Paul Röhle

Sozialdemokratischer Politiker und Gewerkschafter (1885-1958)

Tobias Kühne (Bonn)

Paul Röhle als Mitglied der Nationalversammlung, 1919. (Büro des Reichstages, Handbuch der verfassungsgebenden Nationalversammlung, Berlin 1919, S. 313)

Schlagworte

Paul Röh­le war ei­ner der zahl­rei­chen Funk­tio­nä­re der So­zi­al­de­mo­kra­tie und der Frei­en Ge­werk­schaf­ten, von dem au­ßer ei­ni­gen Re­den und Zei­tungs­ar­ti­keln kaum et­was über­lie­fert ist. Je­doch len­ken sei­ne Spit­zel­tä­tig­keit für die Ge­sta­po un­ter den Deck­be­zeich­nun­gen „S 17“ und „S 18“ und vor al­lem die feh­len­de und ver­hin­der­te Auf­ar­bei­tung die­ses Fal­les in der Nach­kriegs­zeit den Blick auf ein dunk­les Ka­pi­tel der deut­schen und der so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Ge­schich­te vor und nach 1945.

Der po­li­ti­sche Le­bens­weg des am 29.4.1885 in Bar­men (heu­te Stadt Wup­per­tal) als Sohn ei­nes klei­nen Bau­un­ter­neh­mers ge­bo­re­nen Paul Röh­le war er­folg­reich, aber un­spek­ta­ku­lär. Nach dem Be­such der Volks­schu­le 1891−1899 und ei­ner sich an­schlie­ßen­den De­ko­ra­ti­ons­ma­ler­leh­re in Bar­men ging er auf Wan­der­schaft und ar­bei­te­te bis 1912 als Ma­ler­ge­sel­le. In die SPD war er schon 1902 ein­ge­tre­ten, ein Jahr spä­ter in die Ge­werk­schaft, ver­mut­lich ist er in die­sem Zeit­raum auch aus der evan­ge­li­schen Kir­che aus­ge­tre­ten. Seit 1913 war er ver­hei­ra­tet, der Na­me der Ehe­frau ist je­doch un­be­kannt. Von 1906 bis 1911 war er Vor­sit­zen­der der Fi­lia­le des Ma­ler­ver­bands in Düs­sel­dorf und wech­sel­te da­nach als haupt­amt­li­cher An­ge­stell­ter des Ma­ler­ver­bands nach Plau­en in Sach­sen, wo er gleich­zei­tig Vor­stands­mit­glied des Ge­werk­schafts­kar­tells war und dem Ar­bei­ter- und Sol­da­ten­rat an­ge­hör­te. Von 1919 bis 1933 fun­gier­te er als Be­zirks­par­tei­se­kre­tär der SPD in Hes­sen-Nas­sau mit Sitz in Frank­furt a.M., wo er in­tern als au­to­ri­tä­rer Par­tei­bü­ro­krat galt. 1919 wur­de er als Ab­ge­ord­ne­ter in die Wei­ma­rer Na­tio­nal­ver­samm­lung ge­wählt. Dort be­schäf­tig­te er sich vor al­lem mit dem wich­ti­gen Be­reich der Le­bens­mit­tel­be­wirt­schaf­tung. Von 1924 bis 1933 war er so­wohl Mit­glied des Preu­ßi­schen Land­tags als auch des Reichs­tags, trat dort aber kaum in Er­schei­nung.

Für die Macht­über­nah­me der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten 1933 fand Paul Röh­le mar­ki­ge Wor­te und hielt An­fang Fe­bru­ar die Ar­bei­ter­be­we­gung „für den Au­gen­blick des fa­schis­ti­schen Staats­streichs [für] ge­rüs­te­t“. Das er­wies sich eben­so wie sein vor al­lem ge­gen die KPD ge­rich­te­ter Wahl­kampf als fa­ta­le Fehl­ein­schät­zung, denn auch in Hes­sen-Nas­sau wur­den Par­tei­en und Ge­werk­schaf­ten nach der Reichs­tags­wahl im März 1933 mü­he­los zer­schla­gen. Röh­le selbst muss­te sich im April an den Preu­ßi­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Her­mann Gö­ring (1893-1946) wen­den und teil­te ihm 14 Fäl­le von Miss­hand­lun­gen po­li­ti­scher Freun­de mit. Auch die­se Maß­nah­me blieb wir­kungs­los, im Ju­ni wur­de er kurz­zei­tig in Schutz­haft ge­nom­men und schlug sich da­nach als Ar­beits­lo­ser und spä­ter als Han­dels­ver­tre­ter durch. Ob er be­reits in der Schutz­haft von der Ge­sta­po „um­ge­dreh­t“ wor­den ist, lässt sich rück­bli­ckend nicht be­le­gen. Je­doch lie­gen Do­ku­men­te aus dem Jahr 1938 vor – Röh­le wohn­te mitt­ler­wei­le in Ber­lin-Schö­ne­berg –, in de­nen er die Ge­sta­po aus­gie­big über il­le­ga­le und halb­le­ga­le Tref­fen von So­zi­al­de­mo­kra­ten und Ge­werk­schaf­ter in­for­mier­te. Die de­tail­lier­te Auf­lis­tung von Tref­fen und Vor­gän­gen lässt nur den Schluss zu, dass sei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit der Ge­sta­po nicht oder nicht nur un­ter Druck zu­stan­de kam, son­dern auch auf ei­ge­ner, wo­mög­lich an­ti­kom­mu­nis­tisch mo­ti­vier­ter In­itia­ti­ve be­ruh­te. Sei­ne Ko­ope­ra­ti­on wur­de ihm durch­aus ver­gol­ten, im Fe­bru­ar 1938 er­hielt er 20 Reichs­mark Kos­ten­auf­wands­ent­schä­di­gung.

Nach Kriegs­en­de 1945 be­tei­lig­te sich Paul Röh­le an der Wie­der­grün­dung der SPD in Rhein­land-Pfalz und wur­de dort Ar­beits­mi­nis­ter der pro­vi­so­ri­schen, von den fran­zö­si­schen Be­sat­zungs­be­hör­den ein­ge­setz­ten Lan­des­re­gie­rung un­ter dem Christ­de­mo­kra­ten Wil­helm Bo­den (1890-1961) vom 3.12.1946 bis zum 13.7.1947. Im sel­ben Jahr wur­de er in den ers­ten rhein­land-pfäl­zi­schen Land­tag und dort zum Vi­ze­prä­si­den­ten ge­wählt. Da­ne­ben am­tier­te er bis 1951 als Prä­si­dent des Lan­des­ar­beits­am­tes Rhein­land-Pfalz mit Sitz in Ko­blenz. Schon früh, im Jahr 1949, wur­den die in­kri­mi­nie­ren­den Do­ku­men­te von der kom­mu­nis­ti­schen Zei­tung „Neu­es Le­ben“ pu­bli­ziert und kom­men­tiert. Doch Fol­gen hat­te die­ser Skan­dal für Röh­le nicht, son­dern für die Re­dak­teu­re von „Neu­es Le­ben“, ge­gen die das Land­ge­richt in Fran­ken­thal ein Ver­fah­ren er­öff­ne­te. Die­ses Ge­richt hat­te vor­her ei­ner Un­ter­las­sungs­kla­ge Röh­les statt­ge­ge­ben. Ein Ver­fah­ren ge­gen Röh­le hin­ge­gen wur­de sei­tens der CDU und SPD ver­hin­dert, in­dem ein An­trag der KPD auf Auf­he­bung sei­ner Im­mu­ni­tät im Land­tag ab­ge­schmet­tert wur­de. Die­se Epi­so­de zeigt, dass es nicht nur in Deutsch­land, son­dern auch in der So­zi­al­de­mo­kra­tie er­heb­li­che und heu­te nicht mehr ver­ständ­li­che Wi­der­stän­de bei der Auf­ar­bei­tung und straf­recht­li­chen Ver­fol­gung na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ver­bre­chen gab. Das Ver­hal­ten der rhein­land-pfäl­zi­schen So­zi­al­de­mo­kra­tie ist rück­bli­ckend nicht er­klär­bar und kaum zu ent­schul­di­gen, hat­ten doch auch hier zahl­rei­che Ge­nos­sin­nen und Ge­nos­sen un­ter der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ge­walt­herr­schaft ge­lit­ten.

Paul Röh­le zog nach sei­ner Pen­sio­nie­rung zu­nächst nach Trier und spä­ter nach Wies­ba­den, wo er am 13.1.1958 ver­starb.

Literatur

Ul­rich, Axel, Kon­rad Arndt. Ein Wies­ba­de­ner Ge­werk­schaf­ter und So­zi­al­de­mo­krat im Kampf ge­gen den Fa­schis­mus, Wies­ba­den 2001. [On­line]

Wie­gand, Ri­chard, „Wer hat uns ver­ra­ten…“. Die So­zi­al­de­mo­kra­tie in der No­vem­ber­re­vo­lu­ti­on. Mit ei­nem Vor­wort von F.E. Hoevels und zahl­rei­chen er­gän­zen­den Ma­te­ria­li­en, Frei­burg 1999. 

Online

BIO­SOP-On­line [On­line]
 
Da­ten­bank der deut­schen Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ten [On­line]

Rhein­land-Pfäl­zi­sche Per­so­nen­da­ten­bank [On­line]

 
Zitationshinweis

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Kühne, Tobias, Paul Röhle, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/paul-roehle/DE-2086/lido/65e702ee00eb52.45625064 (abgerufen am 30.05.2024)