Euskirchen 1914–1918. Der Krieg an der Heimatfront

Gabriele Rünger (Euskirchen) & Reinhold Weitz (Euskirchen)

Das Musikkorps des 2. Ersatz-Bataillons des Infanterie- Regiments 28 auf dem Weg in die Innenstadt, 1917. (Stadtarchiv Euskirchen)

1. Am Vorabend des Weltkrieges

Al­les ließ sich fried­lich und fort­schritt­lich an in die­sem schein­ba­ren Bil­der­buch­som­mer. Die Stadt und ih­re Bür­ger leb­ten in der Ge­wiss­heit, dass sie Teil ei­ner Ge­sell­schaft wa­ren, mit der es wirt­schaft­lich und kul­tu­rell auf­wärts­ging. „[Eus­kir­chen][1] er­weckt den Ein­druck ei­ner vom Geist des 20. Jahr­hun­derts em­por ge­tra­ge­nen Stadt, die ge­grün­det ist auf rast­lo­sen Han­del und Ge­wer­be­fleiß […] und so konn­te sie ins­be­son­de­re im letz­ten Jahr­zehnt [vor dem Welt­krieg] ei­nen er­staun­li­chen Auf­stieg be­gin­nen.“ Al­le „wett­ei­fer­ten in Ent­wick­lungs­plä­nen“. Die öf­fent­li­chen Bau­ten bo­ten die au­gen­fäl­ligs­ten Ak­zen­te: Amts­ge­richt und Land­rats­amt, Wai­sen­haus und Hos­pi­tal, Post­amt und Schlacht­hof, Volks­schu­len und vor al­lem ein pracht­vol­les) Gym­na­si­um. Im Ju­ni 1914 war die Pro­vin­zi­al-Taub­stum­men­an­stalt für die nörd­li­che Rhein­pro­vinz ein­ge­weiht wor­den, der Grund­stein für die Bau­grup­pe der Pro­vin­zi­al-Für­sor­ge-Er­zie­hungs­an­stalt Er­len­hof an der Köl­ner Land­stra­ße war ge­legt, ei­ne gro­ße In­fan­te­rie-Ka­ser­ne am west­li­chen Stadt­rand soll­te im Ok­to­ber 1914 be­zo­gen wer­den. Die ver­kehrs­mä­ßi­ge In­fra­struk­tur hat­te die Vor­aus­set­zung für die städ­ti­sche In­dus­tria­li­sie­rung so­wie für ih­re Rol­le als Gar­ni­sons- und Etap­pen­ort im Au­gust 1914 ge­schaf­fen.

Bahnhofsvorplatz Euskirchen mit Kriegerdenkmal, um 1912. (Stadtarchiv Euskirchen)

 

Die ge­wer­be­bür­ger­li­che Stadt­ge­sell­schaft war of­fen und viel­schich­tig; ei­ne Aus­nah­me mach­ten die Tuch­fa­bri­kan­ten mit ih­ren in­ter­fa­mi­liä­ren Hei­ra­ten. Die Kom­mu­nal­po­li­tik war um Aus­gleich be­müht und von Per­sön­lich­kei­ten be­stimmt. Die kon­fes­sio­nel­le Ho­mo­ge­ni­tät, die der Ka­tho­li­zis­mus als vor­herr­schen­de Re­li­gi­on schuf, kam po­li­tisch der Zen­trums­par­tei zu­gu­te. Sie bil­de­te die vor­herr­schen­de po­li­ti­sche Strö­mung. Ein ent­schei­den­der Re­prä­sen­tant wur­de Tho­mas Eßer (1870-1948), der re­de­ge­wand­te und tat­kräf­ti­ge Grün­der des Ver­eins selb­stän­di­ger Hand­wer­ker und Ge­wer­be­trei­ben­der (1898), Lei­ter der Ge­wer­be­bank (1900) und Grün­der der Eus­kir­che­ner Volks­zei­tung (1904).

Eus­kir­chen hat­te kei­ne Mi­li­tär­tra­di­ti­on. Sol­da­ten wa­ren im Stra­ßen­bild sel­ten zu se­hen, Of­fi­zie­re spiel­ten kei­ne ge­sell­schaft­li­che Rol­le. Die Merk­ma­le rhei­nisch, ge­werb­lich, ka­tho­lisch schie­nen ei­ne Ge­währ für ei­nen zi­vi­lis­ti­schen Geist zu sein. Doch das schien nur so. Seit der Jahr­hun­dert­wen­de mehr­ten sich die An­zei­chen ei­nes Zeit­geis­tes, für den der Krieg das Den­ken und Füh­len be­stimm­te. Seit 1903 stand auf dem Bahn­hofs­vor­platz ein Krie­ger­denk­mal. Ei­nes der ers­ten gro­ßen Bau­pro­jek­te des seit 1910 am­tie­ren­den Bür­ger­meis­ters Gott­fried Dis­se (1877-1945) war der Plan ei­ner In­fan­te­rie-Ka­ser­ne, die im Ju­ni 1914 im Roh­bau fer­tig ge­stellt war und im März 1915 be­zo­gen wur­de.

Thomas Eßer, 1917. (Stadtarchiv Euskirchen)

 

2. Der Krieg bricht aus – Euskirchen in den ersten Augusttagen

„Ge­ra­de soll­te die in­dus­tri­el­le Ent­wick­lung der Stadt durch die An­sied­lung ei­ner gro­ßen Brü­cken­bau-Mon­ta­ge­fir­ma in den See­ben­den ge­för­dert wer­den, als der un­er­war­te­te Kriegs­aus­bruch den Fa­den der güns­ti­gen Zeit­ver­hält­nis­se ab­riss […]“, so er­in­ner­te Bür­ger­meis­ter Dis­se im rück­bli­cken­den Ver­wal­tungs­be­richt. Die un­mit­tel­ba­ren Zeit­zeug­nis­se ge­ben ei­nen an­de­ren Ein­blick in die Dra­ma­tik der Ta­ge zwi­schen Frie­den und Krieg. Am Frei­tag­nach­mit­tag, dem 31.7.1914, wur­de der Zu­stand der Kriegs­be­reit­schaft er­klärt; ein Bahn­schutz so­wie Stra­ßen­sper­ren wur­den ein­ge­rich­tet[1]. Da Russ­land sei­ne Mo­bil­ma­chung nicht wie ge­for­dert zu­rück­nahm, er­folg­te am Sams­tag, dem 1. Au­gust, die deut­sche Kriegs­er­klä­rung an das Za­ren­reich. Im Be­zirk des VIII. Ar­mee­korps wur­de der Kriegs­zu­stand aus­ge­ru­fen. Die Ar­ti­kel 5-7, 27-29, 30 und 36 der Preu­ßi­schen Ver­fas­sung von 1850 wa­ren au­ßer Kraft ge­setzt. Dem Eus­kir­che­ner Bür­ger­meis­ter wur­de auf dem Rat­haus im Bei­sein der Bei­ge­ord­ne­ten Gis­sin­ger, Goe­bel und Tho­mas Eßer ge­gen 18.00 Uhr die Mo­bil­ma­chungs­de­pe­sche über­reicht; zur glei­chen Zeit hing am Post­amt das Pla­kat: „Mo­bil­ma­chung an­ge­ord­net!“ Der Bür­ger­meis­ter „ver­kün­de­te vom Rat­haus­fens­ter der drau­ßen in tie­fem Schwei­gen har­ren­den Men­ge das welt­ge­schicht­li­che Er­eig­nis. Mit fes­ter Stim­me er­mahn­te er sei­ne Mit­bür­ger er­neut zur Ru­he und Be­son­nen­heit und for­der­te sie zur treu­es­ten Pflicht­er­fül­lung auf.“ Es folg­te die Öff­nung der ver­sie­gel­ten Kis­te mit den Mo­bil­ma­chungs­vor­schrif­ten, ers­te Be­feh­le wur­den er­teilt. „Drau­ßen wog­ten die Men­schen­mas­sen hin und her [...] Ge­gen halb 1 Uhr nachts kam ei­ne star­ke Grup­pe von Tur­nern vor das Rat­haus und brach­te in stür­mi­scher Be­geis­te­rung ein Ge­löb­nis der Treue zum Aus­druck“.[2] 

In den ers­ten Au­gust­ta­gen mach­te sich ei­ne pa­nik­ar­ti­ge Stim­mung breit, der öf­fent­lich ge­gen­ge­steu­ert wur­de. Die Ver­sor­gung mit Le­bens- und Fut­ter­mit­teln sei ge­si­chert, hieß es. Die Angst vor Geld­knapp­heit hielt je­doch an, wes­halb so viel Geld von den Kon­ten ab­ge­ho­ben und zu­hau­se ge­hor­tet wur­de, dass De­chant Stoll­mann der Städ­ti­schen Spar­kas­se und der Ge­wer­be­bank mit Klein­geld aus Kir­chen­kol­lek­ten aus­hel­fen muss­te[3].

Hilfsdienst für Soldaten am Bahnhof Euskirchen, 1914: Der Vaterländische Frauenverein und Mitglieder des DRK, in der Mitte die Vorsitzende Susanne Kaufmann, Ehefrau des Landrats. (Stadtarchiv Euskirchen)

 

Der Sonn­tag, 2. Au­gust, war ein reg­ne­ri­scher Tag. Die deut­sche Mo­bil­ma­chung be­gann. Fahr­zeu­ge und Pfer­de wur­den auf dem Platz an der Erft­brü­cke ne­ben der Köl­ner Stra­ße un­ter dem Vor­sitz des Land­rats und Bür­ger­meis­ters aus­ge­ho­ben. Auf der Bahn­stre­cke roll­ten die ers­ten Mi­li­tär­trans­por­te, ei­ne Bahn­hofs­kom­man­dan­tur wur­de ein­ge­rich­tet. Im Saal Pohé stell­te das Be­zirks­kom­man­do Bonn ein Land­sturm­ba­tail­lon (VIII/6) zu­sam­men. Mit der ab­leh­nen­den No­te Bel­gi­ens am 3. Au­gust be­gann der deut­sche Ein­marsch. Nach­mit­tags kam es zur Kriegs­er­klä­rung des Deut­schen Reichs an Frank­reich. Das bri­ti­sche Ul­ti­ma­tum und der Ab­bruch der di­plo­ma­ti­schen Be­zie­hun­gen am 4. Au­gust wa­ren gleich­be­deu­tend mit ei­ner Kriegs­er­klä­rung Groß­bri­tan­ni­ens an das Deut­sche Reich, die am 5. Au­gust um 12.52 Uhr er­folg­te. Die Eus­kir­che­ner er­fuh­ren an die­sem Ta­ge den Wort­laut der kai­ser­li­chen „Thron­re­de“ und da­mit die of­fi­zi­el­le Les­art über die Art des Krie­ges: „Uns treibt nicht Er­obe­rungs­lust, uns be­seelt der un­beug­sa­me Wil­le, den Platz zu be­wah­ren, auf den uns Gott ge­stellt ha­t“, sagt Wil­helm II. (Re­gent­schaft 1888-1918).

Eus­kir­chen ent­wi­ckel­te sich schnell zu ei­nem wich­ti­gen Etap­pen­ort. „Das Ro­te Kreuz er­bau­te am Bahn­hof ei­ne Kaf­fee­kü­che und Ver­pfle­gungs­sta­ti­on. In un­un­ter­bro­che­nem Tag- und Nacht­dienst wur­den Lie­bes­ga­ben an die durch­zie­hen­den Trup­pen ver­teilt. Die Ei­sen­bahn­ab­tei­lung des gro­ßen Ge­ne­ral­stabs rich­te­te in den ers­ten Ta­gen un­ter Haupt­mann Heu­bes im Ho­tel zur Post ei­ne Trup­pen­wei­ter­lei­tungs­stel­le ein. Über ei­ne hal­be Mil­li­on Sol­da­ten durch­fuhr die Sta­ti­on in Zug­fol­gen von 10 Mi­nu­ten wäh­rend der ers­ten Ta­ge und Näch­te. In das Ma­ri­en­hos­pi­tal wur­den die ers­ten Ver­wun­de­ten von Lüt­tich in Kraft­wa­gen über­führt. Re­ser­ve­la­za­ret­te wur­den in der Taub­stum­men-An­stalt so­wie vor­über ge­hend im Ly­ze­um der Do­mi­ni­ka­ne­rin­nen ein­ge­rich­tet und als­bald mit Ver­wun­de­ten be­legt. […] Wäh­rend der Kriegs­jah­re durch­fuh­ren täg­lich Trup­pen­trans­por­te und Etap­pen­zü­ge den Bahn­hof Eus­kir­chen.“[4] Bis Mai 1915 be­trug die An­zahl der in der Ka­ser­ne un­ter­ge­brach­ten Sol­da­ten 5.000 Mann, da­nach bis zum Kriegs­en­de 1.800.

Auf dem alten Markt in Euskirchen am 1. August 1914. (Stadtarchiv Euskirchen)

 

Ei­ne Wo­che nach Kriegs­aus­bruch zog der Lo­kal­re­dak­teur der Eus­kir­che­ner Zei­tung am 10.8.1914 un­ter der Schlag­zei­le „Kriegs­zei­ten“ ei­ne ers­te Bi­lanz über die Stim­mungs­la­ge in der Stadt. „Wie hat sich doch al­les in kür­zes­ter Zeit ver­än­dert […] Mit ei­nem Schla­ge hat sich un­ser Ta­ges­le­ben ge­wan­delt, un­se­re Emp­fin­dungs­welt ist ei­ne an­de­re ge­wor­den […] Wir emp­fin­den, dass Un­ge­heu­res über uns ge­kom­men ist […] Ein ei­ni­ges Deutsch­land, das wir Gott sei Dank auch heu­te wie­der ha­ben, ist noch nie be­siegt wor­den.“[5] Von ei­ner Wo­ge des na­tio­na­len Hoch­ge­fühls wur­de auch die rhei­ni­sche Klein­stadt er­fasst. Die Eus­kir­che­ner Tur­ner, Se­mi­na­ris­ten und Gym­na­si­as­ten be­kun­de­ten scha­ren­wei­se in den Stra­ßen ih­ren Pa­trio­tis­mus, in den sich nicht sel­ten ei­ne Por­ti­on Aben­teu­er­lust misch­te. Vie­le jun­ge Män­ner mel­de­ten sich als Frei­wil­li­ge zur Ar­mee. Auch die Frau­en und Mäd­chen, die an den Bahn­sta­tio­nen die Sol­da­ten in den Mi­li­tär­zü­gen mit But­ter­bro­ten, Kaf­fee, Li­mo­na­de und Zi­gar­ren ver­sorg­ten oder an den Land­stra­ßen die Marsch­trup­pen mit Ge­trän­ken er­frisch­ten, be­zeug­ten den Ge­mein­schafts­geist die­ser Ta­ge. „Mit lau­tem Ju­bel“ wur­den die Wag­gons be­grü­ßt, die mit Grün­zeug ge­schmückt wa­ren und ag­gres­si­ve Auf­schrif­ten tru­gen (Je­der Stoß ein Fran­zos – Je­der Schuß ein Ruß o.ä.). Op­fer­ge­sin­nung und Spen­den­freu­dig­keit wa­ren nicht er­zwun­gen, sie zeig­ten sich un­ab­hän­gig von Al­ter und Ge­schlecht, Klas­se und Kon­fes­si­on. Die städ­ti­sche Ver­wal­tung und Po­li­tik, die an staat­li­che Au­to­ri­tät und ob­rig­keit­li­chen Dienst ge­wöhnt war, ver­such­ten mit Rou­ti­ne und sach­ge­mä­ßem Han­deln die Un­si­cher­hei­ten der Zeit zu über­spie­len und die neu­en Auf­ga­ben zu be­wäl­ti­gen.

Trotz­dem ist beim Blick in die ver­öf­fent­lich­ten Zeit­zeug­nis­se in und um Eus­kir­chen fest­zu­stel­len: Mar­ki­ge Wor­te vol­ler Kriegs­pa­thos ga­ben nicht den Haupt­ton an, das Hur­ra-Ge­schrei be­stimm­te nicht die Kom­men­ta­re. Ei­ne kriegs­trei­be­ri­sche Ag­gres­si­vi­tät fehl­te. Viel stär­ker such­ten die Men­schen ei­nen Halt in der Re­li­gi­on. Dorf- und Schul­chro­ni­ken, Zei­tun­gen und Ta­ge­bü­cher lie­fern zahl­rei­che Be­le­ge, dass die Ei­feler from­me Leu­te sind. In den ers­ten Kriegs­ta­gen wur­den Ge­bets­stun­den und Bittan­d­ach­ten ge­hal­ten, Pro­zes­sio­nen gin­gen zu Ka­pel­len. Kriegs­an­d­ach­ten wa­ren so zahl­reich be­sucht, dass so­gar der Platz drau­ßen be­setzt war.

Für die Kreis­stadt und das Um­land gilt: Das deut­sche Volk als Not­ge­mein­schaft, die zu­sam­men­steht, war an­fangs nur ei­ne Pro­pa­gan­da-Idee. Die klein­städ­ti­sche und länd­li­che Be­völ­ke­rung fühl­te und han­del­te in­di­vi­du­ell und da­mit mensch­lich oft an­ders, als die na­tio­na­len Ma­ni­fes­ta­tio­nen es ver­kün­de­ten. Die Un­ter­schie­de zwi­schen deutsch-na­tio­na­lem und ka­tho­lisch-ul­tra­mon­ta­nem Mi­lieu wur­den in den ers­ten Au­gust­ta­gen wie­der sicht­bar, ob­wohl die Mehr­heit der Eus­kir­che­ner wil­hel­mi­nisch und pa­trio­tisch dach­te, wie es die of­fi­zi­el­le Po­li­tik vor­gab.

3. Auf dem Weg in die totale Gesellschaft

Sammlung von Liebesgaben für Soldaten in Euskirchen, 1914. (Stadtarchiv Euskirchen)

 

3.1 Militarisierung

Die Ver­ord­nun­gen des Be­la­ge­rungs- und Kriegs­zu­stan­des brach­ten so­fort ein­schnei­den­de Be­schrän­kun­gen des ge­wohn­ten Le­bens. Der Gou­ver­neur der Fes­tun­g Köln, der nun die höchs­te staat­li­che Exe­ku­ti­ve war, er­ließ schon am 31. Ju­li ei­ne 26 Punk­te um­fas­sen­de Pres­se­zen­sur. Sie ver­bot un­ter an­de­rem die Wei­ter­ga­be von Nach­rich­ten über Trup­pen­be­we­gun­gen, den Ei­sen­bahn­schutz, Ein­quar­tie­run­gen und Bahn­hofs­an­la­gen. Die Fahr­plä­ne der „Son­der­zü­ge für Ein­be­ru­fe­ne“ wur­den eben­so wie die „An­mel­dungs­ta­ge der Land­sturmpf­lich­ti­gen“ öf­fent­lich be­kannt ge­ge­ben. Dass vor al­lem die Feld­post der Zen­sur un­ter­lag und kei­ne Nach­rich­ten zur Ge­fechts­la­ge wei­ter­ge­ge­ben wer­den durf­ten, muss nicht ei­gens be­tont wer­den.

Der Geist des Mi­li­tärs be­stimm­te schon in Frie­dens­zei­ten die Ge­sell­schaft des Kai­ser­reichs. Bei Aus­bruch der Kampf­hand­lun­gen ver­wun­dert es nicht, dass ne­ben der Mi­li­ta­ri­sie­rung des Er­wach­se­nen­all­tags die Kin­der und Ju­gend­li­chen für den Krieg ein­ge­übt wur­den. Vor Ort be­le­gen das zwei Phä­no­me­ne: die Schaf­fung von „Ju­gend­weh­ren“ und die Ein­rich­tung von so­ge­nann­ten Kriegs­vor­trä­gen. Im Rah­men des eu­ro­päi­schen und spe­zi­ell des deut­schen Wett­rüs­tens war es ein öf­fent­li­ches An­lie­gen, die „na­tio­na­le Wehr­kraf­t“ in der tur­ne­ri­schen Er­zie­hung zu stei­gern. An Kai­sers Ge­burts­tag (27. Ja­nu­ar) und am Se­dan­tag (2. Sep­tem­ber) wa­ren mi­li­tä­ri­sche Ri­tua­le üb­lich, Kin­der po­sier­ten mit Ge­wehr und Sä­bel, Pi­ckel­hau­be und Uni­form.

Euskirchener Zeitung vom 14.11.1914. (Stadtarchiv Euskirchen)

 

Mit Kriegs­aus­bruch wur­de aus dem Spiel Ernst. Nicht we­ni­ge Volks­schul­leh­rer rech­ne­ten es sich zur Eh­re an, mög­lichst wirk­lich­keits­nah ih­re Schü­ler auf den Kampf und den Feind vor­zu­be­rei­ten. Schon früh be­rich­te­te die Eus­kir­che­ner Pres­se über den Wett­ei­fer der Schul­ju­gend in der „Er­fül­lung va­ter­län­di­scher Pflich­ten und in der Hilfs­be­reit­schaf­t“[6] und be­reits am 13. Sep­tem­ber wur­de zur Grün­dungs­ver­samm­lung im Ti­vo­li ei­nes „Wehr­bun­des“ für die 16- bis 25-Jäh­ri­gen auf­ge­ru­fen[7]. In der Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung am 17. Sep­tem­ber war die mi­li­tä­ri­sche Vor­be­rei­tung der Ju­gend eben­falls ein The­ma. Die Auf­ga­be lag in der Hand des Vor­sit­zen­den des Krie­ger­ver­eins Jo­hann Kreis, „der (sie) mit der ihm ei­ge­nen schöp­fe­ri­schen In­itia­ti­ve in die Hand nah­m“.[8] En­de Sep­tem­ber hat­te der Wehr­bund be­reits 250 Mit­glie­der in zwei Kom­pa­ni­en, die an der Erft und in Turn­hal­len ih­re Übun­gen ab­hiel­ten.[9] 

Als im Herbst 1914 die Hoch­stim­mung der Au­gust­ta­ge ab­ge­klun­gen war und die Hoff­nung auf ei­nen kur­zen Krieg sich nicht er­füll­te, muss­te die deut­sche Staats­füh­rung die Be­völ­ke­rung auf ei­ne lan­ge Dau­er des Krie­ges ein­stim­men. Sol­da­ten und Zi­vi­lis­ten durf­ten den Glau­ben an ei­nen ge­rech­ten Kampf, der je­de Un­ter­stüt­zung ver­dien­te und von al­len ge­tra­gen wer­den muss­te, nicht ver­lie­ren. Die Stun­de der Pro­pa­gan­da war ge­kom­men, die deut­sche Ge­sell­schaft für den Krieg zu mo­bi­li­sie­ren, wo­für Eus­kir­chen ein Spie­gel­bild des­sen bie­tet, was reichs­weit ge­schah.

Wehrbundpioniere bei einer Übung vor der Stadt, 1917, Foto: Dr. Anton Inhoffen. (Stadtarchiv Euskirchen)

 

Für die ge­sam­te Be­völ­ke­rung und Ge­ne­ra­tio­nen über­grei­fend wa­ren die Kriegs­vor­trä­ge ge­dacht, für de­ren Durch­füh­rung ei­gens ein Bür­ger­aus­schuss ein­ge­rich­tet wur­de. Die Vor­trä­ge soll­ten in mo­nat­li­cher Fol­ge die Va­ter­lands­lie­be und das „Ein­heits­ge­fühl“ be­le­ben so­wie die „ed­len Re­gun­gen der Volks­see­le“ be­stär­ken, die „der Krieg in wun­der­ba­rer Wei­se zur Ent­fal­tung ge­bracht ha­t“.[10] 

Die kriegs­pro­pa­gan­dis­ti­sche Ver­an­stal­tungs­rei­he der Stadt Eus­kir­chen konn­te im Un­ter­schied zu an­de­ren Ge­mein­den auf staat­lich emp­foh­le­ne „Wan­der­red­ner“ aus den Krei­sen des Mi­li­tärs und der Leh­rer­schaft ver­zich­ten[11]. Mit tat­kräf­ti­ger Un­ter­stüt­zung des Bür­ger­meis­ters, vor al­lem aber durch das En­ga­ge­ment und die Be­zie­hun­gen des Stadt­ver­ord­ne­ten Tho­mas Eßer wur­den ein­fluss­rei­che Re­fe­ren­ten aus dem kirch­lich-ka­tho­li­schen La­ger ver­pflich­tet.

Mit Be­ginn der Kampf­hand­lun­gen schlug auch die Stun­de des na­tio­na­len Sa­ni­täts­we­sens, wo­für vor al­lem das Ro­te Kreuz stand. In Preu­ßen wie im ört­li­chen Zweig­ver­ein sah es sich als ei­ne Vor­feld­or­ga­ni­sa­ti­on des Kai­ser­reichs und teil­te des­sen po­li­tisch-ideo­lo­gi­sches Selbst­ver­ständ­nis. Das Ro­te Kreuz war auf den Krieg vor­be­rei­tet. Die zu­sätz­li­chen Auf­ga­ben des La­za­rett­diens­tes über­nahm man in Ab­stim­mung mit den kirch­li­chen Kran­ken­pfle­ge­ein­rich­tun­gen. In Eus­kir­chen hat­te 1913 das ka­tho­li­sche Ma­ri­en-Hos­pi­tal ei­nen An­bau er­hal­ten, der für Zwe­cke der neu­en Ka­ser­ne er­rich­tet und von der In­ten­dan­tur des VIII. Ar­mee­korps fi­nan­ziert wor­den war. Im Kriegs­fall muss­te er als Mi­li­tär­la­za­rett die­nen[12]. Zum Stich­tag 15.9.1914 wa­ren von 35 Bet­ten schon 15 be­legt. An Re­ser­ve­la­za­ret­ten im Stadt­ge­biet stan­den wei­ter zur Ver­fü­gung: die Pro­vin­zi­al-Taub­stum­men­an­stalt mit 270, das Ly­ze­um der Do­mi­ni­ka­ne­rin­nen mit 42 und das Leh­rer­se­mi­nar mit cir­ca 200 Bet­ten, im Not­fall konn­te man noch auf den Pohé­schen Saal und die Nord­schu­le zu­grei­fen. In den neu­en Hilfs­la­za­ret­ten ar­bei­te­ten Hilfs­schwes­tern vom Ro­ten Kreuz und des Va­ter­län­di­schen Frau­en­ver­eins. Es ist of­fen­sicht­lich, dass man mit ei­nem schnel­len und blu­ti­gen Krieg rech­ne­te, was be­son­de­re An­for­de­run­gen an den Etap­pen­ort Eus­kir­chen mit sich brach­te. Di­rekt hin­ter der Front ge­le­gen und als Ei­sen­bahn­kno­ten­punkt war es wich­tig, die mi­li­tä­ri­sche In­fra­struk­tur vor­zu­hal­ten.

Die Infanterie-Kaserne in der Commerner Straße, 1915, Feldpostkarte. (Stadtarchiv Euskirchen)

 

Trotz ho­her deut­scher Ver­lus­te in den ers­ten Kriegs­wo­chen kam es nicht zu ei­ner gro­ßen Wel­le von Ver­wun­de­tentrans­por­ten in die Stadt. So wur­de der ers­te Sol­dat, der im Hilfs­la­za­rett Taub­stum­men­an­stalt an sei­nen Ver­let­zun­gen ge­stor­ben war, erst am 18. Sep­tem­ber auf dem Eh­ren­feld des Eus­kir­che­ner Fried­hofs mit dem Ri­tu­al der Krie­ger­ver­ei­ne bei­ge­setzt. Dass der Kriegs­tod all­ge­gen­wär­tig zu wer­den be­gann, macht ein Blick in die „Ver­lust­lis­ten“ der Zei­tun­gen deut­lich. Bis En­de 1914 wa­ren be­reits 76 Eus­kir­che­ner ge­fal­len.

3.2 Kriegswohlfahrt und Kriegsfürsorge

Die Auf­ga­ben wa­ren ge­wal­tig. Den Sol­da­ten an der Front soll­te ge­hol­fen wer­den, aber grö­ße­re Ver­pflich­tun­gen hat­te man ge­gen­über den Fa­mi­li­en der Hin­ter­blie­be­nen. Da­zu zähl­ten al­le, de­ren Män­ner ein­be­ru­fen wur­den, wie die­je­ni­gen, die Kriegs­wit­wen und Kriegs­wai­sen wur­den. Pri­va­te, ge­sell­schaft­li­che und staat­li­che Wohl­tä­tig­keit und Für­sor­ge muss­ten ins Werk ge­setzt wer­den[13]. Nach ers­ten un­ko­or­di­nier­ten Ap­pel­len wur­den die un­ter­schied­li­chen Be­mü­hun­gen seit dem 13. Au­gust in ei­ner „Städ­ti­schen Kriegs-Samm­lun­g“ zu­sam­men­ge­fasst. Bei der „Geld-Samm­lung für die Fa­mi­li­en der Kriegs­teil­neh­mer der Stadt Eus­kir­chen“ soll­ten die „Mit­bür­ger“ den Frau­en und Kin­dern der Sol­da­ten im Fel­de durch ma­te­ri­el­le Un­ter­stüt­zung aus­hel­fen. Ver­wal­tungs­spit­ze und Stadt­ver­ord­ne­te ar­bei­te­ten mit dem Va­ter­län­di­schen Frau­en­ver­ein und dem Eli­sa­be­then­ver­ein zu­sam­men. Kon­ten bei der Spar­kas­se, der Dü­re­ner oder Ge­wer­be­bank wur­den er­öff­net. Die Spen­der wur­den auf­ge­lis­tet und na­ment­lich in der Pres­se be­kannt ge­ge­ben. Am 13., 22. und 31. Au­gust konn­te man le­sen, wer wie viel und wann ge­ge­ben hat­te. Man kann sich leicht den psy­cho­lo­gi­schen Ef­fekt vor­stel­len, den das aus­lös­te. Und die Be­trä­ge ent­spra­chen durch­aus der so­zia­len Stel­lung der Spen­der. Sie reich­ten von 10 und 400 Mark bei Pri­vat­leu­ten und bis zu 4.500 Mark bei Fir­men. Der Bür­ger­meis­ter und die Be­hör­den­lei­ter wa­ren eben­so ver­tre­ten wie die Geist­lich­keit, die grö­ß­ten Sum­men ka­men von ei­ni­gen Tuch­fa­bri­kan­ten – nicht al­le hal­fen -, um­lie­gen­de dörf­li­che Ge­mein­den be­tei­lig­ten sich, Schü­ler und Ver­ei­ne bis hin zum Is­rae­li­ti­schen Frau­en- und Män­ner-Ver­ein und meh­re­ren Ke­gel­clubs. Am 31. Au­gust war ein Geld­be­trag von 4.457,45 Mark zu­sam­men ge­kom­men. Für die kom­mu­na­le In­itia­ti­ve war das ein Er­folg, be­rück­sich­tigt man, dass zeit­gleich das Ro­te Kreuz ei­ne ähn­li­che Ak­ti­on durch­führ­te. „Gebt Spen­den für das Ro­te Kreuz!“ hat­te es am 17. Au­gust ge­hei­ßen. Man hoff­te auf fi­nan­zi­el­le wie ma­te­ri­el­le Hil­fe. Sach­spen­den konn­ten an den Sam­mel­stel­len Ost­stra­ße 7 und Kirch­stra­ße 2 ab­ge­lie­fert wer­den, Geld konn­te auf zwei Bank­kon­ten ein­ge­zahlt wer­den. Die na­ment­lich ge­nann­ten För­de­rer wa­ren meist die­sel­ben wie bei dem städ­ti­schen Hilfs­werk – auch die Bei­trä­ge hiel­ten sich im be­kann­ten Rah­men. Über­all ent­stan­den in Zu­sam­men­ar­beit mit den Frau­en­ver­bän­den Näh­stu­ben, in den Schu­len strick­ten die Mäd­chen, Wol­le wur­de güns­tig ab­ge­ge­ben. Sta­tis­ti­ken über ab­ge­lie­fer­te Fu­ßlap­pen und Hem­den, So­cken und Puls­wär­mer, Leib­bin­den, Un­ter­ho­sen und Schals wa­ren in den Zei­tun­gen zu le­sen. Der „Va­ter­lands­dan­k“ sam­mel­te ent­behr­li­che Gold- und Sil­ber­ge­gen­stän­de für die „Na­tio­nal­stif­tung für die Hin­ter­blie­be­nen der im Krie­ge Ge­fal­le­nen“, die be­reits 1871 ge­schaf­fen wor­den war. Es gab ei­nen „Kriegs­aus­schuss für war­me Un­ter­klei­dun­g“, ei­ne „Reichs­woll­wo­che“ und Wer­bung für „Kreuz-Pfen­nig-Mar­ken“.

Die staat­li­che Fa­mi­li­en­un­ter­stüt­zung im Krie­ge reich­te über die her­kömm­li­che Ar­men­hil­fe hin­aus. Trotz­dem wur­de es für die Be­trof­fe­nen schwie­rig, nicht in Ar­mut zu ge­ra­ten, da die Le­bens­mit­tel­prei­se schon bald stie­gen[14]. Ge­gen En­de des Jah­res 1914 wur­de je­dem der Ernst der La­ge im­mer kla­rer. Mit der Fort­dau­er der Kriegs­hand­lun­gen ent­stan­den im­mer mehr Hilfs­wer­ke. Klei­ne ört­li­che Ver­ei­ne sam­mel­ten für ih­re in Not ge­ra­te­nen Mit­glie­der oder Hin­ter­blie­be­nen. Die tra­di­tio­nel­len Gro­ßor­ga­ni­sa­tio­nen wett­ei­fer­ten mit­ein­an­der um die höchs­ten Spen­den­auf­kom­men, aber auch neue ge­mein­nüt­zi­ge Ein­rich­tun­gen aus dem mi­li­tä­ri­schen Um­feld ent­stan­den. Die Ge­be­freu­dig­keit stieß nicht sel­ten an ih­re Gren­zen, selbst wenn ei­ne Stra­ßen­samm­lung für die „Lu­den­dorff-Spen­de“ im Ju­ni 1918 noch ei­nen be­acht­li­chen Be­trag er­brach­te[15].

Im Ver­wal­tungs­be­richt der Stadt Eus­kir­chen von 1928 wer­den die Er­geb­nis­se der neun staat­li­chen Kriegs­an­lei­hen auf­ge­lis­tet. Die Bür­ger der Kreis­stadt zeich­ne­ten bei Ban­ken und Spar­kas­sen An­lei­hen in Hö­he von 70.162.600 Mark. Die ers­te An­lei­he 1914 zur Fi­nan­zie­rung der deut­schen Kriegs­kos­ten er­brach­te über 5 Mil­lio­nen Mark, die höchs­te Sum­me wur­de im Früh­jahr 1918 mit über 11 Mil­lio­nen Mark ein­ge­wor­ben, selbst im Ok­to­ber des­sel­ben Jah­res kurz vor Kriegs­en­de ka­men fast 7,5 Mil­lio­nen Mark zu­sam­men. Die­se er­staun­li­che Be­reit­schaft von Pri­vat­per­so­nen und In­sti­tu­tio­nen über die gan­ze Dau­er des mi­li­tä­ri­schen Kon­flikts hin­weg dem Deut­schen Reich die Geld­mit­tel zur Krieg­füh­rung vor­zu­stre­cken, ist nur vor dem Hin­ter­grund ei­nes un­ge­bro­che­nen Glau­bens an den Sieg zu er­klä­ren.

3.3 Kriegswirtschaft

Die Tuch­her­stel­lung bil­de­te das tra­di­tio­nell vor­herr­schen­de Ge­wer­be in Eus­kir­chen. 23 Tex­til­fa­bri­ken (1913) mit knapp 1.200 Ar­bei­tern stell­ten fast aus­schlie­ß­lich Uni­form­stof­fe (75 Pro­zent) her, die an den preu­ßi­schen Staat ge­lie­fert wur­den, ge­le­gent­lich so­gar bis nach Über­see. Es wa­ren Fa­mi­li­en­be­trie­be, die auf der Tat­kraft und dem Un­ter­neh­mer­geist ih­rer Grün­der auf­ge­baut wa­ren und über Ge­ne­ra­tio­nen fort­ge­führt wur­den. Sie hat­ten ei­ne Be­leg­schaft zwi­schen 20 und 250 Ar­bei­tern[16].

Die ört­li­chen Ton­vor­kom­men lie­fer­ten den Roh­stoff für die ke­ra­mi­sche In­dus­trie. Die West­deut­schen Stein­zeug-, Scha­mot­te- und Di­nas-Wer­ke in Bahn­hofs­nä­he mit an­nä­hernd 500 Be­schäf­tig­ten pro­du­zier­ten über­wie­gend Roh­re für die Ka­na­li­sa­ti­on und wa­ren mit Groß­fer­ti­gun­gen so­gar auf der Welt­aus­stel­lung ver­tre­ten. Wäh­rend der Rü­ben-Kam­pa­gne im Herbst be­schäf­tig­te die Zu­cker­fa­brik Pfei­fer und Lan­gen, ein wei­te­rer Groß­be­trieb, cir­ca 500 Sai­son­ar­bei­ter. Die ei­sen­ver­ar­bei­ten­de In­dus­trie war durch Fa­bri­ken ver­tre­ten, in de­nen Kü­chen­ge­rä­te und La­ter­nen, Si­cher­heits- und an­de­re Na­deln, Land­ma­schi­nen, Ven­ti­la­to­ren und Saug­pum­pen her­ge­stellt wur­den. Zur Di­ver­si­tät der in­dus­tri­el­len An­ge­bo­te ge­hör­ten auch die La­cke und Far­ben ei­ner Blei­weiß­fa­brik. Die Tuch­fa­bri­kan­ten be­sa­ßen al­ler­dings die Mo­no­pol­stel­lung auf dem ein­hei­mi­schen Ar­beits­markt[17].

Mit Kriegs­aus­bruch nahm die Be­deu­tung der Be­hör­den als kon­trol­lie­ren­de, pla­nen­de und ver­wal­ten­de Or­ga­ne zu. Die Ab­hän­gig­keit von Roh­stof­fen aus dem Aus­land so­wie Blo­cka­de- und Em­bar­go­maß­nah­men der En­tente mach­ten von Be­ginn an die pre­kä­re La­ge Deutsch­lands evi­dent. Auf­trags­stor­nie­run­gen, Trans­port­schwie­rig­kei­ten und zu­neh­men­de Ar­beits­lo­sig­keit wa­ren die Fol­ge. An­ge­sichts der ge­wal­ti­gen Kriegs­auf­ga­ben glaub­te der preu­ßi­sche Staat, dass ein „ra­scher, au­to­ri­ta­ti­ver Ein­grif­f“[18] von sei­ner Sei­te not­wen­dig sei, um die Len­kungs- und Ver­wal­tungs­auf­ga­ben von zen­tra­ler Stel­le aus zu be­wäl­ti­gen. Das Sys­tem der Kriegs­wirt­schaft war ein streng ge­lenk­tes. Schon am 13. Au­gust wur­de ei­ne Kriegs­roh­stoff­ab­tei­lung (KRA) im preu­ßi­schen Kriegs­mi­nis­te­ri­um ge­grün­det, die zu­nächst mit fünf Mit­ar­bei­tern ih­re Ar­beit auf­nahm. Sie wuchs im Ver­lau­fe des Krie­ges zu ei­ner um­fang­rei­chen Be­hör­de an, mit schlie­ß­lich et­wa 200 Kriegs­ge­sell­schaf­ten, zahl­rei­chen Äm­tern und Re­fe­ra­ten so­wie 33.000 An­ge­stell­ten. Die KRA wur­de zum Wäch­ter, Len­ker und Re­gu­lie­rer. Sie über­nahm die staat­li­che Auf­sicht für Fra­gen der Be­schlag­nah­mung, Über­wa­chung und Preis­fest­set­zung. Die wirt­schaft­li­chen Auf­ga­ben wur­den von „Kriegs­ge­sell­schaf­ten“ über­nom­men, die als Ak­ti­en­ge­sell­schaf­ten or­ga­ni­siert wa­ren mit Vor­stand und Auf­sichts­rat, je­doch we­der Di­vi­den­den noch Ge­win­ne aus­schüt­te­ten und eng an das preu­ßi­sche Kriegs­mi­nis­te­ri­um an­ge­bun­den wa­ren. Für den Be­reich der Tuch­wirt­schaft war dies ne­ben der Kamm­woll AG vor al­lem die Kriegs­woll­be­darf AG (KWB), ge­grün­det im Sep­tem­ber 1914. Sie be­schaff­te und ver­teil­te die Roh­wol­le. Am En­de des Krie­ges wa­ren in ihr 2.100 Men­schen be­schäf­tigt. Die Hee­res­auf­trä­ge or­ga­ni­sier­te der im Ok­to­ber 1914 ge­grün­de­te Kriegs­tuch­ver­band. En­de 1914 ge­hör­ten 352 Mi­li­tär­tuch­fa­bri­kan­ten der KWB an, dar­un­ter auch die Eus­kir­che­ner.

So wi­der­sprüch­lich es klin­gen mag: Die Tex­til­stadt Eus­kir­chen er­leb­te nach den an­fäng­li­chen Pa­nik­ein­käu­fen und der Sor­ge um die Si­che­rung der Er­näh­rung mit Kriegs­be­ginn ei­nen un­be­streit­ba­ren Wirt­schafts­boom. Die preu­ßi­sche Hee­res­ver­wal­tung hat­te mit der Re­kru­tie­rung von Mil­lio­nen von Sol­da­ten ei­nen zu­sätz­li­chen mi­li­tä­ri­schen Be­klei­dungs­be­darf, der den ein­hei­mi­schen Tuch­fa­bri­ken, die seit je­her auf die Lie­fe­rung von Uni­form­tu­chen spe­zia­li­siert war, zu­gu­te kam. Be­reits An­fang Sep­tem­ber 1914 be­rich­te­te die ört­li­che Pres­se un­ter der Schlag­zei­le „Hoch­kon­junk­tur der hei­mi­schen Mi­li­tär­tuch­in­dus­trie“ von ei­ner um ein Drit­tel ge­stie­ge­nen Mit­glie­der­zahl in der Kran­ken­kas­se der Tuch­ma­cher[19] . Ver­schie­de­ne Fa­bri­ken ar­bei­te­ten in Tag- und Nacht­schich­ten, um die Auf­trä­ge der Mi­li­tär­ver­wal­tung be­wäl­ti­gen zu kön­nen. Die Pro­duk­ti­on lag weit über der in Frie­dens­zei­ten. Dem schon früh er­kenn­ba­ren Roh­stoff­man­gel be­geg­ne­te die KWB da­mit, dass sie die bel­gi­sche Tex­til­in­dus­trie de­mon­tier­te. In Eus­kir­chen ka­men voll­ge­pack­te Gü­ter­wa­gen mit Wol­le aus Ver­viers an, um sie wei­ter zu ver­ar­bei­ten. Der Roh­stoff­man­gel führ­te al­ler­dings im Som­mer 1915 zu den ers­ten Ein­schrän­kun­gen der Ar­beits­zei­ten und im Jahr 1917 zu ei­ner zeit­wei­sen Schlie­ßung der Fa­bri­ken. Die Ein­fuh­ren wa­ren in­zwi­schen so gut wie zum Er­lie­gen ge­kom­men und die in die Hö­he ge­schnell­ten Prei­se für Roh­wol­le muss­ten be­grenzt wer­den.

Das Kriegs­mi­nis­te­ri­um war in ers­ter Li­nie dar­an in­ter­es­siert, das Heer schnell und gut ein­zu­klei­den, und setz­te da­her die Höchst­prei­se auf das Ni­veau des Ju­li 1914. Zwar ga­ran­tier­te der Staat die Ab­nah­me der den Fa­bri­ken zu­ge­wie­se­nen Tu­che, aber da­für muss­te die im Ver­lauf des Krie­ges im­mer min­der­wer­ti­ger wer­den­de Wa­re zu Fest­prei­sen be­zo­gen wer­den. An­fang 1915 reg­te die KRA die Ver­wen­dung von Ab­fall­pro­duk­ten an[20]. Reiss­wol­le, die aus ei­nem Re­cy­cling­pro­zess al­ter Woll­klei­dungs­stü­cke ent­steht, er­setz­te die Roh­wol­le. Die Tuch­fa­brik Mül­ler in Ku­chen­heim un­ter­nahm Spinn­ver­su­che mit Per­ga­ment­pa­pier und be­müh­te sich um Auf­trä­ge mit sol­chem Ma­te­ri­al[21]. Der Eus­kir­che­ner Ge­schäfts­mann Mo­ritz Marx ver­such­te ei­ne Pro­duk­ti­on mit Kunst­baum­wol­le.

Wäh­rend die­se Be­wirt­schaf­tungs­pro­gram­me zu­nächst ei­ne Art spon­ta­nes Kriegs­ma­nage­ment wa­ren, nahm die be­hörd­li­che Do­mi­nanz mit dem von der Obers­ten Hee­res­lei­tung in­iti­ier­ten „Hin­den­burg­pro­gram­m“ wei­ter zu. Die Be­wirt­schaf­tung ziel­te nun nicht mehr al­lein auf die Man­gel­ver­wal­tung, son­dern auf die wei­te­re Er­hö­hung der Res­sour­cen. Die Höchst­leis­tungs­be­trie­be wur­den aus­ge­ru­fen. Zu ih­nen zähl­ten al­le Eus­kir­che­ner Be­trie­be. Leis­tungs­schwa­che Be­trie­be soll­ten ge­schlos­sen wer­den[22].

Für die Un­ter­neh­mer be­deu­te­te die zen­tra­lis­tisch ge­lenk­te Wirt­schaft, dass Ar­beits­kräf­te, Ar­beits­zei­ten, Ma­te­ri­al und Roh­stof­fe müh­sam ein­zeln bei den staat­li­chen Be­hör­den be­an­tragt und be­grün­det wer­den muss­ten. Die Re­gle­men­tie­rung be­deu­te­te ei­nen un­ge­heu­ren bü­ro­kra­ti­schen Auf­wand.

Ab 1917 war­ben sämt­li­che In­dus­trie­zwei­ge um Ar­bei­te­rin­nen. Ein städ­ti­scher Kin­der­hort und Kin­der­gar­ten wur­de er­rich­tet, in de­nen 120 Kin­dern, de­ren Müt­ter durch Ar­beit tags­über von zu Hau­se ab­we­send wa­ren, von zwölf frei­wil­li­gen Hel­fe­rin­nen be­treut wur­den. Dies darf nicht dar­über hin­weg täu­schen, dass die Frau­en ge­ra­de in der Tuch­in­dus­trie die Fach­ar­bei­ter nicht er­set­zen konn­ten. Als un­ge­lern­te Ar­bei­te­rin­nen wa­ren sie haupt­säch­lich in der Nop­pe­rei, Zwir­ne­rei und Kett­sche­re­rei be­schäf­tigt. Bei Kriegs­en­de schie­den die meis­ten von ih­nen als Ar­beits­kräf­te wie­der aus[23].

Eben­so such­ten die nun auf die Rüs­tungs­wirt­schaft ver­pflich­te­ten Stein­zeug­wer­ke wie auch die Dün­ger­fa­brik nach ei­ner gro­ßen Zahl von neu­en Ar­bei­tern[24]. Wur­den vor dem Krieg Stein­zeu­ge für die Ka­na­li­sa­ti­on und feu­er­fes­te Er­zeug­nis­se her­ge­stellt, so fer­tig­te man nun Sal­pe­ter­säu­re und Pul­ver. Die Ei­sen- und Me­tall­fa­bri­ken stell­ten ih­re Pro­duk­ti­on um auf die Fer­ti­gung von Gra­na­ten, Mu­ni­ti­on, Ge­schos­sen, See­mi­nen und Feld­schmie­den[25]. Die ge­lenk­te Kriegs­wirt­schaft ent­sprach in die­sen In­dus­trie­zwei­gen der der Tuch­in­dus­trie. Die meis­ten Ein­bu­ßen ver­spür­te die Zu­cker­in­dus­trie, denn durch die nied­ri­gen Prei­se ging der Rü­ben­an­bau zu­rück. Die Zwangs­be­wirt­schaf­tung des Zu­ckers en­de­te erst im Ok­to­ber 1923.

3.4 Kriegsgefangenenarbeit

Die Mo­bil­ma­chung und die in Schü­ben er­fol­gen­den Ein­be­ru­fun­gen hat­ten gro­ße Lü­cken auf dem Ar­beits­markt ent­ste­hen las­sen. Es fehl­te über­all an Fach­kräf­ten, vor al­lem in den klei­nen Fa­mi­li­en­wirt­schaf­ten auf dem Lan­de. Die aus Wahn (heu­te Stadt Köln) über­stell­ten Ge­fan­ge­nen ka­men von der Ost­front und wa­ren fast aus­schlie­ß­lich Rus­sen. Fran­zo­sen, Eng­län­der oder Bel­gi­er im Mann­schafts­grad wur­den sel­te­ner im Links­rhei­ni­schen ein­ge­setzt – auch um die Flucht zu ver­hin­dern, und wenn, dann eher in Groß­be­trie­ben und in ge­schlos­se­nen Ab­tei­lun­gen. Die kriegs­wich­ti­gen Eus­kir­che­ner In­dus­trie­be­trie­be wie Dün­ger-, Zu­cker­fa­brik und die West­deut­schen Stein­zeug­wer­ke be­schäf­tig­ten rus­si­sche Ge­fan­ge­ne in ei­gens hier­zu ge­schaf­fe­nen Räu­men. Ein wei­te­res Fi­li­al­la­ger exis­tier­te in der Ei­sen­bahn­be­triebs­werk­statt Eus­kir­chen. Die Un­ter­künf­te wur­den als Mas­sen­quar­tie­re her­ge­rich­tet und nach den Vor­schrif­ten aus­ge­stat­tet. Die Rech­nun­gen be­le­gen, wel­che Leis­tun­gen die kom­mer­zi­el­len Lie­fe­ran­ten er­brach­ten: Sta­chel­draht und Schau­feln, Koh­len, Kar­tof­feln und Reis, Stroh­sä­cke, De­cken und Bett­tü­cher, Schüs­seln, Öfen und Koch­kes­sel, Des­in­fek­ti­ons­mit­tel und Sei­fe. Ein waf­fen­kun­di­ges Be­wa­chungs­per­so­nal war ver­pflich­tet.

Ei­nen nä­he­ren Ein­blick, wie die Fa­brik­ar­beit für Ge­fan­ge­ne or­ga­ni­siert wer­den konn­te, lie­fert das Bei­spiel der Zu­cker­fa­brik in den Jah­ren 1915/1916. Der Per­so­nal­be­darf war wie die Pro­duk­ti­on sai­so­nal, in den Mo­na­ten Ok­to­ber und No­vem­ber wur­de dann mit Pau­sen von 7 Uhr mor­gens bis 7 Uhr abends (oder so­gar in Nacht­schich­ten) ge­ar­bei­tet. Wäh­rend der so­ge­nann­ten Rü­ben­kam­pa­gne brauch­te man Hun­der­te von Ar­bei­tern, was im Krieg zwangs­läu­fig er­schwert wur­de. Was lag al­so nä­her, als die Lü­cke mit Kriegs­ge­fan­ge­nen zu schlie­ßen. Die Lö­sung war ein zeit­lich be­fris­te­tes, man könn­te sa­gen – im­pro­vi­sier­tes La­ger, das ne­ben den schon be­ste­hen­den auf­ge­baut wur­de. Die Un­ter­neh­mens­lei­tung hat­te vom Stamm­la­ger Wahn die Zu­sa­ge über 200 Ge­fan­ge­ne ab An­fang Ok­to­ber 1915. Der Amts­bür­ger­meis­ter woll­te für Un­ter­kunft und Be­kös­ti­gung in Ku­chen­heim sor­gen. Zwei Sam­mel­plät­ze für je 100 Mann ent­stan­den zu­sätz­lich in den Sä­len der Gast­stät­ten Ro­sen und Bitz. 200 Bet­ten samt Zu­be­hör so­wie Wä­sche und Ge­schirr wa­ren durch den Ar­beit­ge­ber Pfei­fer und Lan­gen auf sei­ne Kos­ten an­ge­schafft wor­den. Die Ver­pfle­gung hat­te man dem Re­stau­rant Jac. Koe­nen jr. über­tra­gen. Mit der Ar­beit der Rus­sen war die Zu­cker­fa­brik zu­frie­den. Die­se be­schwer­te sich beim Bür­ger­meis­ter je­doch schon am 16. Ok­to­ber über man­gel­haf­te Bro­tra­tio­nen, die mit 362 Gramm das ge­for­der­te „Soll­ge­wich­t“ von 600 Gramm nicht ein­hiel­ten. „Wenn in­fol­ge sol­cher Pro­fit­jä­ge­rei sei­tens der Un­ter­neh­mer ein Ge­fan­ge­ner flüch­tig wird, und uns die Hee­res­ver­wal­tung die 200 Ge­fan­ge­nen ent­zieht, ste­hen wir vor der gänz­li­chen Un­mög­lich­keit, das wert­vol­le Rü­ben­ma­te­ri­al […] sei­ner Be­stim­mung zu­zu­füh­ren. […] Ein un­ab­seh­ba­rer Scha­den wä­re die Fol­ge ei­ner sol­chen leicht aus­zu­mer­zen­den Un­re­gel­mä­ßig­keit.“ Die Kom­man­dan­tur Wahn schick­te dar­auf­hin ei­nen Kon­troll­of­fi­zier, der, auch nach Be­fra­gung der Rus­sen, so­for­ti­ge Ab­hil­fe ver­lang­te. Die Un­ter­neh­mens­lei­tung droh­te ih­rer­seits am 8. No­vem­ber, um die Ge­fan­ge­nen nicht zu ver­lie­ren, die Ver­pfle­gung in ei­ge­ne Hän­de zu neh­men. Da ei­ne End­auf­stel­lung vom De­zem­ber vor­liegt, ist an­zu­neh­men, dass der Streit­fall ein­ver­nehm­lich ge­re­gelt wur­de[26].

Feldpostkarte des 3. Bataillon des 160. Infanterie-Regiments. (Stadtarchiv Euskirchen)

 

3.5 Ernährungslage

Erst all­mäh­lich wur­de den Zeit­ge­nos­sen die ent­beh­rungs­rei­che Kehr­sei­te des Wirt­schafts­mark­tes be­wusst. Man weiß heu­te, dass die deut­sche Mi­li­tär­füh­rung von ei­nem kur­zen Krieg aus­ging. In­fol­ge­des­sen hat­te man trotz der Teil­ab­hän­gig­keit von Agrar­im­por­ten kei­ne lang­fris­ti­ge Vor­rats­hal­tung an Le­bens­mit­teln be­trie­ben. Reichs­wei­te Plä­ne für die Ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung be­stan­den nicht. Die Städ­te und Ge­mein­den ent­schie­den selbst, was zu tun war. Es kam al­so zu un­or­ga­ni­sier­ten Vor­gän­gen, im Herbst 1914 so­gar zu ei­nem Über­kon­sum. Die über­rei­chen „Lie­bes­ga­ben“-Pa­ke­te ge­ben da­von ein Zeug­nis. Die öf­fent­li­che Be­wirt­schaf­tung be­gann mit der Ein­füh­rung der Höchst­prei­se am 28.10.1914. In Eus­kir­chen war mit ei­ner Preis­über­wa­chungs­kom­mis­si­on un­ter Lei­tung von Tho­mas Eßer ei­ne ers­te plan­wirt­schaft­li­che Or­ga­ni­sa­ti­ons­form ge­schaf­fen wor­den[27]. Die An­fän­ge ei­ner neu­en Staats­wirt­schaft wa­ren ge­legt, auch wenn die­se im ers­ten Kriegs­halb­jahr kaum in Er­schei­nung trat. Ih­re Kenn­zei­chen wa­ren Ra­tio­nie­rung und Kon­trol­le, Re­gu­lie­rung und Re­qui­si­tio­nen. Die Pla­nung en­de­te oft in ei­nem heil­lo­sen Durch- und Ge­gen­ein­an­der. Am En­de des Krie­ges konn­ten Hun­ger und Man­gel auch sys­tem­be­dingt nicht mehr ver­hin­dert wer­den. Je mehr Ge­mein­nüt­zig­keit ge­wollt wur­de, um­so mehr Kriegs­ge­winn­ler und Wu­che­rer brach­te das Sys­tem her­vor. Der Schleich­han­del blüh­te, aus den Städ­ten zo­gen Mas­sen von Hams­te­rern über Land.

Bür­ger­meis­ter Gott­fried Dis­se bi­lan­zier­te im Ver­wal­tungs­be­richt der Stadt Eus­kir­chen nüch­tern und zu­tref­fend die An­fän­ge der kom­mu­na­len Kriegs­wirt­schaft: „Die Volks­wirt­schaft im Krie­ge ge­hört zu den be­deu­tends­ten Ka­pi­teln. Vor al­lem spiel­ten Er­näh­rungs- und Be­klei­dungs­fra­gen nach der Um­stel­lung auf Rüs­tungs­in­dus­trie ne­ben den Fi­nanz- und Roh­stoff­sor­gen ei­ne ma­ß­ge­ben­de Rol­le. […] Im In­ter­es­se der Volks­er­näh­rung traf die Stadt in den ers­ten Mo­bil­ma­chungs­ta­gen Maß­nah­men durch An­kauf von 2000 Zent­ner Mehl, von Früh­kar­tof­feln, Speck so­wie Erb­sen, um den Preis­stei­ge­run­gen zu be­geg­nen, ins­be­son­de­re aber auch als Vor­sichts­ma­ß­re­gel für den Not­fall. Da ei­ne kur­ze Dau­er des Krie­ges all­ge­mein er­hofft wur­de, so blieb die freie Le­bens­mit­tel­wirt­schaft be­ste­hen, in­dem hier und da mit Höchst­prei­sen zu hel­fen ver­sucht wur­de. Im Lau­fe der Kriegs­wo­chen stell­te sich aber her­aus, dass die Er­näh­rungs­de­cke zu kurz wer­den könn­te. Des­halb kam im Ok­to­ber 1914 das Ver­bot, Brot­ge­trei­de zu ver­füt­tern. Die Be­stands­auf­nah­me an Ge­trei­de und Mehl im De­zem­ber er­gab die Not­wen­dig­keit der Be­schlag­nah­me im Ja­nu­ar 1915. Die Kriegs­ge­trei­de­ge­sell­schaft und die Reichs­ver­tei­lungs­stel­le wur­den ins Le­ben ge­ru­fen. Durch Bun­des­rats­ver­ord­nung wur­den Mehl und Ge­trei­de zu­guns­ten des Kom­mu­nal­ver­ban­des be­schlag­nahmt. Da­mit fing die Zwangs­wirt­schaft und die Kreis­ge­trei­de­ver­sor­gung an. Brot muss­te ge­streckt wer­den, für Min­der­be­mit­tel­te muss­ten Kar­tof­feln sei­tens der Stadt ein­ge­la­gert wer­den. Im Ja­nu­ar 1915 wur­de das gro­ße Schwei­ne­schlach­ten an­ge­ord­net, das sich bald als ver­fehlt her­aus­stell­te. Der Obst- und Ge­mü­se­be­wirt­schaf­tung wur­de ein be­son­de­res Au­gen­merk ge­wid­met. Im Herbst 1914 so­wie 1915 wur­den in der Um­ge­gend rei­fe Pflau­men auf­ge­kauft und in der Malz­fa­brik von Frings ge­dörrt. Des­glei­chen wur­den in je­dem Herbst wäh­rend der Kriegs­zeit gro­ße Men­gen von Wei­ß­kohl be­schafft und als­bald an die Be­völ­ke­rung und die Ge­schäf­te ver­teilt. Der nicht ab­ge­setz­te Teil wur­de von der Stadt als Sau­er­kraut ein­ge­macht. Im No­vem­ber 1916 be­gann ein eis­kal­ter Win­ter, in dem zu­dem die Le­bens­mit­tel­vor­rä­te sich dem En­de neig­ten. Käl­te und Hun­ger hiel­ten bis En­de Fe­bru­ar an. Im Fe­bru­ar schlos­sen dann die Schu­len und Ki­nos, öf­fent­li­che Ver­an­stal­tun­gen wur­den ver­bo­ten. Der Man­gel an Koh­le war zu groß.“[28] 

Nach dem Steck­rü­ben­win­ter ver­such­te man durch Er­he­bun­gen und Zäh­lun­gen der Ern­te­flä­chen, des Viehs und ei­ner Volks­zäh­lung den Pro-Kopf-Ver­brauch für Le­bens­mit­tel und En­er­gie zu be­rech­nen und schuf da­mit ein wei­te­res Kon­troll­in­stru­ment und ein wei­te­res Ele­ment, die Ge­sell­schaft to­tal zu er­fas­sen.

3.6 Meinungslenkung und Gemeinschaftsideologie

Als im Herbst 1914 die Hoch­stim­mung der Au­gust­ta­ge ab­ge­klun­gen war und die Hoff­nung auf ei­nen kur­zen Krieg sich nicht er­füll­te, kam ei­ne Rie­sen­auf­ga­be auf die deut­sche Staats­füh­rung zu: Die Be­völ­ke­rung muss­te auf ei­ne lan­ge Dau­er des Krie­ges ein­ge­stimmt wer­den. Sol­da­ten und Zi­vi­lis­ten durf­ten den Glau­ben nicht ver­lie­ren, dass Deutsch­land ei­nen ge­rech­ten Kampf führ­te, der je­de Un­ter­stüt­zung ver­dien­te und von al­len ge­tra­gen wer­den muss­te. Die Stun­de der Pro­pa­gan­da war ge­kom­men und ei­nes bis da­hin bei­spiel­lo­sen Ein­sat­zes all der Mit­tel und In­stru­men­te, mit de­nen das Den­ken und Emp­fin­den von Men­schen ge­steu­ert wer­den kann. Auf un­ter­schied­lichs­ten Ebe­nen und bei viel­fäl­ti­gen An­läs­sen wur­de die deut­sche Ge­sell­schaft für den Krieg mo­bi­li­siert, und Eus­kir­chen bie­tet ein Spie­gel­bild des­sen, was über­all im Reich ge­schah.

Für die Zeit­ge­nos­sen in Eus­kir­chen be­stand von An­fang an kein Zwei­fel an der Be­rech­ti­gung, zu den Waf­fen zu grei­fen. Der Krieg war – so die all­ge­mei­ne Mei­nung wie die in der Klein­stadt -, dem Deut­schen Reich auf­ge­zwun­gen wor­den. Zur Ver­tei­di­gung sei­ner Exis­tenz und da­mit „für Kai­ser, Volk und Va­ter­lan­d“ muss­te man sich „ge­gen ei­ne Welt von Fein­den“ zur Wehr set­zen. Ei­ne ge­mein­schafts­bil­den­de Be­griff­lich­keit stütz­te die Kriegs­a­po­lo­ge­tik und ver­wisch­te die Gren­ze zwi­schen Ar­mee und Zi­vil­ge­sell­schaft. Man sprach von „Volks­krie­g“, „Hei­mat­fron­t“ und „Heim­ar­mee“. Als sich die Of­fen­si­ven zum Stel­lungs­krieg wan­del­ten und aus dem kur­zen ein lan­ger Kampf wur­de, kam auch die lo­ka­le Öf­fent­lich­keit nicht um­hin, sich mit den Fra­gen ei­nes Sieg- oder Ver­stän­di­gungs­frie­dens zu be­schäf­ti­gen.

Was man in der Klein­stadt und in der Ei­fel hö­ren, se­hen und le­sen konn­te, war ge­steu­ert wie über­all im Reich. Die ver­öf­fent­lich­te Mei­nung un­ter­lag zwar der Zen­sur, aber die­se war gleich­sam nur die Kehr­sei­te der Pro­pa­gan­da. Man hat den Ein­druck, dass die Zeit­ge­nos­sen be­reit­wil­lig die po­si­ti­ven Selbst­be­kun­dun­gen der deut­schen Hee­res­füh­rung über­nah­men, ih­re „Be­kannt­ma­chun­gen“ und „Kriegs­de­pe­schen“ wahr­heits­ge­mäß die mi­li­tä­ri­schen Vor­gän­ge wie­der­ga­ben. Kai­ser Wil­helms Re­de vor dem Reichs­tag, nach der es kei­ne Par­tei­en mehr ge­ben dür­fe, son­dern nur noch Deut­sche, hat­te das Si­gnal für ei­nen bis da­hin nicht ge­kann­ten Ge­mein­schafts­geist der Kriegs­jah­re ge­ge­ben. Er war an­fangs nicht auf­ge­zwun­gen, viel­mehr ver­stärk­te er sich wech­sel­sei­tig. Die Eus­kir­che­ner Be­völ­ke­rung ließ sich von ei­ner Wel­le des Pa­trio­tis­mus und der Op­fer­be­reit­schaft er­fas­sen. Die öf­fent­li­che Spra­che vor Ort über­nahm ei­ne pa­the­ti­sche Be­griff­lich­keit. Nach der Kriegs­be­geis­te­rung der ers­ten Pha­se ließ die Sie­ges­zu­ver­sicht auch in den Durch­bruch­schlach­ten des Stel­lungs­krie­ges nicht nach. Die Stim­mung, ge­gen „Flau­ma­che­rei“ durch­zu­hal­ten über­wog bis zu­letzt.

In der lo­ka­len Öf­fent­lich­keit herrscht lan­ge Zeit die Sie­ges­zu­ver­sicht vor. Man konn­te sich nur ei­nen Frie­den vor­stel­len, des­sen In­hal­te das Deut­sche Reich be­stimm­te. Ein „ers­tes Frie­dens­an­ge­bot des Kai­ser­s“ im De­zem­ber 1916 bil­de­te da­nach den Auf­takt. Des­sen Ab­leh­nung wie das Schei­tern der päpst­li­chen Ak­ti­on und der Frie­dens­re­so­lu­ti­on des Reichs­tags im Sep­tem­ber 1917 wur­de den Geg­nern an­ge­las­tet. Vor al­lem der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Woo­drow Wil­son (1856-1924, Amts­zeit 1913-1921) mit sei­nen For­de­run­gen nach ei­ner De­mo­kra­ti­sie­rung des Deut­schen Rei­ches stieß bei den Eus­kir­che­nern auf Ab­leh­nung. Für die bei­den städ­ti­schen Zei­tun­gen „ver­hetz­te“ er den Kai­ser. Der Stadt­rat sah in den di­plo­ma­ti­schen Schrit­ten der USA „un­er­träg­li­che Ein­mi­schungs­ver­su­che“[29]. In der Sit­zung vom 30.9.1917 gab er „im Na­men der ge­sam­ten Bür­ger­schaft der höchs­ten Ent­rüs­tung Aus­druck über die un­er­hör­te An­ma­ßung des ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten Wil­son, dem frei­en deut­schen Vol­ke zu­zu­mu­ten, ei­ne Un­ter­wei­sung von ihm über in­ner­deut­sche An­ge­le­gen­hei­ten hin­zu­neh­men und weist mit tiefs­ter Ver­ach­tung den Ver­such zu­rück, das Band der Lie­be und Treue zu lo­ckern, wel­ches das deut­sche Volk mit sei­nem Kai­ser [...] ver­bin­det.“ (An­mer­kung: StA EU III, 5)

In Eus­kir­chen er­reich­ten im Herbst 1917 die Er­schei­nungs­for­men von Chau­vi­nis­mus und Ge­mein­schafts­kult mit der Eh­ren­bür­ger­schaft Hin­den­burgs und den Kam­pa­gnen zum Durch­hal­ten ei­nen Hö­he­punkt. Ein mar­kan­tes Bei­spiel lie­fer­te der 70. Ge­burts­tag des Ge­ne­ral­feld­mar­schalls. Wie viel­fach im Lan­de wur­de er in Eus­kir­chen als „Feld­herr, Staats­mann und Er­zie­her“ ge­fei­ert. Die Lo­bes­hym­nen über­tra­fen sich, wenn sie von der „Her­manns­schlacht bei Tan­nen­ber­g“ spra­chen,  die Ju­gend­kraft sei­nes bib­li­schen Al­ters rühm­ten so­wie See­len­grö­ße, Got­tes­furcht und Pflicht­treue, Schlicht­heit und un­er­schüt­ter­li­chen Sie­ges­wil­len. Die Gym­na­si­as­ten sam­mel­ten für die „Hin­den­burg­ga­be“, um die der Mi­li­tär­be­fahls­ha­ber in­nerndei­he ge­be­ten hat­te. Zahl­rei­che Schu­len ver­an­stal­te­ten Ge­burts­tags­fei­ern[30]. Die Eus­kir­che­ner la­sen am 10. Ok­to­ber in der Zei­tung von der ein­stim­mi­gen Ver­lei­hung der Eh­ren­bür­ger­rech­te an Ge­ne­ral­feld­mar­schall Paul von Hin­den­burg (1847-1937) durch die Stadt­ver­ord­ne­ten. Die Klein­stadt am Ran­de der Ei­fel zähl­te da­mit zu den ers­ten, die ihm die­se öf­fent­li­che Eh­rung an­tru­gen.

Wie ge­ra­de in der Schluss­pha­se des Kamp­fes Stim­mung ge­macht und die Be­völ­ke­rung ma­ni­pu­liert wur­de, zeigt die Kam­pa­gne zur VII. Kriegs­an­lei­he vom Sep­tem­ber und Ok­to­ber 1917. Die in den Zei­tun­gen ge­schal­te­te Wer­bung war gra­phisch von Künst­lern ge­stal­tet und mit Tex­ten un­ter­legt, die Agi­ta­ti­on und Pro­pa­gan­da wir­kungs­voll ver­ban­den. Die Se­rie be­zeugt ei­nen Wer­be­feld­zug im Agit­prop-Stil, wie er ‚mo­der­ner’ nicht hät­te sein kön­nen. Er be­legt auch, wie mit fort­schrei­ten­dem Krieg die öf­fent­li­che Mei­nung in ei­ner Art ge­lenkt wur­de, der sich der Ein­zel­ne kaum noch ent­zie­hen konn­te. Ei­ne Viel­zahl von Sam­mel­ak­tio­nen im pri­vat-ka­ri­ta­ti­ven, im städ­ti­schen oder na­tio­na­len Rah­men ap­pel­lier­te im­mer wie­der an den Bür­ger be­zie­hungs­wei­se Ein­zel­nen, ge­mein­nüt­zig zu han­deln. Der Öf­fent­lich­keit sei­nes ei­ge­nen Han­delns konn­te man sich schwer­lich ent­zie­hen. Aus der frei­wil­li­gen Spen­de wur­de schnell ei­ne Pflicht­ab­ga­be. Die pro­kla­mier­te „Volks­ge­mein­schaf­t“ und „Heim­ar­mee“ muss­te auch in der Wahr­neh­mung der Eus­kir­che­ner Zeit­ge­nos­sen die Zü­ge ei­ner to­tal er­fass­ten Ge­sell­schaft an­neh­men.

Über­haupt schien man die Wen­de in der na­tio­na­len Po­li­tik hin zu mehr Par­la­men­ta­ri­sie­rung und zu ei­nem Frie­den oh­ne An­ne­xio­nen vor Ort nicht mit zu voll­zie­hen. Dass der Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­te des Zen­trums, Mat­thi­as Erz­ber­ger (1875-1921), sich vom Ver­tre­ter ei­nes Sieg­frie­dens zum Ver­fech­ter und Vor­kämp­fer ei­ner An­nä­he­rung wan­del­te, woll­ten die lo­ka­len Zen­trums­ak­teu­re of­fen­sicht­lich nicht wahr­ha­ben. Statt­des­sen er­fuhr der Zei­tungs­le­ser, dass die „christ­lich-na­tio­na­len Ar­bei­ter­füh­rer“ beim Emp­fang der Obers­ten Hee­res­lei­tung (OHL) die „Auf­ga­ben der Hei­mat­ar­mee“, das hei­ßt den Ar­bei­ter­ein­satz in der Rüs­tungs­in­dus­trie, tat­kräf­tig zu un­ter­stüt­zen ver­spra­chen[31].

Die Quar­tals­be­rich­te aus den Bür­ger­meis­te­rei­en und Ge­mein­den des Krei­ses Eus­kir­chen spre­chen zwar über­ein­stim­mend von ei­ner ge­drück­ten Stim­mung in der Be­völ­ke­rung, be­to­nen gleich­zei­tig je­doch die „Ent­schlos­sen­heit zum wirt­schaft­li­chen Durch­hal­ten“. Un­ru­hen sei­en nicht zu be­fürch­ten, so­lan­ge die Er­näh­rungs­grund­la­ge ge­si­chert sei. Der Wil­le, sich „bis zur Ent­schei­dung im Völ­ker­kamp­fe“ zu be­haup­ten, wur­de auch als ei­ne Fol­ge der „ste­ten Auf­klä­rung bei je­der sich bie­ten­den Ge­le­gen­heit“ hin­ge­stellt und auf die Ar­beit durch Geist­lich­keit und Leh­rer­schaft zu­rück­ge­führt. Kir­che und Schu­le bil­de­ten al­so ei­ne we­sent­li­che Stüt­ze für den Staat in der End­pha­se des Krie­ges[32].

4. Das Kriegsende – Revolution und Rückzug

Dass das Schei­tern der letz­ten deut­schen Of­fen­si­ve und der Rück­zug von der Mar­ne im Ju­li 1918 den ent­schei­den­den mi­li­tä­ri­schen Wen­de­punkt bil­de­ten, ging nicht aus den of­fi­zi­el­len Hee­res­be­rich­ten her­vor, wohl aber konn­te es der Eus­kir­che­ner Zei­tungs­le­ser er­ah­nen, da bei­de lo­ka­len Blät­ter auch un­zen­siert fran­zö­si­sche La­ge­be­rich­te brach­ten[33].

Die Stun­de des Waf­fen­still­stands am 11.11.1918 war auch die Stun­de der Un­ru­hen und in­ne­ren Um­wäl­zun­gen in Stadt und Land. In Eus­kir­chen hat­te man in der Nacht von Frei­tag auf Sams­tag die Ba­tail­lons­kam­mer in der Ka­ser­ne ge­plün­dert, be­tei­ligt wa­ren Sol­da­ten des Er­satz­ba­tail­lons und Zi­vi­lis­ten. Schon am dar­auf­fol­gen­den Mor­gen je­doch hat­te ein Sol­da­ten­rat die Ord­nung wie­der her­ge­stellt, zu Aus­schrei­tun­gen war es nicht ge­kom­men. Be­kla­gens­wert war nur – so die Lo­kal­pres­se -, dass „gan­ze Scha­ren von Schul­kin­dern lär­mend und to­ben­d“ je­dem Sol­da­ten mit ro­ter Schlei­fe hin­ter­her ge­jagt sei­en. Am Vor­mit­tag be­müh­te sich ei­ne Ver­samm­lung von Ar­beit­ge­bern und Ar­beit­neh­mern im Gast­hof Jois­ten um die Si­che­rung der Ar­beits­plät­ze; die städ­ti­sche Zi­vil­ver­wal­tung setz­te sich mit dem Sol­da­ten­rat ins Be­neh­men und lud für 6 Uhr zu ei­ner Volks­ver­samm­lung im Ti­vo­li ein. Der Saal war „mit ei­ner aus al­len Krei­sen un­se­rer Ein­woh­ner­schaft sich zu­sam­men­set­zen­den er­war­tungs­vol­len Men­ge“ ge­füllt.

Für Bür­ger­meis­ter Dis­se konn­te die „heu­ti­ge Be­we­gung nur zum Gu­ten füh­ren, wenn sie auch auf die Völ­ker der uns feind­li­chen Geg­ner“ über­grif­fe. Die nach­fol­gen­de „ein­drucks­vol­le Re­de“ des Bei­ge­ord­ne­ten Tho­mas Eßer skiz­zier­te die po­li­ti­sche La­ge. „Wir ha­ben seit heu­te Mor­gen kei­nen Kai­ser mehr, das deut­sche Kai­ser­reich ge­hört der Ver­gan­gen­heit an. Wer aber auch die Ge­schi­cke des Lan­des in die Hand neh­men mö­ge, wir müs­sen in ihm die gott­ge­woll­te Ob­rig­keit er­bli­cken und mit ihm ar­bei­ten zum Woh­le des Gan­zen. Zu klein­li­chem Par­tei­ha­der ist jetzt nicht die Zeit.“ Der Ab­ge­sand­te des Köl­ner Ar­bei­ter- und Sol­da­ten­rats, der Re­dak­teur der Rhei­ni­schen Zei­tung und So­zi­al­de­mo­krat Pe­ter Trim­born (ge­stor­ben 1941), er­gänz­te und prä­zi­sier­te un­ter „leb­haft an­hal­ten­dem Bra­vo“ der Ver­samm­lung: „Dem Mi­li­ta­ris­mus ist durch un­se­re Be­we­gung end­gül­tig der To­des­stoß ver­setzt wor­den. Aber wir wol­len nicht die An­ar­chie.“ Der Ka­da­ver­ge­hor­sam müs­se durch ei­nen ech­ten Ge­hor­sam aus frei­em Wil­len er­setzt wer­de, die Ord­nung auch in der ge­gen­wär­ti­gen La­ge durch Mit­hil­fe der Bür­ger ge­währ­leis­tet sein.

Dem an­schlie­ßend ge­grün­de­ten Sol­da­ten-, Ar­bei­ter- und Bür­ger­rat von Eus­kir­chen ge­hör­ten fol­gen­de Mit­glie­der an: 
– Ja­kob Breu­er, Tuch­ma­cher
– Wil­helm Flo­ry, Ma­jor 
– Jo­sef Kes­sel, For­mer
– Fer­di­nand Klei­nertz, Tuch­fa­bri­kan­t 
– Erik Lu­cas, Sol­dat
– Max May­er, Sol­dat
– Max Mül­ler, Sol­dat
– Jo­sef Pe­ters, Fort­bil­dungs­schul­di­rek­tor
– Ul­rich Pohl, Leut­nant
– Hans Schänz­ler, Sol­dat
– Mat­thi­as Schä­ven, Sand­for­mer
– Jo­hann Schmitz, Tuch­ma­cher
– Wi­nand Schuh­ma­cher, Keramar­bei­ter
– Jo­hann Strick, Tuch­ma­cher.
Mit ei­nem „Hoch das neue Deutsch­land!“ und ei­nem Auf­ruf an die Bür­ger­schaft zur frei­wil­li­gen Dis­zi­plin un­ter die neu­en Si­cher­heits­or­ga­ne en­de­te die Ver­samm­lung. Der Rat ar­bei­te­te im Ein­ver­neh­men mit der Stadt­ver­wal­tung. Auf Be­fehl der bri­ti­schen Hee­res­lei­tung lös­te er sich am 20.12.1918 in sei­ner 19. Voll­sit­zung auf. 

Es war viel, was den Deut­schen und spe­zi­ell den Rhein­län­dern in den No­vem­ber­ta­gen 1918 zu­ge­mu­tet wur­de. Als wei­te­re Her­aus­for­de­rung kam hin­zu, dass die Be­din­gun­gen des Waf­fen­still­stands ei­ne Rück­füh­rung des deut­schen Hee­res hin­ter die Rhein­li­nie bis zum 4. De­zem­ber vor­sa­hen. Die links­rhei­ni­sche Zi­vil­be­völ­ke­rung stell­te das zu­sätz­lich vor ma­te­ri­el­le, or­ga­ni­sa­to­ri­sche und hu­ma­ni­tä­re Auf­ga­ben. Was sie im Au­gust 1914 schon für die Hun­dert­tau­sen­de auf dem Weg zur Front ge­leis­tet hat­te, muss­te sie nun in ei­nem sich auf­lö­sen­den Staats­ge­fü­ge und bei äu­ßers­ter wirt­schaft­li­cher Not­la­ge im­pro­vi­sie­ren. Der städ­ti­sche Ver­wal­tungs­be­richt, Zei­tun­gen und Schul­chro­ni­ken ge­ben ein Bild der Er­eig­nis­se und Stim­mun­gen. Von Tag zu Tag an­wach­send flu­te­ten die Ar­mee-Ein­hei­ten aus Bel­gi­en und Nord­frank­reich zu­rück. Die Vor­hu­ten - das wa­ren meist die Ein­hei­ten aus der Etap­pe - tauch­ten schon am 15. No­vem­ber auf. Die ein­hei­mi­sche Be­völ­ke­rung wur­de auf­ge­for­dert, ih­nen „ein herz­li­ches Will­kom­men“ zu be­rei­ten. In über­füll­ten Zü­gen sa­ßen und stan­den die Feld­grau­en, oft mit ro­ten Arm­bin­den. Ge­schlos­se­ne Trup­pen­for­ma­tio­nen – zu Fuß, mit Kraft­wa­gen oder Pfer­de­fuhr­wer­ken und al­len mög­li­chen Ge­gen­stän­den -, pas­sier­ten die Stadt Eus­kir­chen über die Kom­mer­ner und Köl­ner Stra­ße. Eh­ren­pfor­ten an den Ein­gän­gen der Stadt wur­den er­rich­tet und vie­le Häu­ser be­flaggt. Vor­keh­run­gen für die kurz­fris­ti­ge Un­ter­brin­gung von 10.000 Mann wur­den ge­trof­fen. Die Haus­be­sit­zer konn­ten da­für Quar­tier­schei­ne ab­ho­len. Mit be­son­de­rer Herz­lich­keit wur­de das Res. Inf. Reg Nr. 239, das über­wie­gend aus Eus­kir­che­nern be­stand, in der Ka­ser­ne er­war­tet. Bis zum 21. No­vem­ber ha­ben die Eus­kir­che­ner 15.000 Sol­da­ten ein Quar­tier ge­ge­ben, und vor Ort „er­ga­ben sich kei­ne Schwie­rig­kei­ten“ – we­der die vom VIII. Ar­mee­korps be­fürch­te­ten Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen der Trup­pen noch Plün­de­run­gen der Le­bens­mit­tel­vor­rä­te oder Aus­schrei­tun­gen. Am 6. De­zem­ber er­schie­nen die ers­ten bri­ti­schen Be­sat­zungs­trup­pen.

Aus heu­ti­ger Sicht hat man den Ein­druck, dass zu die­sem Zeit­punkt des Um­bruchs in Eus­kir­chen tra­di­tio­nel­le Seh­wei­sen wie­der hoch­ka­men, die äl­te­ren ent­spra­chen als die neu ein­ge­üb­ten Kdon­ven­tio­nen des wil­hel­mi­ni­schen Kai­ser­reichs. Die an­ti-bo­rus­si­schen und an­ti-mi­li­ta­ris­ti­schen Ein­stel­lun­gen des ka­tho­li­schen Rhein­län­ders zäh­len eben­so da­zu wie die Epo­chen über­grei­fen­de Hei­ma­tideo­lo­gie.

Wer war schuld an der Nie­der­la­ge? Die Aus­ein­an­der­set­zung um die Deu­tungs­ho­heit be­gann auch bei den Eus­kir­che­nern schon im No­vem­ber 1918, als vor­ran­gig die All­tags­pro­ble­me ge­löst wer­den muss­ten – die Le­bens­mit­tel­ver­sor­gung und die Ar­beits­plät­ze, die Quar­tier­leis­tun­gen und die öf­fent­li­che Si­cher­heit. Ers­te Um­ris­se des Streits zeich­ne­ten sich be­reits Mit­te Ok­to­ber ab. Mit Hin­den­burgs Auf­ruf an das Heer vom 12. No­vem­ber wur­den ers­te Schlag­wor­te po­pu­lär: „Bis zum heu­ti­gen Tag ha­ben wir un­se­re Waf­fen in Eh­ren ge­führt, in treu­er Hin­ga­be und Pflicht­er­fül­lung hat die Ar­mee Ge­wal­ti­ges voll­bracht. In sieg­rei­chen Ab­wehr­schlach­ten […]  auf­recht und stolz ge­hen wir aus dem Kampf, in dem wir über vier Jah­re ge­gen ei­ne Welt von Fein­den stan­den.“[34] Als die Eus­kir­che­ner Zei­tung ei­nen Leit­ar­ti­kel ih­res Schwes­ter­blat­tes, der Köl­ner Zei­tung, am 21.11.1918 mit dem Ti­tel „Den Un­be­sieg­ten“ ver­öf­fent­lich­te, war auch für das Eus­kir­che­ner Pu­bli­kum ei­ne Ar­gu­men­ta­ti­ons­li­nie vor­ge­ge­ben, die mit der Dolch­sto­ß­le­gen­de ei­ne ver­hee­ren­de Wir­kung auf die Wei­ma­rer Re­pu­blik hat­te. Die Front­li­ni­en in die­ser Streit­fra­ge wur­den vor Ort schnell par­tei­po­li­tisch be­setzt. Das be­setz­te Rhein­land und da­mit auch Eus­kir­chen be­kam ei­nen Frie­den, der noch kei­ner war. Es folg­ten Jah­re, die in der lo­ka­len Er­in­ne­rung so hart und be­schwer­lich wa­ren wie die Kriegs­jah­re.

Quellen

Ver­wal­tungs­be­richt. Stadt Eus­kir­chen 1907 bis 1928, hg. von Gott­fried Dis­se 1928., Stadt­ar­chiv Eus­kir­chen EU IV, 253
Eus­kir­che­ner Zei­tung, Stadt­ar­chiv Eus­kir­chen
Eus­kir­che­ner Volks­baltt, Stadt­ar­chiv Eus­kir­chen

Literatur

Der Ers­te Welt­krieg in re­gio­na­len Zeit­zeug­nis­sen = Ge­schich­te im Kreis Eus­kir­chen 22 (2008).
Dis­se, Gott­fried (Hg.), Aus dem Ver­wal­tungs­be­richt der Stadt Eus­kir­chen über die Kriegs­jah­re 1914-1918, in: Der Ers­te Welt­krieg in re­gio­na­len Zeit­zeug­nis­sen = Ge­schich­te im Kreis Eus­kir­chen 22 (2008), S. 15-30.
Im Kai­ser­reich. Die Zeit Wil­helms II. im Kreis Eus­kir­chen = Zur Ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts Band 1 = Ge­schich­te im Kreis Eus­kir­chen 13 (1999).
Rün­ger, Ga­brie­le, So­zia­le Un­ter­stüt­zung im Ers­ten Welt­krieg, in: Im Kai­ser­reich. Die Zeit Wil­helms II. im Kreis Eus­kir­chen = Ge­schich­te im Kreis Eus­kir­chen 13 (1999), S. 299-318.
Sten­der, Det­lef, „Ein wir­ken­des Rad in der gro­ßen Ma­schi­ne der Zeit“- Skiz­zen zur In­dus­trie­ge­schich­te Eus­kir­chen, in: Die Zeit Wil­helms II. im Kreis Eus­kir­chen = Ge­schich­te im Kreis Eus­kir­chen 13 (1999), S. 113–133.
Vor 20 Jah­ren. Ar­ti­kel­se­rie, er­schie­nen 1934 im Eus­kir­che­ner Volks­blatt, in: Der Ers­te Welt­krieg in re­gio­na­len Zeit­zeug­nis­sen = Ge­schich­te im Kreis Eus­kir­chen 22 (2008), S. 31-49.

In der Samenhandlung Inhoffen, Neustraße 9, wurden am 1.3.1917 400 Zentner Felderbsen verkauft, Foto: Dr. Anton Inhoffen. (Stadtarchiv Euskirchen)

 
Anmerkungen
Zitationshinweis

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Rünger, Gabriele, Weitz, Reinhold, Euskirchen 1914–1918. Der Krieg an der Heimatfront, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/euskirchen-1914%25E2%2580%25931918.-der-krieg-an-der-heimatfront/DE-2086/lido/5e8b313b42b043.72169086 (abgerufen am 24.02.2024)