Der Westdeutsche Rundfunk (1924-1942/1945)

Birgit Bernard (Heidelberg)

WERAG 1929: Der erste Ü-Wagen bei einer Live-Reportage aus dem Kölner Zoo im Einsatz. (© WDR im Bild, 1367687)

1. Von der Westdeutschen Funkstunde AG (WEFAG) in Münster 1924-1925 zur Westdeutschen Rundfunk AG (WERAG) in Köln 1926-1933

Die Ge­burts­stun­de des West­deut­schen Rund­funks schlug 1924 nicht in Köln, son­dern in Müns­ter in West­fa­len. Hier er­öff­ne­te die West­deut­sche Funk­stun­de AG (WE­FAG) am 10.10.1924 of­fi­zi­ell ih­ren Pro­gramm­be­trieb. Sie war die letz­te der re­gio­na­len Rund­funk­sen­de­ge­sell­schaf­ten, die 1923/1924 im Deut­schen Reich mit Rund­funk­über­tra­gun­gen be­gon­nen hat­ten.

Der Grund für die Wahl des Stand­or­tes ei­nes Sen­ders für das Rhein­land und West­fa­len war in den po­li­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen zu su­chen: In den nach dem Ers­ten Welt­krieg von den Al­li­ier­ten be­setz­ten Ge­bie­ten des Rhein­lan­des (und auch des Ruhr­ge­bie­tes) galt die Ver­ord­nung 71 der In­te­r­al­li­ier­ten Rhein­land­kom­mis­si­on. Sie ver­bot aus Angst vor ei­ner mög­li­chen In­stru­men­ta­li­sie­rung des neu­en Me­di­ums zu an­ti­al­li­ier­ter Pro­pa­gan­da den Be­trieb von Rund­funk­sen­dern wie auch den Be­sitz von Rund­funk­ge­rä­ten.

Signet der WEFAG Münster, 1924. (© WDR im Bild, 1441169)

 

Die re­gio­na­len Sen­de­ge­sell­schaf­ten in der Wei­ma­rer Re­pu­blik wa­ren grö­ß­ten­teils als Ak­ti­en­ge­sell­schaf­ten kon­stru­iert. An­tei­le an ih­nen hiel­ten so­wohl Pri­vat­ak­tio­nä­re mit ma­xi­mal 49 Pro­zent der Ge­schäfts­an­tei­le als auch staat­li­che Treu­hän­der mit je 17 Pro­zent und in der Sum­me 51 Pro­zent. Im Ja­nu­ar 1933 wur­den die Sen­de­ge­sell­schaf­ten in Ge­sell­schaf­ten mit be­schränk­ter Haf­tung um­ge­wan­delt (GmbH). Pri­vat­ak­tio­nä­re wa­ren be­reits 1932 aus dem Sys­tem ver­drängt wor­den. Von nun an hielt die 1925 als Dach­or­ga­ni­sa­ti­on ge­grün­de­te Reichs-Rund­funk-Ge­sell­schaft mbH (RRG mit Mehr­heits­be­tei­li­gung der Reichs­post) 49 Pro­zent der An­tei­le an den Re­gio­nal­sen­dern, die je­wei­li­gen Län­der 51 Pro­zent (für den West­deut­schen Rund­funk al­so das Land Preu­ßen) der Ge­schäfts­an­tei­le. Zwei WE­FAG-Fi­lia­len wur­den am 18. und 19.9.1925 mit ei­ge­nen Rund­funk­sen­dern in Dort­mund und in El­ber­feld (heu­te Stadt Wup­per­tal) er­öff­net. Al­les in al­lem blieb der Be­trieb der WE­FAG mit ei­nem zu­letzt 35-köp­fi­gen Per­so­nal je­doch be­schei­den.

Erste Fußballübertragung im Hörfunk. Bernhard Ernst berichtet live aus Münster. Arminia Bielefeld : Preußen Münster, 01.11.1925. (© WDR im Bild, 1368052)

 

Mit der Räu­mung der bri­ti­schen Be­sat­zungs­zo­ne zu An­fang des Jah­res 1926 war der Weg ge­eb­net für die Ver­le­gung des Ge­schäfts­sit­zes in den Bal­lungs­raum Rhein-Ruhr mit den dort zu er­war­ten­den stei­gen­den Zah­len an Teil­neh­mern - und da­mit auch an Ge­büh­ren­zah­lern, wor­auf ins­be­son­de­re die Reichs­post als In­ha­be­rin des „Funk­re­gal­s“ spe­ku­lier­te, die den Sen­de­be­trieb der Sen­de­ge­sell­schaf­ten kon­zes­sio­nier­te. Die Stadt Köln mach­te in die­sem, nie­mals zwei­fels­frei auf­ge­klär­ten Pro­zess, das Ren­nen.

Im Herbst 1926 wur­de der Ge­schäfts­sitz nach Köln ver­legt, im Jah­re 1927 be­zog die in „West­deut­sche Rund­funk AG Köln“ um­be­nann­te Sen­de­ge­sell­schaft ihr Funk­haus in der Da­go­bert­stra­ße 38. An­ge­sichts der rasch stei­gen­den Hö­rer- und da­mit auch Mit­ar­bei­ter­zahl er­wies sich das Funk­haus schon bald als zu klein. Über­le­gun­gen zu ei­nem Neu­bau im äu­ße­ren Grün­gür­tel Kölns gin­gen bis in die frü­hen 1930er Jah­re zu­rück, rea­li­siert wur­de ein Funk­haus­neu­bau je­doch erst in den Jah­ren 1948-1952 am Wall­raf­platz in Köln. Das Funk­haus Da­go­bert­stra­ße wur­de in den 1970er Jah­ren ab­ge­ris­sen, an sei­ner Stel­le be­fin­det sich heu­te die Mu­sik­hoch­schu­le Köln.

Funkhaus Dagobertstrasse, um 1940. (© WDR im Bild, 1393760)

 

"Künst­le­ri­scher Lei­ter“, das hei­ßt In­ten­dant, wur­de der 1876 ge­bo­re­ne Schrift­stel­ler und ehe­ma­li­ge In­ten­dant des Deut­schen Na­tio­nal­thea­ters in Wei­mar und des Köl­ner Schau­spiel­hau­ses, Ernst Hardt. Die Be­ru­fung Hardts, die durch In­ter­ven­ti­on des Köl­ner Ober­bür­ger­meis­ter­s Kon­rad Ade­nau­er zu­stan­de kam, er­wies sich als au­ßer­or­dent­li­cher Glücks­griff, denn Hardt ver­schaff­te dem West­deut­schen Rund­funk nicht nur in­ter­na­tio­na­le Re­pu­ta­ti­on in Be­zug auf das Pro­gramm, son­dern er voll­zog den Me­di­en­wech­sel von der Thea­ter- zur Hör­spie­lin­sze­nie­rung naht­los und ent­wi­ckel­te sich rasch zu ei­nem der be­deu­tends­ten deut­schen Hör­spiel­re­gis­seu­re.

Das Pro­gramm der WER­AG wur­de of­fi­zi­ell am 15.1.1927 er­öff­net und über den 1927 in Be­trieb ge­nom­men leis­tungs­star­ken Mit­tel­wel­len­sen­der Lan­gen­berg aus­ge­strahlt. Die­ser war sei­ner­zeit der stärks­te Rund­funk­sen­der Eu­ro­pas und konn­te teil­wei­se so­gar in In­do­ne­si­en, den USA und Aus­tra­li­en emp­fan­gen wer­den.

Ernst Hardt WERAG-Intendant (Westdeutsche Rundfunk Aktiengesellschaft) von 1926 bis 1933, 1927. (© WDR im Bild, 1377547)

 

Das Pro­gramm der WER­AG wur­de of­fi­zi­ell am 15.1.1927 er­öff­net und über den 1927 in Be­trieb ge­nom­men leis­tungs­star­ken Mit­tel­wel­len­sen­der Lan­gen­berg aus­ge­strahlt. Die­ser war sei­ner­zeit der stärks­te Rund­funk­sen­der Eu­ro­pas und konn­te teil­wei­se so­gar in In­do­ne­si­en, den USA und Aus­tra­li­en emp­fan­gen wer­den.Die Sta­tis­tik zeigt die bis 1939 ra­sant stei­gen­den Teil­neh­mer­zah­len (auf­ge­run­det): 1924: 14.000 1926: 125.000 1928: 644.000 1931: 807.00 1937: 1,4 Mil­lio­nen 1939: knapp 1,9 Mil­lio­nen. Da­bei han­del­te es sich um Haus­hal­te, in de­nen ein Rund­funk­ge­rät an­ge­mel­det war, das hei­ßt die Zahl der Haus­hal­te muss mit dem Fak­tor 3-4 mul­ti­pli­ziert wer­den, um die schät­zungs­wei­se Ge­samt­zahl der Hö­re­rin­nen und Hö­rer zu er­mit­teln. Köln war da­mit so­wohl in der Wei­ma­rer Re­pu­blik als auch im „Drit­ten Reich“ der zweit­grö­ß­te Sen­der des Rei­ches – al­ler­dings mit dem flä­chen­mä­ßig kleins­ten Sen­de­ge­biet.

1930 landet ein Zeppelin auf dem Flughafen Hangelar. Rudi Rauer berichtet live. (© WDR im Bild, 1377760)

 

Der Be­fund ver­deut­licht zu­dem zwei­er­lei: Das neue Me­di­um Rund­funk ent­wi­ckel­te sich in­ner­halb kür­zes­ter Zeit zu ei­nem Mas­sen­me­di­um, und die Rund­funk­bran­che er­wies sich als re­sis­tent ge­gen­über der Welt­wirt­schafts­kri­se En­de der 1920er Jah­re. Von die­sem Trend pro­fi­tier­te nicht nur die wach­sen­de Zahl der fest­an­ge­stell­ten Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter, son­dern auch ei­ne ste­tig grö­ßer wer­den­de Zahl an „Frei­en“ in den Be­rei­chen Mu­sik und Vor­trags­we­sen. 1927 wa­ren es knapp 3.900 Per­so­nen, 1931 be­reits 13.600. Sie wur­den – wie auch heu­te - punk­tu­ell als Re­fe­ren­ten, So­lis­ten oder sons­ti­ge Mit­wir­ken­de im Pro­gramm ein­ge­setzt, wie zum Bei­spiel bei Dich­ter­le­sun­gen, Fach­vor­trä­gen oder Mu­sik­sen­dun­gen. Am meis­ten pro­fi­tier­ten von die­sem Trend Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker. Zu­dem ent­stan­den in dem neu­en Me­di­um auch neue Be­ru­fe wie der des Ton­meis­ters, des „Schall­plat­ten­be­auf­trag­ten“, das hei­ßt des Disc­jo­ckeys, so­wie des „Ge­räu­sche­ma­cher­s“, der für die akus­ti­sche Ku­lis­se in Hör- und Sen­de­spie­len sorg­te und Ge­räu­sche jed­we­der Art pro­du­zier­te und/oder ar­chi­vier­te.

Im Zu­ge des Zen­tra­li­sie­rungs­pro­zes­ses der WER­AG in Köln wur­den die WE­FAG-Sen­de­stel­le in El­ber­feld am 31.10.1929 und die Stu­di­os in Düs­sel­dorf am 1.4.1930 und in Dort­mund am 30.6.1930 ge­schlos­sen. Le­dig­lich das Stu­dio Müns­ter blieb be­ste­hen.

'Das wollen wir dem Rundfunk nicht vergessen'. Gemälde von Antoine anläßlich der Übertragung der Rheinlandbefreiungsfeier durch die WEFAG vom Vorplatz des Kölner Domes nach der Räumung der ersten Besatzungszone, 31.01.1926. (© WDR im Bild, 1440980)

 

Der Or­ga­ni­sa­ti­ons­auf­bau der WER­AG un­ter Ernst Hardt be­gann 1926 mit dem Auf­bau ei­nes 56-köp­fi­gen Gro­ßen Sin­fo­nie­or­ches­ters un­ter Wil­helm Busch­köt­ter (1887-1967), den Hardt als Di­ri­gen­ten von der Ber­li­ner Funk­stun­de ab­ge­wor­ben hat­te. Hin­zu ka­men ein Klei­nes Or­ches­ter un­ter Bern­hard Zim­mer­mann (1895-1968) mit 14 Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­kern, ein Opern­en­sem­ble un­ter Sieg­fried An­heis­ser (1881-1938) mit sie­ben Sän­ge­rin­nen und Sän­gern so­wie ein 14­köp­fi­ger Chor. Der po­pu­lä­re Band­lea­der Leo Ey­soldt (1891-1967) mit­samt Tanz­or­ches­ter, 1927 vom Köl­ner „Ca­fé Ger­ma­ni­a“ ab­ge­wor­ben, bürg­te für erst­klas­si­ge Un­ter­hal­tungs­mu­sik, und ei­ne Jazz­band kom­plet­tier­te En­de der 1920er Jah­re die WER­AG-ei­ge­nen En­sem­bles. Mit die­ser Stra­te­gie ge­dach­te sich der In­ten­dant Ernst Hardt vom Spiel­plan der lo­ka­len und re­gio­na­len Klang­kör­per und Thea­ter un­ab­hän­gig zu ma­chen. Im Wort­be­reich ver­fuhr er ana­log da­zu mit der Grün­dung ei­nes ei­ge­nen Hör­spiel­ensem­bles mit dem Ober­re­gis­seur Ru­dolf Rieth (1884-1954) und sie­ben Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­ler, die ab­ge­se­hen von den Hör­spie­len auch im Spre­cher­dienst ein­ge­setzt wur­den. Ins­ge­samt stan­den im Jah­re 1927 129 Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter auf der Ge­halts­lis­te, 1931 wa­ren es cir­ca 250. Das Gros war in der Mu­sik­ab­tei­lung und in der Ver­wal­tung be­schäf­tigt.

WERAG. Gruppenbild aller Mitarbeiter im Großen Sendesaal im Funkhaus Dagobertstaße, 1927. (© WDR im Bild, 1417272)

 

Bis zur Wen­de um 1930 hat­te sich auch die Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tur der WER­AG aus­dif­fe­ren­ziert: Ab­ge­se­hen von der Ver­wal­tung und der Tech­nik gab es En­de der 1920er Jah­re vier wei­te­re Ab­tei­lun­gen: Die Mu­si­ka­li­sche Ab­tei­lung mit den Klang­kör­pern und der Mu­sik­re­dak­ti­on, die Ab­tei­lung „Schau­spiel und Dich­tun­g“ mit Dra­ma­tur­gen, Re­gis­seu­ren und dem Li­te­ra­tur­res­sort, das so ge­nann­te „Vor­trags­we­sen“ mit den Res­sorts Schul­funk, Wirt­schaft und So­zia­les, Frau­en-, Ju­gend- und Kin­der­funk und schlie­ß­lich die Ab­tei­lung „Nach­rich­ten/Spor­t“, das hei­ßt dem „Zeit­fun­k“ mit dem All­ge­mei­nen Nach­rich­ten­dienst, dem Res­sort „Ak­tu­el­le Über­tra­gun­gen“ und der Sen­de­rei­he „Vom Ta­ge“.

An­fang der 1930er Jah­re fä­cher­te sich das Vor­trags­we­sen wie folgt auf: Zur Vor­trags­ab­tei­lung ge­hör­ten die Res­sorts Wirt­schafts- und So­zi­al­wis­sen­schaf­ten (mit dem Frau­en­funk), Li­te­ra­tur und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten, Län­der- und Völ­ker­kun­de, Schul­funk und Päd­ago­gik (mit Kin­der-, Ju­gend- und Leh­rer­funk).

Reportage der WEFAG vom Dortmunder Sechstagerennen. Reporter: Rudi Rauher (li.), Hermann Probst (re.), 04.-10.03.1926. (© WDR im Bild, 1440977)

 

Grund­le­gend für das Wei­ma­rer Rund­funk­sys­tem und da­mit auch für die Pro­gram­mor­ga­ni­sa­ti­on in den ein­zel­nen Sen­de­ge­sell­schaf­ten wa­ren die „Richt­li­ni­en über die Re­ge­lung des Rund­funks“ aus dem Jah­re 1926. Dar­in ei­nig­ten sich das Reich (ge­nau­er ge­sagt das Reichs­post­mi­nis­te­ri­um als Trä­ge­rin der „Fern­mel­de­ho­heit“ und das Reich­sin­nen­mi­nis­te­ri­um) so­wie die Län­der auf die „po­li­ti­sche Neu­tra­li­tät“ des Rund­funks. Er­klär­tes Ziel war ei­ne „Über­par­tei­lich­keit“ des Pro­gramms. Zu die­sem Zweck wur­de zwei Kon­troll­gre­mi­en ein­ge­führt: Zum ei­nen der so ge­nann­te „Über­wa­chungs­aus­schus­s“, ein Gre­mi­um, das Zen­sur­be­fug­nis­se hat­te und dem Sen­de­ma­nu­skrip­te zur Be­gut­ach­tung vor der Aus­strah­lung vor­ge­legt wer­den muss­ten und das sich aus je zwei Län­der- und ei­nem Ver­tre­ter des Rei­ches zu­sam­men­setz­te, und zum an­de­ren den so ge­nann­ten „Kul­tur­bei­ra­t“ als be­ra­ten­des Gre­mi­um mit je ei­nem Ver­tre­ter des Rei­ches und sechs Ver­tre­tern aus re­gio­na­len Ver­ei­ni­gun­gen (wie zum Bei­spiel in Köln mit ei­nem Ver­tre­ter des West­fä­li­schen Hei­mat­bun­des). Für die po­li­ti­sche „Neu­tra­li­tät“ der Nach­rich­ten­ge­bung sorg­te die vom Reich kon­trol­lier­te „Draht­lo­ser Dienst Ak­ti­en­ge­sell­schaf­t“ (DRA­DAG), die die Sen­de­ge­sell­schaf­ten mit den Nach­rich­ten be­lie­fer­te. Die­se muss­ten von den Sen­de­ge­sell­schaf­ten über­nom­men und gros­so mo­do in die­ser Form aus­ge­strahlt wer­den. Re­dak­tio­nell frei be­ar­bei­tet wer­den durf­ten hin­ge­gen nur Re­gio­nal- oder Sport­nach­rich­ten.

Ins­ge­samt war der über­wach­te Teil des Pro­gramms nach dem Be­fund Re­na­te Mohls je­doch „sehr klein“ und be­zog sich in ers­ter Li­nie auf „sen­si­ble“ The­men wie et­wa den 1. Mai oder den 9. No­vem­ber als Tag der Aus­ru­fung der Re­pu­blik. Die Kon­troll­in­stan­zen spie­gel­ten die Vor­be­hal­te der Re­gie­rung ge­gen ei­ne In­dienst­nah­me des Rund­funks zu po­li­ti­scher Agi­ta­ti­on wi­der, mach­ten auf der an­de­ren Sei­te je­doch das Sys­tem, das auf­grund der Tech­nik für „Ak­tua­li­tät“ prä­des­ti­niert war, auch schwer­gän­gig. Freie Dis­kus­si­on war aus die­sem Grun­de qua­si un­mög­lich, doch In­ten­dant Hardt fand ei­nen Kniff, wie er die Vor­zen­sur bei der Sen­de­rei­he „Ge­sprä­che über Men­schen­tum“ um­ge­hen konn­te, in­dem er sich selbst zum Mit­dis­ku­tan­ten mach­te und auf die­se Wei­se für die Ein­hal­tung der po­li­ti­schen Neu­tra­li­tät per­sön­lich bürg­te. Wahl­re­den durf­ten auch in der Wei­ma­rer Re­pu­blik aus­ge­strahlt wer­den, je­doch nur sol­che von Ver­tre­tern der Re­gie­rungs­par­tei­en. Im Zu­ge der au­to­ri­tä­ren Rund­funk­re­form von 1932 wur­de die­ses Sys­tem in­so­fern mo­di­fi­ziert, als nun auch Ver­tre­ter der NS­DAP im Rund­funk spre­chen durf­ten – die KPD blieb wei­ter au­ßen vor.

Rundfunk-Werbewagen der Reichspost, 1925. (WDR im Bild, 1441166 © AEG-Telefunken)

 

Aus­sa­gen über das Pro­gramm der WE­FAG/WER­AG ste­hen un­ter dem me­tho­di­schen Vor­be­halt ei­nes ekla­tan­ten Quel­len­man­gels. Grün­de hier­für sind zum ei­nen „Säu­be­rungs­maß­nah­men“ der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten im Jah­re 1933 so­wie Kriegs­ver­lus­te auf­grund der Bom­bar­die­rung des Funk­hau­ses Da­go­bert­stra­ße im Zwei­ten Welt­krieg. Dies gilt so­wohl für Ak­ten als auch für Ton­trä­ger be­zie­hungs­wei­se das Bild­ar­chiv. Das His­to­ri­sche Ar­chiv des WDR (ab 1.1.2017: Un­ter­neh­mens­ar­chiv) ver­fügt des­halb nur über Split­ter­be­stän­de aus der Zeit vor 1945. Ein wei­te­rer Grund ist der da­ma­li­ge Stand der Ar­chi­vie­rungs­tech­nik und der Pra­xis des Be­stands­auf­baus im frü­hen Rund­funk. Die Sen­dun­gen aus den An­fangs­jah­ren des Rund­funks wa­ren im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes „flüch­ti­g“. Sie wur­den „li­ve“ aus­ge­strahlt und konn­ten noch nicht auf­ge­zeich­net wer­den. Dies än­der­te sich erst um 1930 mit der Ein­füh­rung von – al­ler­dings nur be­grenzt halt­ba­ren - Wachs­plat­ten, die dann auf Schel­lack­plat­ten um­ge­schnit­ten wer­den konn­ten. Un­ab­hän­gig von die­sen Ei­gen­pro­duk­tio­nen wur­den selbst­ver­ständ­lich In­dus­triet­on­trä­ger (Schall­plat­ten) im Mu­sik­be­reich ein­ge­setzt. Ins­ge­samt wur­den bis in die 1950er Jah­re hin­ein nur hoch­kul­tu­rel­le Pro­gramm­an­ge­bo­te, zum Bei­spiel Hör­spie­le, auch als ar­chi­vie­rungs­wür­dig be­trach­tet. Aus die­sem Grund feh­len ins­be­son­de­re Ton­trä­ger zur Un­ter­hal­tungs­kul­tur, die die Ei­gen­pro­duk­tio­nen der Sen­der do­ku­men­tie­ren könn­ten (wäh­rend In­dus­triet­on­trä­ger käuf­lich er­wor­ben wur­den). Die wich­tigs­te Quel­le für ei­ne Pro­gramm­ana­ly­se stellt des­halb – ab­ge­se­hen von ar­chi­va­li­schen Spie­ge­l­über­lie­fe­run­gen in an­de­ren Ar­chi­ven – die Köl­ner Pro­gramm­zeit­schrift „Die Wer­ag“ dar. Sie un­ter­rich­te­te - ab­ge­se­hen von ei­nem bun­ten Pot­pour­ri über Per­so­nen oder wich­ti­gen Er­eig­nis­sen - über das ak­tu­el­le Ta­ges­pro­gramm. Aus die­sem Grun­de kön­nen Pro­gramm­struk­tur, Ein­zel­sen­dun­gen, Sen­de­rei­hen, Sen­de­plät­ze, Sen­de­dau­ern, Gat­tun­gen, zum Teil auch Mit­wir­ken­de und bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad auch In­hal­te be­zie­hungs­wei­se das mu­si­ka­li­sche Re­per­toire be­stimmt wer­den.

Ei­ne Pro­gramm­struk­tur­ana­ly­se der WE­FAG und WER­AG er­gibt fol­gen­des Bild: In der Grün­dungs­pha­se der WE­FAG wur­den cir­ca drei­ein­halb Stun­den Pro­gramm pro Tag aus­ge­strahlt, im De­zem­ber 1926 wa­ren es be­reits neun Stun­den, im Som­mer 1927 zehn und bis zum Win­ter 1931 stieg die Dau­er des Ge­samt­pro­gramms auf 15 Stun­den pro Tag. Es gab vor­mit­täg­li­che und nächt­li­che Sen­de­pau­sen, in de­nen „Funk­stil­le“ herrsch­te. Die vor­mit­täg­li­che Sen­de­pau­se wur­de im Zu­ge der Welt­wirt­schafts­kri­se von der neu­en Sen­de­rei­he „Mensch und Welt“ ge­füllt. Sie war ein spe­zi­el­les Ziel­grup­pen­an­ge­bot für Ar­beits­lo­se. Das Pro­gramm be­gann um 7 Uhr mor­gens und en­de­te in der Re­gel um 24.00 Uhr, sams­tags um 1.00 Uhr mor­gens.

Ernst Hardt. Intendant der WERAG (1926-1933), 1927. (© WDR im Bild, 1545714)

 

Wie bei an­de­ren Sen­de­ge­sell­schaf­ten wur­de auch bei WE­FAG/WER­AG viel im Be­reich des „Zeit­funks“ bei Au­ßen­über­tra­gun­gen, Re­por­ta­gen und der Sport­be­richt­er­stat­tung ex­pe­ri­men­tiert. Fe­der­füh­rend in der Spar­te war Dr. Bern­hard Ernst, der be­reits seit dem 1.3.1925 als Sport- und Zeit­funk­re­dak­teur in Diens­ten der WE­FAG stand. Am 12.6.1925 be­rich­te­te er für die WE­FAG von ei­ner Re­gat­ta auf dem Dort­mund-Ems-Ka­nal. Es war die ers­te Au­ßen­über­tra­gung ei­nes Sport­er­eig­nis­ses durch die WE­FAG. Bern­hard Ernst avan­cier­te rasch zu ei­nem der be­deu­tends­ten Sport­re­por­ter des frü­hen Rund­funks. Am 1.11.1925 kom­men­tier­te er die ers­te Li­ve-Über­tra­gung ei­nes Fuß­ball­spiels im deut­schen Rund­funk, die Ober­li­ga­par­tie Preu­ßen Müns­ter ge­gen Ar­mi­nia Bie­le­feld. Ernst mach­te sich nicht nur als Kom­men­ta­tor bei Fuß­ball­spie­len ei­nen Na­men, son­dern auch durch sei­ne Re­por­ta­gen vom Nür­burg­ring. Bei die­sen Re­por­ta­gen wur­de be­reits im Rund­funk der Wei­ma­rer Re­pu­blik mit Staf­fel­re­por­ta­gen ex­pe­ri­men­tiert, bei de­nen meh­re­re Re­por­ter längs der Renn­stre­cke plat­ziert wur­den. Ein gro­ßer Ak­ti­ons­ra­di­us war den Re­por­tern je­doch auf­grund der Mi­kro­fon­tech­nik noch nicht ver­gönnt. Ein 1929 bei der WER­AG ent­wi­ckel­tes Brust­tra­ge­ge­stell für Mi­kro­fo­ne sorg­te fort­an für grö­ße­re Be­we­gungs­frei­heit. Im Jah­re 1929 nahm die WER­AG auch ih­ren ers­ten Ü-Wa­gen in Be­trieb.

Zu An­fangs­zei­ten der WE­FAG wur­den Nach­rich­ten noch von Spre­chern aus Ta­ges­zei­tun­gen vor­ge­le­sen, ab 1926 ka­men sie dann fünf­mal täg­lich von der Nach­rich­ten­agen­tur DRA­DAG. Auf­grund sei­ner Schnel­lig­keit war das neue Me­di­um prä­des­ti­niert für “Ak­tua­li­tät“, das hei­ßt zeit­na­he Be­richt­er­stat­tung. In­ner­halb des Zeit­funks galt dies zwar für den Sport, nicht je­doch für ei­ne po­li­ti­sche Be­richt­er­stat­tung, erst recht nicht für ei­ne kri­ti­sche Kom­men­tie­rung oder gar in­ves­ti­ga­ti­ve Re­cher­che. Dies ließ das po­li­ti­sche Neu­tra­li­täts­ge­bot der Wei­ma­rer Rund­funk­ord­nung nur in be­schränk­tem Ma­ße be­zie­hungs­wei­se über­haupt nicht zu. Un­strit­tig war die Über­tra­gung po­li­ti­scher Gro­ße­reig­nis­se wie et­wa der Rhein­land­be­frei­ungs­fei­ern in Köln 1926 und in Trier 1930. Gleich­wohl gab es Sen­dun­gen zu so­zi­al- und wirt­schaft­li­chen The­men, die al­ler­dings vom Res­sort „Wirt­schaft und So­zia­les“ im „Vor­trags­we­sen“ re­dak­tio­nell be­treut wur­den.

Besuch de ehmaligen WEFAG-Sprechers Heinz Bisping bei der WERAG. Aufnahme auf dem Dach des Funkhauses Dagobertstraße. v.l.n.r.: Heinz Bisping, Dr. Bernhard Ernst, August 1932. (© WDR, 1441134)

 

Zur Frak­ti­on de­rer, die der „Ak­tua­li­tät“ des Me­di­ums als sein wich­tigs­tes Ziel be­trach­te­ten, ge­hör­te Bern­hard Ernst. Im Früh­jahr 1929 hob er die Sen­de­rei­he „Ir­gend­wo in West­deutsch­lan­d“ aus der Tau­fe. In der Sen­de­rei­he, die am 17.4.1929 erst­mals auf dem Pro­gramm stand, wur­den Re­por­ta­gen aus In­dus­trie­be­trie­ben über­tra­gen. An Ernsts tech­nik­zen­trier­tem An­satz, das hei­ßt der Ab­bil­dung der Rea­li­tät durch ei­ne Klang­col­la­ge, zum Teil auch un­ter­legt mit In­ter­views, wur­de je­doch auch Kri­tik ge­übt. Ge­ra­de Hardt war der Über­zeu­gung, dass die Re­por­ta­ge ei­nes „ord­nen­den Geis­tes“ des Re­por­ters be­dür­fe, das Über­tra­gen von Ge­räu­schen al­lein sei zu we­nig, auch wenn es ei­nen we­sent­li­chen Tech­nik­fort­schritt dar­stell­te. Heik­le Fra­gen wie zum Bei­spiel Lohn­po­li­tik, Ar­beits­si­cher­heit und Ar­beits­zu­frie­den­heit wur­den in der Sen­de­rei­he nicht the­ma­ti­siert.

Rudi Rauher, Ansager und Reporter im Studio, 1933. (© WDR im Bild, 1481178)

 

Die Mu­sik­ab­tei­lung der WER­AG wur­de ab 1930 von dem Ka­pell­meis­ter, Kom­po­nis­ten und Schü­ler von Phil­ipp Jar­nach (1892-1982), Hans Ebert (1889-1952), ge­lei­tet. Er ver­ant­wor­te­te nicht nur po­pu­lä­re mu­sik­wis­sen­schaft­li­che und in­stru­men­ten­kund­li­che Sen­de­rei­hen, son­dern kom­po­nier­te auch Hör­spiel­mu­sik. Um 1929 wur­de auch ei­ne ei­ge­ne Schall­plat­ten­ab­tei­lung un­ter dem „Disc­jo­ckey“ Har­ry Her­mann Spitz (1899-1961) ein­ge­rich­tet. Der aus­ge­bil­de­te Brat­scher lei­te­te bis zu sei­ner Ent­las­sung im Jah­re 1933 au­ßer­dem ein klei­nes Jaz­zor­ches­ter. Der Kom­po­nist Gus­tav Kneip (1905-1992) stand dem Un­ter­hal­tungs­res­sort vor und schuf mit der Pro­duk­ti­on „Christ­kinds Er­den­rei­se“ von 1929 die ers­te Funko­per.

Mu­sik bil­de­te schon al­lein in quan­ti­ta­ti­ver Hin­sicht das Rück­grat des Hör­funks, und es wur­de bei der WER­AG ein breit ge­fä­cher­tes Pro­gramm von der Klas­si­schen Mu­sik, über Volks­mu­sik bis hin zum Jazz aus­ge­strahlt. Ei­ne Sen­de­rei­he „Zeit­ge­nös­si­sche Ton­set­zer“ stand schon 1927 auf dem Pro­gramm, al­ler­dings po­si­tio­nier­te sich die WER­AG nicht mit ei­nem avant­gar­dis­ti­schen Mu­sik­pro­gramm wie et­wa der Sen­der in Kö­nigs­berg.

Reporter und Sprecher beim Reichssender Köln, 12.02.1934. (© WDR im Bild, 1545713)

 

Nach Hardts Pro­gramm­kon­zep­ti­on von 1927 soll­te es in­ner­halb von an­dert­halb Wo­chen min­des­tens ein Sin­fo­nie­kon­zert, ei­ne Oper oder Ope­ret­te ge­ben und wö­chent­lich ein „volks­tüm­li­ches“ Kon­zert, ei­nen Lie­der­abend und ei­nen „Lus­ti­gen Aben­d“ als Wort-Mu­sik-Sen­dung. Mu­sik­sen­dun­gen stan­den prak­tisch über den gan­zen Tag ver­teilt auf dem Pro­gramm, be­gin­nend bei mor­gend­li­chen Mu­sik­sen­dun­gen oder Über­tra­gun­gen von „Brun­nen­kon­zer­ten“ aus Kur­or­ten bis hin zum Abend- oder am Wo­chen­en­de auch zum Nacht­pro­gramm. Mit der Ent­wick­lung der Mi­kro­fon­tech­nik er­wei­ter­te sich mit dem Fre­quenz­um­fang der Mi­kro­fo­ne auch der Spiel­raum bei der Aus­wahl des mu­si­ka­li­schen Re­per­toires.

1928 kam der Düs­sel­dor­fer Buch­händ­ler Fritz Worm (1887-1940) zum Vor­trags­we­sen der WER­AG. Er lei­te­te die Ab­tei­lung „Schau­spiel und Dich­tun­g“ mit den Res­sorts Li­te­ra­tur und Hör­spiel. Worm wid­me­te sich der Fra­ge, wel­che Li­te­ra­tur­gat­tun­gen sich als „fun­ki­sch“ eig­ne­ten und wie sie prä­sen­tiert wer­den konn­ten. Worm ex­pe­ri­men­tier­te auch mit Wort-Mu­sik-For­ma­ten wie zum Bei­spiel in der po­pu­lä­ren Sen­de­rei­he „Ei­ne Stun­de Kurz­weil“; au­ßer­dem in­ter­es­sier­te er sich in be­son­de­rem Ma­ße da­für, wie Bil­den­de Kunst im Hör­funk the­ma­ti­siert wer­den könn­te. Sei­ne Über­le­gun­gen ku­mu­lier­ten schlie­ß­lich in der le­gen­dä­ren „Dom-Re­por­ta­ge“,  das hei­ßt ei­ner nächt­li­chen Über­tra­gung aus dem Köl­ner Dom, die am 28.4.1930 aus­ge­strahlt wur­de. Sie trug in sich be­reits al­le Ele­men­te ei­ner Akus­ti­schen Kunst. Mit ihr ge­lang Worm die Schaf­fung ei­nes ra­dio­pho­nen Ge­samt­kunst­wer­kes. Die Di­men­si­on des Got­tes­hau­ses wur­de da­bei durch die Po­si­tio­nie­rung der Mi­kro­fo­ne an der Pfor­te und der Vie­rung hör­bar, wäh­rend sin­gen­de Chor­kna­ben den Raum von ei­nem Mi­kro­fon zum an­de­ren durch­ma­ßen. Die Hö­he wur­de durch ei­nen Wech­sel­ge­sang von Chor­kna­ben er­fahr­bar, die im Lang­haus und der Vie­rung plat­ziert wa­ren. Ab­ge­se­hen da­von ope­rier­te Worm nicht nur mit Ge­räu­schen (Kon­tras­tie­rung von be­leb­tem Vor­platz und der Stil­le im Got­tes­haus, Glo­cken­schlag und ei­ner re­tar­die­ren­den Pau­se vor dem Ein­set­zen des Voll­ge­läu­tes des Do­mes, usw.) und ver­schie­de­nen jour­na­lis­ti­schen (Be­richt, In­ter­view), mu­si­ka­li­schen und li­te­ra­ri­schen Gat­tun­gen wie Or­gel- und Chor­mu­sik, Wech­sel­ge­sän­ge, Ge­dichtre­zi­ta­ti­on, Le­sung von Pro­sa, Bild­be­schrei­bung usw. As­sis­tent im Res­sort Li­te­ra­tur und Nach­fol­gers Worms als Lei­ter der Li­te­ra­ri­schen Ab­tei­lung von 1933-1945 wur­de Dr. Mar­tin Ro­cken­bach (1898-1948), des­sen be­son­de­res Au­gen­merk ei­ner jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on von ka­tho­li­schen und/oder rhei­ni­schen Dich­te­rin­nen und Dich­tern galt.

Der Frohe Samstagnachmittag. Bilderbuch 'Die drei frohen Gesellen mit der Laterna magica' mit Hermännchen zur Senderreihe. (© WDR im Bild, 1390472)

 

Ins­ge­samt er­freu­te sich die Li­te­ra­tur ei­ner be­son­de­ren Wert­schät­zung durch die WER­AG. Sen­dun­gen li­te­ra­ri­schen In­halts wur­den auf durch­weg gu­ten Sen­de­plät­zen im Vor­abend­pro­gramm aus­ge­strahlt, aber auch in Spar­ten­pro­gram­men wie dem Ar­bei­ter­funk und dem Schul­funk un­ter der Lei­tung von Hans Beh­le (ge­bo­ren 1894) und dem spä­te­ren ZDF-Grün­dungs­in­ten­dan­ten Karl Holza­mer (1906-2007). Zeit­ge­nös­si­sche Schrift­stel­ler wur­den durch ei­ge­ne Sen­de­rei­hen wie „Le­ben­de Dich­ter“ oder „Un­ge­druck­te Dich­ter“ ge­för­dert, be­liebt wa­ren auch Le­sun­gen durch Dich­te­rin­nen und Dich­ter. In An­be­tracht der Wirt­schafts­kri­se trug die WER­AG da­mit we­sent­lich zur Kul­tur­för­de­rung und der Exis­tenz­si­che­rung von Kul­tur­schaf­fen­den in den Be­rei­chen Mu­sik und Li­te­ra­tur bei. Dies galt auch für den Be­reich des Hör­spiels als ei­ner neu­en ra­dio­pho­nen Gat­tung. Häu­fig in­sze­nier­te der er­fah­re­ne Thea­ter­in­ten­dant und –re­gis­seur Ernst Hardt selbst. In der „Hör­büh­ne des West­deut­schen Rund­funks“ stan­den so­wohl Klas­si­ker als auch mo­der­ne Wer­ke auf dem Pro­gramm – et­wa von Bert Brecht (1898-1956) oder Edu­ard Rei­n­ach­er (1892-1968). Die bei der WER­AG ge­pfleg­te „Köl­ner Dra­ma­tur­gie“ war je­doch (im Un­ter­schied et­wa zur Schle­si­schen Funk­stun­de in Bres­lau) in ers­ter Li­nie wort­ba­siert und nicht (ra­dio­phon-) ex­pe­ri­men­tell. Mit sei­nen In­sze­nie­run­gen er­warb Hardt den Sta­tus ei­nes der gro­ßen Rund­funk­re­gis­seu­re der Früh­zeit des Ra­di­os.

Funkwerbung beim Reichssender, mit Martha Kallnich und Ferndinad Mahir, 1935. (© WDR im Bild, 1441143)

 

Ein Cha­rak­te­ris­ti­kum der WER­AG war auch der Ar­bei­ter­funk. Zwar exis­tier­te ein sol­cher auch bei ei­ni­gen an­de­ren Sen­de­ge­sell­schaf­ten, bei der WER­AG ge­noss er je­doch ei­ne be­son­de­re För­de­rung. Be­reits im März 1927 be­gann die Sen­de­rei­he „Stun­de des Ar­bei­ter­s“. Die Sen­de­rei­he „Mensch und Welt“ un­ter der re­dak­tio­nel­len Be­treu­ung durch Wil­li Schä­fer­diek (1903-1993) rich­te­te sich ex­pli­zit an Ar­beits­lo­se. Mit die­sem Kon­zept woll­te Hardt die Ge­samt­hö­rer­schaft mit Ar­bei­ter­fra­gen ver­traut ma­chen und auf die­se Wei­se da­zu bei­tra­gen, so­zia­le Gren­zen in­ner­halb der Ge­sell­schaft durch „Tat­sa­chen­kennt­nis“, das hei­ßt durch In­for­ma­ti­on, zu über­win­den. Am 23.10.1931 wur­de mit dem Hör­spiel „To­ter Man­n“ des Ar­bei­ter­schrift­stel­lers Kar­lau­gust Düp­pen­gie­ßer (1899-1987) aus Stol­berg das ers­te Ar­bei­ter­hör­spiel der Rund­funk­ge­schich­te über­tra­gen, in­sze­niert und ein­ge­lei­tet von Hardt.

Im Herbst 1928 er­hielt der Köl­ner Wirt­schafts­his­to­ri­ker und Mar­xist Dr. Hans Stein (1894-1941) die Fest­an­stel­lung als De­zer­nent für „Wirt­schaft und So­zia­les“. Stein stand vor al­lem für die ob­jek­ti­ve und wis­sen­schaft­lich fun­dier­te Ver­mitt­lung von „Tat­sa­chen­kennt­nis“. Er hat­te im Herbst 1927 mit ei­ner Sen­de­rei­he zum The­ma „Russ­land von heu­te“ de­bü­tiert. Hardt ver­trau­te ihm auch Sen­dun­gen zu po­li­tisch „bri­san­ten“ The­men wie dem 1. Mai oder dem 9. No­vem­ber an, da er Steins wis­sen­schaft­lich-vor­ur­teils­freie Her­an­ge­hens­wei­se schätz­te. Be­kannt wur­de Stein auch als ei­ner der vier Dis­ku­tan­ten aus der Sen­de­rei­he „Ge­sprä­che über Men­schen­tum“, in der Ernst Hardt, Fritz Worm, Stein so­wie der Köl­ner So­zio­lo­ge Paul Ho­nigs­heim (1885-1963) über so­zi­o­po­li­ti­sche The­men und ih­re his­to­ri­schen Hin­ter­grün­de dis­ku­tier­ten. Da freie Dis­kus­si­ons­sen­dun­gen mit der Wei­ma­rer Rund­funk­ord­nung kon­fli­gier­ten - schlie­ß­lich konn­te man die Dis­kus­si­on nicht an­ti­zi­pie­ren und schrift­lich nie­der­le­gen -, ent­sann Hardt den Kunst­griff, in­dem er sich selbst zum Dis­kus­si­ons­lei­ter mach­te. Wäh­rend die Dis­ku­tie­ren­den und ih­re Stand­punk­te in der Sen­de­rei­he „Ge­sprä­che über Men­schen­tum“ be­kannt wa­ren, ex­pe­ri­men­tier­te die WER­AG in der Nach­fol­ger­sen­dung „Drei Deut­sche spre­chen mit­ein­an­der“ da­mit, die Na­men der Dis­ku­tie­ren­den nicht be­kannt zu ge­ben. Auf die­se Wei­se soll­te es um Ar­gu­men­te ge­hen und nicht um vor­der­grün­di­ge Zu­ord­nun­gen von Teil­neh­mern zu po­li­ti­schen La­gern.

Lei­te­rin­nen der Spar­ten Kin­der- und Frau­en­funk wur­den die Schau­spie­le­rin Els Vor­dem­ber­ge (1902-1999) und die ge­ler­ne­te Wohl­fahrts­pfle­ge­rin Ma­rie-The­res van den Wy­en­bergh (1902-1984). Sie wa­ren zu­gleich die ein­zi­gen Frau­en in lei­ten­den Po­si­tio­nen bei der WER­AG in den sei­ner­zeit “ty­pi­schen“ Frau­en-Do­mä­nen.

Hörspielredaktion Reichssender Köln, Mitte der 1930er Jahre. (© WDR/Hubert Hahn, 1589271)

 

2. Der Reichssender Köln (1933/1934-1942)

Ob­wohl die An­grif­fe des „West­deut­schen Be­ob­ach­ter­s“, der Köl­ner NS-Gau­zei­tung, nach der Er­nen­nung Adolf Hit­lers (1889-1945) zum Reichs­kanz­ler am 30.1.1933 schär­fer wur­den und Hit­ler-Re­den als „Auf­la­ge­sen­dun­gen“ auch ver­pflich­tend vom West­deut­schen Rund­funk aus­ge­strahlt wer­den muss­ten, lässt sich bis zur Sus­pen­die­rung des In­ten­dan­ten Ernst Hardt im März 1933 kein Kurs­wech­sel in der Pro­gramm- oder Per­so­nal­po­li­tik fest­stel­len.

Die ent­schei­den­de Dy­na­mik setz­te nach der Reichs­tags­wahl vom 5.3.1933 ein. Am 11.3.1933 wur­de die Ein­rich­tung ei­nes Reichs­mi­nis­te­ri­ums für Volks­auf­klä­rung und Pro­pa­gan­da (RMVP) un­ter Jo­seph Go­eb­bels be­schlos­sen, am 13. März er­hielt er sei­ne Er­nen­nungs­ur­kun­de durch Reichs­prä­si­dent Paul von Hin­den­burg (1847-1934). Aus dem Post- und dem In­nen­mi­nis­te­ri­um wur­den dem neu­en Pro­pa­gan­da­mi­nis­te­ri­um weit rei­chen­de Kom­pe­ten­zen über­tra­gen, wäh­rend die Fe­der­füh­rung in der Fra­ge des Aus­lands­rund­funks im „Drit­ten Reich“ auf­grund des Wi­der­stan­des des Aus­wär­ti­gen Am­tes nie­mals ab­schlie­ßend ge­re­gelt wer­den konn­te. Die „Gleich­schal­tun­g“ des deut­schen Rund­funks und der Sen­de­ge­sell­schaf­ten wur­de in den fol­gen­den Mo­na­ten in in­sti­tu­tio­nell-ak­ti­en­recht­li­cher, in per­so­nal­po­li­ti­scher und in pro­gramm­li­cher Hin­sicht voll­zo­gen.

Den Bo­den für die in­sti­tu­tio­nel­le „Gleich­schal­tun­g“ hat­te schon die au­to­ri­tä­re Rund­funk­re­form des Jah­res un­ter Reichs­kanz­ler Franz von Pa­pen (1879-1969) be­rei­tet, in­dem Pri­vat­ak­tio­nä­re aus den Sen­de­ge­sell­schaf­ten hin­aus­ge­drängt wor­den wa­ren. In ei­nem wei­te­ren Schritt ge­lang es Go­eb­bels am 30.6.1933, die Län­der, vor al­lem das mäch­ti­ge Preu­ßen un­ter Mi­nis­ter­prä­si­dent Her­mann Gö­ring (1893-1946), und die ein­zel­nen Sen­der als An­teils­eig­ner der Reichs-Rund­funk-Ge­sell­schaft (RRG) zu eli­mi­nie­ren. In der neu­en Sat­zung der RRG vom 8.7.1933 er­hielt die­se nun auch die künst­le­ri­sche und po­li­ti­sche Lei­tung, die in der neu ge­schaf­fe­nen „Reichs­sen­de­lei­tun­g“ un­ter Go­eb­bels’ Ge­folgs­mann Eu­gen Ha­da­mo­vs­ky (1904-1945) ge­bün­delt wur­de. Sie be­an­spruch­te für sich ei­ne „Pro­gramm­auf­sich­t“ über die Sen­der. Im No­vem­ber über­tru­gen die Län­der schlie­ß­lich ih­re Ge­schäfts­an­tei­le an den Re­gio­nal­sen­dern an die RRG. Am 9.2.1934 wur­den die vor­mals selbst­stän­di­gen Sen­de­ge­sell­schaf­ten li­qui­diert, sie wa­ren fort­an Fi­lia­len der RRG, die wie­der­um vom Pro­pa­gan­da­mi­nis­te­ri­um kon­trol­liert wur­den und nun die ein­heit­li­che Be­zeich­nung „Reichs­sen­der“ er­hiel­ten.

Auf der per­so­nal­po­li­ti­schen Ebe­ne be­gann die „Gleich­schal­tun­g“ des West­deut­schen Rund­funk GmbH (seit Ja­nu­ar 1933) mit ei­ner Ent­las­sungs­wel­le, die am 20.3.1933 mit der Sus­pen­die­rung des In­ten­dan­ten Ernst Hardt be­gann. Ihm folg­ten in­ner­halb von vier Wo­chen lei­ten­de Mit­ar­bei­ter wie Hans Stein (Wirt­schaft und So­zia­les), Els Vor­dem­ber­ge (Kin­der­funk), Fritz Le­wy („Pro­pa­gan­da­ab­tei­lun­g“, das hei­ßt Wer­be­ab­tei­lung und Bild­ar­chiv, 1893-1950), Hans Ebert (Mu­sik) oder Ma­rie-The­res van den Wy­en­bergh (Frau­en­funk). Im Fo­cus der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten stan­den hier­bei „Po­li­tisch Un­zu­ver­läs­si­ge“ (wie Ernst Hardt), KPD-Mit­glie­der (im Lau­fe des Som­mers auch sol­che der SPD), „Kul­tur­bol­sche­wis­ten“, jü­di­sche Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter, „Dop­pel­ver­die­ne­rin­nen“ und Ho­mo­se­xu­el­le.

Betriebsappell der Mitarbeiterschaft des Westdeutschen Rundfunks vor dem Funkhaus Dagobertstraße, 01.05.1933. (© WDR im Bild, 1445735)

 

Die ju­ris­ti­sche Ba­sis für die Ent­las­sun­gen des Jah­res 1933 bil­de­te das „Ge­setz zur Wie­der­her­stel­lung des Be­rufs­be­am­ten­tums“. Die nicht ent­las­se­nen Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter wur­den ei­ner po­li­ti­schen Durch­leuch­tung un­ter­zo­gen, Über­wa­chung, Schi­ka­nen und Exis­tenz­ängs­te för­der­ten den An­pas­sungs­pro­zess. Oh­ne die Mit­glied­schaft in der Reichs­rund­funk­kam­mer, ei­ner Un­ter­glie­de­rung der 1933 ge­grün­de­ten Reichs­kul­tur­kam­mer, droh­te zu­dem Be­rufs­ver­bot für Jour­na­lis­ten. Ähn­lich ver­hielt es sich für die zahl­rei­chen frei­en Mit­wir­ken­den wie zum Bei­spiel Vor­tra­gen­de im Wort- und Mu­sik­be­reich. Die Mit­glied­schaft in der Par­tei war zwar kei­ne con­di­tio si­ne qua non für ei­ne Be­schäf­ti­gung im Funk­haus, und der neue In­ten­dan­t Dr. Hein­rich Glas­mei­er stand ins­be­son­de­re dem ka­tho­lisch-Zen­trums­na­hen Teil der „Ge­folg­schaf­t“ duld­sam ge­gen­über, doch voll­zo­gen vie­le den Schritt des Par­tei­ein­trit­tes im Funk­haus in der Da­go­bert­stra­ße, über dem seit dem 8.3.1933 die Ha­ken­kreuz­flag­ge weh­te, aus exis­tenz­si­chern­den oder of­fen op­por­tu­nis­ti­schen Grün­den.

Amtseinführung des NS-Intedant Dr. Heinrich Glasmeier im Funkhaus Dagobertstraße, 24.04.1934. (© WDR/Hubert Hahn, 1589320)

 

Als neu­er In­ten­dant wur­de der west­fä­li­sche Adels­ar­chi­var und Kul­tur­wart des Gau­es West­fa­len-Nord, Dr. Hein­rich Glas­mei­er, am 24.4.1933 von Go­eb­bels in sein Amt ein­ge­führt. Eben­so fach­fremd wie Glas­mei­er war auch ei­ne klei­ne Rie­ge von Par­tei­ge­nos­sen, die eben­falls auf Emp­feh­lung der Gau­lei­tung in West­fa­len-Nord in füh­ren­de Po­si­tio­nen lan­ciert wur­den, ein Pro­zess, der zu ei­ner Kor­rup­ti­ons­af­fä­re im Jah­re 1933/1934 führ­te, die Glas­mei­er trotz ei­ner zehn­mo­na­ti­gen Sus­pen­die­rung 1934/1935 auf­grund der Rü­cken­de­ckung Hit­lers und der Köl­ner Gau­lei­tung, wenn auch an­ge­schla­gen, über­stand. Im März 1937 wur­de er von Go­eb­bels, wie­der­um auf­grund des Vo­tums von Hit­ler, zum Reichs­rund­funk­in­ten­dan­ten be­ru­fen (bis 1945). Wäh­rend Glas­mei­ers Ab­we­sen­heit kam es un­ter Sen­de­lei­ter Eu­gen Kurt Fi­scher (1892-1991) zu ei­nem Per­so­nal­re­vi­re­ment, bei dem 1934/1935 Per­so­nal­ent­schei­dun­gen aus dem Jah­re 1933 rück­gän­gig ge­macht wur­den. Ei­ne Aus­nah­me hier­von bil­de­te al­ler­dings der hoch­be­gab­te Mu­sik­wis­sen­schaft­ler und frü­he­re Feuille­ton­jour­na­lis­t Adolf Ras­kin, der En­de 1933 zum „West­deut­schen Ge­mein­schafts­diens­t“ wech­sel­te, der für die Ko­or­di­nie­rung der „Saar­pro­pa­gan­da“ im Zu­ge des Saar­re­fe­ren­dums von 1935 zu­stän­dig war. Es war Ras­kins Sprung­brett für ei­ne wei­te­re stei­le Kar­rie­re in­ner­halb des Reichs­rund­funks.

Glas­mei­ers Nach­fol­ger in Köln wur­de der 1905 in Wie­den­brück ge­bo­re­ne NS-Ak­ti­vist An­ton („To­ni“) Win­kelnk­em­per. Der pro­mo­vier­te Ju­rist hat­te sich seit 1930 als Pro­pa­gan­d­a­chef des Gau­es Köln und als Par­tei­re­de­ner in man­chen wil­den Saal­schlach­ten sei­ne ers­ten Spo­ren in der NS-Be­we­gung ver­dient. In Köln ge­nos­sen die Win­kelnk­em­per-Brü­der To­ni und Pe­ter (let­ze­rer als Gau­pres­se­wart und Ober­bür­ger­meis­ter von 1941-1944) An­fang der 1930er Jah­re den Ruf no­to­ri­scher Ra­dau­brü­der. Im Vor­feld von Win­kelnk­em­pers Amts­über­nah­me im Jah­re 1937 setz­te auch der Exo­dus ver­blie­be­ner Mit­ar­bei­ter ein, die ei­nem po­li­tisch ge­mä­ßig­ten Spek­trum an­ge­hört hat­ten wie et­wa der Mu­sik­re­dak­teur und Kom­po­nist Gus­tav Kneip. Im Jah­re 1941 wur­de To­ni Win­kelnk­em­per kom­mis­sa­ri­scher In­ten­dant des Kurz­wel­len­sen­ders in Ber­lin (und da­mit ver­ant­wort­lich für das Aus­lands­pro­gramm des „Gro­ß­deut­schen Rund­funks“) und Aus­lands­di­rek­tor der RRG, dem auch die deut­schen Ge­heim­sen­der un­ter­stan­den. Da­mit be­erb­te er Adolf Ras­kin, der 1940 bei ei­nem Flug­zeug­ab­sturz ums Le­ben ge­kom­men war. Win­kelnk­em­per ge­riet 1945 in ame­ri­ka­ni­sche Kriegs­ge­fan­gen­schaft. Sein wei­te­res Schick­sal ist nicht ab­schlie­ßend ge­klärt.

Hermann Probst, Reportage von einer Pferdekoppel, ca. 1935-37. (© WDR im Bild, 1480418)

 

Das Pro­gramm, das der Reichs­sen­der Köln aus­strahl­te, kann auf­grund des gra­vie­ren­den Man­gels an Ton- und Schrift­quel­len erst an­satz­wei­se be­ur­teilt wer­den, zu­mal Voll­pro­gramm­ana­ly­sen für ein­zel­ne Spar­ten, mit Aus­nah­me der Sen­de­rei­he „Die Werk­pau­se“ bis­her völ­lig feh­len. Ei­ne Pro­gramm­struk­tur­ana­ly­se lie­fert hin­ge­gen ers­te Er­geb­nis­se. Ge­ne­rell ist fest­zu­hal­ten, dass sich die Pro­gramm­po­li­tik Go­eb­bels’ in drei Pha­sen glie­der­te: Das Jahr 1933 ist ge­kenn­zeich­net von ei­ner merk­li­chen In­sta­bi­li­tät im Pro­gramm, das auf­grund von zahl­rei­chen Über­tra­gun­gen von po­li­ti­schen Gro­ße­reig­nis­sen, Auf­mär­schen, Re­den von NS-Funk­tio­nä­ren usw. häu­fi­gen Pro­gramm­än­de­run­gen un­ter­lag. Be­reits Mit­te 1933 er­kann­te Go­eb­bels, dass das Über­maß an po­li­ti­scher In­dok­tri­na­ti­on und Pro­gramm­in­sta­bi­li­tät zu Un­zu­frie­den­heit in­ner­halb der Hö­rer­schaft führ­te. Als Kon­se­quenz aus die­ser Er­kennt­nis un­ter­lag die Über­tra­gung po­li­ti­scher Er­eig­nis­se ab Som­mer 1933 nun­mehr der Ge­neh­mi­gung des Pro­pa­gan­da­mi­nis­ters per­sön­lich. Im Jah­re 1934 star­te­te Go­eb­bels ei­ne „Kul­turof­fen­si­ve“ mit Über­tra­gun­gen von Wer­ken be­deu­ten­der deut­scher Li­te­ra­ten und Mu­si­ker zur bes­ten Sen­de­zeit, mit de­nen Go­eb­bels den An­grif­fen auf ei­ne an­geb­li­che Kul­tur­lo­sig­keit des Re­gimes ent­ge­gen­tre­ten woll­te. Im Jah­re 1935 folg­te schlie­ß­lich ei­ne „Un­ter­hal­tungs­of­fen­si­ve“, von nun an soll­ten Un­ter­hal­tungs­sen­dun­gen als „Trä­ge­rin des Rund­funk­pro­gramms“ (Glas­mei­er) gel­ten. Ei­nen Spit­zen­wert von an die 90 Pro­zent Mu­sik- und Un­ter­hal­tungs­sen­dun­gen er­reich­te der „Gro­ß­deut­sche Rund­fun­k“ dann nach Kriegs­be­ginn.

In der Re­gel be­gann das Pro­gramm mor­gens um 6.00 Uhr und dau­er­te meist bis 24.00 Uhr. Ei­ne Ver­schie­bung des Sen­de­schlus­ses bis 1.00 Uhr be­zie­hungs­wei­se bis 2.00 Uhr mor­gens gab es wäh­rend der „Kul­turof­fen­si­ve“ mit Sen­dun­gen bil­dungs­bür­ger­li­chen Zu­schnitts im Jah­re 1934 be­zie­hungs­wei­se ab 1937. Im Jah­re 1939 be­trug die Sen­de­dau­er des Reichs­sen­ders Köln 17 Stun­den täg­lich, das hei­ßt es gab so­wohl ei­ne nächt­li­che Sen­de­pau­se als auch Pau­sen im Vor- und Nach­mit­tags­pro­gramm.

Hörspielprobe im Reichssender Köln mit künstlicher Tür, 1935. (© WDR im Bild, 1589390)

 

Ein Trend, der schon in der Wei­ma­rer Re­pu­blik zu be­ob­ach­ten war, ma­ni­fes­tier­te sich in der Aus­wei­tung des Mu­si­k­an­teils von 42 Pro­zent im Jah­re 1933 auf 52 Pro­zent im Som­mer 1939. Nicht ein­be­zo­gen sind bei die­ser Rech­nung die Wort-Mu­sik-Sen­dun­gen im Um­fang von 10 Pro­zent im Jah­re 1939, bei de­nen der An­teil an Wort be­zie­hungs­wei­se Mu­sik nicht ex­akt be­zif­fert wer­den kann. Doch auch die Wort-Mu­sik-Sen­dun­gen wur­den wie das Abend­pro­gramm im All­ge­mei­nen im­mer „leich­ter“ kon­fek­tio­niert, das hei­ßt es gab im­mer mehr Mu­si­k­an­tei­le. Par­al­lel da­zu kam es zu ei­ner Ero­si­on von Pro­gram­men mit bil­dungs­bür­ger­li­chem An­spruch zum Bei­spiel von Kur­sen und Vor­trä­gen in der Spar­te „Kul­tu­rel­les Wort“ mit 1,6 Pro­zent im Jah­re 1939. E-Mu­sik wird En­de der 1930er Jah­re ei­ne zu ver­nach­läs­si­gen­de Grö­ße, eben­so Li­te­ra­tur­le­sun­gen mit 0,9 Pro­zent des Pro­gramms. Spar­ten­pro­gram­me wur­den ent­we­der völ­lig mar­gi­na­li­siert (zum Bei­spiel der Frau­en­funk mit 0,2  Pro­zent im Jah­re 1939) oder ganz ab­ge­schafft wie der Leh­rer­funk oder der Kir­chen­funk im Jah­re 1937. Auch Sport­über­tra­gun­gen spiel­ten mit Aus­nah­me der Hausse wäh­rend der Olym­pi­schen Spie­le im Jah­re 1936 mit An­tei­le von 0,2 Pro­zent-1,4 Pro­zent kei­ne Rol­le. Ei­ne leich­te Er­wei­te­rung des Pro­gramm­an­teils er­fuhr le­dig­lich der Land­funk mit Über­tra­gun­gen aus den Re­gio­nen Rhein­land und West­fa­len, un­ter an­de­rem auch mit dem be­lieb­ten Ma­ga­zin „Der Kie­pen­kerl packt aus“.

Wäh­rend hoch­kul­tu­rel­le An­ge­bo­te in Rand­zei­ten wie das Spät­abend­pro­gramm ver­drängt wer­den, do­mi­nier­ten zur bes­ten oder zu gu­ten Sen­de­zei­ten Bun­te Aben­de, Nach­mit­ta­ge oder Mit­mach­for­ma­te wie die be­lieb­ten Wunsch­kon­zer­te, de­ren be­kann­tes­tes die reichs­weit aus­ge­strahl­te Sen­de­rei­he „Wunsch­kon­zert für die Wehr­mach­t“ ab Ok­to­ber 1939 war.

Reporter Dr. Bernhard Ernst geht dem Rhein auf den Grund, 1938. (© WDR im Bild, 1446118)

 

Gro­ßer Be­liebt­heit beim Pu­bli­kum er­freu­te sich ins­be­son­de­re die am Sams­tag­nach­mit­tag über­tra­ge­ne zwei­stün­di­ge Li­ve-Sen­de­rei­he „Der fro­he Sams­tag­nach­mit­ta­g“, die erst­mals am 24.11.1934 in den Äther ging. Sie wur­de schon bald reichs­weit über­tra­gen, ze­le­brier­te Volks­tüm­lich­keit und ent­hielt sich kon­se­quent of­fen­kun­di­ger po­li­ti­scher Pro­pa­gan­da. Zu ei­nem ever­green wur­de das von Gus­tav Kneip für die Sen­dung kom­po­nier­te „Schwal­ben­lie­d“ in der In­ter­pre­ta­ti­on von Wil­ly Schnei­der. Über­aus er­folg­reich war auch die Sen­de­rei­he „Die Werk­pau­se“ (Erst­sen­dung: 3.2.1936), die zur Mit­tags­zeit aus rhei­nisch-west­fä­li­schen (In­dus­trie-) Be­trie­ben über­tra­gen wur­de. Im Zu­ge der Über­tra­gung von Kar­ne­vals­sen­dun­gen und sol­chen mit rhei­ni­schem Froh­sinn wur­den in den 1930er Jah­ren auch „köl­sche Star­s“ wie die Fa­mi­lie Mil­lo­witsch oder Lis Böh­le ei­nem über­re­gio­na­len Pu­bli­kum be­kannt, ins­be­son­de­re durch Land­schafts­sen­dun­gen, die von al­len Sen­dern über­nom­men wer­den muss­ten und so ein­zel­ne Re­gio­nen des Rei­ches den „Volks­ge­nos­sen“ im gan­zen Reich na­he brach­ten. Ins­ge­samt war so­wohl auf der Mu­sik- als auch auf der Wort­ebe­ne ei­ne zu­neh­men­de Ni­vel­lie­rung und Tri­via­li­sie­rung im Pro­gramm fest­zu­stel­len.

Der Kinderfunk des Reichssenders Köln besucht den Kölner Zoo, Juni 1939. (© WDR im Bild, 1390503)

 

Po­li­ti­sche In­dok­tri­na­ti­on er­folg­te durch die spür­ba­re Zu­nah­me po­li­ti­scher Mu­sik, zum Bei­spiel im HJ-Funk, oder von Mi­li­tär­mu­sik. In­wie­fern die Sen­dun­gen des Zeit­funks des Reichs­sen­ders Köln of­fen po­li­tisch im Sin­ne des Re­gimes ope­rier­ten, kann auf­grund des Man­gels an Quel­len nicht ge­nau fest­ge­stellt wer­den. Hier ste­hen et­wa Re­por­ta­gen von der Or­dens­burg Vo­gel­sang oder der Aus­stel­lung „Ent­ar­te Kunst“ in Düs­sel­dorf 1937 ne­ben sol­chen von Ein­wei­hun­gen von Brü­cken oder an­de­ren Bau­wer­ken oder vom Le­ben auf Bau­ern­hö­fen in West­fa­len usw.

Zwin­gend zum Pro­gramm­ka­non ge­hör­ten selbst­re­dend auch die Über­tra­gun­gen von Hit­ler-Re­den, die in Be­trie­ben in der Re­gel im „Ge­mein­schafts­emp­fan­g“ ge­hört wer­den muss­ten oder durch Über­tra­gun­gen von po­li­ti­schen Gro­ße­reig­nis­sen wie den Reichs­par­tei­ta­gen aus Nürn­berg oder Sen­dun­gen zu den „Fei­er­ta­gen“ der „Be­we­gun­g“ wie bei­spiels­wei­se am 9. No­vem­ber oder zu Hit­lers Ge­burts­tag am 20. April.

Auf der Pro­gram­me­be­ne wa­ren Wer­ke von Ju­den oder „Kul­tur­bol­sche­wis­ten“ fort­an ta­bu, an­glo­ame­ri­ka­ni­scher Jazz oh­ne­hin, und Kom­po­nis­ten wie Men­dels­sohn-Bar­thol­dy (1809-1847), Gus­tav Mah­ler (1860-1911), Jac­ques Of­fen­bach (1819-1880), Fried­rich Hol­la­en­der (1896-1976), die Prot­ago­nis­ten der Zwölf­ton­mu­sik, so­wie „Asphalt­li­te­ra­ten“ wie Ber­tolt Brecht oder Al­fred Dö­blin (1878-1957) und vie­le an­de­re mehr ver­schwan­den aus dem Pro­gramm.

Reportage des Reichsenders Köln: Frauen im Beruf, ca. 1940. (© WDR im Bild, 1541971)

 

Der Aus­bruch des Zwei­ten Welt­krie­ges am 1.9.1939 be­deu­te­te ei­nen gra­vie­ren­den Ein­schnitt für den Reichs­sen­der Köln. Schon vor Kriegs­aus­bruch wa­ren lei­ten­de Mit­ar­bei­ter zur Wehr­macht ein­ge­zo­gen wor­den; wäh­rend des Krie­ges wur­den Re­por­ter an so­ge­nann­ten „Pro­pa­gan­da­kom­pa­ni­en“ ab­ge­ge­ben, ge­nau wie der über­wie­gen­de Teil der Spre­cher so­wie der Tech­ni­ker mit­samt der Ü-Wa­gen. Die Klang­kör­per des Reichs­sen­ders Köln wur­den auf­ge­löst. Ab dem 9.5.1940 strahl­te der „Gro­ß­deut­sche Rund­fun­k“ ein Ein­heits­pro­gramm aus, der An­teil der in Köln pro­du­zier­ten Sen­dun­gen ging mas­siv zu­rück und führ­te zu ei­ner ers­ten vor­über­ge­hen­den Still­le­gung des Reichs­sen­ders Köln bis zum Ja­nu­ar 1941. In ei­ner kur­zen Pha­se bis zum 20.4.1941 pro­du­zier­te man in Köln vor­nehm­lich hu­mo­ri­ge „hei­mat­ge­bun­de­ne Un­ter­hal­tun­g“. Am 14.7.1941 wur­de der Tech­nik­be­trieb ge­schlos­sen. Im Herbst 1941 be­fand sich der Reichs­sen­der in Ab­wick­lung. Zwar wur­den ge­gen En­de des Jah­res noch ei­ni­ge we­ni­ge Sen­dun­gen – jetzt beim Reichs­sen­der Frank­furt – pro­du­ziert, ab Mai 1942 im Um­fang von ei­ner Stun­de pro Wo­che, doch das En­de des Reichs­sen­ders Köln nah­te mit der of­fi­zi­el­len Still­le­gung im Som­mer 1942 und der Auf­lö­sung des „Köl­ner Rest­kom­man­dos“ im No­vem­ber des­sel­ben Jah­res. Das Funk­haus in der Da­go­bert­stra­ße wur­de beim Luft­an­griff in der Nacht zum 31.5.1942 schwer be­schä­digt, der Sen­der in Lan­gen­berg wur­de am 12.4.1945 durch den deut­schen Post­schutz ge­sprengt. Köln soll­te sich erst im Sep­tem­ber 1945 zu­rück­mel­den – jetzt als der un­ter bri­ti­scher Kon­trol­le ste­hen­de „Nord­west­deut­sche Rund­funk Köln“.

Literatur

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Ber­nard, Bir­git, „... in man­chen wil­den Saal­schlach­ten“. To­ni Win­kelnk­em­per und die Spren­gung der Zen­trums­ver­samm­lung in Köln-Brauns­feld am 6.3.1931, in: Jahr­buch des Köl­ni­schen Ge­schichts­ver­eins 81 (2011/12), S. 276-295.
Ber­nard, Bir­git, Die „Werk­pau­se“. Ein Un­ter­hal­tungs­for­mat des NS-Rund­funks, in: West­fä­li­sche For­schun­gen 62 (2012), S. 389-417.
Ber­nard, Bir­git, Ernst Hardt (1876-1947). „Den Men­schen im­mer mehr zum Men­schen ma­chen“, Es­sen 2015.
Bier­bach, Wolf, Rund­funk zwi­schen Kom­merz und Po­li­tik. Der West­deut­sche Rund­funk in der Wei­ma­rer Zeit, 2 Bän­de, Frank­furt/M. 1986.
Först, Wal­ter (Hg.), Aus Köln in die Welt, Köln/Ber­lin 1974.
Leon­hard, Joa­chim-Fe­lix (Hg.), Pro­gramm­ge­schich­te des Rund­funks in der Wei­ma­rer Re­pu­blik, Mün­chen 1997.
Mohl, Re­na­te, Der Auf­bruch. Der West­deut­sche Rund­funk in der Wei­ma­rer Re­pu­blik., in: Am Puls der Zeit. 50 Jah­re WDR, Band 1: Die Vor­läu­fer 1924-1955, hg. von Pe­tra Wit­ting-Nö­then, Köln 2005, S. 27-85.
Rei­mann, Nor­bert, Hein­rich Glas­mei­er, in: West­fä­li­sche Le­bens­bil­der 17 (2005), S. 154-184. 

Propagandakompanie 1941. Ostfront. (© WDR im Bild, 1390536)

 
Zitationshinweis

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Bernard, Birgit, Der Westdeutsche Rundfunk (1924-1942/1945), in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/der-westdeutsche-rundfunk-1924-19421945/DE-2086/lido/5b72a458636ee7.33921573 (abgerufen am 16.10.2021)