Hans Knappertsbusch

Dirigent (1888-1965)

Charlotte Kalenberg (Bayreuth)

Der junge Hans Knappertsbusch (1888-1965). (George Grantham Bain Collection (Library of Congress))

Schlagworte

Hans Knap­perts­busch war ein be­deu­ten­der Di­ri­gent der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts. Er wirk­te vor al­lem in Bay­reuth, Mün­chen und Wien und wid­me­te sich in­ten­siv der spät­ro­man­ti­schen Oper, vor al­lem den Wer­ken Ri­chard Wag­ners und Ri­chard Strauss‘. Knap­perts­busch war je­ner Di­ri­gent, der nach dem Zwei­ten Welt­krieg zur Er­öff­nung des „neu­en Bay­reu­th“ den ers­ten Par­si­fal di­ri­gie­ren durf­te.

Hans Knap­perts­busch wur­de am 12.3.1888 in El­ber­feld (heu­te Stadt Wup­per­tal) als zwei­tes von drei Kin­dern des Spi­ri­tuo­sen-Fa­bri­kan­ten Gus­tav Knap­perts­busch (1850-1905) und sei­ner Ehe­frau Ju­lie, ge­bo­re­ne Wie­gand (1857-1913), ge­bo­ren. Die Fa­mi­lie war evan­ge­lisch-re­for­miert. Knap­perts­busch war der Ers­te in sei­ner Fa­mi­lie, der ei­nen Hang zur Mu­sik hat­te. Er er­hielt Mu­sik­un­ter­richt und be­reits in der Schul­zeit trat sein mu­si­ka­li­sches Ta­lent her­vor. Hat­ten die El­tern zu­nächst mit Stolz die ers­ten Di­ri­gier­ver­su­che des Soh­nes be­trach­tet, der auf dem Re­al­gym­na­si­um das Schü­ler­or­ches­ter di­ri­gier­te, stieß der Be­rufs­wunsch, da­mit die be­ruf­li­che Zu­kunft zu ge­stal­ten, al­ler­dings auf Wi­der­stand. Er soll­te Ge­schäfts­mann und im Bren­ner­ei­ge­schäft der Fa­mi­lie tä­tig wer­den. Nach dem Tod des Va­ters 1905 stand dem Mu­sik­stu­di­um des Soh­nes nichts mehr im We­ge. Knap­perts­busch be­such­te fort­an das Kon­ser­va­to­ri­um in Köln, wo er Di­ri­gier­un­ter­richt bei Fritz Stein­bach (1855-1916) und Ot­to Loh­se (1859-1925) nahm. Für das Kla­vier­spiel be­such­te er die Klas­se Laz­za­ro Uzi­el­lis (1861-1943). Gleich­zei­tig im­ma­tri­ku­lier­te er sich an der Uni­ver­si­tät Bonn und hör­te Vor­le­sun­gen in Phi­lo­so­phie und Mu­sik­wis­sen­schaft.

 

In der Mu­sik­welt fass­te er früh Fuß. 1909 - ein Jahr nach Stu­di­en­be­ginn - wur­de er in Mül­heim an der Ruhr in ei­nem klei­nen Thea­ter­un­ter­neh­men so­wie in Bo­chum be­schäf­tigt. Er blieb bis 1912. Zur glei­chen Zeit durf­te er in Bay­reuth Sieg­fried Wag­ner (1869-1930), dem Sohn Ri­chard Wag­ners und Hans Rich­ter (1843-1916) bei den Bay­reu­ther Fest­spie­len as­sis­tie­ren. Hans Rich­ter ge­wann ei­nen prä­gen­den Ein­fluss auf den Di­ri­gen­ten, vor al­lem in des­sen Lei­den­schaft für das Werk Ri­chard Wag­ners, dem Rich­ter sei­ner­zeit as­sis­tiert hat­te.

Knap­perts­buschs Kar­rie­re be­gann 1913 in El­ber­feld, wo er zum Opern­chef er­nannt wur­de. Da­für brach er ei­ne an der Uni­ver­si­tät Mün­chen be­gon­ne­ne, kurz vor der Voll­endung ste­hen­de Dis­ser­ta­ti­on mit dem Ti­tel „Über das We­sen der Kund­ry in Wag­ners Par­si­fal“.ab. Das Ma­nu­skript gilt als ver­schol­len. 1914 wur­de ihm die mu­si­ka­li­sche Lei­tung der Wag­ner-Fest­spie­le in Hol­land über­tra­gen. Knap­perts­busch gab sich den be­wun­der­ten Wer­ken Ri­chard Wag­ners hin und führ­te 1914 als ers­ter deut­scher Di­ri­gent den „Par­si­fal“ auf.

1918 hei­ra­te­te der jun­ge Mu­si­ker El­len Sel­ma Neu­haus (1896-1987). Die 1919 ge­bo­re­ne Toch­ter Ani­ta starb mit 19 Jah­ren an ei­nem Ge­hirn­tu­mor. Die Ehe wur­de 1926 ge­schie­den. 1926 hei­ra­te­te er in zwei­ter Ehe Ma­ri­on von Leip­zig (1898-1984). Die Ver­bin­dung blieb kin­der­los.

1918 über­nahm Knap­perts­busch das Amt des Opern­chefs in Leip­zig. Be­reits ein Jahr spä­ter - 1919 - wur­de er Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor am Fried­rich-Thea­ter (heu­te An­hal­ti­sches Thea­ter) in Des­sau und da­mit Deutsch­lands jüngs­ter Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor. Nach vier Jah­ren in Des­sau wech­sel­te er an die Staats­oper in Mün­chen und folg­te dort Bru­no Wal­ter (1876-1962) nach, des­sen Rück­tritt aus po­li­ti­schen und künst­le­ri­schen Grün­den nicht oh­ne Schwie­rig­kei­ten statt­fand.

In Mün­chen wur­de Knap­perts­busch bei Mit­ar­bei­tern wie Kon­zert­be­su­chern schnell zu ei­nem an­ge­se­he­nen und be­lieb­ten Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor; ne­ben Opern di­ri­gir­te er auch die Kon­zer­te im Ode­on. Die Ver­gü­tung da­für spen­de­te er der Mu­sik­aka­de­mie. 1923 wur­de er zum Pro­fes­sor er­nannt und kurz dar­auf zum „Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor auf Le­bens­zeit“. Doch da­zu soll­te es nicht kom­men, da der ei­gen­sin­ni­ge Di­ri­gent in Kon­flikt mit den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ge­riet.

1933 ver­fass­te Knap­perts­busch ei­nen öf­fent­li­chen Brief und in­iti­ier­te so ge­mein­sam mit Hans Pfitz­ner (1869-1949) den „Pro­test der Ri­chard-Wag­ner-Stadt Mün­chen“. Das Schrei­ben rich­te­te sich ge­gen Tho­mas Mann (1875-1955) und sein Es­say „Lei­den und Grö­ße Ri­chard Wag­ner­s“. Dar­in setz­te sich Mann mit dem Er­be Wag­ners aus­ein­an­der­setz­te, in­dem er kri­tisch die po­li­ti­sie­ren­de Wir­kung der Wer­ke be­trach­te­te, die sich im spe­zi­el­len Adolf Hit­ler (1889-1945) als po­li­ti­sches Werk­zeug zu Ei­gen mach­te. Knap­perts­busch und an­de­re na­tio­nal ge­sinn­te Per­sön­lich­kei­ten sa­hen dar­in ei­ne Ver­un­glimp­fung Wag­ners. Wel­che Mo­ti­ve ge­nau zu dem Pro­test­schrei­ben führ­ten, ist un­klar. Ne­ben der Ver­tei­di­gung Ri­chard Wag­ners wer­den auch po­li­ti­sche Be­weg­grün­de als Mög­lich­keit ge­nannt. Die Pro­test­ak­ti­on könn­te als Vor­wand ge­dient ha­ben, den um­strit­te­nen Tho­mas Mann po­li­tisch zu de­nun­zie­ren und gleich­zei­tig Mün­chen ge­gen­über Bay­reuth als Wag­ner-Stadt zu pro­fi­lie­ren. Mann sel­ber be­zeich­ne­te das Vor­ge­hen als „na­tio­na­le Ex­kom­mu­ni­ka­ti­on“. 40 pro­mi­nen­te Mün­che­ner, dar­un­ter Na­tio­nal­so­zia­lis­ten, be­tei­lig­ten sich mit ih­rer Un­ter­schrift an dem Pro­test­brief, der am 16./17. April in den „Münch­ner Neu­es­ten Nach­rich­ten“ er­schien. Gleich­zei­tig wur­de er durch die „Baye­ri­sche Staats­zei­tun­g“ und über den Rund­funk ver­brei­tet. In Fol­ge des Pro­tests ver­ließ der po­li­tisch be­droh­te Mann Mün­chen und auch Deutsch­land.

An­de­re Aus­sa­gen, die Knap­perts­busch ge­gen­über ei­nem NS-Funk­tio­när äu­ßer­te, ver­schaff­ten ihm in den Ak­ten den Sta­tus als „po­li­tisch un­zu­ver­läs­si­g“. In ei­nem Ge­spräch, das bis zu Jo­seph Go­eb­bels vor­drang, be­zeich­ne­te Knap­perts­busch die Re­gie­rungs­mit­glie­der als Phan­tas­ten. Auch frag­te er, ob sein Ge­gen­über ein „Muss-Na­zi“ sei, da vie­le Be­am­te zum Par­tei­b­ei­tritt ge­zwun­gen wür­den. Ein of­fe­ne­res Vor­ge­hen ge­gen das neue Re­gime zeig­te er je­doch nicht. In ei­ni­gen Fäl­len, die kein ein­deu­ti­ges Bild von ihm als Par­tei­geg­ner zu­las­sen, zeig­te er bis zu ei­nem ge­wis­sen Gra­de auch An­pas­sung. Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Fes­ti­vi­tä­ten boy­kot­tier­te er nicht und trat an den Hit­ler-Ge­burts­tags­fei­ern 1943 und 1944 auf. Star-Di­ri­gen­ten wie Knap­perts­busch und Wil­helm Furt­wäng­ler (1886-1954) soll­ten ih­re Fä­hig­kei­ten und die deut­sche Mu­sik­kul­tur vor dem Aus­land dar­stel­len, vor al­lem mit Wer­ken Ri­chard Wag­ners. Da­für rück­te das Feh­len ei­ner na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ge­sin­nung in den Hin­ter­grund. Wäh­rend des Krie­ges soll­te die Kunst als Mit­tel der Pro­pa­gan­da und der Ideo­lo­gie wei­ter be­ste­hen, so­wohl nach in­nen als auch nach au­ßen. 1943 trat Knap­perts­busch im be­setz­ten Frank­reich mit den Wie­ner und Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern auf. Sein Kol­le­ge Furt­wäng­ler blieb sol­chen Ver­an­stal­tun­gen bis auf we­ni­ge Aus­nah­men fern. Auch zeig­te Knap­perts­busch sich in der Öf­fent­lich­keit nicht so­li­da­risch ge­gen­über Furt­wäng­ler, der aus Non­kon­for­mi­tät mit den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten von sei­nem Amt zu­rück­trat. Er be­wahr­te sich mit sei­nem Ver­hal­ten ei­nen ge­wis­sen Spiel­raum, um sich der Mu­sik zu wid­men und Maß­nah­men des Re­gimes zu hin­ter­ge­hen.

Als Mün­che­ner Opern­chef ab­ge­setzt, wirk­te Knap­perts­busch seit 1936 vor al­lem an der Wie­ner Staats­oper und wid­me­te sich Wag­ner- und Strauss-Auf­füh­run­gen. Über­wie­gend le­dig­lich als Gast­di­ri­gent tä­tig, konn­te er die Pen­si­on aus sei­ner Zeit an der Baye­ri­schen Staats­oper wei­ter­hin be­zie­hen. Er war so­wohl mu­si­ka­lisch als auch or­ga­ni­sa­to­risch ei­ne Be­rei­che­rung für Wien, nicht zu­letzt für die Wer­ke von Ri­chard Strauss (1864-1949), die weit­ge­hend vom Spiel­plan ver­schwun­den wa­ren. Mit Strauss ver­band Knap­perts­busch ei­ne lang­jäh­ri­ge Skat­freund­schaft. Ei­ni­ge Aben­de in Wien und Mün­chen oder auch meh­re­re Wo­chen in der Schweiz wur­den beim Kar­ten­spiel und Wan­dern ge­mein­sam ver­bracht. Auch wenn die Freund­schaft zer­brach, wur­den die Opern von Strauss durch Knap­perts­busch wie­der­be­lebt.

Hans Knappertsbusch mit den beiden Wagnerenkeln Wolfgang (links) und Wieland. (Knappertsbusch-Stiftung)

 

Knap­perts­busch fun­gier­te auch als Rat­ge­ber für den Wie­ner Opern­di­rek­tor Dr. Er­win Ker­ber (1891-1943) und war hoch en­ga­giert. Zwi­schen 1936 und 1955 stan­den 400 Aben­de un­ter sei­ner Lei­tung. Noch am 12.3.1938, als mor­gens die deut­schen Trup­pen ein­mar­schier­ten, di­ri­gier­te er „Tris­tan und Isol­de“. Nach dem Auf­tritts­ver­bot vom Fe­bru­ar 1936 durf­te er im Ju­ni 1936 wie­der im Reich au­ßer in Bay­ern auf­tre­ten. Von Hit­ler mehr ge­dul­det als ge­schätzt, konn­te die­ser ge­gen den be­gna­de­ten Di­ri­gen­ten man­gels Al­ter­na­ti­ven nicht wei­ter vor­ge­hen. Knap­perts­busch war sich des­sen durch­aus be­wusst. Bei Kriegs­aus­bruch ge­hör­te er zu den Künst­lern, die we­gen ih­rer Un­er­setz­bar­keit vom Wehr­dienst be­freit wur­den. Wie Karl Böhm (1894-1981), Her­bert von Ka­ra­jan (1908-1989) und Cle­mens Krauss (1893-1954) stand er auf der Lis­te der „Gott­be­gna­de­ten“. Für un­er­setz­ba­re Künst­ler war es im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus leich­ter, die Kar­rie­re fort­zu­füh­ren. Den Mit­tel­bau traf es schlim­mer. In der Wie­ner Staats­oper wur­den nach der Be­set­zung Ös­ter­reichs vor­erst vor al­lem der Chor, das Or­ches­ter und das Bal­lett „ge­säu­ber­t“. Für neun „jü­disch ver­sipp­te“ Mu­si­ker der Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker konn­ten Furt­wäng­ler und Knap­perts­busch, Son­der­ge­neh­mi­gun­gen durch­set­zen. Ins­ge­samt konn­ten 30 Mit­glie­der des Per­so­nals an der Wie­ner Staats­oper vor der Ent­las­sung und sons­ti­gen na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Maß­nah­men ge­schützt wer­den, ob­wohl sie nicht voll den Ras­sen­ge­set­zen ent­spra­chen. Bis 1941 war es Knap­perts­busch mög­lich, En­ga­ge­ments zu ver­ge­ben, wo­bei er kri­tisch be­trach­te­te Künst­ler be­vor­zug­te. An­de­ren wie­der­um half er, An­stel­lun­gen au­ßer­halb des Deut­schen Rei­ches zu be­kom­men. 

Zu Guns­ten der Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker ver­zich­te­te er zwi­schen 1938 und 1941 auf ins­ge­samt 8.000 Reichs­mark Ho­no­rar und emp­fing pro Kon­zert nur ein Vier­tel des ihm zu­ste­hen­den Be­trags.

Auch in Salz­burg war Knap­perts­busch wäh­rend der NS-Zeit tä­tig. Er wid­me­te sich in sei­nen Auf­trit­ten ne­ben Beet­ho­ven, Bruck­ner und Strauß vor al­lem wie­der Ri­chard Wag­ner. Um sich mit Wag­ner-Auf­füh­run­gen in­ter­na­tio­nal zu pro­fi­lie­ren, wur­den Bay­reu­ther Wag­ner-Opern staat­lich stär­ker ge­för­dert als die Salz­bur­ger Fest­spie­le. Pro­gram­me und Be­set­zung wur­den der Po­li­tik an­ge­passt. Knap­perts­busch di­ri­gier­te im März 1938 im Bei­sein Her­mann Gö­rings (1893-1946) Beet­ho­vens „Fi­de­lio“, wo­für der ur­sprüng­lich da­für vor­ge­se­he­ne ita­lie­ni­sche Di­ri­gent Ar­turo To­sca­ni­ni (1867-1957) aus dem Pro­gramm ge­stri­chen wer­den konn­te. Auch di­ri­gier­te er Mo­zarts „Hoch­zeit des Fi­ga­ro“ an Stel­le des jü­disch-stäm­mi­gen Bru­no Wal­ter. Auf den Salz­bur­ger Fest­spie­len 1938 wur­den nur Wer­ke deut­scher und ös­ter­rei­chi­scher Kom­po­nis­ten auf­ge­führt. Knap­perts­busch er­setz­te To­sca­ni­ni, der den „Tann­häu­ser“ hat­te lei­ten sol­len. Stolz ver­kün­de­te die Pres­se, die Ver­an­stal­tung sei frei von „Ju­den und Ne­gern“ ge­hal­ten wor­den. 1941 trat Knap­perts­busch letzt­ma­lig auf den Salz­bur­ger Fest­spie­len auf.

Nach En­de des Krie­ges be­gab sich Knap­perts­busch wie­der nach Mün­chen. Im Zu­ge der Ent­na­zi­fi­zie­rung wur­de er von den Al­li­ier­ten ne­ben 300 an­de­ren Künst­lern auf die schwar­ze Lis­te ge­setzt. Miss­ver­ständ­nis­se führ­ten er­neut zu ei­nem Di­ri­gier­ver­bot. Erst 1947 er­hielt er ei­ne förm­li­che Ent­schul­di­gung von den Ame­ri­ka­nern und kehr­te an die Staats­oper zu­rück, je­doch oh­ne ein fes­tes Amt an­zu­neh­men.

Die Zeit der Iso­la­ti­on hat­te ihn nach­hal­tig ge­prägt, er ent­wi­ckel­te ei­ne tie­fe An­ti­pa­thie ge­gen Ame­ri­ka und mied, wenn mög­lich, Men­schen­kon­takt. Auf dem Po­di­um ging von ihm ei­ne auf­fäl­li­ge Be­schei­den­heit aus. Sel­ten zeig­te er sich mehr­mals nach ei­ner Auf­füh­rung und wich hart­nä­ckig je­dem Ju­bel oder Bei­falls­be­kun­dun­gen aus. Zeit­ge­nos­sen ver­tra­ten die Mei­nung, die­ses Ver­hal­ten sei ein Zei­chen von Un­si­cher­heit, an­de­re mein­ten, er he­ge ge­gen­über dem Pu­bli­kum nur blo­ße Gleich­gül­tig­keit. Frag­lich sei, wann Un­ei­tel­keit zu Ei­tel­keit wer­de. Bei der Pre­mie­re der „Lus­ti­gen Wei­ber von Windsor“ von Ot­to Ni­co­lai (1810-1849) im Jah­re 1957 schlich er sich so­gar ver­deckt zu sei­nem Platz und konn­te so dem Ap­plaus ent­ge­hen. Hin­ter sei­nem Rü­cken muss­te im Kon­zert­saal stets ein Holz­git­ter an­ge­bracht wer­den, um Dis­tanz zu den Zu­hö­rern zu schaf­fen. Das Pu­bli­kum nahm dem äu­ßerst be­lieb­ten Di­ri­gen­ten sol­che Ei­gen­hei­ten je­doch nicht übel.

1951 ver­schlug es ihn wie­der zu den Wag­ner-Fest­spie­len nach Bay­reuth, wo er zu­letzt vor über 40 Jah­ren As­sis­tent von Hans Rich­ter und Sieg­fried Wag­ner ge­we­sen war. Dort mit 63 Jah­ren den „Par­si­fal“ zu di­ri­gie­ren, emp­fand er als Krö­nung sei­nes Le­bens. Die Fest­spie­le stan­den nun un­ter der Lei­tung von Wie­land Wag­ner (1917-1966), ei­nem En­kel des gro­ßen Kom­po­nis­ten. Der Tra­di­tio­na­list und Alt-Wag­ne­ria­ner Knap­perts­busch konn­te sich je­doch mit der mu­si­ka­li­schen Neu­aus­rich­tung der Fest­spie­le nicht an­freun­den. Der ne­ben ihm als Di­ri­gent in Bay­reuth tä­ti­ge Her­bert von Ka­ra­jan da­ge­gen setz­te sich für Fort­schritt und mo­der­ne In­ter­pre­ta­tio­nen ein und stand so im grö­ßt­mög­li­chen Ge­gen­satz zu dem Schü­ler von Hans Rich­ter. Auch mit dem Wag­ner-En­kel und des­sen Büh­nen­kom­po­si­tio­nen hat­te Knap­perts­busch sei­ne Schwie­rig­kei­ten. Er ließ je­doch nicht da­von ab, sich auf die Tra­di­ti­on zu kon­zen­trie­ren und das von Hans Rich­ter Ge­lern­te zu er­hal­ten und wei­ter­zu­ge­ben. Kom­pro­mis­se hiel­ten ihn in Bay­reuth, wo er bis 1964 fast jähr­lich den „Par­si­fal“ di­ri­gier­te.

Hans Knappertsbusch dirigiert Beethovens 'Die Weihe des Hauses' zur Wiedereröffnung der Bayerischen Staatoper, 21. November 1963. (hansknappertsbusch.de)

 

Ähn­lich be­rühmt war er eben­falls für sein Mund­werk. Es kam vor, dass er un­be­gab­te Künst­ler, vor al­lem Sän­ger, in sei­nen Auf­füh­run­gen be­schimpf­te oder sei­nen An­sich­ten mit lau­ten, un­ver­blüm­ten Flü­chen Aus­druck ver­lieh.

Mit 77 Jah­ren starb Hans Knap­perts­busch an den Fol­gen ei­nes Ober­schen­kel­hals­bruch am 25.10.1965 in Mün­chen, wo er auf dem al­ten Bo­gen­hau­se­ner Fried­hof be­gra­ben wur­de.

Knap­perts­busch war Eh­ren­mit­glied der Baye­ri­schen Staats­oper und Eh­ren­bür­ger von Bay­reuth (1953) und Mün­chen (1963). Zu sei­nem 70. Ge­burts­tag ver­lieh ihm die Stadt Mün­chen ei­ne Eh­ren­me­dail­le in Gold. Mit dem Baye­ri­schen Ver­dienst­or­den war er be­reits 1958 ge­ehrt wor­den. An­läss­lich des 100. Ge­bur­ta­ges des gro­ßen Di­ri­gen­ten wur­de am 12.3.1988 an sei­nem Ge­burts­haus an der Funck-Stra­ße 55 (frü­her Rhei­ni­sche Stra­ße) in Wup­per­tal-El­ber­feld ei­ne Ge­denk­ta­fel an­ge­bracht. Auch Stra­ßen wur­den nach ihm be­nannt, so in Bay­reuth, Mün­chen und Pforz­heim.

Quellen

Baye­ri­sche Staats­bi­blio­thek Mün­chen Ana 485: Nach­lass von Hans Knap­perts­busch (1888-1965).

Literatur

Betz, Ru­dolf/Pan­ofs­ky, Wal­ter, Knap­perts­busch, In­gol­stadt 1958.
Braun, Franz, „Ehr­furcht hielt mich in Acht...!“ Hans Knap­perts­busch zur Er­in­ne­rung. Zum 100. Ge­burts­tag des be­rühm­ten Di­ri­gen­ten am 12.3.1988.
Knap­perts­busch, Wil­helm Gus­tav, Die Knap­perts­busch und ih­re Vor­fah­ren. Ge­nea­lo­gie ei­nes Sip­pen­krei­ses, El­ber­feld 1943.
Kröncke, Diet­rich, Neu­es von Ri­chard Strauss. Ei­ne se­lek­ti­ve Bio­gra­phie. Mit Rand­be­mer­kun­gen und Ex­kur­sen zu Knap­perts­busch und Skat, Tho­mas Mann und Wag­ner – „Pro­tes­t“, Strauss und Pfitz­ner, Tutzing 2011, S. 79-96.
No­vak, An­dre­as, Salz­burg hört Hit­ler at­men. Die Salz­bur­ger Fest­spie­le. 1933-1944, Mün­chen 2005.
Schött­le, Ru­pert, Göt­ter im Frack. Das Jahr­hun­dert der Di­ri­gen­ten, Wien 2000, S. 110-121.
Schon­berg, Ha­rold Charles, Die gros­sen Di­ri­gen­ten. Ei­ne Ge­schich­te des Or­ches­ters und der be­rühm­tes­ten Di­ri­gen­ten von den An­fän­gen bis zur Ge­gen­wart, Bern/Mün­chen 1970.
Schrei­ber, Wolf­gang, Gros­se Di­ri­gen­ten. Mit ei­nem Vor­wort von Sir Pe­ter Jo­nas, Mün­chen 2005.
Va­get, Hans Ru­dolf, See­len­zau­ber. Tho­mas Mann und die Mu­sik, Frank­furt am Main 2006.

Online

Zent­ner, Wil­helm, "Knap­perts­busch, Hans" in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 12 (1979), S. 157 [On­line].

Der Dirigent Hans Knappertsbusch in älteren Jahren.

 
Anmerkungen
  • 1: nappertsbusch ließ sich jedoch als Deutschnationaler von der Ideologie der Nationalsozialisten nicht mitreißen. Sein Weltbild ließ sich mit der Autoritätshörigkeit der „Proleten“
  • 2: nappertsbusch ließ sich jedoch als Deutschnationaler von der Ideologie der Nationalsozialisten nicht mitreißen. Sein Weltbild ließ sich mit der Autoritätshörigkeit der „Proleten“
  • 3: er konservative Knappertsbusch war in seinem Denken stark in der romantischen, deutschen Musiktradition verwurzelt, was sich auch in seiner traditionalen Arbeit zeigte. Rassismus und Rassenlehre gehörten nicht zu seiner Gedankenwelt. Er trat auch nicht der NSDAP bei. Zweimal eckte er bei Adolf Hitler persönlich an. Anschließend an den Besuch einer Aufführung des „Rosenkavaliers“ in München fragte Hitler den Dirigenten nach den Gründen für dessen Erfolg. Dieser soll geantwortet haben: „Das habe ich alles beim alten Juden Leo Blech gelernt.“
  • 4: er gebürtige Rheinländer, liebevoll auch der „Kna“ genannt, dirigierte im „altdeutschen Stil“ und gab sich nicht der neuen Sachlichkeit der 1930er Jahre hin. Zeitgenössischer Musik stand er äußerst kritisch gegenüber und stand, wie Wilhelm Furtwängler, Willem Mengelberg (1871-1951) oder Bruno Walter, in der Tradition des 19. Jahrhunderts. Er gehörte mit zu den „alten“ „deutschen Meistern“, vor allem hinsichtlich der Inszenierungen von Wagner-Werken. Auch Strauss und die Wiener Musik gehörten zu seinen Favoriten. Knappertsbusch verwendete keinerlei moderne Elemente in seinen Interpretationen. Er unterwarf sich dabei jedoch keinen Zwängen und dirigierte stets nach Gefühl und jeden Abend neu aus dem Augenblick heraus. Beobachtern zufolge besaß er eine ungewöhnliche, runde Schlagtechnik und erreichte durch kleinste Gesten und Mimiken merkliche Wirkung im Orchester. Gelegentlich ließ er die Hände ruhen und seine Blicke genügten, um die Musiker anzuleiten. Erich Kleiber (1890-1956) sagte einmal über seinen Kollegen, das „bloße Heben seines Manschettenknopfes [könne] ein Pianissimo in ein Fortissimo verwandeln“.
  • 5: er gebürtige Rheinländer, liebevoll auch der „Kna“ genannt, dirigierte im „altdeutschen Stil“ und gab sich nicht der neuen Sachlichkeit der 1930er Jahre hin. Zeitgenössischer Musik stand er äußerst kritisch gegenüber und stand, wie Wilhelm Furtwängler, Willem Mengelberg (1871-1951) oder Bruno Walter, in der Tradition des 19. Jahrhunderts. Er gehörte mit zu den „alten“ „deutschen Meistern“, vor allem hinsichtlich der Inszenierungen von Wagner-Werken. Auch Strauss und die Wiener Musik gehörten zu seinen Favoriten. Knappertsbusch verwendete keinerlei moderne Elemente in seinen Interpretationen. Er unterwarf sich dabei jedoch keinen Zwängen und dirigierte stets nach Gefühl und jeden Abend neu aus dem Augenblick heraus. Beobachtern zufolge besaß er eine ungewöhnliche, runde Schlagtechnik und erreichte durch kleinste Gesten und Mimiken merkliche Wirkung im Orchester. Gelegentlich ließ er die Hände ruhen und seine Blicke genügten, um die Musiker anzuleiten. Erich Kleiber (1890-1956) sagte einmal über seinen Kollegen, das „bloße Heben seines Manschettenknopfes [könne] ein Pianissimo in ein Fortissimo verwandeln“.
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Kalenberg, Charlotte, Hans Knappertsbusch, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hans-knappertsbusch/DE-2086/lido/5c3e076443c600.70608631 (abgerufen am 25.09.2021)