­al­re­for­mers Ge­org Fried­rich Das­bach (1846-1907) (172). Der Ver­ein streb­te ei­ne „geis­ti­ge, so­zia­le und wirt­schaft­li­che He­bung und Er­hal­tung des Bau­ern- und Win­zer­stan­des nach den Grund­sät­zen des po­si­ti­ven Chris­ten­tums un­ter stren­ger kon­fes­sio­nel­ler und par­tei­po­li­ti­scher Neu­tra­li­tät“ an. Frei­lich war die über­wie­gen­de Mehr­heit sei­ner Mit­glie­der ka­tho­lisch und aufs engs­te mit dem Kreis der Reichs­tags- und Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten des Zen­trums ver­floch­ten. Der TBV be­trieb ei­ne er­folg­rei­che Lob­by­is­ten­po­li­tik im Be­reich der Agrar­ge­setz­ge­bung und konn­te durch die Grün­dung von Ge­nos­sen­schaf­ten und ei­ner land­wirt­schaft­li­chen Bank, durch Aus­kunfts- und Be­ra­tungs­bü­ros, Rechts­be­ra­tung und Pro­zess­hil­fe so­wie Vieh­ver­si­che­run­gen viel für die Land­wirt­schaft tun, wo­bei er vom preu­ßi­schen Staat kri­tisch be­äugt wur­de. Der „Press­ka­plan“ be­grün­de­te zu­dem 1887 ei­nen „Trie­ri­schen Bau­ern­ka­len­der“ und 1892 als Ver­eins­zeit­schrift den „Trie­ri­schen Bau­ern“, der 1909 ei­ne Auf­la­ge von 28.500 Stück er­reich­te. 1907 hat­te der TBV 829 Orts­ver­ei­ne mit 23.960 Mit­glie­dern, 1914 wa­ren es be­reits 36.074, al­so deut­lich mehr als der Ei­fel­ver­ein, des­sen grö­ße­ren Orts­grup­pen zu­dem in den gro­ßen Städ­ten am Ran­de der Ei­fel (Aa­chen, Köln, Bonn, Ko­blenz, Trier) an­ge­sie­delt wa­ren (173). Es gibt al­so auch hier ei­ne Kluft zwi­schen den Dar­stel­lun­gen der Bau­ern, der Dör­fer und der Land­schaft in der Ei­fel und in der Mit­glie­der­zeit­schrift „Die Ei­fel“.

Über­spitzt for­mu­liert, er­leb­ten die in den Groß­städ­ten am Ran­de und in den Klein- be­zie­hungs­wei­se Mit­tel­städ­ten der Ei­fel (Bit­burg, Prüm, Ge­rol­stein, Daun, Witt­lich May­en) le­ben­den Mit­glie­der des Ei­fel­ver­eins, die über­wie­gend als Be­am­te, Kauf­leu­te und Un­ter­neh­mer tä­tig wa­ren, die­ses un­frucht­ba­re Mit­tel­ge­bir­ge über­wie­gend am Wo­chen­en­de als Wan­de­rer und dann noch ein­mal als Le­ser der „Ei­fel“ und des Ei­fel­ka­len­der, in de­nen die Schön­heit der Land­schaft be­schwo­ren wur­de und die gu­te al­te Zeit in Bil­dern und Tex­te ih­re Auf­er­ste­hung fei­er­te. Mat­thi­as Zen­der leb­te seit 1919 nicht mehr in der Ei­fel, son­dern in Trier und in Bonn, und zwar als Gym­na­si­ast, Stu­dent, dann als „wis­sen­schaft­li­cher Hilfs­ar­bei­ter“, As­sis­tent und schlie­ß­lich als Pro­fes­sor. Die Ei­fel kann­te er vor al­lem durch Ver­wand­ten­be­su­che am Wo­chen­en­de, sie war für ihn der ver­klär­te Ort sei­ner Kind­heit und sei­ner Dok­to­ran­den­zeit, be­völ­kert von den Ge­stal­ten der Sa­gen und Mär­chen, von Fe­en, Zau­be­rern, He­xen und Zwer­gen. Von den Pro­ble­men der land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on, die sich in den 1920er und 30er Jah­ren gra­vie­rend ver­än­der­te und in den 50er, 60er und 70er Jah­ren durch die eu­ro­päi­sche Agrar­po­li­tik ge­ra­de­zu in­dus­tri­el­le For­men und Aus­ma­ße an­nahm, hat­ten bei­de kei­ne ver­tief­te Sach­kennt­nis. Sie nah­men al­len­falls die Ver­än­de­run­gen der dörf­li­chen Ar­beits- und Le­bens­welt wahr und deu­ten sie als Ver­lust der gu­ten al­ten Zeit. Dies muss man be­rück­sich­ti­gen, wenn man Zen­ders Auf­sät­ze oder die Ver­öf­fent­li­chun­gen des Ei­fel­ver­eins als Quel­le aus­wer­ten will.

3.7 Zenders Literaturliste

Man fragt sich, wie­so die­ser Auf­satz in den Rhei­ni­schen Vier­tel­jahrs­blät­tern über­haupt ver­öf­fent­licht wur­de. Sei­ne be­schei­de­ne Qua­li­tät zeigt sich be­reits bei den For­ma­lia: Es han­delt sich um ein Vor­trags­ma­nu­skript, bei dem in der ers­ten Fuß­no­te Ort und An­lass ge­nannt wer­den und in der zwei­ten ein Kurz­ti­tel, der in der drit­ten auf­ge­löst ist, und zwar gleich dop­pelt; hier fin­det sich zu­dem ei­ne kur­ze Aus­wahl­bi­blio­gra­phie, in die wir ei­nen Blick wer­fen soll­ten.

An ers­ter Stel­le nennt Zen­der den Auf­satz von Hein­rich Get­zeny (1894-1970) „Was geht in un­se­rem Bau­ern­tum vor“, der in der ka­tho­lisch ge­präg­ten Mo­nats­schrift „Hoch­lan­d“ er­schien (174). Get­zeny war Lan­des­se­kre­tär de­s Volks­ver­eins für das ka­tho­li­sche Deutsch­land in Würt­tem­berg. Ne­ben his­to­ri­schen und kunst­his­to­ri­schen Pu­bli­ka­tio­nen ver­öf­fent­lich­te er 1932 ein Buch über „Ka­pi­ta­lis­mus und So­zia­lis­mus im Lich­te der neue­ren, ins­be­son­de­re der ka­tho­li­schen Ge­sell­schafts­leh­re.“ Sein Auf­satz geht al­ler­dings in ei­ne an­de­re Rich­tung als Zen­ders Hin­wei­se ver­mu­ten las­sen: Zwar be­sitzt er ei­nen mitt­le­ren Teil, in dem er die men­ta­len und kul­tu­rel­len Ver­än­de­run­gen der Ge­gen­wart kri­tisch be­ur­teilt. Aber der Ar­ti­kel be­ginnt zu­nächst mit ei­ner prä­zi­sen Ana­ly­se der Zoll- und Steu­er­po­li­tik und ih­rer Fol­gen für die Land­wirt­schaft. Er ent­hält aber auch den deut­li­chen Hin­weis, dass sich die Bau­ern auf die ge­än­der­te Nach­fra­ge nach Qua­li­täts­pro­duk­ten ein­stel­len müss­ten: Die Pro­duk­ti­on soll­ten sie stei­gern und ver­bes­sern, den Ab­satz bes­ser or­ga­ni­sie­ren und zu ei­ner kauf­män­ni­schen Be­triebs­füh­rung über­ge­hen. Mo­tor­kraft und Elek­tri­zi­tät sei­en „ein Se­gen.“ Vor al­lem müs­se man un­be­dingt an­ge­mes­se­ne land­wirt­schaft­li­che Bil­dungs­ein­rich­tun­gen schaf­fen.

An­schlie­ßend druckt die Re­dak­ti­on ei­ne na­ment­lich nicht ge­kenn­zeich­ne­te Le­ser­zu­schrift ab, in der die „un­ge­heu­er­li­che Ver­schwen­dung an Roh­stof­fen, Fer­tig­er­zeug­nis­sen und Ar­beits­kraf­t“ durch un­pro­fes­sio­nel­les Wirt­schaf­ten be­klagt wird. „Aber der Bau­er will nicht; er sieht nicht ein­mal, wor­auf es an­kommt.“ Dann zi­tiert der Ver­fas­ser ei­ne Guts­päch­te­rin aus der Ge­gend von Aa­chen: „Nein, mein Sohn braucht die land­wirt­schaft­li­che Schu­le nicht zu be­su­chen. Der kann ar­bei­ten. Se­hen sie ein­mal, wie der Holz ha­cken kann.“ Nach­dem der Ver­fas­ser an­hand von Sta­tis­ti­ken den er­schre­ckend dürf­ti­gen Be­such der land­wirt­schaft­li­chen Schu­len ins­be­son­de­re auch durch die „weib­li­che Land­ju­gend“ fest­ge­stellt hat, spricht er „von ei­ner schwe­ren Mit­schuld der Land­wir­te an ih­rer Not­la­ge.“

Als wei­te­re Li­te­ra­tur­hin­wei­se nennt Zen­der zwei Bü­cher des Agrar­ro­man­ti­kers und NS-Ideo­lo­gen Walt­her Dar­ré 1895-1953), „Das Bau­ern­tum als Le­bens­quell der nor­di­schen Ras­se“ (1929) und „Neu­adel aus Blut und Bo­den“ (1930). Dar­ré, der von ei­ner vor­mo­der­nen Stän­de­ge­sell­schaft mit vor­in­dus­tri­el­len Pro­duk­ti­ons­for­men träum­te, stieß nach sei­nem Ab­schluss als Di­plom­land­wirt zum Um­feld Hein­rich Himm­lers (1900-1945). Mit die­ser Schrift wur­de Dar­ré zum Chef­ideo­lo­gen der NS-Agrar­po­li­tik. Er be­haup­te­te, für die Welt­wirt­schafts­kri­se und den Un­ter­gang der Wei­ma­rer Re­pu­blik sei­en jü­disch-bol­sche­wis­ti­sche und jü­disch-ka­pi­ta­lis­ti­sche Ver­schwö­run­gen ver­ant­wort­lich. Er for­der­te ei­ne geis­ti­ge und ras­si­sche Er­neue­rung durch ei­ne Ab­kehr von der In­dus­trie und ei­ne Hin­wen­dung zur Land­wirt­schaft. Der Bau­er soll­te in ei­ner neu­en Ord­nung wie­der zu ei­nem ers­ten Stand wer­den. Seit 1930 war er agrar­po­li­ti­scher Be­ra­ter Hit­lers und lei­te­te ab 1931 das Ras­se- und Sied­lungs­haupt­amt der SS (175).

Als vier­ten Ti­tel nennt Zen­der das Büch­lein „Das Land­volk. Ein so­zio­lo­gi­scher Ver­su­ch“ (1933) des in Kö­nigs­berg leh­ren­den So­zio­lo­gen, Phi­lo­so­phen und Be­völ­ke­rungs­wis­sen­schaft­lers Gun­ther Ip­sen (1899-1984). Die­ser stand der NS-Ideo­lo­gie na­he und ver­öf­fent­lich­te 1933 ein wei­te­res Buch über „Blut und Bo­den.“ Das ge­nann­te Werk stellt den Ver­such dar, die Ka­te­go­rie „Land­vol­k“ so­zio­lo­gisch her­aus­zu­ar­bei­ten, in­dem sie dem Stadt­volk und dann dem Bau­ern, dem Hof und dem Dorf ge­gen­über ge­stellt wird.

„Jung­bau­er er­wa­che“ ist der kämp­fe­ri­sche Ti­tel ei­ner Schrift von An­ton Hei­nen (1869-1934), die 1924 und in zwei­ter Auf­la­ge 1926 er­schien. 1933 folg­te „Der Jung­bau­er und sei­ne Eh­re.“ Hei­nen war Ka­plan und Leh­rer und lei­te­te ab 1914 die Ab­tei­lung Volks­bil­dung an der Zen­tral­stel­le des Volks­ver­eins für das ka­tho­li­sche Deutsch­land in Mön­chen­glad­bach und ab 1932 das Franz-Hit­ze-Haus in Pa­der­born, wei­ter war er Pfar­rer im nie­der­rhei­ni­schen Ri­ckel­rath (Stadt Weg­berg). Hei­nen war der füh­ren­de Ver­tre­ter ei­ner ka­tho­li­schen Volks­bil­dung, er streb­te ei­ne Ein­heit von Re­li­gi­on und Volks­tum an. In ei­ner Viel­zahl von er­bau­li­chen, oft in Dia­log­form ab­ge­fass­ten Auf­sät­zen und Bü­chern sprach er ein brei­tes Pu­bli­kum an (176). Sein Büch­lein an den Jung­bau­ern ist we­sent­lich we­ni­ger kämp­fe­risch als es der Ti­tel er­war­ten lässt. Es ent­hält zum Bei­spiel ein be­schau­li­ches Ka­pi­tel, ob das Ge­mein­schafts­le­ben den Pas­tor et­was an­ge­he, und es dis­ku­tiert die Fra­ge „Bau­ernk­necht oder In­dus­trie­ar­bei­ter.“ Mit gu­tem Wil­len und ei­ner gu­ten Aus­bil­dung kön­ne man auch auf dem Lan­de durch­aus sei­nen Weg ma­chen. Wie bei Get­zeny wird der Be­griff der „Hei­li­gen Schol­le“ er­ör­tert. „Der Bau­er in der Stadt“ be­kommt gu­te Rat­schlä­ge, kei­ne Min­der­wer­tig­keits­ge­füh­le auf­kom­men zu las­sen, sei­ne Tracht und kein ge­schmack­lo­ses Mo­de­kos­tüm zu tra­gen, bei Po­li­zis­ten, Post­be­am­ten und Stra­ßen­bahn­schaff­nern nach se­riö­sen Lo­ka­len zu fra­gen oder, noch bes­ser, in ein Mu­se­um oder ei­ne Kir­che zu ge­hen. Auch der Städ­ter, der als „Wan­der­vo­gel“ mit „Zu­pf­gei­ge und Koch­ge­schir­r“ aufs Land kommt, wird mit Ver­hal­tens­re­geln bes­tens ver­sorgt.

Das nächs­te Buch stammt von A. l‘Hou­et „Zur Psy­cho­lo­gie des Bau­ern­tums“ (1933). A[lbert] l’Hou­et ist ein Pseud­onym für Dr. Wil­helm Bo­rée (1862-1945), der von 1894 bis 1932 Pfar­rer in Stuhr-Hei­li­gen­ro­de bei Bre­men war (177). Sein Buch en­det mit dem Ka­pi­tel „Aku­te Ver­gif­tung. Prak­ti­scher Aus­bli­ck“, das mit der Fest­stel­lung be­ginnt: „Deutsch­lands Bau­ern­tum geht un­ter!“ Die „erd­ge­bo­re­ne, länd­li­che Aris­to­kra­tie“ stei­ge ab zur „zwei­fel­haf­ten Stadt­exis­tenz, zum Kul­tur­pro­le­ta­ri­at.“ Schon im Mit­tel­al­ter hät­ten die Herr­scher die Land­flucht be­güns­tigt, jetzt strö­me die Land­be­völ­ke­rung in die „Un­natur der Fa­brik­ver­hält­nis­se“. Die Stadt „ver­gif­tet und in­fi­zier­t“ den Bau­ern­stand. Die Mi­li­tär­ärz­te wür­den den schlech­ten Ge­sund­heits­zu­stand der Fa­brik­ar­bei­ter be­an­stan­den, aber die „Ent­ar­tun­g“ be­tref­fe auch den re­li­giö­sen und mo­ra­li­schen Be­reich. Man brau­che das Bau­ern­tum als „Brot­quel­le“, vor al­lem sei es ein gro­ßer „Vor­rat phy­si­scher, geis­ti­ger, mo­ra­li­scher und re­li­giö­ser Ju­gend und Ge­sund­heit ei­nes Vol­kes.“

Die Erst­auf­la­ge von Bo­rées Buch stammt von 1905, die zwei­te von 1920. 1935 er­schien ei­ne neu be­ar­bei­te­te Auf­la­ge, de­ren Vor­wort mit dem Wort „End­li­ch“ be­ginnt. Vor 1933 ha­be sich nie­mand um das Bau­ern­tum ge­küm­mert. „Der Bau­er war von al­len Stän­den und Be­ru­fen der am we­nigs­ten ver­fah­re­ne. Ein paar Grif­fe, et­was we­ni­ges Geld, und er war wie­der in Ord­nung. Und un­se­re In­dus­trie … ist froh, ih­re Leu­te in den Stand, aus dem sie sie einst in ih­ren Glanz hin­ein­ge­zo­gen hat, zur Hei­lung wie­der ab­ge­ben zu kön­nen, zur Hei­lung von Wun­den, die sie selbst ge­schla­gen hat.“

Als nächs­tes nennt Zen­der Ger­hard Lö­wen­kamps Buch „Bau­ern­schu­lung. Bil­dungs­pro­ble­me des Bau­ern­stan­des“ (1930). Lö­wen­kamp war Ge­ne­ral­se­kre­tär des Bau­ern­ver­eins und Ge­schäfts­füh­rer des in Nie­der­sach­sen tä­ti­gen Ver­eins „Bau­ern­schu­lun­g“ zur Pfle­ge und För­de­rung bäu­er­li­cher Kul­tur (178). Lö­wen­kamp möch­te den Bau­ern­stand durch ver­bes­ser­te Bil­dungs­mög­lich­kei­ten er­hal­ten. Her­vor­zu­he­ben ist das ein­füh­ren­de Ka­pi­tel über „Die volks­po­li­ti­sche Be­deu­tung des deut­schen Bau­ern­stan­des.“ Hier wird die Be­deu­tung des Bau­ern für die Volks­wirt­schaft, die Volks­bio­lo­gie und die Volks­kul­tur un­ter­stri­chen. Das Bau­ern­tum ist „Kul­tur­fak­tor für das ge­sam­te Volk.“ Zwar sei der Bau­ern­stand „noch ge­sun­d“, aber „An­fän­ge zu Ver­än­de­run­gen“ sei­en er­kenn­bar: „Der Ein­bruch er­folg­te von der öko­no­mi­schen Sei­te her.“ Wei­ter fol­gert er: „Bau­ern­wirt­schaft und ka­pi­ta­lis­ti­scher Geist schlie­ßen sich aus. Wo der Ka­pi­ta­lis­mus an­fängt, hört der Bau­er auf.“ Sein Schre­ckens­bild ist „der ame­ri­ka­ni­sche Far­mer mit Te­le­fon, Ford­wa­gen und Bank­kon­to.“

Das nächs­te Buch stammt von dem in Müns­ter leh­ren­den Kir­chen­his­to­ri­ker und Volks­kun­de­for­scher Ge­org Schrei­ber (1882-1963), der ab 1920 für das Zen­trum im Reichs­tag saß und 1927 ei­ne For­schungs­stel­le für Aus­lands­deutsch­tum und Aus­lands­kun­de grün­de­te. Er gilt als ei­ner der wich­tigs­ten Kul­tur­po­li­ti­ker sei­ner Zeit (179). Sein Buch „Na­tio­na­le und in­ter­na­tio­na­le Volks­kun­de“ er­schien 1930 in der von ihm her­aus­ge­ge­be­nen Rei­he „For­schun­gen zur Volks­kun­de.“ In dem Ka­pi­tel „Rea­lis­ti­sche und pes­si­mis­ti­sche Volks­tums­be­wer­tun­g“ sieht er durch­aus Kri­sen­er­schei­nun­gen, aber auch viel­ver­spre­chen­de Neu­an­fän­ge: In der Holz­schnit­ze­rei, in der Krip­pen­kunst und bei den Volks­lie­dern. „So spru­delt neu­es Volks­tum aus ur­al­ten Tie­fen. Und Volks­kun­de ist kei­nes­wegs ei­ne sen­ti­men­ta­le Flucht aus ver­arm­ter Ge­gen­wart in ei­ne rei­che­re Ver­gan­gen­heit.“ Wei­ter führt er Sol­da­ten­lie­der an, die Ar­bei­ter-, die Ju­gend- und die Wan­der­be­we­gung, Lai­en­thea­ter und Volks­tanz. „Bei al­len Ver­lus­ten wird die Freu­de dar­über blei­ben, daß das Volks­tum … sich im­mer wie­der aus ei­ge­nem Mut­ter­bo­den er­gänzt. So bleibt die Volks­kun­de ei­gent­lich ei­ne fro­he und fröh­li­che Wis­sen­schaft.“

Auch das Ka­pi­tel „Volks­tum und Bau­ern­tum“ kon­sta­tiert durch­aus ei­nen „Zer­fall des ur­sprüng­li­chen Volks­tums, ei­ne ge­wis­se geis­ti­ge Ver­ödung auf dem Lan­de, die … Land­flucht, die Kri­se der Agrar­wirt­schaft, Über­stei­ge­rung des ka­pi­ta­lis­ti­schen Mo­ments.“ Den­noch sei­en „star­ke Volks­tums­re­ser­ven vor­han­den.“ Er schätzt die kul­tu­rel­le Leis­tung des Bau­ern­tums, will aber auch „die be­acht­li­chen Volks­tums­wer­te der Stadt nicht un­ter­schät­zen.“ Er er­kennt auch in der Wis­sen­schaft ei­ne „Rück­erobe­rung des Lan­des“ – Volks­trach­ten, Flur­na­men und Bau­ern­häu­ser. Von den zahl­rei­chen Au­to­ren nennt er un­ter an­de­rem Hei­nen und Wei­gert. Ab­schlie­ßend be­tont er noch­mals die Be­deu­tung der volks­kund­li­chen For­schung, die „für die Psy­cho­lo­gie des Lan­des und für das Be­grei­fen sei­ner Kul­tur­kraf­t“ un­er­läss­lich sei. Ge­ra­de in kri­sen­ge­schüt­tel­ten Re­gio­nen wie der Ei­fel und Ost­preu­ßen wür­de sie „un­mit­tel­bar auch der in­ne­ren Fes­ti­gung des deut­schen Bau­ern­tums die­nen.“ Dann nä­hert er sich lang­sam Zen­der: Die Kri­sen­er­schei­nun­gen wie „Mas­sen­flucht in die Stadt“, das „Ein­drin­gen sla­wi­scher Ar­bei­ter­mas­sen“ etc. kä­men nicht nur von au­ßen, es gä­be auch „ei­ne in­ne­re Auf­lo­cke­rung der ‚Not- und Tat­ge­mein­schaft‘, die das dörf­li­che Le­ben der Ge­gen­wart kenn­zeich­net.“ Hier wird ei­ne „Kul­tur­po­li­tik des Lan­des“, nicht nur der Stadt ge­for­dert. Das an­schlie­ßen­de Ka­pi­tel ist der „Volks­kun­de der Grosz­stadt“ ge­wid­met, die er zu ei­ner Hei­mat­stadt ma­chen möch­te. Ge­for­dert wird ei­ne Volks­kun­de des In­dus­trie­ar­bei­ters, aber auch der an­de­ren Grup­pen der Stadt­be­völ­ke­rung.

Der letz­te Au­tor auf Zen­ders Li­te­ra­tur­lis­te ist Jo­seph Wei­gert (1870-1946), der von 1900 bis 1931 Pfar­rer, Bau­er und Schrift­stel­ler im ober­pfäl­zi­schen Mo­ckers­dorf war. Sei­ne oft in meh­re­ren Auf­la­gen er­schie­nen Wer­ke kreis­ten um das The­ma Le­ben auf dem Lan­de, zum Bei­spiel: „Treu dei­ner Schol­le – treu dei­nem Got­t“ (1920), „Bau­er, es ist Zeit“ (1920), „Die Volks­bil­dung auf dem Lan­de“ (1924), „Re­li­giö­se Volks­kun­de“ (1924), „Bau­ern­pre­dig­ten“ (1924), „Hei­mat- und Volks­tums­pfle­ge“ (1925) und: „Die weib­li­che Ju­gend auf dem Lan­de“ (1931). Der „Un­ter­gang der Dorf­kul­tur“ (1929, 2. Auf­la­ge 1930) be­fasst sich mit dem Un­ter­schied zwi­schen Stadt und Land, der al­ten und der heu­ti­gen Dorf­kul­tur, und den Fra­gen, ob die al­te Dorf­kul­tur heu­te noch ei­nen Wert ha­be und ob man die heu­ti­ge er­neu­ern sol­le. Für die Ge­gen­wart stellt er ei­ne „Ver­ödung des Land­le­bens“ durch den Nie­der­gang der In­sti­tu­tio­nen Ver­wandt­schaft, Nach­bar­schaft und Wirt­schaft fest. „Ei­ne sau­be­re Bau­ern­stu­be mit Herr­gotts­win­kel, kräf­tig-der­ber, bun­ter Ein­rich­tung mit hüb­schen Bil­dern soll­te die Haus­ge­nos­sen ans Heim fes­seln.“ Bü­cher soll­te man (vor)le­sen, Hand­ar­bei­ten ma­chen und Thea­ter­stü­cke auf­füh­ren. Er er­kennt aber durch­aus auch die „Licht­sei­ten der heu­ti­gen Dorf­kul­tur.“ Frei­lich müs­se der Bau­er be­ach­ten, dass Stadt­kul­tur eben kei­ne Bau­ern­kul­tur sei, man kön­ne sie auch nicht vom Lan­de fern­hal­ten. Dann kommt er zu dem Fa­zit: „Der Kern des Bau­ern­tums wird blei­ben.“ Denn: „Es kann sein, daß die an­de­ren Volks­schich­ten noch ih­re Zu­flucht beim Bau­ern neh­men.“

Zen­ders Li­te­ra­tur­lis­te ist ei­ne bun­te Mi­schung aus so­zio­lo­gi­schen, psy­cho­lo­gi­schen, agrar­wis­sen­schaft­li­chen und volks­kund­li­chen Ar­bei­ten, be­schau­li­chen ka­tho­li­schen Er­bau­ungs­schrift­tums und Bü­chern des NS-Ideo­lo­gen Walt­her Dar­ré. Des­sen Blut-und Bo­den-Mys­tik über­nimmt er zwar nicht, aber Agrar­ro­man­tik, Städ­te­feind­schaft und die Kri­tik an Li­be­ra­lis­mus und Ka­pi­ta­lis­mus fin­den sich auch bei ihm. Frei­lich war Dar­ré nicht eben ori­gi­nell, und ver­gleich­ba­re Ge­dan­ken fin­den sich auch bei an­de­ren hier ge­nann­ten Au­to­ren. Ähn­li­ches kann man auch Zen­der be­schei­ni­gen, er greift recht un­kri­tisch ei­ne Rei­he von Ana­ly­sen, Deu­tun­gen und Vor­schlä­gen auf, die in die­ser Zeit po­pu­lär wa­ren und die auch in Dar­rés Bü­cher Ein­gang ge­fun­den ha­ben. Dies gilt zum Bei­spiel für die Sicht des Bau­ern­tums als Er­näh­rer der Stadt, als Lie­fe­rant ge­sun­der Neu­bür­ger und als Ge­sund­heits­brun­nen für al­le phy­si­schen und psy­chi­schen Er­kran­kun­gen, die die Stadt ver­ur­sacht hat. Ei­ni­ge Au­to­ren sa­hen das Ver­hält­nis zwi­schen Stadt und Land sach­li­cher und neu­tra­ler. Get­zeny, Hei­nen, Lö­wen­kamp und Wei­gert ma­ßen der Bil­dung ei­nen ho­hen Stel­len­wert bei, eben­so Zen­der, der frei­lich Get­zen­ys schar­fe Ana­ly­se und sei­nen weit­ge­hen­den Rat­schlä­gen zur Selbst­ver­ant­wor­tung nicht folg­te und sich lie­ber wie Bo­rée auf das neue Re­gime ver­ließ.

3.8 Versuch einer Wertung und der Kontext der NS-Agrarpolitik

Wie soll man Zen­ders schlecht re­cher­chier­tes und po­pu­lis­ti­sches Pam­phlet, mit dem er freu­dig die neu­en Macht­ha­ber be­grü­ß­te und das in ei­ner re­nom­mier­ten lan­des­kund­li­chen Fach­zeit­schrift er­schien, ein­ord­nen? Man kann das Gan­ze als Ju­gend­sün­de be­zeich­nen, und zwar in zwei­er­lei Hin­sicht: Da wur­de ei­nem 25-jäh­ri­gen Stu­den­ten und Dok­to­ran­den die Mög­lich­keit ge­bo­ten, in der Kreis­stadt sei­ner Hei­mat ei­nen öf­fent­li­chen Vor­trag zu hal­ten. Zen­der stell­te sei­ne For­schun­gen zu den Sa­gen und Mär­chen der Ei­fel in den Mit­tel­punkt und sah in ih­nen ei­ne Quel­le zur Re­kon­struk­ti­on der gu­ten, al­ten, bäu­er­li­chen Welt, die er durch den Fort­schritt und den schlech­ten Ein­fluss der Stadt be­droht sah. Das war es, was sei­ne Zu­hö­rer hö­ren woll­ten. Da­mit wä­re es gut ge­we­sen, wenn Zen­der nicht ein Jahr spä­ter den Vor­trag noch ein­mal in die Hand ge­nom­men hät­te. Er stu­dier­te die Schrif­ten der NS-Ideo­lo­gen zur Land­wirt­schaft und glaub­te, dar­in ein Be­kennt­nis zu sei­nen Idea­len zu er­ken­nen, wo­bei selbst Dar­ré spä­ter an den Wi­der­sprü­chen zwi­schen sei­ner Agrar­po­li­tik und de­nen der Auf­rüs­tung für den Krieg schei­ter­te.

Wei­ter muss man vor­aus­schi­cken, dass Zen­ders Auf­satz kul­tur­pes­si­mis­ti­sche Strö­mun­gen wi­der­spie­gelt, die in der Li­te­ra­tur, Kunst, Pu­bli­zis­tik und Wis­sen­schaft nicht nur der 1930er Jah­re ei­ne gro­ße Rol­le spiel­ten. Es wa­ren nicht nur der ver­lo­re­ne Krieg und sei­ne Fol­gen, die hier zum Aus­druck ka­men, son­dern auch der Struk­tur­wan­del im Ge­fol­ge der In­dus­tria­li­sie­rung, der zu­neh­mend auch die länd­li­che Ar­beits­welt ver­än­der­te. Dies wur­de als Un­ter­gang der „gu­ten al­ten Zeit“ über­wie­gend ne­ga­tiv kon­no­tiert. Hin­zu kam ei­ne ne­ga­ti­ve Be­ur­tei­lung des Stadt­le­bens und der Mo­ral sei­ner Be­woh­ner, die sich aber be­reits bei mit­tel­al­ter­li­chen Au­to­ren und in der Auf­klä­rung fin­det (180).

Vor al­lem drei Au­to­ren sind hier zu nen­nen, zu­nächst der Volks­kund­ler Wil­helm Hein­rich Riehl (1823-1897), der in sei­ner „Na­tur­ge­schich­te des deut­schen Vol­kes als Grund­la­ge ei­ner deut­schen So­ci­al­po­li­ti­k“ (1851-1869) die zu­neh­men­de Ver­städ­te­rung und In­dus­tria­li­sie­rung aus der Per­spek­ti­ve der städ­te­feind­li­chen Agrar­ro­man­tik ne­ga­tiv be­ur­teil­te. Wei­ter ist der Ge­schichts­phi­lo­soph Os­wald Speng­ler (1880-1936) an­zu­füh­ren, des­sen „Un­ter­gang des Abend­lan­des“ (1918, 1922) den Fort­schritt­s­op­ti­mis­mus des 19. Jahr­hun­derts in ein Kri­sen­be­wusst­sein über­lei­te­te. Speng­ler ver­wen­de­te erst­mals das Be­griffs­paar von Blut (im Sin­ne von Ab­stam­mung) und Bo­den (als land­wirt­schaft­li­che Flä­che, aber auch als Le­bens­raum), das dann durch Walt­her Dar­ré in sei­nem Buch „Neu­adel aus Blut und Bo­den“ (1930) zu ei­nem zen­tra­len Be­griff der NS-Ideo­lo­gie wur­de (181).

Am 28.4.1933 über­nahm Dar­ré den Vor­sitz der Reichs­füh­rer­ge­mein­schaft der land­wirt­schaft­li­chen Ver­bän­de, am 28.5.1933 wur­de er zum Reichs­bau­ern­füh­rer be­ru­fen und am 29.6.1933 Reichs­mi­nis­ter für Er­näh­rung und Land­wirt­schaft. Ne­ben dem (Reichs-)Amt für Agrar­po­li­tik lei­te­te er den Reichs­nähr­stand, in dem die gleich­ge­schal­te­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen nicht nur der Ar­beits­kräf­te in der Land­wirt­schaft, in der Fi­sche­rei und im Gar­ten­bau, son­dern auch al­le im Han­del mit Le­bens­mit­teln Be­schäf­ti­gen or­ga­ni­siert wa­ren. In der „Reichs­bau­ern­stadt“ Gos­lar wur­den „Reichs­bau­ern­ta­ge“ und auf dem Bü­cke­berg bei Ha­meln „Reichs­ern­te­dank­fes­te“ ver­an­stal­tet, die über ei­ne Mil­li­on Teil­neh­mer an­zo­gen. Am 29.9.1939 wur­de das Reich­serb­hof­ge­setz ver­kün­det, wel­ches „das Bau­ern­tum als Blut­quel­le des deut­schen Vol­kes“ er­hal­ten“ soll­te. Stolz be­zeich­ne­te Zen­der bei der An­zei­ge sei­ner Hei­rat sei­nen Schwie­ger­va­ter Jo­hann Bap­tist Ney­ses als „Erb­hof­bau­er“ in Me­ckel (182). Nicht nur das Reich­serb­hof­ge­setz, son­dern auch das Reichs­ern­te­dank­fest lob­te er wie die Fei­ern zum 1. Mai und die Sonn­wend­fei­ern als viel­ver­spre­chen­den Neu­an­fang im Be­reich des bäu­er­li­chen Brauch­tums (183). 

Frei­lich konn­te er noch nicht ab­se­hen, dass die­ses christ­li­che Fest po­li­tisch in­stru­men­ta­li­siert und im Sin­ne ei­ner Wo­tans­ver­eh­rung ger­ma­ni­siert wur­de (184).

Dar­rés agrar­ro­man­ti­sche Vor­stel­lun­gen kol­li­dier­ten bald mit den Auf­rüs­tungs­plä­nen des „Drit­ten Reichs“. Noch 1936 ver­öf­fent­lich­te er das Buch „Blut und Bo­den, ein Grund­ge­dan­ke des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus“ (185). Nach der Ver­kün­dung des Vier­jah­res­plans kam es 1936 zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Her­mann Gö­ring (1893-1946) und Hjal­mar Schacht (1877-1970). Hin­zu tra­ten mas­si­ve Kom­pe­tenz­strei­tig­kei­ten mit der NS­DAP und der Deut­schen Ar­beits­front so­wie mit ei­ni­gen Gau­lei­tern. Nach Kon­flik­ten mit Himm­ler über die Sied­lungs­po­li­tik wur­de Dar­ré 1938 als Lei­ter des Ras­se- und Sied­lungs­haupt­am­tes ent­las­sen und trat als Mi­nis­ter bis zu sei­ner end­gül­ti­gen Ab­set­zung 1942 in den Hin­ter­grund. Dar­ré konn­te die Land­flucht nicht be­en­den, weil Au­to­bahn­bau, West­wal­l  und Rüs­tungs­in­dus­trie so at­trak­ti­ve Ar­beits­plät­ze bo­ten, dass sie 400.000 Land­ar­bei­ter an­zo­gen; Ern­te­hel­fer aus HJ  und BDM konn­ten das nicht aus­glei­chen. Ver­schwie­gen wird von den ge­nann­ten Au­to­ren je­doch stets, wie ka­ta­stro­phal die Le­bens- und Ar­beits­be­din­gun­gen der Land­ar­bei­ter wa­ren, die sich durch den Reichs­nähr­stand auch nicht ver­bes­sern soll­ten. Auch die land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­ti­on ließ sich nicht in dem Ma­ße stei­gern, dass das „Drit­te Reich“ von Im­por­ten un­ab­hän­gig wur­de. Zu Be­ginn des Zwei­ten Welt­krie­ges sah die Land­wirt­schaft in je­dem Fall ganz an­ders aus, als es sich Dar­ré und si­cher­lich auch Zen­der vor­ge­stellt oder gar ge­wünscht hat­ten.

Mit sei­ner gran­dio­sen Fehl­ein­schät­zung der neu­en Ver­hält­nis­se stand Zen­der im ka­tho­li­schen La­ger nicht al­lein: Im Ja­nu­ar 1933 be­weg­te die Trie­rer Ka­tho­li­ken die An­kün­di­gung ei­ner Wall­fahrt zu­m Hei­li­gen Rock wei­t­aus mehr als der neue Reichs­kanz­ler. Am 6. Ja­nu­ar hat­te Papst Pi­us XI. (Pon­ti­fi­kat 1922-1939) an­läss­lich der 1900-jäh­ri­gen Wie­der­kehr des Kreu­zes­to­des Chris­ti ein Hei­li­ges Jahr aus­ge­ru­fen. Am 25. Ja­nu­ar wur­de be­kannt ge­ge­ben, dass vom 23. Ju­li bis zum 3. Sep­tem­ber der Hei­li­ge Rock aus­ge­stellt wer­den soll­te. Am 30. Ja­nu­ar, ei­nen Tag vor der „Macht­er­grei­fun­g“, ver­öf­fent­lich­te man dies im Kirch­li­chen Amts­an­zei­ger. Am 20.7.1933 wur­de au­ßer­dem das Reichs­kon­kor­dat un­ter­zeich­net, von dem man sich auf ka­tho­li­scher Sei­te die Lö­sung al­ler of­fe­nen Fra­gen zwi­schen Kir­che und Staat er­hoff­te.

Mit sei­ner gran­dio­sen Fehl­ein­schät­zung der neu­en Ver­hält­nis­se stand Zen­der im ka­tho­li­schen La­ger nicht al­lein: Im Ja­nu­ar 1933 be­weg­te die Trie­rer Ka­tho­li­ken die An­kün­di­gung ei­ner Wall­fahrt zum Hei­li­gen Rock weit­aus mehr als der neue Reichs­kanz­ler. Am 6. Ja­nu­ar hat­te Papst Pi­us XI. (Pon­ti­fi­kat 1922-1939) an­läss­lich der 1900-jäh­ri­gen Wie­der­kehr des Kreu­zes­to­des Chris­ti ein Hei­li­ges Jahr aus­ge­ru­fen. Am 25. Ja­nu­ar wur­de be­kannt ge­ge­ben, dass vom 23. Ju­li bis zum 3. Sep­tem­ber der Hei­li­ge Rock aus­ge­stellt wer­den soll­te. Am 30. Ja­nu­ar, ei­nen Tag vor der „Macht­er­grei­fun­g“, ver­öf­fent­lich­te man dies im Kirch­li­chen Amts­an­zei­ger. Am 20.7.1933 wur­de au­ßer­dem das Reichs­kon­kor­dat un­ter­zeich­net, von dem man sich auf ka­tho­li­scher Sei­te die Lö­sung al­ler of­fe­nen Fra­gen zwi­schen Kir­che und Staat er­hoff­te.Um dem un­er­war­te­ten An­sturm von zwei Mil­lio­nen Pil­gern Herr zu wer­den, nahm die Wall­fahrts­lei­tung dan­kend das Hilfs­an­ge­bot von SA und „HJ an. Die Wall­fahrt wur­de für die neu­en Macht­ha­ber zu ei­nem un­ge­heu­ren Pro­pa­gan­da­er­folg. Nicht nur in Deutsch­land, son­dern auch in Frank­reich, Bel­gi­en und Lu­xem­burg be­rich­te­ten die Pil­ger, wie freund­lich und hilfs­be­reit die Män­ner in den brau­nen Uni­for­men wa­ren (186). Auch Tei­le des deut­schen Kle­rus wa­ren ver­blen­det. Er­schüt­tert liest man heu­te die of­fi­zi­el­le Ab­schluss­pu­bli­ka­ti­on zur Wall­fahrt aus der Fe­der des be­kann­ten Kunst­his­to­ri­kers und Dom­ka­pi­tu­lars Ni­ko­laus Irsch (1872-1956), der von ei­nem neu­en Bünd­nis von Thron und Al­tar träum­te, vom ge­mein­sa­men Kampf ge­gen Kom­mu­nis­mus  und Bol­sche­wis­mus, und der die Blut­fah­ne der SA, mit der Stan­dar­ten be­rührt wur­den, mit dem Hei­li­gen Rock ver­glich (187). Doch we­nig spä­ter be­gann der Kir­chen­kampf mit der Be­kämp­fung der Ju­gend­ar­beit, der Über­wa­chung und Ver­fol­gung vie­ler Pries­ter, der pro­pa­gan­dis­tisch weid­lich aus­ge­nut­zen Pro­zes­se um Sitt­lich­keits­de­lik­te und De­vi­sen­schie­be­rei­en, und die Nach­barn im Wes­ten merk­ten spä­tes­tens 1939, dass sie ge­täuscht wor­den wa­ren (188).

In­so­fern wür­de ich Zen­ders Auf­satz als ei­ne Ju­gend­sün­de, als ein­ma­li­ge Ent­glei­sung be­zeich­nen, die oh­ne Fort­set­zung blieb und von der sich sei­ne wei­te­ren Ar­bei­ten deut­lich und wohl­tu­end un­ter­schie­den. Er hat sich spä­ter auch in­so­fern von ihm dis­tan­ziert, als er in der Ein­lei­tung der Neu­fas­sung von 1955 be­rich­tet, er ha­be über die­ses The­ma be­reits vor über 20 Jah­ren un­ter dem Ti­tel „Wand­lun­gen in der bäu­er­li­chen Kul­tur“ vor den Stu­den­ten Adolf Bachs re­fe­riert.“ (189) Die eben­falls in den Rhei­ni­schen Vier­tel­jahrs­blät­tern er­schie­ne­ne Neu­fas­sung be­sitzt zu­nächst ein­mal ei­ne ganz an­de­re wis­sen­schaft­li­che Qua­li­tät als die Erst­fas­sung; auch die sprach­li­che Form ist we­sent­lich ge­die­ge­ner. Dann sind sämt­li­che An­klän­ge an das „Drit­te Reich“ und sei­ne Ideo­lo­gi­en ge­tilgt, die Kri­tik an der Stadt wird deut­lich ge­mil­dert, die Ana­ly­se ist we­sent­lich fun­dier­ter und schär­fer.

Ge­blie­ben sind frei­lich der kul­tur­pes­si­mis­ti­sche Zug und die Ten­denz zur Agrar­ro­man­tik, die Ver­klä­rung der gu­ten al­ten Zeit, in der man nach der Feld­ar­beit ge­mein­sam sin­gend nach Hau­se zog. Ge­blie­ben ist auch die Ver­knüp­fung ei­nes wirt­schaft­li­chen und so­zia­len Wan­dels mit ei­ner geis­ti­gen und men­ta­len Kri­se. Frei­lich hat Zen­der aus die­ser Ver­öf­fent­li­chung für sei­ne wei­te­ren Ar­bei­ten zwei Kon­se­quen­zen ge­zo­gen: Ers­tens ging er selbst bei sei­nen durch­aus bri­san­ten For­schungs­ar­bei­ten der spä­ten 1930er Jah­re voll­stän­dig auf Dis­tanz zur Po­li­tik. Und zum Zwei­ten be­schränk­te er sich fort­an auf die Ana­ly­se der his­to­ri­schen Di­men­si­on von Wand­lungs­pro­zes­sen. We­der gab er Pro­gno­sen für die wei­te­re Ent­wick­lung noch Rat­schlä­ge, wie man die­se ge­stal­ten soll­te. Schlie­ß­lich blieb auch die kul­tur­pes­si­mis­ti­sche Be­trach­tungs­wei­se nicht oh­ne Fol­ge: Zen­der glo­ri­fi­zier­te in sei­nen Ar­bei­ten die gu­te al­te Zeit, er sah den Wan­del als Zer­stö­rung und Ver­lust, und er er­kann­te nicht die Vor­tei­le und Per­spek­ti­ven die­ser Ver­än­de­run­gen. Die 1934 und 1955 ge­heg­ten Hoff­nun­gen auf ei­ne neue Bau­ern­kul­tur blie­ben Il­lu­si­on. Nach 1955 ha­ben sich die Land­wirt­schaft und das Dorf­le­ben so tief­grei­fend ver­än­dert, wie es Zen­ders Ge­ne­ra­ti­on nie für mög­lich ge­hal­ten hät­te.

Mit ei­ner quel­len­kri­ti­schen Be­mer­kung sol­len die­se Über­le­gun­gen ab­ge­schlos­sen wer­den: Mat­thi­as Zen­der gilt als der über­zeu­gen­de Re­prä­sen­tant des tief in der Tra­di­ti­on und im ka­tho­li­schen Glau­ben ver­wur­zel­ten Ei­feler Bau­ern­tums. Ge­wiss, er war Zeit sei­nes Le­bens im­mer wie­der in Nie­der­weis und wähl­te dort auch sei­ne letz­te Ru­he­stät­te. Aber er leb­te, wie be­reits an­ge­spro­chen, seit 1919 in Trier und seit 1926 in Bonn, un­ter­bro­chen von kur­zen Auf­ent­hal­ten in sei­ner Stu­den­ten­zeit, im Krieg und nach dem Krieg. Ge­wiss, er war ein bril­lan­ter Ken­ner und Be­ob­ach­ter der bäu­er­li­chen Welt, aber er war ein Stadt­mensch ge­wor­den, ein hö­he­rer Be­am­ter, der das Land­le­ben als Zu­schau­er, Be­ob­ach­ter und Gast er­leb­te.

In­so­fern kommt Zen­der zu ei­ner gänz­lich an­de­ren Sicht der Din­ge als der 1929 in dem zwi­schen Vi­an­den und Bit­burg ge­le­ge­nen, nur 23 Ki­lo­me­ter von Nie­der­weis ent­fern­ten Nie­der­ra­den ge­bo­re­ne Jo­han­nes Nos­büsch (1929-2011). Die­ser füg­te 1993 be­zie­hungs­wei­se 2001 sei­ne Kind­heits­er­in­ne­run­gen aus den spä­ten 1930er Jah­ren in theo­lo­gi­sche und phi­lo­so­phi­sche Kon­zep­te ein und ent­wi­ckel­te dar­aus ei­ne per­sön­lich ge­färb­te Mo­der­ni­sie­rungs­theo­rie der Ei­fel. Nach sei­nem Ab­itur 1948 schlug er eben­falls ei­ne uni­ver­si­tä­re Lauf­bahn ein (190).

Ei­ne gänz­lich an­de­re Sicht ent­wi­ckel­te der eben­falls aus ei­ner Bau­ern­fa­mi­lie im Ber­gi­schen Land stam­men­de Franz Stein­bach, der sich Zeit sei­nes Le­bens für die Agrar­ge­schich­te in­ter­es­sier­te. Um nur we­ni­ge Bei­spie­le her­aus­zu­grei­fen: 1922 pro­mo­vier­te er mit „Bei­trä­gen zur Ber­gi­schen Agrar­ge­schich­te. Ver­er­bung und Mo­bi­li­sie­rung des länd­li­chen Grund­be­sit­zes im ber­gi­schen Hü­gel­land.“ 1931 ver­öf­fent­lich­te er ei­nen Auf­satz über „Das Bau­ern­haus der west­deut­schen Grenz­lan­de“ und 1933 pu­bli­zier­te er in Lu­xem­burg ei­nen Vor­trag über „Bau­ern­haus und Bau­ern­kul­tur.“ (191) Nach sei­ner Eme­ri­tie­rung ver­öf­fent­lich­te Stein­bach 1963 ei­nen in mehr­fa­cher Hin­sicht pein­li­chen Ar­ti­kel „Bür­ger und Bau­er im Zeit­al­ter der In­dus­trie.“ (192) Der Auf­satz selbst ent­fal­tet ein zeit­lich und the­ma­tisch weit ge­spann­tes Pan­ora­ma des Ver­hält­nis­ses von Stadt und Land vom Mit­tel­al­ter bis in die Ge­gen­wart, wo auch die „erb­bio­lo­gi­schen Ver­hält­nis­se im Bau­ern­stan­d“ nicht feh­len dür­fen. Aus hy­gie­ni­schen, sa­ni­tä­ren und kul­tu­rel­len Grün­den ge­be es ein „zi­vi­li­sa­to­ri­sches Zu­rück­blei­ben“ der Land­be­völ­ke­rung. Dies gel­te auch für die Bil­dung und die Schrift­lich­keit, vor al­lem aber für die „An­häng­lich­keit an al­le vom Schweiß der ei­ge­nen Vor­fah­ren ge­düng­ten Grund­stü­cke.“ Dies wer­de in der Volks­kun­de und Dich­tung als ty­pisch bäu­er­li­che Tu­gend ver­herr­licht. De­tail­liert wird der tech­ni­sche Wan­del seit dem spä­ten 19. Jahr­hun­dert her­aus­ge­ar­bei­tet und fest­ge­stellt, dass sich durch Au­to, Zei­tun­gen, Ra­dio, Fern­se­hen und Wo­chen­end­häu­ser der Ab­stand zwi­schen Stadt und Land ver­rin­gert ha­be. Die Ana­ly­sen zum Struk­tur­wan­del in der länd­li­chen Ge­sell­schaft und die Vor­schlä­ge der Ex­per­ten wer­den be­züg­lich ih­rer Fi­nan­zier­bar­keit und ih­rer Er­folgs­aus­sich­ten kri­tisch be­ur­teilt. Die Land­flucht so­wie die sin­ken­de Zahl der Ar­beits­plät­ze in der Land­wirt­schaft wird als „not­wen­dig und nütz­li­ch“ be­ur­teilt und wür­de zu­dem die Nach­fra­ge nach land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ten stei­gern. Oh­ne auf Stein­bachs Äu­ße­run­gen im Ein­zel­nen ein­ge­hen zu kön­ne, sei fest­ge­hal­ten, dass er die Ver­än­de­run­gen der länd­li­chen Ar­beits­welt we­sent­lich prä­zi­ser be­ob­ach­te­te als Zen­der, dass er sich auch mit der agrar­po­li­ti­schen Di­men­si­on aus­ein­an­der­setz­te, und das nicht un­kri­tisch, dass er da­ge­gen ei­ne agrar­ro­man­ti­sche Ver­klä­rung der gu­ten al­ten Zeit ab­leh­nend ge­gen­über­stand. Da­mit dürf­ten auch Zen­ders Ar­bei­ten et­was prä­zi­ser her­aus­ge­ar­bei­tet sein.

3.9 Weitere Publikationen Zenders in den Organen des Eifelvereins

Am 14. und 15.10.1961 fand ei­ne Haupt­ver­samm­lung des Ei­fel­ver­eins in Wil­den­burg/Hel­len­thal statt. Als the­ma­ti­schen Schwer­punkt wähl­te man die Ei­feler Mund­art, wor­über Mat­thi­as Zen­der re­fe­rier­te. Schul­rat Oden­bach dis­ku­tier­te ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, die Mund­art im Schul­un­ter­richt zu för­dern (193). 1962 ver­öf­fent­lich­te Zen­der sei­nen Vor­trag über „Die Stel­lung der Mund­ar­ten und ih­re Be­deu­tung in der Ge­gen­war­t“ in der „Ei­fel“ (194). Er skiz­zier­te die Ent­wick­lung und die räum­li­che Struk­tur der Ei­feler Mund­art, die er als „Fun­da­ment un­se­res Ei­feler Volks­tums“ be­zeich­ne­te. Das Ver­hält­nis zur Hoch- be­zie­hungs­wei­se Schrift­spra­che wur­de eben­so an­ge­spro­chen wie die Ver­än­de­run­gen in den letz­ten Jah­ren. Vor der Ver­drän­gung der Mund­ar­ten in den Schu­len wird ge­warnt und be­dau­ert, dass es kei­ne an­spruchs­vol­len li­te­ra­ri­schen Tex­te im Ei­feler Platt ge­be.

1963 gab der Vor­sit­zen­de des Ei­fel­ver­eins, Jo­sef Schramm, ei­nen groß­for­mar­ti­gen Sam­mel­band mit ei­nem Um­fang von 320 Sei­ten her­aus: „Die Ei­fel. Land der Maa­re und Vul­ka­ne.“ Ne­ben der ge­lun­ge­nen gra­phi­schen Ge­stal­tung mit zahl­rei­chen ganz­sei­ti­gen, auf Hoch­glanz­pa­pier ge­druck­ten Schwarz-Weiß-Fo­tos ist die in­halt­li­che Kon­zep­ti­on her­vor­zu­he­ben: Es ge­lang dem Her­aus­ge­ber, ei­ne gan­ze Rei­he re­nom­mier­ter Au­to­ren zu ge­win­nen, die auf je­weils cir­ca zehn Druck­sei­ten ihr Fach­ge­biet so über­zeu­gend zu prä­sen­tie­ren ver­stan­den, dass ei­ne zu­sam­men­hän­gen­de Lan­des­kun­de der Ei­fel ent­stand, die man fast schon mit der le­gen­dä­ren Ver­eins­fest­schrift von 1913 ver­glei­chen kann. Zen­ders Bei­trag zur Volks­kun­de zeigt ein­drucks­vol­le Bil­der der Ei­er­la­ge in Schöne­cken und der Säubren­ner­kir­mes in Witt­lich, des Stra­ßen­kar­ne­vals in Eu­pen und der Ech­ter­nach­er Spring­pro­zes­si­on. Un­ter dem Ober­ti­tel Wirt­schaft und Ver­kehr fin­den sich Bei­trä­ge zur In­dus­trie, zu Land­wirt­schaft, Tal­sper­ren, Ver­kehr, Nür­burg­ring, Tou­ris­mus, Kur­or­ten und Heil­quel­len so­wie zum Wan­dern und zum Win­ter­sport. 6.000 Ex­em­pla­re die­ser Pu­bli­ka­ti­on, von der 1964 ei­ne zwei­te Auf­la­ge er­schien, wur­den in­ner­halb we­ni­ger Wo­chen ver­kauft (195).

Karte der Zwergsagen. (Zender, Erzählgut 1938)

 

1971 ver­öf­fent­lich­te Zen­der ei­nen Ar­ti­kel über „Ei­fel­dör­fer im Wan­del“ (196). Er stellt ei­ne glän­zen­de Ana­ly­se der Ent­wick­lung der Nach­kriegs­zeit dar: Zu­nächst be­merk­te er, dass zwar der An­teil der in der Land­wirt­schaft tä­ti­gen Be­völ­ke­rung er­heb­lich zu­rück­ge­gan­gen sei, kon­sta­tier­te dann aber ei­nen „Tra­di­ti­ons­über­han­g“, ei­ne „bäu­er­li­che Grund­hal­tun­g“, die sich auch bei Fa­mi­li­en zei­ge, die längst in der Stadt ar­bei­te­ten. Dann un­ter­streicht er die ver­kehrs­fer­ne La­ge der Ei­fel, was sich al­ler­dings da­mals schon er­heb­lich re­la­ti­viert hat­te, und die durch neue Gren­zen be­ding­te La­ge der West­ei­fel in ei­nem „to­ten Win­kel“, was sich frei­lich durch die ge­ra­de von den Vor­sit­zen­den des Ei­fel­ver­eins (Jo­sef Schramm, Kon­rad Schubach) laut­stark vor­ge­tra­ge­nen For­de­run­gen nach ei­ner grenz­über­schrei­ten­den Struk­tur­po­li­tik auch än­dern soll­te. Nach dem Krieg ha­be das tra­di­tio­nel­le Brauch­tum er­heb­lich an Be­deu­tung ver­lo­ren, ha­be sich auf die Kir­mes kon­zen­triert und in die Fa­mi­lie ver­la­gert. Neue und kom­mer­zi­el­le For­men des Fes­tes ent­stan­den. Bei­spie­le sind der Bit­bur­ger Be­da­markt, der Maye­ner Lu­kas­markt, die Witt­li­cher Säubren­ner­kir­mes und die Dü­re­ner An­na­kir­mes. Da­ge­gen wehrt er sich: „Die hie­si­gen Bräu­che eig­nen sich in ih­rer schlich­ten und ein­fa­chen Art nicht zu Spiel und Schau­stel­lung.“

Auch die Men­ta­li­tät der Men­schen hat­te sich ver­än­dert: Der „kon­ser­va­ti­ve Bau­er“, der mit sei­nem Starr­sinn den Land­wirt­schafts­leh­rer in die Ver­zweif­lung trieb, sei ver­schwun­den. Jetzt wer­de nur noch über „neue Ma­schi­nen, neue Hof­an­la­gen, neue Ar­beits­wei­sen“ dis­ku­tiert.“ Man sei „dem Fort­schritt auf­ge­schlos­sen.“ Doch das ha­be Fol­gen: Bau­ern wol­len um je­den Preis un­ren­ta­ble Hö­fe ver­grö­ßern. Bau­ern­töch­ter wol­len kei­nen Land­wirt, son­dern ei­nen „Ge­halts­man­n“ hei­ra­ten. Vie­le schaf­fen den „Ab­sprung in die In­dus­trie­ar­beit“ nicht und keh­ren zu­rück in das „klein­bäu­er­li­che Pro­le­ta­ri­a­t“. Zen­der er­kennt ei­ne ge­wal­ti­ge „Um­struk­tu­rie­run­g“, die die bäu­er­li­che Welt nach­hal­tig ver­än­dert und in ei­ne „in­dus­trie­be­stimm­te Welt“ ver­wan­delt. Die­ser Weg sei für vie­le Men­schen „sehr lang und schwer. … Den­noch muß er ge­gan­gen wer­den.“ Mit die­ser deut­li­chen Ana­ly­se stand Zen­der un­ter den Au­to­ren des Ei­fel­ka­len­ders – wie gleich noch zu zei­gen sein wird – ziem­lich al­lein da. Die Re­dak­ti­on mil­der­te den Text auch et­was ab, in­dem sie ei­ne ein­sei­ti­ge Ab­bil­dung plat­zier­te, auf der ei­ne Bäue­rin mit der Heu­ga­bel ei­nen von zwei Kü­hen ge­zo­ge­nen Wa­gen be­lädt.

„Ei­fel zwi­schen Tra­di­ti­on und Neue­run­g“ war das The­ma ei­ner wei­te­ren Stand­ort­be­stim­mung im Jah­re 1978 (197). Zen­der be­gann mit ei­nem Hin­weis auf die Un­ter­stüt­zung sei­ner For­schun­gen durch den Ei­fel­ver­ein und un­ter­strich, auch der Ver­ein ha­be von An­fang an er­kannt, die Ei­fel „ha­be al­te und bo­den­stän­di­ge Le­bens­for­men be­son­ders gut be­wahrt und die­se sei­en der Pfle­ge und Er­hal­tung wert.“ Dann holt er weit aus und kommt von der Ter­ri­to­ri­al­ge­schich­te über die Dorf/Dorp- und die Haus-/Hus­gren­ze zum An­er­ben­recht und zur Real­tei­lung. Dann hebt er das be­tont bäu­er­li­che Be­wusst­sein mit sei­nem Stolz auf den ei­ge­nen Hof und auch das spe­zi­fi­sche Brauch­tum her­vor. Da­von aus­ge­hend skiz­ziert er die Ver­än­de­run­gen im 19. Jahr­hun­dert und kommt dann auf den „be­schleu­nig­ten Wan­del“ der letz­ten Jahr­zehn­te zu spre­chen. Das Brauch­tum und die Fa­mi­li­en­struk­tu­ren hät­ten sich ver­än­dert, aber die Mund­art sei ge­blie­ben. Zen­der ver­weist auf die Be­deu­tung der För­de­rung jun­ger Fa­mi­li­en. „Wir ha­ben in die­ser La­ge kein Pa­tent­re­zept,“ aber es wä­re schon ei­ne Hil­fe, wenn die Ver­wal­tung die Si­tua­ti­on ana­ly­sie­re und Hil­fe ver­su­che. „So sehr wir auch das ge­schicht­lich ge­wor­de­ne Bild als ver­traut emp­fin­den und die ge­schaf­fe­ne Grund­la­ge wah­ren wol­len, zu Rat und Hil­fe für die­se su­chen­den Men­schen sind wir auf­ge­ru­fen.“ Ähn­lich wie bei sei­nem Kriegs­vor­trag von 1942 zeigt sich hier, dass Zen­der ein de­tail­lier­ter Ken­ner der Ge­schich­te und ein glän­zen­der Be­ob­ach­ter der Ge­gen­wart ist, dass er Ver­än­de­run­gen be­schrei­ben und ana­ly­sie­ren kann, dass er aber kei­ne Rat­schlä­ge er­teilt und kei­ne For­de­run­gen stellt.

Zen­ders letz­ter Auf­satz „Bei den Er­zäh­lern von Sa­gen und Mär­chen in der Ei­fel“ stammt von 1980 (198). Auf Wunsch der Schrift­lei­tung ver­fass­te er ei­nen Rück­blick auf sei­ne Sam­mel­tä­tig­keit, in der ihn 50 Jah­re zu­vor ein Ar­ti­kel im Ei­fel­ver­eins­blatt un­ter­stützt hat­te. Der Ar­ti­kel – der gleich­zei­tig für die für 1981 vor­be­rei­te­te Neu­aus­ga­be der „Volks­mär­chen“ wirbt – ist mit ei­ner ein­sei­ti­gen Ab­bil­dung aus­ge­stat­tet, die Bau­ern beim Be­la­den ei­nes Heu­wa­gens zeigt.

Die Ver­bun­den­heit mit dem Ei­fel­ver­ein kommt auch in meh­re­ren Ar­ti­keln zu sei­nen Ge­burts­ta­gen zum Aus­druck. 1967 gra­tu­lier­te ihm die Re­dak­ti­on in der Ver­eins­zeit­schrift „Die Ei­fel“ zum 60., (199) 1972 der Haupt­vor­sit­zen­de Jo­sef Schramm zum 65. (200) und 1977 der Haupt­ge­schäfts­füh­rer Fried­rich Wil­helm Knopp zum 70. Ge­burts­tag (201). Eben­falls 1977 ver­öf­fent­lich­te der Volks­kund­ler und Zen­der-Schü­ler Wolf­gang Klein­schmidt ei­ne Wür­di­gung im Ei­fel­jahr­buch für 1978 (202). Auch zum 75. und zum 80. Wie­gen­fest er­schie­nen Glück­wün­sche (203). Merk­wür­di­ger­wei­se fin­det sich in der Ver­eins­zeit­schrift kein Ne­kro­log, doch hat­te Zen­der auch kei­ne Funk­ti­on in­ner­halb des Ver­eins be­klei­det.

4. Dr. Heinz Renn

Ei­ne wei­te­re in­ter­es­san­te Per­son an der Schnitt­stel­le zwi­schen dem Bon­ner In­sti­tut und dem Ei­fel­ver­ein ist Dr. Heinz Renn (ge­stor­ben 1992) (204). Der in Ham­burg ge­bo­re­ne Renn wuchs nach dem frü­hen Tod sei­nes Va­ters bei den Gro­ß­el­tern in Baas­em (heu­te Ge­mein­de Dah­lem) auf, leg­te in Müns­ter­ei­fel das Ab­itur ab und stu­dier­te ab 1933 in Bonn Phi­lo­lo­gie und Ge­schich­te. 1939 pro­mo­vier­te er bei Franz Stein­bach und Ca­mil­le Wam­pach (205) über „Das ers­te Lu­xem­bur­ger Gra­fen­haus (963-1136).“ Die Ar­beit er­schien 1941 als Band 39 im Rhei­ni­schen Ar­chiv (206). Gleich­zei­tig lei­te­te er ei­ne stu­den­ti­sche Ar­beits­grup­pe, die ein Ma­nu­skript über „Fran­zö­si­sche Kul­tur­po­li­tik und fran­zö­si­sche Kul­tur­pro­pa­gan­da in den west­deut­schen Grenz­lan­den“ er­ar­bei­te­te. Die Ar­beit wur­de im „Reichs­be­rufs­wett­kampf“, ei­nem von der Deut­schen Ar­beits­front, der Hit­ler­ju­gend und dem NSD-Stu­den­ten­bund seit 1934 durch­ge­führ­ten Leis­tungs­wett­be­werb, als „reichs­bes­te Ar­beit“ aus­ge­zeich­net.

Renn bot man ei­ne As­sis­ten­ten­stel­le am In­sti­tut an, doch soll er ab­ge­lehnt ha­ben, weil ihm ein Ver­tre­ter des „Reich­stu­den­ten­füh­rer­s“ mit­teil­te, dass er „als prak­ti­zie­ren­der Ka­tho­lik kei­ne Chan­ce hät­te, je­mals ei­ne Pro­fes­sur zu er­hal­ten.“ (207) Au­ßer­dem sol­len ihn der po­li­ti­sche Fa­na­tis­mus und die Vor­gän­ge um die Ent­fer­nung sei­nes Leh­rers Ca­mil­le Wam­pach zu­tiefst scho­ckiert ha­ben (208). Renn leg­te statt­des­sen ein Staats­ex­amen ab und wur­de Re­fe­ren­dar in Bad Go­des­berg (heu­te Stadt Bonn). Da­nach war er dann fünf Jah­re lang Sol­dat, da­von drei Jah­re an der Ost­front, wo er ver­wun­det wur­de. Nach dem Krieg er­öff­ne­te er in Schmidtheim (heu­te Ge­mein­de Dah­lem) ei­ne Pri­vat­schu­le, wur­de dann Stu­di­en­rat in Köln und Eus­kir­chen, 1955 stell­ver­tre­ten­der Di­rek­tor in Müns­ter­ei­fel und schlie­ß­lich 1963 Di­rek­tor des Gym­na­si­ums in Jü­lich.

Sei­ne Per­so­nal­ak­te ent­hält et­was an­de­re In­for­ma­tio­nen, die die auf Renns An­ga­ben be­ru­hen­den Äu­ße­run­gen frei­lich nicht aus­schlie­ßen müs­sen. Da­nach wur­de Renn 1938 als As­sis­tent ein­ge­stellt. Aus sei­nem Le­bens­lauf geht her­vor, dass er sich als „po­li­ti­scher Stu­dent … stets ein­satz­be­reit ge­zeig­t“ ha­be: Seit April 1933 ge­hör­te er der SA an, seit 1934 dem NSD-Stu­den­ten­bund, und 1937 wur­de er in die NS­DAP auf­ge­nom­men. An al­len drei „Reichs­be­rufs­kämp­fen der Stu­den­ten­schaf­t“ ha­be er „ak­tiv teil­ge­nom­men“, 1937/1938 als Mann­schafts­füh­rer, wo­bei die von ihm ge­führ­te Grup­pe „ei­ne Reichs­bes­te Ar­beit schrieb.“ Zu­dem war er als „Bü­cher­war­t“ des In­sti­tuts tä­tig. Wei­ter geht aus den Un­ter­la­gen her­vor, da sich Renn par­al­lel da­zu auf sein Staats­ex­amen im Fe­bru­ar 1939 vor­be­rei­te­te. Am 1.7.1938 wur­de er am In­sti­tut ein­ge­stellt und am 28.1.1940 zur Wehr­macht ein­ge­zo­gen. Sein bis 1941 be­fris­te­ter Ver­trag wur­de bis 1944 im­mer wie­der ver­län­gert (209).

Renn war ne­ben sei­ner Tä­tig­keit im Schul­dienst in meh­re­ren his­to­ri­schen Ver­ei­nen tä­tig und ist da­bei durch ei­ne Viel­zahl von Vor­trä­gen, Ex­kur­sio­nen und Stu­di­en­fahr­ten her­vor­ge­tre­ten. Zu­dem ver­öf­fent­lich­te er 65 lan­des­kund­li­che Bei­trä­ge, dar­un­ter 1941, 1954 und 1956 drei Auf­sät­ze in den Vier­tel­jahrs­blät­tern (210). 1955, 1956, 1957 und 1958 er­hielt er Werk­ver­trä­ge von der Ar­beits­ge­mein­schaft für west­deut­sche Lan­des- und Volks­for­schung, die von Stein­bach und Dro­ege un­ter­zeich­net sind. Renns Ho­no­rar in Hö­he von je­weils 1.000 DM war für recht va­ge be­zeich­ne­te For­schun­gen vor­ge­se­hen. Zu­nächst ist von ei­ner „Ge­schich­te der Ei­fel“ die Re­de, dann von ei­ner „Ge­schich­te des Ei­fel-Ar­den­nen­rau­mes“ und schlie­ß­lich von „For­schun­gen zur Ge­schich­te der ter­ri­to­ria­len und kul­tu­rel­len Ent­wick­lung der Ei­fel.“ Renns Ei­fel­buch war al­so 40 Jah­re vor sei­nem Er­schei­nen 1994 durch das Bon­ner In­sti­tut be­zie­hungs­wei­se den Ver­ein ma­ß­geb­lich ge­för­dert wor­den (211).

Da­nach scheint sein Ver­hält­nis zu dem Bon­ner In­sti­tut ab­ge­kühlt zu sein. An­geb­lich soll ihm Stein­bach ei­ne Stel­le am In­sti­tut an­ge­bo­ten ha­ben, die Renn ab­ge­lehnt ha­ben soll. Auf ei­ne Ent­frem­dung deu­tet die Fest­schrift zu sei­nem 75. Ge­burts­tag hin. Der Band „Ge­schich­te der Ei­fel. Ge­sam­mel­te Auf­sät­ze“ er­schien 1986 in ers­ter und 1987 in drit­ter Auf­la­ge. Die Her­aus­ge­ber des sei­ner Frau ge­wid­me­ten Bu­ches wa­ren sei­ne vier Kin­der (212). Das Ti­tel­blatt weist au­ßer­dem auf Ge­leit­wor­te „der Pro­fes­so­ren an der Uni­ver­si­tät zu Köln: Dr. Bers, Dr. Cors­ten, Dr. Kloo­ck“ hin. Gün­ter Bers (ge­bo­ren 1940) un­ter­schieb aber als stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der des Jü­li­cher Ge­schichts­ver­eins, Se­ve­rin Cors­ten (1920-2008) für den His­to­ri­schen Ver­ein für den Nie­der­rhein und Jo­sef Kloock (ge­bo­ren 1935) für den Ver­ein Al­ter Müns­ter­ei­feler, wo­mit noch­mals die Ko­or­di­na­ten von Renns Ak­ti­vi­tä­ten ab­ge­steckt sind.

Renn grün­de­te in Schmidtheim ei­ne Orts­grup­pe des Ei­fel­ver­eins, lei­te­te dann die in Bad Müns­ter­ei­fel und war seit 1964 Vor­sit­zen­der der Be­zirks­grup­pe Dü­ren-Jü­lich. Seit 1973 war er Haupt­hei­mat- und -kul­tur­wart des Ei­fel­ver­eins, war in die­ser Funk­ti­on Mit­glied im Haupt­vor­stand und so­mit für die ge­sam­te Kul­tur­ar­beit des Ver­eins zu­stän­dig (213). Ne­ben sei­nem En­ga­ge­ment für die Bei­be­hal­tung des Hei­mat­kun­de­un­ter­richts in den Schu­len, ein The­ma, für das sich auch der Ei­fel­ver­ein nach­drück­lich ein­setz­te, ver­fass­te er meh­re­re Bei­trä­ge für des­sen Pe­ri­odi­ka.

1978 wur­de Renn pen­sio­niert. Ge­sund­heit­lich schwer an­ge­schla­gen, be­müh­te er sich un­er­müd­lich, sei­ne For­schun­gen zu Pa­pier zu brin­gen. Als dann die Fei­ern zum 100-jäh­ri­gen Grün­dungs­ju­bi­lä­um des Ei­fel­ver­eins im Jah­re 1988 an­stan­den, über­nahm es Renn, für die Fest­schrift ei­ne 125 Druck­sei­ten um­fas­sen­de „Ge­schich­te der Ei­fel bis 1888“ zu ver­fas­sen. Auch wenn man dem Ver­fas­ser vor­wer­fen kann, dass er sich nicht bei je­dem The­ma auf dem letz­ten Stand der For­schung be­weg­te, so kann man ihm doch be­schei­ni­gen, dass er nach der klei­ne­ren Dar­stel­lung von Kauf­mann oder Schramms Ei­fel­werk (214) die ers­te zu­sam­men­fas­sen­de Ge­schich­te der Re­gi­on vor­ge­legt hat, die zu­dem aus ei­nem Guss ist und ein brei­tes Pu­bli­kum er­reich­te: Von Schramms Ei­fel­werk wur­den 6.000, von der Fest­schrift 12.000 Ex­em­pla­re ver­kauft. Man wird Renns Werk al­so nicht ge­recht, wenn man ihn nur als For­scher, nicht aber als Mul­ti­pli­ka­tor im wei­tes­ten Sin­ne an­sieht.

'Dieses friedliche Gespann – früher zur Erntezeit in der Eifel ein vertrautes Bild – wurde längst von Traktoren und Erntemaschinen abgelöst'. (Eifelkalender 1971, S. 89, Eifelbibliothek Mayen)

 

Nach­dem Renn 1990 ei­ne Orts­ge­schich­te von Baas­em her­aus­ge­ge­ben hat­te, ent­stand der Ge­dan­ke, sei­nen vo­lu­mi­nö­sen Bei­trag zur Ei­fel­fest­schrift zu ei­nem Buch aus­zu­bau­en. Hier­zu ent­schied sich der Ver­fas­ser aus Kos­ten­grün­den für ei­nen un­ver­än­der­ten Nach­druck der Ka­pi­tel bis zum be­gin­nen­den 19. Jahr­hun­dert und setz­te das Werk dann bis in die 1990er Jah­re fort. Renns Vor­wort stammt aus sei­nem To­des­jahr 1992. Das reich il­lus­trier­te Werk mit dem Ti­tel „Die Ei­fel. Wan­de­rung durch 2000 Jah­re Ge­schich­te, Wirt­schaft und Kul­tur“ wur­de 1994 vom Ei­fel­ver­ein her­aus­ge­ge­ben und er­schien be­reits 1995 in ei­ner zwei­ten Auf­la­ge. Für die drit­te Auf­la­ge im Jah­re 2000 schrie­ben sei­ne Frau und die Kin­der ein um­fang­rei­ches Ka­pi­tel über die 1990er Jah­re neu, 2006 kam noch ei­ne vier­te Auf­la­ge auf den Markt. Es ist be­mer­kens­wert, dass kei­ne da­von in den Rhei­ni­schen Vier­tel­jahrs­blät­tern re­zen­siert wur­de und dass bei den zahl­rei­chen Dank­sa­gun­gen in den Vor­wor­ten das In­sti­tut nicht ge­nannt wird. Dies gilt auch für sei­ne 1986 in ers­ter Auf­la­ge er­schie­ne­nen ge­sam­mel­ten Schrif­ten (215).

Titelblätter der Zeitschrift 'Die Eifel', 45 (1950), Nr. 3. (Eifelbibliothek Mayen)

 

5. Eifelverein, der Heimatgedanke und der kulturelle Wandel der Nachkriegszeit

Zen­ders Ver­öf­fent­li­chun­gen in den Pu­bli­ka­tio­nen des Ei­fel­ver­eins er­reich­ten ein brei­tes Pu­bli­kum. Das Ei­fel­jahr­buch hat­te ei­ne Auf­la­ge von 6.000 bis 8.000 Ex­em­pla­ren, „Die Ei­fel“ ging an sämt­li­che  Mit­glie­der. 1954 hat­te der Ei­fel­ver­ein 13.000 Mit­glie­der, 1973 wa­ren es 31.500 und 1980 54.000. Es war je­doch nicht nur das Wan­der­an­ge­bot, das den Ver­ein so at­trak­tiv mach­te und auch nicht das da­mit ver­bun­de­ne Pro­gramm an kul­tu­rel­len und ge­sel­li­gen Ver­an­stal­tun­gen, es war die Rol­le des Ver­eins als Hei­ma­t­or­ga­ni­sa­ti­on in ei­nem struk­tur­schwa­chen Raum. Die­ses An­ge­bot war so at­trak­tiv, dass der Ver­ein auch in den an­gren­zen­den Groß­städ­ten gro­ßen Zu­lauf zu ver­zeich­nen hat­te, in de­nen ein um­fang­rei­ches Kul­tur­pro­gramm mit Vor­trä­gen und Kon­zer­ten ge­bo­ten wur­de.

Hin­sicht­lich des Um­gangs mit den von Zen­der an­ge­spro­che­nen Pro­ble­men ver­focht der Ei­fel­ver­ein kei­ne so ganz kla­re Li­nie. Auf der ei­nen Sei­te setz­te er sich un­ter sei­nem Vor­sit­zen­den Jo­sef Schramm (1938-1945, 1954-1973) mas­siv für die struk­tur­schwa­che Re­gi­on ein, de­ren Pro­ble­me (Schu­len, Ar­beits­plät­ze, Ver­kehrs­ver­bin­dun­gen) nur im eu­ro­päi­schen Kon­text ge­löst wer­den konn­ten (216). Sein Nach­fol­ger Kon­rad Schubach (1973-1991), der noch weit­aus bes­ser in der Lan­des­po­li­tik ver­netzt war, nutz­te dies da­zu, den Ei­fel­ver­ein zu ei­ner schlag­kräf­ti­gen Be­we­gung für den Land­schafts- und Um­welt­schutz, die Denk­mal­pfle­ge und die Land­wirt­schafts- be­zie­hungs­wei­se Struk­tur­po­li­tik zu ma­chen (217).

Titelblätter der Zeitschrift 'Die Eifel', 46 (1951), Nr. 8. (Eifelbibliothek Mayen)

 

Al­ler­dings hat­te der wirt­schaft­li­che Auf­schwung durch den Struk­tur­wan­del in der Land­wirt­schaft, die ver­bes­ser­te Mo­bi­li­tät und die För­de­rung des Tou­ris­mus auch ih­re­Schat­ten­sei­ten: Die Le­bens- und Ar­beits­welt der Men­schen ver­än­der­te sich. Ein ers­ter In­no­va­ti­ons­schub fand be­reits im 19. Jahr­hun­dert statt. 1864 wur­de mit dem Bau der Ei­fel­bahn von Köln nach Trier be­gon­nen und 1888 der Ei­fel­ver­ein ge­grün­det, der sich die För­de­rung des Tou­ris­mus auf sei­ne Fah­nen schrieb. 160.000 Aus­wan­de­rer ver­lie­ßen im 19. Jahr­hun­dert die Ei­fel und schrie­ben Brie­fe aus der „Neu­en Welt.“ Im „Kul­tur­kampf“ be­feh­de­ten sich in vie­len Dör­fern die Pfar­rer und die Bür­ger­meis­ter; zahl­rei­che Klös­ter wur­den auf­ge­ho­ben; die ka­tho­li­sche Pres­se be­rich­te­te aus­führ­lich dar­über. Zei­tun­gen ge­lang­ten auch in die Ei­fel­dör­fer.

In den 1930er Jah­ren nahm das Tem­po der Ver­än­de­run­gen dann ra­sant zu: Zen­der er­wähnt den Bau des West­walls, zu er­gän­zen wä­ren noch für die nörd­li­che Ei­fel die Or­dens­burg Vo­gel­sang, die Meis­ter­schu­le der Ma­le­rei in Kro­nen­burg, die Künst­ler­ko­lo­nie Heim­bach und der Bau von Stau­se­en (Rur­talsper­re Schwam­men­au­el) (218). Die­se Gro­ß­pro­jek­te be­sei­tig­ten die drü­cken­de Ar­beits­lo­sig­keit, ver­bes­ser­ten für ei­ni­ge Jah­re die wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se und blie­ben den Zeit­ge­nos­sen nach­drück­lich in Er­in­ne­rung, da sie in der gleich­ge­schal­te­ten Pres­se, dar­un­ter auch den Zeit­schrif­ten des Ei­fel­ver­eins, ge­büh­rend ge­fei­ert wur­den.

Noch tief­grei­fen­der wa­ren die Ver­än­de­run­gen im Zwei­ten Welt­krieg (Ar­den­nen­of­fen­si­ve) und in der Nach­kriegs­zeit, vor al­lem die In­dus­tria­li­sie­rung der Land­wirt­schaft, die zu­neh­men­de Ver­kehrs­er­schlie­ßung, die eu­ro­päi­sche Ei­ni­gung, die Land­flucht und die Pend­ler­strö­me. Die Dör­fer und die Fa­mi­li­en, die Le­bens- und die Ar­beits­welt der Land­be­völ­ke­rung ver­än­der­ten sich in­ner­halb we­ni­ger Jahr­zehn­te in ei­nem Aus­maß, dass selbst Mat­thi­as Zen­der sei­ne Ei­fel kaum noch wie­der­ken­nen wür­de.

Titelblätter der Zeitschrift 'Die Eifel', 48 (1953), Nr. 3. (Eifelbibliothek Mayen)

 

In den 1950er und 60er Jah­ren war der Ei­fel­ver­ein des­halb so at­trak­tiv, weil er den Men­schen in ei­ner Pha­se be­schleu­nig­ten Wachs­tums ei­ne Ori­en­tie­rung ver­mit­teln konn­te. Frei­lich barg dies die Ge­fahr, dass der Ver­ein zum Sam­mel­be­cken rück­wärts­ge­wand­ter Tra­di­tio­na­lis­ten wer­den konn­te, die in Hei­mat­aben­den, Trach­ten­fes­ten und Ei­fel­ta­gen ih­re Par­al­lel­welt in­sze­nier­ten, ei­nen Hei­le-Welt-Er­leb­nis­park für äl­te­re Men­schen, wäh­rend ih­re En­kel die Wo­chen­en­den lie­ber im Ki­no ver­brach­ten, wo sie Fil­me aus ei­ner an­de­ren Traum­fa­brik sa­hen. Ge­ra­de in ei­ner in­di­vi­dua­li­sier­ten Ge­sell­schaft, die sich mit zu­neh­men­der Tech­nik und Glo­ba­li­sie­rung ra­pi­de ver­än­der­te und da­mit die Men­schen oft­mals über­for­der­te, er­gab sich ein Be­dürf­nis nach Ori­en­tie­rung an der Hei­mat und Tra­di­ti­on, die für die gu­te al­te Zeit, die ei­ge­ne Kind­heit stand; ein Be­dürf­nis nach funk­tio­nie­ren­den Ge­mein­schaf­ten, das auch in der Mit­glie­der­wer­bung im­mer wie­der ei­ne zen­tra­le Rol­le spielt (219). 

Die Zeit­schrif­ten des Ei­fel­ver­eins be­treu­te von 1932 bis 1966 Dr. Vik­tor Baur und ab 1966 bis 1985 Fried­rich Wil­helm Knopp (ge­stor­ben 1986). Ab 1960 er­schien „Die Ei­fel“ in ei­nem hand­li­chen For­mat, ab 1967 in ei­ner sehr an­spre­chen­den gra­phi­schen Ge­stal­tung. Auch in­halt­lich gab es Ver­än­de­run­gen. „Die Ei­fel“ war nicht nur ein Mit­tei­lungs­blatt für die Ver­eins­mit­glie­der und mit ih­rer Ru­brik „Ei­feler Nach­rich­ten“ ein In­for­ma­ti­ons­fo­rum für die Re­gi­on, son­dern vor al­lem in den 1950er und 60er Jah­ren auch ein Hei­mat­ma­ga­zin, das die Schön­hei­ten der Re­gi­on ver­herr­lich­te. Da­zu trug die Bild­aus­stat­tung we­sent­lich bei, vor­züg­li­che Schwarz­wei­ß­ta­feln von idyl­li­schen Ei­fel­dör­fern, pit­to­res­ken Klein­städ­ten, ro­man­ti­schen Som­mer- und Win­ter­land­schaf­ten, fröh­li­chen Wan­der­grup­pen und ver­klär­te Sze­nen aus der vor­in­dus­tri­el­len Ar­beits­welt, wie sie auch Zen­ders Ar­ti­kel schmück­ten. Dass die Re­dak­teu­re da­bei über Jah­re und Jahr­zehn­te auf das glei­che Bild­ma­te­ri­al zu­rück­grif­fen und es zum Teil mehr­fach ver­wen­de­ten, stör­te nie­man­den.

Ei­ne ge­wis­se Bi­po­la­ri­tät lässt sich auch bei den Ar­ti­keln be­ob­ach­ten. Wir fin­den ins­be­son­de­re im Jahr­buch ei­ne gan­ze Rei­he von Bei­trä­gen, die sich aus­führ­lich mit Ge­gen­warts­fra­gen be­fas­sen und nicht oh­ne Be­geis­te­rung vom Au­to­bahn­bau, von Ra­dio­te­le­sko­pen und vom Braun­koh­le­ta­ge­bau be­rich­ten. Es gibt aber auch zahl­lo­se Ar­ti­kel, die recht un­kri­tisch die „gu­te al­te Zeit“ ver­klä­ren be­zie­hungs­wei­se Ge­schich­ten und Ge­dich­te, die sie zum In­halt ha­ben. Ge­ra­de­zu als Chef­ideo­lo­gen der Hei­mat­be­we­gung kann man den Dü­re­ner Leh­rer Dr. Fritz Milz (ge­stor­ben 1993) an­se­hen, der zahl­rei­che Bei­trä­ge über den Un­ter­gang der al­ten Dör­fer, Schu­len, Gast­häu­ser und Bau­ern­häu­ser in der Ei­fel ver­fass­te (220). Ab den 1970er Jah­ren tra­ten sol­che und auch hei­mat­kund­li­che Auf­sät­ze et­was in den Hin­ter­grund, grö­ße­res In­ter­es­se be­stand an Ar­ti­keln, die Glanz­lich­ter un­ter den Aus­flugs­zie­len ins rech­te Licht rück­ten.

Titelblätter der Zeitschrift 'Die Eifel', 50 (1955), Nr. 11-12. (Eifelbibliothek Mayen)

 

Wir kön­nen al­so beim Ei­fel­ver­ein zwei ge­gen­sätz­li­che Ten­den­zen er­ken­nen, ein­mal die mas­siv vor­ge­tra­ge­ne For­de­rung nach ei­ner Struk­tur­po­li­tik für die Re­gi­on, die den Men­schen Ar­beit, Bil­dung und Le­bens­qua­li­tät ver­sprach. Auf der an­de­ren Sei­te er­kann­ten die Men­schen, dass der Fort­schritt – der ja in der West­ei­fel we­sent­lich be­schei­de­ner aus­fiel als in den Ein­zugs­be­rei­chen der Groß­städ­te im Nor­den und Os­ten – auch sei­nen Preis hat­te. Stei­gen­de Mo­bi­li­tät, Pend­ler­strö­me, Tou­ris­mus und wach­sen­der Wohl­stand ver­än­der­ten das Le­ben in den Dör­fern. Dies wur­de nicht nur als Fort­schritt be­grü­ßt, son­dern auch als Ver­lust von Tra­di­tio­nen und Iden­ti­tä­ten, als Un­ter­gang ei­ner lieb­ge­won­ne­nen und zu­neh­mend ver­klär­ten Hei­mat ge­deu­tet.

Hier er­füll­ten auch Zen­ders Bü­cher ei­ne wich­ti­ge Funk­ti­on. Sie sind ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on über ei­ne un­ter­ge­gan­ge­ne Welt. Ei­ne Welt, an der aber auch heu­te noch gro­ßes In­ter­es­se be­steht. Dies zei­gen nicht nur die schö­nen Bild­bän­de mit his­to­ri­schem Bild­ma­te­ri­al, die im­mer wie­der auf den Markt ge­bracht wer­den, son­dern auch die Kri­ti­ken, mit de­nen der Film von Ed­gar Reitz „Die an­de­re Hei­ma­t“ be­dacht wur­de, in dem die Ar­mut und die Aus­wan­de­rung in ei­nem Huns­rück­dorf des 19. Jahr­hun­derts the­ma­ti­siert wur­den. Das The­ma Hei­mat hat heu­te nicht mehr den ho­hen Stel­len­wert, den es in den 1950er und 60er Jah­ren be­ses­sen hat, aber es bleibt ak­tu­ell.

6. Der Eifelverein und die volkskundliche Forschung

Zen­ders Bei­trä­ge sind aber noch un­ter ei­nem an­de­ren Ge­sichts­punkt von In­ter­es­se: Es gab da­mals ei­nen en­gen und frucht­ba­ren Kon­takt nicht nur zwi­schen den Sprach­wis­sen­schaft­lern und Volks­kund­lern des Bon­ner In­sti­tuts für ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de, son­dern auch zu den Hei­mat­for­schern der Ei­fel und dem Ei­fel­ver­ein. Be­reits 1913 ver­fass­te der Köl­ner Sprach­wis­sen­schaft­ler und Volks­kund­ler Adam Wre­de (1875-1960) für die Fest­schrift zum 25. Grün­dungs­ju­bi­lä­um des Ei­fel­ver­eins ei­nen grund­le­gen­den Ar­ti­kel zum The­ma Bau­ern­le­ben in Sit­te und Brauch (221). Für das be­reits ge­nann­te Ei­fel­werk von Jo­sef Schramm steu­er­te Mat­thi­as Zen­der 1963 ei­nen kur­zen, aber prä­gnan­ten Auf­satz zur Volks­kun­de bei (222). Für die Fest­schrift zur 100-Jahr­fei­er des Ei­fel­ver­eins konn­te Zen­der wohl aus Al­ters­grün­den die­sen Bei­trag nicht mehr über­neh­men; Mat­thi­as We­ber (1928-2006), im Haupt­be­ruf Pro­fes­sor für Be­triebs­wirt­schaft an der Fach­hoch­schu­le Köln und Hei­mat­for­scher, lie­fer­te ei­nen um­fang­rei­chen, mit Zeich­nun­gen il­lus­trier­ten Auf­satz (223). Für die Fest­schrift von 2013 konn­ten mit Alois Dö­ring und Dag­mar Hä­nel zwei Au­to­ren ge­won­nen wer­den, die das The­ma Volks­kun­de nicht nur in sei­ner his­to­ri­schen Di­men­si­on, son­dern auch die Ver­än­de­run­gen der letz­ten Jah­re be­han­del­ten (224).

Dö­rings Bei­trag en­de­te mit ei­nem Plä­doy­er für ei­ne Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung der volks­kund­li­chen For­schung. Er be­klag­te „ei­ne un­kri­ti­sche Über­nah­me der ro­man­tisch-na­tio­na­len Ger­ma­nen­my­tho­lo­gie des 19. Jahr­hun­derts (von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten auf­ge­grif­fen und ideo­lo­gisch in­stru­men­ta­li­siert), Brauch­über­lie­fe­run­gen in un­ge­bro­che­ner Kon­ti­nui­tät bis in graue ger­ma­ni­sche Vor­zeit zu­rück­füh­ren zu wol­len.“ Dann zi­tiert er die Ma­gis­ter­ar­beit von Pe­tra Scra­back über die volks­kund­li­chen Bei­trä­ge in der Zeit­schrift „Die Ei­fel“, die zu fol­gen­dem Er­geb­nis kommt: „Als un­mit­tel­ba­re, wis­sen­schaft­lich ver­wert­ba­re Quel­le sind die volks­kund­li­chen Ar­ti­kel der Zeit­schrift des Ei­fel­ver­eins nicht ge­eig­net. Die Mehr­zahl der Au­to­ren do­ku­men­tiert die Bräu­che nur sehr lü­cken­haft und in­ter­pre­tiert de­ren Her­kunft und Funk­ti­on mit, dem heu­ti­gen Stand der wis­sen­schaft­li­chen volks­kund­li­chen For­schung nicht mehr ent­spre­chen­den Theo­ri­en.“ (225)

Lei­der kann man den bei­den Au­to­ren nicht all­zu sehr wi­der­spre­chen. Volks­kund­li­che, aber auch Bei­trä­ge zur Lan­des­ge­schich­te und zur Mund­ar­ten­for­schung für die zahl­rei­chen Ka­len­der und Jahr­bü­cher der Ver­ei­ne und Land­krei­se wer­den heu­te zum gro­ßen Teil von Lai­en ver­fasst, die zu­dem „ih­ren“ Brauch und „ih­re“ Mund­art do­ku­men­tie­ren, um nicht zu sa­gen recht­fer­ti­gen wol­len. Stär­ker noch als die Lan­des­ge­schich­te hat sich die Volks­kun­de in den letz­ten Jahr­zehn­ten zu ei­ner „em­pi­risch ar­bei­ten­den So­zi­al- und Kul­tur­wis­sen­schaf­t“ ent­wi­ckelt, de­ren theo­re­ti­sche Kon­zep­te, Me­tho­den und Fra­ge­stel­lun­gen bei den Ama­teur­for­schern vor Ort (noch) nicht an­ge­kom­men sind (226). Man muss aber auch fest­hal­ten, dass zu ei­nem Dia­log zwei Sei­ten ge­hö­ren (227). Und hier lässt sich be­ob­ach­ten, dass es ei­nen Rück­zug der Fach­wis­sen­schaft­ler in die aka­de­mi­schen El­fen­bein­tür­me ge­ge­ben hat. Im mo­der­nen Wis­sen­schafts­be­trieb und im Kampf um Ran­king­po­si­tio­nen und Dritt­mit­tel ha­ben theo­rie­las­ti­ge und fuß­no­ten­rei­che Bei­trä­ge in ei­ner nur noch we­ni­gen Ex­per­ten ver­ständ­li­chen Fach­spra­che of­fen­sicht­lich ei­nen hö­he­ren Stel­len­wert als all­ge­mein­ver­ständ­li­che Bei­trä­ge für ei­nen brei­ten Le­ser­kreis (228). Dies gilt nicht nur für die Volks­kun­de, son­dern auch für die an­de­ren, mehr oder min­der eng mit dem Bon­ner In­sti­tut ver­bun­de­nen Fä­cher (229). Und nicht zu­letzt gilt dies auch den Be­reich der Ar­chi­ve, de­ren Be­nut­zer­kreis und de­ren Ar­beits­wei­se sich nach­hal­tig ver­än­dert ha­ben (230).

Dies zeigt sich auch, wenn man die in­zwi­schen auch di­gi­tal zu­gäng­li­chen In­halts­ver­zeich­nis­se der bei­den Pe­ri­odi­ka des Ei­fel­ver­eins durch­sieht (231). Hier fin­det man ei­ne gan­ze Rei­he von Bei­trä­gen aus der Fe­der der äl­te­ren Volks­kund­l­er­ge­ne­ra­tio­nen wie Adam Wre­de oder Mat­thi­as Zen­der, doch dann ist ein Bruch fest­zu­stel­len; von den zahl­rei­chen Schü­lern und wis­sen­schaft­li­chen En­keln von ih­nen, die am Bon­ner In­sti­tut, am LVR-In­sti­tut oder am LVR-Frei­licht­mu­se­um Kom­mern tä­tig wa­ren, fin­det sich kaum ei­ner, der an ei­ner Pu­bli­ka­ti­on sei­ner For­schungs­er­geb­nis­se für ei­nen grö­ße­ren Le­ser­kreis In­ter­es­se hat­te (232). Dies gilt auch für die Be­rei­che Lan­des­ge­schich­te und Sprach­ge­schich­te be­zie­hungs­wei­se Mund­ar­ten­for­schung.

7. Epilog: Ein Mensch in seiner Zeit

Die­ser Bei­trag ver­such­te, von der Per­son Mat­thi­as Zen­ders aus­ge­hend ein Ka­pi­tel der rhei­ni­schen Wis­sen­schafts­ge­schich­te der 1930er Jah­re aus­zu­leuch­ten. Es ging vor al­lem um das In­sti­tut für ge­schicht­li­che Lan­des­kun­de der Rhein­lan­de an der Uni­ver­si­tät Bonn und um den Ei­fel­ver­ein, aber auch an­de­re Be­tei­lig­te. Ex­po­nen­ten wa­ren ne­ben Mat­thi­as Zen­der, Franz Stein­bach und Karl Leo­pold Kauf­mann ei­ne Rei­he wei­te­rer Per­so­nen. Es konn­te auf­ge­zeigt wer­den, wie hier ei­ne wis­sen­schaft­lich au­ßer­or­dent­lich frucht­ba­re und er­trag­rei­che Kon­stel­la­ti­on ent­stand, die dann frei­lich über die „West­for­schun­g“ mehr oder min­der frei­wil­lig in den Sog des „Drit­ten Reichs“ ge­riet. Des­sen am­bi­tio­nier­te Kul­tur­po­li­tik er­mög­lich­te ei­ne gan­ze Rei­he von Kar­rie­ren, Pro­jek­ten und Pu­bli­ka­tio­nen, wo­bei es höchst auf­schluss­reich ist, in wel­chem Ma­ße sich die Be­trof­fe­nen dar­auf ein­lie­ßen.

Nicht sys­te­ma­tisch, aber an­hand meh­re­rer Bei­spie­le lie­ßen sich auch die Tra­di­tio­nen und Kon­ti­nui­tä­ten in der Nach­kriegs­zeit dar­stel­len. Die glei­chen Ak­teu­re ar­bei­te­ten in den glei­chen Po­si­tio­nen zum Teil so­gar über die glei­chen The­men wei­ter. We­der ha­ben sich die Lan­des­his­to­ri­ker kri­tisch mit der ei­ge­nen „West­for­schun­g“ be­fasst noch der Ei­fel­ver­ein. Die­ser hat­te sich, be­dingt durch die Vi­ta und die wis­sen­schaft­li­chen In­ter­es­sen Karl Leo­pold Kauf­manns, in der Eu­pen-Malme­dy-Fra­ge sehr en­ga­giert. Ab 1933 stell­te er sich und sei­ne Or­ga­ne rück­halt­los in den Dienst der brau­nen Pro­pa­gan­da, da er glaub­te, die neu­en Macht­ha­ber wür­den den wirt­schaft­li­chen Auf­schwung der Ei­fel und den Hei­mat­ge­dan­ken för­dern. Der Ei­fel­ver­ein war be­reits in der Wei­ma­rer Re­pu­bli­k  ei­ne Keim­zel­le der Hei­mat­be­we­gung, auf der Su­che nach ei­ner Ori­en­tie­rung be­geis­ter­ten sich vie­le Mit­glie­der für die Schön­heit der Ei­fel und ih­re bäu­er­li­che Tra­di­ti­on, die mit Bil­dern und Tex­ten in der Mit­glie­der­zeit­schrift als hei­le Welt in­sze­niert wur­den. Dass auch die Hei­mat­be­we­gung im „Drit­ten Reich“ in­stru­men­ta­li­siert wur­de, ha­ben vie­le Mit­glie­der zu­nächst nicht be­merkt. In den 1950er und 60er Jah­ren er­wies sich der Hei­mat­ge­dan­ke dann nach dem Trau­ma von Bom­ben­krieg und Ver­trei­bung noch­mals als Er­folgs­ge­schich­te, durch stän­dig wach­sen­de Mit­glie­der­zah­len ent­stand „die grö­ß­te Bür­ger­initia­ti­ve der Ei­fel“, die sich auch für den Na­tur- und Land­schafts­schutz en­ga­gier­te.

Ab den 1970er Jah­ren ge­rie­ten dann das In­sti­tut wie auch der Ver­ein in ei­ne Kri­se, nicht nur die For­schungs­land­schaft ver­än­der­te sich gra­vie­rend, auch die Wan­der­sze­ne war ei­nem Wan­del un­ter­wor­fen, kom­mer­zi­el­le und pro­fes­sio­nel­le An­bie­ter dräng­ten auf den Markt, die Or­ga­ni­sa­ti­ons­form des eh­ren­amt­lich ar­bei­ten­den Ver­eins ver­lor an At­trak­ti­vi­tät, und sin­ken­de Mit­glie­der­zah­len mach­ten es zu­neh­mend schwie­ri­ger, die selbst ge­steck­ten Auf­ga­ben zu er­fül­len.

Wir ha­ben je­doch nicht nur ei­ne Ge­schich­te der In­sti­tu­tio­nen, son­dern auch die Rol­le ein­zel­ner Per­sön­lich­kei­ten ken­nen­ge­lernt, wo­bei ins­be­son­de­re die Kar­rie­re und das wis­sen­schaft­li­che Werk ei­nes aus der Ei­fel stam­men­den, in­ten­siv im ka­tho­li­schen Mi­lieu ver­wur­zel­ten und an ei­nem re­nom­mier­ten Gym­na­si­um vom Hu­ma­nis­mus ge­präg­ten Wis­sen­schaft­lers prä­zi­ser und de­tail­lier­ter her­aus­ge­tre­ten ist als bis­her be­kannt. Sei­ne ent­schei­den­den Kar­rie­re­schrit­te fie­len in die schwie­ri­ge Zeit des „Drit­ten Reichs“, und es ist span­nend zu se­hen, wie Zen­der meis­tens, aber nicht im­mer er­folg­reich auf sei­nem selbst ge­wähl­ten Pfad, sich selbst treu zu blei­ben, es sich aber auch mit den Macht­ha­bern mög­lichst nicht zu ver­scher­zen, be­weg­te und wie er da­bei von sei­nen Leh­rern und Kol­le­gen un­ter­stützt wur­de. Auch im Krieg blieb er die­ser Li­nie treu, trotz­dem muss­te er durch wid­ri­ge Um­stän­de län­ger als an­de­re, die sich we­sent­lich mehr ver­strickt hat­ten, im (Un­ter­su­chungs-)Ge­fäng­nis sit­zen. Sei­nen Weg konn­te er auch nach dem Krieg fort­set­zen, bis er dann we­ni­ger durch Seil­schaf­ten, Pro­tek­ti­on und An­bie­de­rung als durch sei­ne wis­sen­schaft­li­che Leis­tun­gen auf den Bon­ner Lehr­stuhl be­ru­fen wur­de. Mit Zen­ders Eme­ri­tie­rung 1974 war je­doch trotz sei­ner un­ge­bro­che­nen Schaf­fens­kraft im Al­ter sei­ne Zeit vor­bei und es war höchs­te Zeit, neue The­men und zug­kräf­ti­ge neue Pro­jek­te zu ent­wi­ckeln.

Be­reits im Mit­tel­al­ter be­schäf­tig­ten sich Klös­ter in Zei­ten der Kri­se und des Um­bruchs mit der ei­ge­nen Ge­schich­te. Man kann dann die Ge­gen­wart bes­ser ver­ste­hen, aber kann man auch für die Zu­kunft ler­nen? Das Er­folgs­re­zept der 1930er Jah­re be­ruh­te nicht nur auf der er­folg­rei­chen Ko­ope­ra­ti­on der heu­te noch exis­tie­ren­den In­sti­tu­te und Ver­ei­ne, son­dern war vor­ran­gig auch ei­ne Fra­ge der Per­sön­lich­kei­ten: Köp­fe wie Zen­der, Stein­bach, Pe­tri und En­nen, aber auch Kauf­mann, Schramm und Schubach ha­ben sich über Jahr­zehn­te hin­weg un­er­müd­lich für ih­re Sa­che ein­ge­setzt. Zum Zwei­ten wa­ren sie Män­ner be­zie­hungs­wei­se Frau­en mit in­no­va­to­ri­schen Ide­en, die sie ih­ren Mit­glie­dern und Mit­ar­bei­tern auch ver­mit­teln konn­ten. Und zum Drit­ten be­sa­ßen sie in der Re­gel ein weit­ge­spann­tes wis­sen­schaft­li­ches Netz­werk, Be­zie­hun­gen zur Po­li­tik und zu den ent­spre­chen­den Geld­ge­bern, oh­ne die sich auch gu­te Pro­jek­te nun ein­mal nicht rea­li­sie­ren las­sen. Klu­ge Köp­fe mit gu­ten Ide­en, mit de­nen man die Mit­glie­der, die Kol­le­gen, die Fach­welt, aber auch die Po­li­tik und die Geld­ge­ber über­zeugt und ei­ne brei­te wis­sen­schaft­li­che, pu­bli­zis­ti­sche und nicht zu­letzt auch vir­tu­el­le Ver­mark­tung der er­brach­ten Leis­tun­gen – das sind viel­leicht Aus­we­ge aus der Kri­se.

Titelblätter der Zeitschrift 'Die Eifel', 52 (1957), Nr. 5. (Eifelbibliothek Mayen)

 
Anmerkungen
  • 1: Das Forschungsvorhaben für diesen Beitrag wurde unterstützt durch die van-Meeteren-Stiftung Düsseldorf, die Kulturstiftung der Kreissparkasse Bitburg-Prüm und die Stiftung der Kreissparkasse Vulkaneifel.
  • 2: Als 1987 in Trier der Sonderforschungsbereich 235 „Zwischen Maas und Rhein: Beziehungen, Begegnungen und Konflikte in einem europäischen Kernraum von der Spätantike bis zum 19. Jahrhundert“ eröffnet wurde, staunten die zum Teil aus Bonn stammenden Historiker nicht schlecht, dass Kritiker sie in einen Zusammenhang mit der „Westforschung“ stellten. In Trier besaß nicht nur die Kulturraumforschung einen hohen Stellenwert, sondern auch die Zentralitätstheorie Walter Christallers, die freilich auch dem „Dritten Reich“ ihre Entstehung verdankt. Leider ist die Internetseite „offline.“ Die kommentierte Bibliographie befindet sich unter: [Online]. Weitere Materialien und ein weitgehend unbenutzbares Kartenarchiv unter: [Online] – Glücklicherweise gibt es immer noch Resultate in Form von Printmedien: Irsigler, Franz (Hg.), Zwischen Maas und Rhein. Beziehungen, Begegnungen und Konflikte in einem europäischen Kernraum von der Spätantike bis zum 19. Jahrhundert. Versuch einer Bilanz, Trier 2006.
  • 3: Gerlich, Alois: Renzension zu: Groten, Manfred/Rutz, Andreas (Hg.), Rheinische Landesgeschichte an der Universität Bonn. Traditionen - Entwicklungen - Perspektiven, Göttingen 2007. [Online]
  • 4: Wenig, Verzeichnis, S. 346-347. Nachruf von Cox, Heinrich L., Matthias Zender 1907-1993, in: RhVjbl 58 (1994), S. XVII-XXV. Weitgehend identisch: Cox, Heinrich L., Nachruf Matthias Zender, in: RWZ 39 (1994), S. 11-19; Kerkhoff-Hader, Bärbel, Der Dank der Schülerin. Zum Tode von Matthias Zender, in: RWZ 39 (1994), S. 21-25; Herborn/Kerkhoff-Hader, Erinnerungen; Wiegelmann, Nachruf; Mangold, Schriftenverzeichnis; Fischer, Zender. Einen guten Überblick bietet der Artikel von Alois Döring im Internetportal Rheinische Geschichte. [Online]
  • 5: Schwall, Gymnasium, S. 340. Weitere Einzelheiten zu Zenders Schul- und Universitätsbesuch im Lebenslauf seiner Dissertation.
  • 6: Leider fehlt eine Biographie von Nikolaus Kyll, vgl. Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL), Band 4 (1992), Sp. 864-865; Monz, Lexikon, S. 243; Zender, Matthias, Nikolaus Kyll 1904-1973, in: RWZ 20 (1973), S. 254-257.
  • 7: Steinhausen war zeitweise zur Erarbeitung der archäologischen Karte für den Regierungsbezirk Trier ans Rheinische Landesmuseum Trier abgeordnet und veröffentlichte 1936 eine „Archäologische Siedlungskunde des Trierer Landes“, Monz, Lexikon, S. 449-450.
  • 8: Zwei Postkarten von Müller an Zender von 1919 und von 1924 sind veröffentlicht bei Mangold, Schriftenverzeichnis, S. 46-47. Zum Wörterbuch vgl. Zender, Matthias, Das rheinische Wörterbuch von 1904 bis 1964, in: RhVjbl 29 (1964), S. 200-222; Zender, Wörterbuch; Schrutka-Rechtenstamm, Volkskunde, S. 74-75.
  • 9: Im Nachwort zum Rheinischen Wörterbuch gibt Zender an, daran von November 1929 bis April 1939 beschäftigt gewesen zu sein.
  • 10: UAB, Promotions-Album C, S. 163-164. Aus der Dissertation erfährt man, dass die Gutachter Josef Müller und Hans Naumann waren, der Tag der mündlichen Prüfung der 22.6.1938, die Note: ausgezeichnet, das Datum der Promotion der 20.8.1940. Eine im Impressum der Arbeit angekündigte Publikation als Veröffentlichung des Instituts für geschichtliche Landeskunde ist wohl wegen des Krieges nicht zustande gekommen. Leider gelang es nicht, ein vollständiges Manuskript der Dissertation aufzutreiben. Die Universitäts- und Landesbibliothek Bonn besitzt keines, ein unvollständiger Stapel von Einzelseiten befindet sich in einem Karton mit Zenders Nachlass auf dem Speicher des Instituts, die Bibliothek verwahrt eine Kopie, bei der die gedruckten Passagen durch Fotokopien ersetzt sind (VE 292/1,1-2). Leider fehlt auch ein bibliographischer Nachweis für die zahlreichen Karten. Nach einem handschriftlichen Eintrag auf dem Vorsatz entspricht der Teildruck den S. 176-233 des Manuskripts, S. 167-176 erschienen als Aufsatz: Schinderhannes und andere Räubergestalten, in: RWZ 2 (1955), S. 84-94, vgl. auch Schirrmacher, Volkstumsbegriff, S. 554-555. Der ungedruckte erste Teil trägt die Überschrift „Erzähler und Volkserzählung“, der ebenfalls unpublizierte dritte „Erzähler und Gemeinschaft“, darunter Untersuchungen zur „soziologischen Struktur der Eifel“ und zum „Volksglauben im heutigen Volksleben.“
  • 11: Zum Institut vgl. Groten/Rutz, Landesgeschichte. Zur Abteilung für Volkskunde vgl. Cox, Abteilung, S. 95-112; Schrutka-Rechtenstamm, Volkskunde; Höpfner, Universität Bonn, S. 289-392 (zu Steinbach und zur Landeskunde) und S. 448-456 (zur Volkskunde); Höpfner, Bonn; Schirrmacher, Volkstumsbegriff, insbes. Band 1, S. 177-259.
  • 12: Zender, Matthias, Gedenkworte für Theodor Frings, in: RhVjbl 34 (1970), S. 1-8.
  • 13: Nikolay-Panter, Marlene, Geschichte, Methode, Politik. Das Institut und die geschichtliche Landeskunde der Rheinlande, in: RhVjbl 60 (1996), S. 233-262; Nikolay-Panter, Geschichte und Ansatz; Rusinek, Traditionen; Tiedau, Ulrich, Franz Steinbach, in: Haar/Fahlbusch, Handbuch, S. 661-666; Thomas, Bernard, Le Luxembourg dans la ligne de mire de la Westforschung. 1931-1940. La „Westforschung“ et l'„identité nationale“ luxembourgeoise, Luxembourg 2011. Sehr pointiert: Thomas, Luxemburg.
  • 14: Ein unveränderter Nachdruck mit einem Vorwort von Franz Petri und Nachworten von Hermann Aubin und Matthias Zender (S. 232-241) erschien 1966.
  • 15: Neuausgabe: Niessen, Josef, Geschichtlicher Handatlas der deutschen Länder am Rhein. Mittel- und Niederrhein, Köln 1950. Niessen hatte 1924 bei Hermann Aubin mit einer Arbeit über „Landesherr und bürgerliche Selbstverwaltung in Bonn von 1244-1794“ promoviert und war dann in den Schuldienst gegangen. Er wurde jedoch bis 1937 beurlaubt, um als Assistent am Institut Karten für die Kölner Jahrtausendausstellung 1925, die „Kulturströmungen“ sowie den Saaratlas anzufertigen. Für die Neuauflage des Handatlasses 1950 wurde der inzwischen in Bonn lehrende und forschende Niessen nochmals beurlaubt, vgl. Steinbach, Franz, Josef Niessen, in: RhVjbl 28 (1963), ohne Seitenangabe. Zu seiner Arbeit am Saaratlas, an dem auch Zender beteiligt war, vgl. Haar/Fahlbusch, Handbuch, S. 601-605, 607, 609, 663, 744, zu Zender S. 603, 748; Gansohr-Meinel, Landesstelle, S. 279-280; Mölich, Rheinlande, S. 121-122. Nur wenige Angaben bei Freund, Wolfgang, Volk, Reich und Westgrenze. Deutschtumswissenschaften und Politik in der Pfalz, im Saarland und im annektierten Lothringen 1925–1945, Saarbrücken 2006, S. 113-140, zu Zender S. 121, 290.
  • 16: Hermel, Jochen, Verzeichnis der historischen Dissertationen am Bonner Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande 1920-2005, in: Groten/Rutz, Landesgeschichte, S. 267-282.
  • 17: Zender, Matthias, Drei Karten zur Geschichte Luxemburgs, in: RhVjbl 1 (1931), S. 112-117; Nikolay-Panter, Vierteljahrsblätter.
  • 18: Nikolay-Panter, Marlene, Der Verein für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande. Gründung und frühe Jahre, in: RhVjbl 65 (2001), S. 374-399.
  • 19: Mölich, Rheinlande, Zitat S. 116.
  • 20: Mölich, Rheinlande, S. 116; Oberkrome, Volksgeschichte, S. 30-33, 68-73.
  • 21: Leider konnte Reiners seinen Beitrag für den Sammelband von Aubin/Frings/Müller, Kulturströmungen, S. X, nicht abliefern. Hier sei nur der Hinweis gestattet, dass die Kunstgeschichte in den 1930er Jahren intensiv an dem fächerübergreifenden Dialog wie auch an der „Westforschung“ beteiligt war, vgl. zum Beispiel Zimmermann, Walter, Beiträge zur Kunstgeographie der Rheinlande, in: RhVjbl 1 (1931), S. 66-74; Zimmermann, Walter, Künstlerische Beziehungen in Eupen-Malmedy, in: RhVjbl 6 (1936), S. 280-294.
  • 22: Mölich, Rheinlande, S. 113-116; Hermel, Jochen, Verzeichnis der Ferienkurse, Lehrgänge und Tagungen des Bonner Instituts für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande 1920-2005, in: Groten/Rutz, Landeskunde, S. 283-315. Zenders Vortrag wurde gedruckt: Gegenwartsvolkskunde, Heimatkunde, Heimatpflege, in: Pädagogische Rundschau 5 (1950-51), S. 529-537.
  • 23: Schöttler, Westforschung; Schöttler, Landesgeschichte.
  • 24: Fahlbusch, Michael, Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die „Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften“ von 1931-1945, Baden-Baden 1999, S. 409-410; Fahlbusch, Deutschtumspolitik, S. 615-616 (mit ausführlicher, aber sehr pointierter Zusammenfassung); Werner, Wolfgang Franz, Der Provinzialverband der Rheinprovinz, seine Kulturarbeit und die ‚Westforschung‘, in: Dietz/Gabel/Tiedau, Griff, Band 2, S. 753-754.
  • 25: Mölich, Rheinlande, S. 127.
  • 26: Zender scheint zu seinem Vorgänger auf dem Lehrstuhl trotz verwandter Arbeitsgebiete (Heiligenverehrung!) zunächst wenig Kontakt gehabt zu haben. Er verfasste immerhin zwei Nachrufe: Karl Meisen 1891-1973, in: RhVjbl 38 (1974), S. IX-XII; Zender, Matthias, Karl Meisen, geb. 11. Oktober 1891, gestorben 22.3.1973, in: Zeitschrift für Volkskunde 69 (1973), S. 325; Schrutka-Rechtenstamm, Volkskunde, S. 76, 84; Höpfner, Universität Bonn, S. 451. Auch Meisens Erstgutachten zu Zenders Habilitationsschrift lässt eine gewisse Distanz erkennen, UAB PF-PA 1153. Dagegen sprächen allerdings die Einstellung Zenders als Assistent 1945 beziehungsweise 1949 und sein Testat von 1947.
  • 27: Neben Zender und Kyll war an dieser Sammeltätigkeit auch der aus dem Westerwald stammende Joseph Höffner beteiligt. Dies berichten sowohl Matthias Zender, Wiegelmann, Nachruf, S. 261-262, als auch Joseph Kardinal Höffner, freundliche Mitteilung von Toni Diederich, Bonn.
  • 28: Schrutka-Rechtenstamm, Volkskunde, S. 74-76, 78-79; Nikolay-Panter, Vierteljahrsblätter, S. 193-194; Zender, Matthias, Josef Müller 1875-1945, in: Bonner Gelehrte, S. 120-123; Zender, Wörterbuch.
  • 29: Schrutka-Rechtenstamm, Volkskunde, S. 72; Nikolay-Panter, Vierteljahrsblätter, S. 194-195; Höpfner, Universität Bonn, S. 450-451; Zender, Matthias, Adolf Bach 70 Jahre alt, in: Zeitschrift für Volkskunde 56 (1960), S. 91-92; Zender, Matthias, Adolf Bach 80 Jahre, in: Rheinische Heimatpflege 7 (1970), S. 100; Zender, Matthias, Nachruf Adolf Bach, in: RhVjbl 37 (1973), S. IX-XVI. Zenders Nachruf erwähnt Bachs NS-Vergangenheit, macht aber auch seine 40-jährige persönliche Verbundenheit mit dem Verstorbenen deutlich. Unkritischer dagegen das von Zender und Steinbach unterzeichnete Vorwort zur zweibändigen Festschrift für Bach (RhVjbl 20-21, 1955-1956).
  • 30: Schirrmacher, Volkstumsbegriff; Betz, Werner, Hans Naumann (1886-1951), in: Bonner Gelehrte, S. 129-133; Schrutka-Rechtenstamm, Volkskunde, S. 77: „hat für die Entwicklung der Volkskunde an der Bonner Universität […] keine besondere Bedeutung.“ Ähnlich Schirrmacher, Volkstumsbegriff, S. 177, 486. So ganz stimmt das allerdings nicht, denn von 1934 bis 1935 gab Naumann gemeinsam mit Karl Meisen fünf Hefte der einführenden Reihe „Rheinisches Volkstum“ heraus, die sich unter anderem mit der Volksüberlieferung, dem Volkslied, dem Volksbrauch und der Familienkunde befassen.
  • 31: Schrutka-Rechtenstamm, Volkskunde, S. 77, 80-84; Gansohr-Meinel Landesstelle, S. 299-301; Höpfner, Universität Bonn, S. 448-456.
  • 32: UAB Kleinere Slg., Nr. 298; Lejeune, Matthias Zender, zitiert S. 131-132 dessen Begründung „weil dies für alle Staatsangestellten Pflicht war.“
  • 33: Schirrmacher, Volkstumsbegriff, Band 2, S. 476, 489.
  • 34: Die Personalakte Zenders kann hier nur kursorisch ausgewertet werden, UAB PA 11967 III.
  • 35: UAB IGL 105.
  • 36: Bonner Gelehrte, S. 42; UAB PA 1112; Gerken, Horst (Hg.), Catalogus Professorum, 1831-2006. Festschrift zum 175-jährigen Bestehen der Universität Hannover, Band 2, Hildesheim 2006, S. 70 (mit Verzeichnis seiner zahlreichen Veröffentlichungen). Für freundliche Hinweise danke ich Lars Nebelung, Universitätsarchiv Hannover.
  • 37: RhVjbl 9 (1939), S. 191; Nikolay-Panter, Vierteljahrsblätter, S. 196. Leider ist nur die Akte „M-Z“ der Korrespondenz um die Herausgabe der Vierteljahrsblätter 1937-1944 erhalten, UAB IGL 104. Darin befinden sich mehrere Briefe von und an Zender, aber auch ein Schreiben Edith Ennens vom 16.3.1942, in dem sie eine ganze Reihe von ausstehenden Rezensionen anmahnte.
  • 38: Verzeichnis der Rezensionen bei Hagen, Ursula, „Verzeichnis der Schriften Matthias Zenders“ in seiner Festschrift, Band 2, S. 1239-1256, hier S. 1248-1249.
  • 39: Overbeck, Hermann [u. a.] (Hg.), Saar-Atlas, 2. Auflage, Gotha 1934, S. 70-71, Zitat S. 71.
  • 40: RhVjbl 3 (1933), S. 143-146, 4 (1934), S. 219-221, 11 (1941), S. 210-214.
  • 41: RhVjbl 9 (1939), S. 296-297. Zu Wilmotte vgl. Ditt, Kulturraumforschung, S. 105; Beyen, Marnix, Eine lateinische Vorhut mit germanischen Zügen. Wallonische und deutsche Gelehrte über die germanische Komponente in der wallonischen Geschichte und Kultur (1900-1940), in: Dietz/Gabel/Tiedau, Griff, Band 1, S. 354-357, 362-364.
  • 42: ALVR 4719; Lejeune, Zender, S. 133. Lejeune berichtet S. 132 weiter, die Hochschule für Lehrerinnenbildung in Koblenz habe wegen einer Beschäftigung oder eines Lehrauftrages angefragt, worauf Zender gar nicht reagiert habe. Kater, Michael H., Das „Ahnenerbe“ der SS 1935–1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches, 3. Auflage, München 2001, S. 69; Gansohr-Meinel, Landesstelle, S. 298-299.
  • 43: Freundlicher Hinweis von Wolfgang Zender.
  • 44: Höpfner, Bonn, S. 684-685; Höpfner, Universität Bonn, S. 450.
  • 45: Die geht aus einem Brief Apffelstaedts an Matthes Ziegler vom 30.4.1938 hervor: „[…] da die in Bonn in der Volkskunde tätigen Herren […] nicht zur Debatte stehen“, ALVR 11057.
  • 46: ALVR 11228.
  • 47: Triffaux, Sprachverein, S. 129.
  • 48: ALVR 4719.
  • 49: ALVR 4682, 4717-4718.
  • 50: ALVR 4718.
  • 51: ALVR 4682.
  • 52: UAB PA 11967 III, fol. 34. 1941 verfasste der erkrankte Josef Müller eine Art Nachlassregelung für die Vollendung des Rheinischen Wörterbuches. Darin schlug er als potentielle Nachfolger an erster Stelle Zender und an zweiter Dittmaier vor, Archiv Rheinisches Wörterbuch.
  • 53: UAB PA 11967 III, fol. 45.
  • 54: UAB PA 11967 III, fol. 67. Auf fol. 73 findet sich der Vermerk, dass Zender 1942 mit dem Kriegsverdienstkreuz II. Klasse ausgezeichnet wurde.
  • 55: Hinweis von Wolfgang Zender.
  • 56: Vgl. – neben den einschlägigen biographischen Artikeln – Ditt, Kulturraumforschung; Ditt, Karl, Franz Petri und die Geschichte der Niederlande: Vom germanischen Kulturraum zur Nation Europas, in: Tijdschrift voor Geschiedenis 118 (2005), S. 169-187; Ditt, Karl, Die Politisierung der Kulturraumforschung im Dritten Reich. Das Beispiel Franz Petri, in: Dietz/Gabel/Tiedau, Griff, Band 2, S. 927-944; Tiedau, Franz Petri.
  • 57: Die Universität hatte in der Zwischenzeit Heinrich Dittmaier als Vertreter eingestellt und die Zahlungen an Zender vom 1.10.1946 bis zum 31.10.1949 unterbrochen, so dass seine Frau mit ihrem Lehrerinnengehalt die Familie ernährte. 1953 erfolgte eine Gehaltsnachzahlung.
  • 58: Lejeune, Matthias Zender; Wolfgang Zender danke ich für die Einsicht in dieses Schlüsseldokument, das aber im Rahmen dieser Studie unberücksichtigt bleibt.
  • 59: Lejeune, Matthias Zender. Über Zenders Tätigkeit in Arlon bereitet Wolfgang Zender eine größere Untersuchung vor, so dass dieses Thema hier nicht näher vertieft werden soll. Vgl. Lejeune, Kulturbeziehungten, S. 106-118, 231-233, 248-249; Triffaux, Jean-Marie, Combats pour la langue dans le pays d'Arlon aux XIXe et XXe siècles. Une minorité oubliée? Arlon 2002, S. 313-390; Triffaux, Sprachverein.
  • 60: Von den Zeugnissen haben sich Abschriften im Nachlass Matthias Zenders erhalten. Die Originale wurden den belgischen Behörden vorgelegt. Ob alle Zeugnisse überliefert sind, ist ebenso unklar wie, ob das deutlich später von Franz Petri ausgefertigte in diesen Kontext gehört. Für die Überlassung der Dokumente danke ich Wolfgang Zender.
  • 61: Bach schrieb in einem Fragebogen, er sei 1945 „aus Straßburg amtsverdrängt worden“, an anderer Stelle gibt er die „amtslose Zeit“ vom 9.5.1945 bis zum 30.9.1948 an. Danach wurde er wegen seines Augenleidens in den Ruhestand versetzt, 1954 dann emeritiert und zum Lehrbeauftragten ernannt, UAB PA 224; PF-PA 653. Bach hatte bereits 1931 den abwesenden Steinbach als Direktor vertreten, ALVR 11061. 1940 schloss die Pädagogische Hochschule in Bonn, Steinbach suchte eine neue Beschäftigung für Bach, der ihn in Bonn vertreten sollte, was dieser zum Beispiel 1942 auch tat, ALVR 11057.
  • 62: Sicherlich hatte Zender dabei stets auch die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in seinem Heimatkreis Bitburg vor Augen, dazu ausführlich die leider ungedruckte Staatsexamensarbeit von Grasediek, Zentrumspartei.
  • 63: Einzelheiten bei Ditt, Kulturraumforschung, S. 131-136; Rusinek, Traditionen, S. 1154; Schärer, Martin, Deutsche Annexionspolitik im Westen. Die Wiedereingliederung Eupen-Malmedys im Zweiten Weltkrieg, Bern 1978, S. 32, 108; Fahlbusch, Deutschtumspolitik, S. 645.
  • 64: Ditt, Kulturraumforschung, S. 149-153; Nikolay-Panter, Marlene, Der Steinbach-Lehrstuhl an der Universität Bonn und seine Wiederbesetzung (1960-1962), in: Das Heute hat Geschichte. Forschungen zur Geschichte Düsseldorfs, des Rheinlandes und darüber hinaus. Festschrift für Clemens von Looz-Corswarem, Essen 2012, S. 279-295; Janssen, Institut.
  • 65: Die subtilen Möglichkeiten, „politisch unzuverlässige“ (katholische) Zeitgenossen im täglichen Leben zu schikanieren, zeigt anschaulich Hehl, Ulrich von, Die katholische Kirche im Rheinland während des Dritten Reiches. Kirchenpolitische und alltagsgeschichtliche Aspekte, in: RhVjbl 59 (1995), S. 249-270, hier S. 164-267. Wie sehr auch die (katholische) Volkskunde überwacht wurde, zeigt das Beispiel des Kaplans Benedikt Caspar, der 1939 in seinem Buch „Rund um den schiefen Turm“ eine religiöse Volkskunde der Stadt Mayen veröffentlichte und darin die Veränderungen des „Dritten Reichs“ zur Verärgerung der Machthaber vollständig ignorierte, vgl. den Bericht der SD-Außenstelle Koblenz bei Brommer, Peter, Das Bistum Trier im Nationalsozialismus aus der Sicht von Partei und Staat, Mainz 209, Nr. 217.
  • 66: Persch/Schneider, Beharrung, S. 393-395 (zum Priesterseminar), 82, 97, 182 (Hansen), 187, 735 (Backes); Der Weltklerus der Diözese Trier seit 1800, Trier 1941, S. 37, 40, 142; Handbuch des Bistums Trier, 20. Auflage Trier 1962, S. 84-85, 92-93, 95; 22. Auflage 1991, Teil 3, S. 581-582 (zu Hansen); Bischöflichen Priesterseminar Trier. Vorlesungs-Verzeichnis. Winter-Semester 1947-1948; Theologische Fakultät, Trier. Vorlesungsverzeichnis für das Sommer-Semester 1951.
  • 67: BBKL, Band 20 (2002), Sp. 85-86; Nosbüsch, Johannes, Ein Mann aus Wettlingen. Prälat Professor Dr. Wilhelm Bartz zum Gedenken, in: Landkreis Bitburg-Prüm. Heimatkalender 1984, S. 58-64 (Nosbüsch war Schüler von Bartz und erwähnt das Geschichtenerzählen seiner Mutter); Reinhardt, Klaus, Er sprach früh vom Volk Gottes, in: Große Persönlichkeiten der Theologischen Fakultät, Trier, Trier 2011, S. 10-12.
  • 68: Schützeichel, Heribert, Schrittmacher der Ökumene, in: Große Persönlichkeiten, S. 40-41; Monz, Lexikon, S. 15-16; Neu, Bitburger Persönlichkeiten, Band 2, S. 99-103.
  • 69: Schwall, Gymnasium, S. 336, 338.
  • 70: Löffler war seit 1924 als Ministerialrat Leiter der Schulabteilung beim Kultusministerium in Stuttgart. Er setzte sich besonders für das deutsche Schulwesen im Ausland ein. Hier ergeben sich Berührungspunkte mit der Arbeit des VDA. Auch nach seiner Pensionierung 1951 war er bei der Kulturministerkonferenz und für das Goethe-Institut tätig. Einige Hinweise bei Dietz/Gabel/Tiedau, Griff, Band 2, S. 617, 1030.
  • 71: Tiedau, Franz Petri, S. 470; Schöttler, Westforschung, S. 212.
  • 72: Fahlbusch hat dieses Netzwerk recht treffend charakterisiert: „Die Teilnehmer selbst hatten, sofern sie die bürokratische Hürde der Entnazifizierung überwunden hatten – und es gibt keinen Zweifel, dass angesichts der Persilscheine ehemaliger Kollaborateure keiner der Volkswissenschaftler diese nicht überstand – sich durch Nachwuchskräfte ergänzt.“ Fahlbusch, Deutschtumspolitik, S. 645. Nikolay-Panter, Marlene, Kontinuität und Wandel. Die Arbeitsgemeinschaft für westdeutsche Landes- und Volksforschung in Bonn (1949/50-1969), in: Thüringische und Rheinische Forschungen: Bonn – Koblenz – Weimnar – Meiningen. Festschrtift für Johannes Mötsch zuim 65. Geburtstag, Leipzig 2014, S. 502-525.
  • 73: Dietz/Gabel/Tiedau, Griff, Band 2, S. 610, 614, 645-646, 1088; Kartheuser, Jahre; Haar/Fahlbusch, Handbuch, S. 376, 470, 474 (!), 652; Lejeune, Kulturbeziehungen, S. 112, 115, 126, 132, 134, 142, 151-152. An neueren Arbeiten zur Biographie: Brüll, Christoph, Franz Thedieck (1900-1995). „Zeitgenossen des Jahrhunderts“, in: Historisch-politische Mitteilungen 20 (2013), S. 341-370 (http://www.kas.de/upload/ACDP/HPM/HPM_20_13/21-Bruell.pdf); Brüll, Christoph, Vom „Reichsbeauftragten für Eupen-Malmedy“ zum Staatssekretär der Regierung Adenauer: Franz Thedieck (1900-1995), in: Brüll, Christoph [u. a.] (Hg.), Eine ostbelgische Stunde Null? Eliten aus Eupen und Malmedy vor und nach 1944, Brüssel 2013, S. 87-105; Brüll, Verhältnis.
  • 74: Bundesarchiv Koblenz, N 11/1174/57. Den Hinweis verdanke ich Brüll, Verhältnis, Anm. 45.
  • 75: Streit war von 1963 bis 1969 Präsident des Verwaltungsgerichts Köln.
  • 76: UAB PA 11967 III, fol. 110-114. Die Entnazifizierungsbescheinigung Zenders in UAB PA 11967 III, fol. 86.
  • 77: RhVjbl 8 (1938), S. 165-178. Zur Aachener Tagung Fahlbusch, Deutschtumspolitik, S. 626.
  • 78: UAB IGL 35.
  • 79: UAB IGL 105; Rusinek, Traditionen, S. 1184; Beyen, Vorhut, S. 365.
  • 80: UAB IGL 105.
  • 81: Rusinek, Traditionen, S. 1184.
  • 82: RhVjbl 21 (1956), S. 97-109; Hermel, Verzeichnis, S. 195.
  • 83: Wobei Zender durchaus 1940 in einem gemeinsam mit Steinbach verfassten Gutachten zu dem Ergebnis kam, das Endziel jeder deutschen Kulturpolitik müsse 'die volle Wiedereindeutschung dieser alten volksdeutschen Gebiete sein.' Lejeune, Westen, S. 530-531.
  • 84: Die Heimat Eupen-Malmedy 1 (1936), S. 18-19, 30-31, 37-38.
  • 85: RhVjbl 7 (1937), S. 25-46, S. 37 wird die „rassische Verschiedenheit“ zur Begründung unterschiedlicher Erzählertemperamente bemüht.
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Schmid, Wolfgang, Matthias Zenders Sagensammlung, der Eifelverein, das Bonner Institut für geschichtliche Landeskunde und die „Westforschung“, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/matthias-zenders-sagensammlung-der-eifelverein-das-bonner-institut-fuer-geschichtliche-landeskunde-und-die-westforschung/DE-2086/lido/5acb2f896ad4c1.25732577 (30.11.2018)