Theo Burauen

Oberbürgermeister der Stadt Köln (1906-1987)

Winfried Herbers (Wuppertal)

Oberbürgermeister Theo Burauen während einer Ratssitzung am Rednerpult, undatiert. (www.grevenarchivdigital.de | Kölnische Rundschau)

Ge­burt in Köln und köl­sche We­sens­art sind seit je­her wich­ti­ge Vor­aus­set­zun­gen zur er­folg­ver­spre­chen­den Kan­di­da­tur für ein Wahl­amt und für die Po­pu­la­ri­tät ei­nes Po­li­ti­kers in Köln ge­we­sen. Dem SPD-Ober­bür­ger­meis­ter Theo Burau­en wird die­se köl­sche Ei­gen­art in be­son­de­rer Wei­se zu­ge­schrie­ben: op­ti­mis­tisch, fröh­lich, freund­lich, zu­ge­wandt, volks­nah, be­liebt über Par­tei­gren­zen hin­weg, wit­zig, den schö­nen Din­gen des Le­bens zu­ge­tan, der Mund­art mäch­tig, Kar­ne­val und Ver­eins­le­ben ver­bun­den. Schon in ei­nem 1946 in kölsch ver­fass­tem Auf­ruf „Meer kün­ne wid­der wäh­le“ be­ton­te die Köl­ner SPD, Burau­en sei „ene echt köl­sche Jun­g“, auch sein Va­ter sei „ene ech­te Köl­sche“ ge­we­sen. Des­halb war er auch un­ge­heu­er po­pu­lär in Köln; nach ei­ner Um­fra­ge 1969 kam er auf Traum­wer­te: 95,9 Pro­zent al­ler be­frag­ten Köl­ner kann­ten ihn, 91,4 Pro­zent ver­trau­ten ihm. Er war der SPD-Mann, der die Vor­herr­schaft des Zen­trums und spä­ter der CDU in Köln für lan­ge Zeit in ei­ne der SPD um­wan­del­te.

Theo­dor Burau­en wur­de am 19.10.1906 im Köl­ner Se­ve­rins­vier­tel ge­bo­ren, das bis heu­te als ein au­then­ti­sches „Vee­de­l“ Kölns gilt. Er wur­de in ei­ne so­zi­al­de­mo­kra­tisch ge­son­ne­ne Fa­mi­lie hin­ein­ge­bo­ren. Sein Va­ter, Theo­dor Burau­en, ent­stamm­te ei­ner Land­wirts­fa­mi­lie, wuchs aber auf Grund des frü­hen To­des der El­tern im Wai­sen­haus und bei sei­nem äl­te­ren Bru­der auf. Er wur­de Schrift­set­zer, ge­hör­te al­so der ge­ho­be­nen und auch ge­bil­de­ten Ar­bei­ter­klas­se an. Er ar­bei­te­te in der Dru­cke­rei der Rhei­ni­schen Zei­tung, ei­nem Blatt in der Tra­di­ti­on der Neu­en Rhei­ni­schen Zei­tung, de­ren Chef­re­dak­teur Karl Marx ge­we­sen war. Der Va­ter von The­os Mut­ter Ma­ria be­trieb ei­ne Kup­fer­schmie­de. Ein Bru­der, Hans, ist im Zwei­ten Welt­krieg ver­misst.

Nach der Be­en­di­gung der Volks­schu­le 1921 ab­sol­vier­te Theo Burau­en, den Wün­schen der Mut­ter fol­gend, ei­ne kauf­män­ni­sche Leh­re. Nach Zei­ten der Ar­beits­lo­sig­keit und ei­ni­gen kurz­fris­ti­gen An­stel­lun­gen über­nahm er 1928 im Ver­lag der Rhei­ni­schen Zei­tung die Lohn- und Ge­halts­buch­hal­tung, spä­ter auch die Zei­tungs­ex­pe­di­ti­on. Das so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Mi­lieu be­stimm­te auch sei­ne po­li­ti­sche So­zia­li­sa­ti­on in der Wei­ma­rer Re­pu­blik. Er wur­de Mit­glied der Ge­werk­schaft (1923), des Reichs­ban­ners (1925) und der SPD (1926). Als die Rhei­ni­sche Zei­tung nach der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­über­nah­me 1933 ver­bo­ten wur­de, ver­lor Burau­en sei­nen Ar­beits­platz und schlug sich mit Ge­le­gen­heits­ar­bei­ten durch. Ei­ni­ge Ma­le ver­nahm und für zwei Ta­ge ver­haf­te­te ihn die Ge­hei­me Staats­po­li­zei, oh­ne dass kon­kre­te wi­der­stän­di­ge Ak­tio­nen von Burau­en be­kannt wä­ren. 1936-1938 ver­schaff­te ihm Dr. Ot­to Schmidt (1866-1945) ei­ne Stel­le als Buch­hal­ter in sei­nem Fach­ver­lag für ju­ris­ti­sche Li­te­ra­tur, da­nach ar­bei­te­te er als Ge­schäfts­füh­rer in der Fir­ma Hans Frings.

Theo Burauen, undatiert, Foto: Hansherbert Wirtz. (www.grevenarchivdigital.de | Kölnische Rundschau)

 

In die Zeit des be­ruf­li­chen Wie­der­ein­stiegs fiel 1937 die Hei­rat mit Ber­ta Krebs (1904-1987), das Paar be­kam zwei Söh­ne: Wer­ner (1937) und Hans (1940). Al­ler­dings en­de­te die Zeit des Fa­mi­li­en­le­bens, als ihn 1940 die Wehr­macht ein­zog. Er war haupt­säch­lich als Bo­den­fun­ker und Funk­aus­bil­der im Bal­kan­raum sta­tio­niert. 1944 wur­de er mit dem Kriegs­ver­dienst­kreuz II. Klas­se mit Schwer­tern aus­ge­zeich­net und spä­ter zum Un­ter­of­fi­zier be­för­dert. Nach kur­zer ame­ri­ka­ni­scher Ge­fan­gen­schaft kehr­te er am 19.6.1945 in das to­tal zer­stör­te Köln zu­rück. Zu­nächst hol­te er Frau und Söh­ne aus der Eva­ku­ie­rung zu­rück und er­hielt bald ei­ne Stel­le in der Stadt­ver­wal­tung, im Er­näh­rungs­amt.

Ur­sprüng­lich woll­te er sich nach den Ent­täu­schun­gen beim Zu­sam­men­bruch der Wei­ma­rer Re­pu­blik nach dem Krie­ge nicht mehr po­li­tisch en­ga­gie­ren, wur­de dann aber mit Stim­men vie­ler Par­tei­en in den Orts­aus­schuss Köln-Mit­te ge­wählt, der sich als Selbst­hil­fe­or­gan der Bür­ger um die viel­fäl­ti­gen Pro­ble­me der Not­zeit küm­mer­te. Be­son­ders aber des­sen Art der Be­schäf­ti­gung mit der Ent­na­zi­fi­zie­rung miss­bil­lig­te Burau­en, und mit Hil­fe der CDU und der FDP lös­te er den kom­mu­nis­ti­schen Vor­sit­zen­den ab. 1946 trat er der SPD wie­der bei, wur­de im sel­ben Jahr di­rekt in den Stadt­rat ge­wählt und Ge­schäfts­füh­rer der SPD-Frak­ti­on so­wie Vor­sit­zen­der des Er­näh­rungs­aus­schus­ses. Er wur­de im Wahl­kreis Alt­stadt-Süd di­rekt ge­wählt; dies blieb auch der be­vor­zug­te Wahl­kreis wäh­rend sei­ner gan­zen po­li­ti­schen Tä­tig­keit. 1948 wähl­te ihn die SPD-Frak­ti­on im Stadt­rat zum Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den, 1954 der Stadt­rat zum Bür­ger­meis­ter und nach den Kom­mu­nal­wah­len von 1956, als die SPD zur stärks­ten Frak­ti­on im Rat wur­de, zum Ober­bür­ger­meis­ter.

Die ge­wähl­ten Ver­tre­ter im Stadt­rat hat­ten zu­nächst noch nicht all­zu viel Macht ge­gen­über den eng­li­schen Be­sat­zungs­be­hör­den, aber sie konn­ten an­kla­gen und for­dern. Das tat der jun­ge Burau­en zum Bei­spiel in sei­ner Re­de am 21.11.1946 im Hör­saal IV der Uni­ver­si­tät. Er kri­ti­sier­te die Be­schlag­nah­mung von Woh­nun­gen durch die Bri­ten und for­der­te ei­ne bes­se­re Er­näh­rung und Heiz­ma­te­ri­al. Hier zeigt sich das zu­pa­cken­de We­sen des Prag­ma­ti­kers. Er rich­tet ein Bür­ger­bü­ro ein, wo je­der sei­ne Sor­gen dem Rats­mit­glied Burau­en mit­tei­len konn­te. Die­ses Kon­zept emp­fahl er auch sei­nen Kol­le­gen.

1956 konn­te die SPD als stärks­te Frak­ti­on den Ober­bür­ger­meis­ter stel­len. In den Wah­len hat­te sie 46 Pro­zent der Stim­men ge­won­nen und wähl­te mit Hil­fe von zwei Stim­men aus der un­ei­ni­gen FDP Burau­en, der mit 50 Jah­ren in der da­ma­li­gen Zeit re­la­tiv jung für die­ses Amt war. Die­ses Mus­ter wie­der­hol­te sich 1961; 1964 konn­te die SPD mit Hil­fe ih­rer ab­so­lu­ten Mehr­heit Burau­en aus ei­ge­ner Kraft zum Ober­bür­ger­meis­ter wäh­len. 1969 bot die SPD ihm an, in ei­nem si­che­ren Wahl­kreis für den Bun­des­tag zu kan­di­die­ren. Sei­ne an­fäng­li­che Zu­sa­ge zog Burau­en aber zu­rück. Die zeit­li­chen Be­las­tun­gen als Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter sei­en nicht mit de­nen aus dem Amt ei­nes Ober­bür­ger­meis­ters ver­ein­bar. So ent­schied er sich für das ge­lieb­te Amt, und Burau­en und die SPD er­ran­gen im Kom­mu­nal­wahl­kampf 1969 ge­gen den CDU-Kan­di­da­ten Max Ade­nau­er (1910-2004), den Sohn Kon­rad Ade­nau­ers, wie­der die ab­so­lu­te Mehr­heit. Bis zum 17.12.1973 blieb Burau­en Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt Köln.

Er ver­kör­per­te ei­ne neue Ge­ne­ra­ti­on von SPD-Po­li­ti­kern in Köln, die nicht mehr von der mar­xis­ti­schen Ideo­lo­gie und den Kämp­fen im Kai­ser­reich und in der Wei­ma­rer Re­pu­blik ge­prägt wa­ren. Er er­kann­te, dass die SPD nicht al­lein die Ver­tre­tung der Ar­bei­ter sein konn­te, son­dern auch die teil­wei­se ver­arm­te Mit­tel­schicht ge­win­nen muss­te. Er be­für­wor­te­te an vie­len Stel­len die Zu­sam­men­ar­beit mit der CDU und den an­de­ren Par­tei­en im Rat. Sein Po­li­tik­stil war nicht-kon­fron­ta­tiv, Wer­ner Jung sprach so­gar von ei­nem „po­li­ti­schen Har­mo­nie­mo­del­l“, das al­ler­dings auch vor Burau­ens Amts­zeit teil­wei­se schon im Köl­ner Rat prak­ti­ziert wur­de. Er stand vor­wie­gend für sich selbst, und die SPD muss­te von Zeit zu Zeit dar­an er­in­nern, dass er ei­ner der Ih­ri­gen war. Er folg­te auch nicht im­mer der Par­tei­li­nie und sah sich über­haupt nicht als bra­ven Par­tei­sol­da­ten. Mit ei­ni­gen CDU-Po­li­ti­kern war er be­freun­det. Sei­ne Auf­fas­sung von ei­ner „er­stre­ben­wer­ten De­mo­kra­tie“ war, „Sa­che und Per­son zu tren­nen.“ An­läss­lich ei­nes ein­stim­mi­gen Be­schlus­ses im Rat wan­del­te er die Wor­te Kai­ser Wil­helms II. (1859-1941) um: „Wir ken­nen kei­ne Par­tei­en mehr, wir ken­nen nur noch Köl­sche.“ Die­se Ko­ope­ra­ti­on fiel ihm auch leicht, weil in Köln die CDU un­ter dem Par­tei­vor­sit­zen­den Jo­han­nes Al­bers ein eher lin­kes Pro­fil auf­wies.

Theo Burauen beim Tanz, undatiert. (www.grevenarchivdigital.de | Kölnische Rundschau)

 

Un­ter­stützt wur­de die­se Po­li­tik durch Burau­ens Hal­tung zur ka­tho­li­schen Kir­che. In der SPD-Rats­frak­ti­on do­mi­nier­ten nach 1945 die re­li­gi­ons­lo­sen Mit­glie­der, die zum Teil der Frei­den­ker­be­we­gung na­he­stan­den, in der vor­wie­gend ka­tho­li­schen Stadt Köln of­fen­sicht­lich ein Man­ko. Burau­en als prak­ti­zie­ren­der Ka­tho­lik, der, sei­ne gol­de­ne Amts­ket­te tra­gend, an der jähr­li­chen Fron­leich­nams­pro­zes­si­on öf­fent­lich­keits­wirk­sam teil­nahm, konn­te man nun kei­nen Athe­is­mus oder Re­li­gi­ons­feind­schaft mehr vor­wer­fen. Er leb­te ein­fach die Ver­bin­dung von Re­li­gi­on und SPD. Beim Amts­eid be­nutz­te er den re­li­giö­sen Zu­satz. Ent­spre­chen­de Ver­su­che der CDU im Wahl­kampf 1956, die SPD als Par­tei man­geln­den „Tatchris­ten­tums“ dar­zu­stel­len, ver­fin­gen bei dem Spit­zen­kan­di­da­ten Burau­en nicht. Mit dem Go­des­ber­ger Pro­gramm der SPD (1959) ent­spann­te sich das Ver­hält­nis der ge­sam­ten Par­tei zum Ka­tho­li­zis­mus, was nur im Sin­ne Burau­ens war. Die par­al­le­le An­nä­he­rung der SPD an die Wehr­po­li­tik der Bun­des­re­pu­blik mach­te sich auch bei Burau­en be­merk­bar. Wäh­rend er sich mit vie­len Ge­nos­sen 1958 In der Be­we­gung „Kampf dem Atom­to­d“ en­ga­gier­te, stand er spä­ter der Frie­dens­be­we­gung kri­ti­scher ge­gen­über und pfleg­te gu­te Be­zie­hun­gen zur ört­li­chen Bun­des­wehr. Al­ler­dings pro­tes­tier­te er 1966 ge­gen Tief­flü­ge der Bun­des­wehr über Köln.

Haupt­ziel sei­ner Po­li­tik war die Sor­ge für die im Le­ben zu kurz Ge­kom­me­nen. Er war 1947 Vor­sit­zen­der der Köl­ner Ar­bei­ter­wohl­fahrt (AWO), 1948-1955 ihr Ge­schäfts­füh­rer, zu­dem Vor­sit­zen­der der Ar­bei­ter­wohl­fahrt Be­zirk Mit­tel­rhein. Die­ses En­ga­ge­ment hat­te sich schon in der un­mit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit an­ge­deu­tet, als er vor al­lem die drän­gen­de Er­näh­rungs- und Woh­nungs­fra­ge in vie­len Re­den the­ma­ti­sier­te. Die Sor­ge für die auch im „Wirt­schafts­wun­der“ so­zi­al Be­nach­tei­lig­ten be­glei­te­te ihn aber wei­ter. So be­klag­te er 1962 auf ei­ner AWO-Kon­fe­renz, dass trotz al­ler Ver­bes­se­run­gen im Ver­gleich zur Nach­kriegs­zeit die Bun­des­re­pu­blik in vie­len Ge­bie­ten, so et­wa in der So­zi­al­po­li­tik, rück­stän­dig ge­blie­ben sei.

In Köln konn­te er vor al­lem in der Woh­nungs­bau­po­li­tik gro­ße Fort­schrit­te ver­zeich­nen. Als sei­nen grö­ß­ten Er­folg sah er an, die Men­schen aus den Bun­kern und Be­helfs­woh­nun­gen her­aus­ge­bracht zu ha­ben. Un­ter sei­ner Ägi­de als Ober­bür­ger­meis­ter er­reich­te der Woh­nungs­bau in der weit­ge­hend zer­stör­ten Stadt sein stärks­tes Wachs­tum. „Mit Burau­en wei­ter­bau­en“ war im Wahl­kampf 1964 ei­ne be­lieb­te Pa­ro­le der SPD. Das galt nicht nur für die vie­len Wohn­sied­lun­gen wie zum Bei­spiel die SPD-Sied­lung in Bock­le­münd-Men­ge­nich und die „neue Stadt“ Chor­wei­ler, son­dern auch für öf­fent­li­che und re­prä­sen­ta­ti­ve Ge­bäu­de. So konn­te er häu­fig me­di­en­wirk­sam re­stau­rier­te und neue Bau­wer­ke wie das neue Schau­spiel­haus, die Emp­fangs­hal­le des Haupt­bahn­hofs, die Fu­ßgän­ger­zo­ne, die Se­ve­rins­brü­cke ein­wei­hen.

Empfang mit Oberbürgermeister Theo Burauen, 19.7.1966. (www.grevenarchivdigital.de | Kölnische Rundschau)

 

Burau­en setz­te sich eben­falls für ei­ne bür­ger­na­he Po­li­tik im Rat­haus ein, die er bei ei­ner sechs­wö­chi­gen USA-Rei­se 1955 ken­nen­ge­lernt hat­te. „Mehr Licht und Öf­fent­lich­keit im Rat­haus“ for­der­te er 1956, wo­mit er das öf­fent­li­che Ta­gen von Aus­schüs­sen mein­te.

Mit Grün­dung des Land­schafts­ver­ban­des Rhein­land (LVR) ge­hör­te Burau­en des­sen po­li­ti­schen Gre­mi­en an. Zu­nächst 1953-1956 als Mit­glied und Vor­sit­zen­der des Aus­schus­ses für Wohl­fahrts­pfle­ge der Land­schafts­ver­samm­lung so­wie als Mit­glied dem Land­schafts­aus­schuss. 1957-1961 und 1965-1970 war er als Ober­bür­ger­meis­ter der grö­ß­ten rhei­ni­schen Stadt Vor­sit­zen­der der Land­schafts­ver­samm­lung und des Land­schafts­aus­schus­ses des LVR. In sei­ne Amts­zeit fiel auch der Um­zug der LVR-Zen­tral­ver­wal­tung von Düs­sel­dorf nach Köln in den Neu­bau des Lan­des­hau­ses am Deut­zer Rhein­ufer 1959.

1954-1966 ge­hör­te Burau­en dem Land­tag von Nord­rhein-West­fa­len an, 1954-1962 war er stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der der SPD-Frak­ti­on. Nach den Sprech­re­gis­tern zu ur­tei­len, ent­fal­te­te er aber dort nicht be­son­ders vie­le Ak­ti­vi­tä­ten. Das Land­tags­man­dat war zu der da­ma­li­gen Zeit ei­ne ver­brei­te­te Art, eh­ren­amt­li­chen Kom­mu­nal­po­li­ti­kern ei­ne ma­te­ri­el­le Ver­sor­gung zu ge­währ­leis­ten, da die Land­tags­diä­ten zu­sam­men mit den Auf­wands­ent­schä­di­gun­gen des kom­mu­na­len Eh­ren­amts ein aus­kömm­li­ches Le­ben er­mög­lich­ten. Denn die Bür­ger­meis­ter- und Ober­bür­ger­meis­ter­wür­de wur­de in Nord­rhein-West­fa­len nach der von den Bri­ten ein­ge­führ­ten so­ge­nann­ten Nord­deut­schen Rats­ver­fas­sung eh­ren­amt­lich ver­ge­ben. Der Ober­bür­ger­meis­ter lei­te­te die Sit­zun­gen des Ra­tes, das Zen­trum der Ent­schei­dung mit „All­zu­stän­dig­keit“, und er re­prä­sen­tier­te die Stadt. Ver­wal­tungs­chef war der als haupt­amt­li­cher Wahl­be­am­ter be­sol­de­te Stadt­di­rek­tor/Ober­stadt­di­rek­tor. 

Die­ser man­geln­den Macht­fül­le des Ober­bür­ger­meis­ters ent­sprach al­ler­dings nicht die öf­fent­li­che Wahr­neh­mung, denn die­ser galt als Ober­haupt der Stadt und An­sprech­part­ner für al­le Pro­ble­me. Die Er­war­tun­gen der Bür­ger, die die vor­ge­se­he­ne Ar­beits­tei­lung nicht deut­lich re­zi­pier­ten, an ih­ren „ers­ten Bür­ger“ wa­ren in der Re­gel hö­her, als es die recht­li­che La­ge zu­ließ. Burau­en war für die Ab­schaf­fung der „Dop­pel­spit­ze“, al­ler­dings fand sich erst 1994 da­für ei­ne Mehr­heit im nord­rhein-west­fä­li­schen Land­tag. Der Dua­lis­mus zwi­schen eh­ren­amt­li­chem Bür­ger­meis­ter und Wahl­be­am­ten konn­te in der Pra­xis ver­schie­den ge­stal­tet wer­den. Burau­en kam mit dem 1953 ge­wähl­ten Ober­stadt­di­rek­tor Max Ade­nau­er gut zu­recht. Er ach­te­te die Gren­zen; in ein­zel­nen Fra­gen stell­ten sich ge­le­gent­lich Ade­nau­er und Burau­en mit der SPD ge­gen die CDU. Burau­en woll­te die Zu­sam­men­ar­beit auch nach den Kom­mu­nal­wah­len 1964 fort­set­zen, aber Ade­nau­er fühl­te sich durch die ab­so­lu­te Mehr­heit der SPD „ein­ge­mau­er­t“ und ver­zich­te­te auf ei­ne Wie­der­wahl.

Oberbürgermeister Theo Burauen mit Hut in Gesellschaft von Menschen in Trachtenkleidung, Foto: Hans-Wolfgang Drehsen. (www.grevenarchivdigital.de | Kölnische Rundschau)

 

Die Amts­zeit von Burau­en als Ober­bür­ger­meis­ter war ge­kenn­zeich­net durch sei­ne In­te­gra­ti­ons­kraft weit über so­zia­le, re­li­giö­se und par­tei­po­li­ti­sche Gren­zen hin­aus. Er er­ober­te vie­le Mi­lieus, die ur­sprüng­lich nicht den So­zi­al­de­mo­kra­ten na­he­stan­den. Sein In­ter­es­se für Sport und den Zoo ver­band ihn mit vie­len Köl­nern. Sei­ne zahl­rei­chen Ver­bin­dun­gen zu Ver­ei­nen, be­son­ders den Kar­ne­vals­ver­ei­nen, nutz­te er, um Sicht­bar­keit zu de­mons­trie­ren und den Kon­takt zu vie­len Be­völ­ke­rungs­schich­ten zu hal­ten. Die Rol­le des Re­prä­sen­tan­ten der Stadt war Burau­en auf den Leib ge­schrie­ben: hier wa­ren sein ver­bind­li­ches We­sen, sei­ne Fä­hig­kei­ten, auf die Men­schen zu­zu­ge­hen, schnell in Kon­takt mit ih­nen zu kom­men, ge­fragt. Ger­ne re­de­te er auch in köl­scher Mund­art, ver­lang­te die Pfle­ge des Kölsch in den Schu­len, för­der­te das Hän­neschen-Thea­ter. Der nicht oh­ne ei­ne Pri­se Neid er­ho­be­ne Vor­wurf ei­ni­ger Geg­ner von der „Kar­ne­valspo­pu­la­ri­tät“ greift aber zu kurz, da die Volks­tüm­lich­keit in all sei­nen Fa­cet­ten sein We­sens­kern war. Für die ab 1966 be­gin­nen­den Pro­tes­te von Stu­den­ten und Schü­lern fehl­te ihm al­ler­dings das Ver­ständ­nis.

Sei­ne Amts­zeit fiel in die Pe­ri­ode des Auf­stiegs der Bun­des­re­pu­blik; aus­län­di­sche Staats­gäs­te be­such­ten nicht nur die da­ma­li­ge Haupt­stadt Bonn, son­dern auch das na­he ge­le­ge­ne Köln. So konn­te Burau­en 1962 den fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Charles de Gaul­le (1890-1970), 1963 US-Prä­si­dent John F. Ken­ne­dy (1917-1963) und 1965 das eng­li­sche Kö­nigs­paar emp­fan­gen. So er­schien er stän­dig in Bild und Wort nicht nur in den lo­ka­len Me­di­en. Zu­dem un­ter­hielt er auch en­ge Kon­tak­te zur Pres­se. 1966 gab der Pres­se­chef der Stadt Köln Pe­ter Fuchs (1921-2003) ei­nen „bio­gra­phi­schen Bild­be­rich­t“ über Burau­en her­aus, der des­sen Po­pu­la­ri­tät wei­ter stei­ger­te. 1966 er­hielt Burau­en ei­ne ei­ge­ne wö­chent­li­che Ko­lum­ne in der Bou­le­vard­zei­tung Ex­press.

Oberbürgermeister Theo Burauen auf einem Karnevalswagen am Rosenmontag. (www.grevenarchivdigital.de | Kölnische Rundschau)

 

Burau­en knüpf­te Kon­tak­te zu vie­len aus­län­di­schen Po­li­ti­kern, be­son­ders afri­ka­ni­schen. Er wirk­te in zahl­rei­chen deutsch-aus­län­di­schen Ver­ei­nen mit; die Pfle­ge der Städ­te­part­ner­schaf­ten lag ihm am Her­zen, und er reis­te auch ger­ne. 1968 stürz­te er in Ru­an­da mit ei­nem Flug­zeug ab und zog sich ei­ne Bein­ver­let­zung zu. Zu­nächst kehr­te er mit ei­ser­ner Dis­zi­plin in sein Amt zu­rück, das er bis zum 17.12.1973 in­ne­hat­te. Nach sei­nem Aus­schei­den krän­kel­te er zu­se­hends, er war an den Roll­stuhl ge­fes­selt, be­müh­te sich aber, wei­ter­hin am ge­sell­schaft­li­chen Le­ben der Stadt teil­zu­neh­men. Kurz nach sei­ner Ehe­frau Ber­ta starb er am 28.10.1987. Un­ter gro­ßer An­teil­nah­me der Köl­ner Be­völ­ke­rung wur­de er auf dem Fried­hof Me­la­ten bei­ge­setzt.

Schon zu Leb­zei­ten ver­lieh der Rat ihm 1974 die Eh­ren­bür­ger­wür­de. Nach ihm sind in Köln der Theo-Burau­en-Platz in der Nä­he des Rat­hau­ses, das AWO-Se­nio­ren­zen­trum Theo-Burau­en-Haus, so­wie die Theo-Burau­en-Re­al­schu­le be­nannt. Au­ßer­dem wur­den ihm Eh­run­gen zu­teil wie 1964 die Ver­lei­hung des Bun­des­ver­dienst­kreu­zes, dem 1973 das Bun­des­ver­dienst­kreuz mit Stern folg­te.

Alt-Oberbürgermeister Theo Burauen und seine Frau Berta zu Hause, 12.10.1981, Foto: Brigitte Stachowski. (www.grevenarchivdigital.de | Kölnische Rundschau)

 

Burau­en gilt als der köl­nischs­te Ober­bür­ger­meis­ter von Köln, volks­nah, be­schei­den, po­pu­lär und als glän­zen­der Re­prä­sen­tant der Stadt. Das Ver­dienst des eher kon­ser­va­ti­ven So­zi­al­de­mo­kra­ten ist es vor al­lem, dass die SPD frü­her aus ih­rer Min­der­heits­po­si­ti­on in Köln aus­bre­chen konn­te als auf der Ebe­ne des Lan­des und des Bun­des. Sie konn­te zu ei­ner „Volks­par­tei“ und zur Mehr­heits­par­tei in der Stadt wer­den. Sei­ne Aus­strah­lung als „Ur­k­öl­ner“ wirk­te über al­le re­li­giö­sen, so­zia­len und po­li­ti­schen Gren­zen hin­weg, in­so­fern war er ei­ne er­folg­rei­che In­te­gra­ti­ons­fi­gur, wel­che die ver­schie­de­nen städ­ti­schen Mi­lieus mit­ein­an­der ver­söhn­te.

Nachlass

His­to­ri­sches Ar­chiv der Stadt Köln, Best. 1320

Schriften

Fuchs, Pe­ter (Hg.), Aus­ge­wähl­te An­spra­chen. Fest­ga­be [aus An­laß des 80. Ge­burts­ta­ges] der Tisch­run­de ehe­ma­li­ger Mit­glie­der des Ra­tes der Stadt Köln, Köln 1986.

Literatur

Bö­nisch, Ge­org, Der 96-Pro­zent-Mann. Kölns Ober­bür­ger­meis­ter Theo Burau­en (1906-1987), Köln 2015.

De­res, Tho­mas, Die Ge­gen­sätz­li­chen: die Ober­bür­ger­meis­ter Theo Burau­en und John van Nes Zieg­ler, in: Ott, Jo­chen/De­res, Tho­mas/Uel­len­berg-van Da­wen, Wolf­gang (Hg.), Köln Rot. So­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Po­li­tik von 1945 bis heu­te, Köln 2008, S. 87-101.

Fuchs, Pe­ter, Theo Burau­en. Ober­bür­ger­meis­ter von Köln. Ein bio­gra­phi­scher Bild­be­richt, Köln 1966.

Her­bers, Win­fried, Der Ver­lust der He­ge­mo­nie – Die Köl­ner CDU 1945/46-1964, Düs­sel­dorf 2003. 

Jung, Wer­ner, Theo Burau­en, der köl­sche Ver­söh­ner. „Volks-OB“ in der Zeit des Wie­der­auf­baus und des Wirt­schafts­wun­ders, in: Dülf­fer, Jost (Hg.), Köln in den 50er Jah­ren. Zwi­schen Tra­di­ti­on und Mo­der­ni­sie­rung, Köln 2001, S. 49-71. 

Oberbürgermeister Theo Burauen (l.) beim 'Stippeföttchentanz' mit den Roten Funken, undatiert, Foto: Hansherbert Wirtz. (www.grevenarchivdigital.de | Kölnische Rundschau)

 
Zitationshinweis

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Herbers, Winfried, Theo Burauen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/theo-burauen/DE-2086/lido/6494102cc6f375.90212013 (abgerufen am 12.07.2024)